Zum Weinen: Hannes Jaenicke predigt Wasser

Tugendterror, und wie er in die Welt kam. Es gibt zahllose Studien, die sich mit Massenpsychologie beschäftigen, mit Führerkult, Opportunismus und radikalem Mitläufertum. Ein unvergleichliches und besonders interessantes Demonstrationssoziotop für das Phänomen des kollektiven Abnickens sind auch deutsche Talkshows. Zum Beispiel „Tietjen und Hirschhausen“ (NDR, 31. Mai 2013).

Zu Gast: Hannes Jaenicke, Schauspieler, Tierfilmer und Öko-Pax vom Feinsten. Diesmal macht er – wie es in der Ankündigung heißt – „auf Missstände der Konsumgesellschaft aufmerksam“. Man ahnt nichts Gutes, doch es kommt noch schlimmer. Als er endlich an der Plauder-Reihe ist, bricht sich die ganze Volksverachtung des Besserwissenden bahn, die seit dem Ansturm von Ossis auf West-Supermärkte unter deutschen Intellektuellen keinen Auslauf mehr bekommen hat.

Da kaufen „die Leute“ noch immer Mineralwasser in Plastikflaschen, obwohl das deutsche Leitungswasser so gut ist, weil „die Industrie“ ihnen das einredet. Und weil „die Industrie“ natürlich daran verdient. Böse Industrie, dumme Leute. Dass die das vielleicht einfach wollen, können und sogar dürfen, will in des schlauen Spielers Kopf nicht rein. Auch dass es in Deutschland noch immer keine Ampel auf Lebensmitteln gibt, um gute von bösen Esssachen zu unterscheiden, regt Jaenicke beim Bewerben seines neuen Buches „Die große Volksverarsche“ richtig auf.

Und wie immer, wenn ein richtig guter Mensch in Talk-Sesseln sitzt, beginnt die versammelte Runde alsbald eilfertig zu nicken: Eckart von Hirschhausen berichtet, wie er gegen familiären Widerstand einen Soda-Sprudler gekauft hat und Schauspielerin Elisabeth Lanz hat irgendwo gelesen, dass die Gebärfähigkeit von Frauen unter den Auswaschungen der PET-Flaschen im Mineralwasser leide. Der demographische Wandel, eine Intrige deutscher Wasserwerker? Auf jeden Fall schmecke Wasser aus PET-Flaschen schlechter, meint Hannes Jaenicke. Alle nicken. Keiner sagt, nun mach‘ aber mal halblang.

Nun ist es ja jedem unbenommen, sein San Pellegrino in Glasflaschen aus den lombardischen Alpen kommen zu lassen oder den Kopf unter die einarmige Mischbatterie in der Küchenspüle zu klemmen. Die tolle Öko-Bilanz, die Jaenicke dem wiederverwendbaren Glasutensil zuweisen möchte, kommt aber nur zustande, wenn man die endlosen Transporte und die chemisch anspruchsvolle, energiefressende Reinigung in den Skat drückt. Viel ärgerlicher ist freilich, dass die gleichen Leute, die heute über den Einweg-Boom schwadronieren, 2003 dem damaligen Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) gar nicht genug applaudieren konnten, als dieser das so genannte Dosenpfand einführte. Nichts hat das Image von Einwegverpackungen im Getränkewesen so nachhaltig gut getan, wie diese Pfandverordnung, die eine Unterscheidung zwischen Ein- und Mehrweg deutlich verkompliziert hat. Heute hat Deutschland die höchste Einwegquote der Nachkriegszeit. Alle brinen ihre Schlabberplastikflaschen tapfer zurück in den Supermarkt und haben vom Feeling her ein gutes Gefühl. Damals konnte man sich einen Ast kommentieren und darauf hinweisen, dass ein Pfand dazu hinterlegt wird, damit man etwas zurückbringt, nicht um etwas zu vermeiden. Unweigerlich stand man damals dann vermeintlich auf der Payroll der Industrie, galt als Umwelt-Dinos oder unverbesserlicher Reaktionär. Inzwischen feiert sogar die Getränkedose aus Weißblech oder Aluminium ein fröhliches Comeback – schließlich gibt’s ja Pfand drauf.

Hannes Jaenicke, erzählt gern, wie er in seinem Dorf in der Nähe des Ammersees seinen inneren Schweinehund überwindet und bei Regen trotzdem zu Fuß zum einen Kilometer entfernten Bio-Laden geht. Lust, sich mit dem eigentlichen Problem der PET-Flasche zu befassen, hat er aber auch nicht: PET ist nach wie vor die praktischste (leichteste) und günstigste Verpackung – nicht nur für Wasser. Und es steht zu befürchten, dass das vertrackte, „verarschte“ und blöde Volk sich auch nach dem Erscheinen von Jaenickes Buch nicht sogleich dazu überreden lassen wird, leichte, billige PET-Flaschen durch schwere Glas- oder teure Mehrwegflaschen zu ersetzen.

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5 Antworten to “Zum Weinen: Hannes Jaenicke predigt Wasser”

  1. Daniel Says:

    Die Idee solche Dinge wie Hannes Jaenicke hier erzählt zu verbreiten ist ja nicht neu. Eigentlich war ich mir über sehr vieles schon bewusst, weil ich mich selbst damit beschäftige, allerdings geht das wohl den wenigsten Menschen so. Hannes Jaenicke nutzt seine Populatität um diese wichtigen Themen mal in die öffentliche Diskussion zu bringen, toll.

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  2. Mercedes T. Spears Says:

    Über Risiken für die Gesundheit schweigen sich die Forscher aus, denn noch wüssten sie nichts über Aufnahme und Abbau dieser „Umwelthormone“ in den menschlichen Körper. „Aber ein gewichtiger Teil der Wissenschaft glaubt, dass zum Beispiel der Rückgang der männlichen Fruchtbarkeit mit Umwelthormonen zu tun hat“, berichtet Wagner. Auch Krebs und Entwicklungsstörungen bei Embryonen wurden mit diesen Stoffen in Verbindung gebracht. Doch diese Ergebnisse sind in der Fachwelt umstritten.

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  3. Andreas Bischof Says:

    Es sind genau Menschen wie Sie und ihre fadenscheinige Argumentation weswegen immer mehr Freiheit und Demokratie geopfert wird für angeblich mehr Sicherheit und Frieden! Ich weiß nicht vor wem ich mehr Angst haben soll, vor verblendeten Gotteskriegern, oder vor verblendeten fadenscheinigen Freiheits- und Demokratiebewahrern. Wir sollten alle argwöhnisch und ganz genau hinschauen wenn sich jemand den Kampf für Freiheit und Demokratie auf seine Fahnen schreibt. Noch genauer sollten wir hinhören wenn der uns den Preis dafür nennt.

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  4. Brent N. Griffin Says:

    So ist die Verpackung für Marmelade aus PET in den USA gut eingeführt und für Europa erwarten die Experten, dass in den nächsten fünf Jahren zunehmend Produktneueinführungen in den sogenannten „squeezable“ Flaschen zu sehen sein werden.

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