Ossi-Peer und die SED

Man kann ihm nicht vorwerfen, nicht wenigstens alles versucht zu haben. Im Interview mit der „Zeit“ (4. Juli 2013) hat SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück jetzt auch den Verständnis-Ossi gegeben. Zum Beispiel für SED-Mitglieder. Im Grunde, meint Steinbrück, waren Genossen eine Art DDR-Folklore, so ein echtes Stück Gemütlichkeit Ost: „Das geschah oft mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, und zwar derselben, mit der man in Bayern in die CSU eintrat oder im Ruhrgebiet in die SPD.“

Sah das vom Westen aus tatsächlich so aus? Hattet ihr von den Aussichtsplattformen an der Mauer diesen Eindruck vom Funktionieren des SED-Regimes? Waren all die Aufmärsche und Paraden in euren Augen ein ausgelassenes Schuhplattler-Äquivalent mit Fahnen, Fackeln und Fanfaren?

Nun gibt es auch für Interview-Situationen wie diese eine goldene Regel von Dieter Nuhr, die im Zweifelsfalle noch immer weitergeholfen hat: „Wenn man keine Ahnung hat – einfach mal sie Fresse halten!“ Aber Lila-Laune-Peer, weiß eben auch, wie das so war, damals im Osten. Wie bei der CSU. Nur ohne Lederhosen. Es sind Situationen wie diese, in denen man gern Gernot Hassknecht wäre, Steinbrück gegenüber stehen möchte und den Mundgeruch von Shrek haben: „JA HAT DIR DENN EINER INS GEHIRN GESCH…..!“

Hast Du, bestbestallter Vortragsreisender, eigentlich jemals einem Parteisekretär gegenüber gestanden?! Einem Mental-Zwerg in Polyamid-Anzug mit dem SED-Bonbon am Revers, der dir mit einem dummen Spruch in der Beurteilung oder einer klitzekleinen Weitermeldung das Leben ruinieren konnte? „Diskutiert destruktiv, steht nicht auf dem Standpunkt der Arbeiterklasse…“

Nein, hast Du nicht, also rede auch nicht so einen Klugscheiß daher, den Dir irgendwer mal erzählt hat, der ehedem Bestzeiten im Mitlaufen bei der Bezirksspartakiade in Dessau errungen hat! In die SED gingen die 125%igen, Ideologen, Hetzer und Vordenken-Lasser. Und es gingen mindestens ebenso oft jene hinein, die einfach Angst hatten um ihre Familie, um ihren Job, Angst aufzufliegen mit ihrem geheimen Abkotzen über den Lauer- und Bekenntnisstaat. Nein, lieber Peer, das war nicht witzig, kein fröhliches Brauchtum im Politbüro-Stadl. Keine lässliche Vereinsmeierei, sondern die Indienstnahme der Gedankenlosen und die Erniedrigung der Ängstlichen. Systemparteien war vor 1945 nicht komisch, und sie waren es nach 1945 nicht.

Muss man dem Spitzenkandidaten der Sozialdemokratie 23 Jahre nach dem Ende der DDR ernsthaft erklären: Dass man aus der CSU noch immer ohne Schaden austreten konnte? Dass sich gar die Freien Wähler von den Christsozialen abgespalten haben und die CSU zu freien Wahlen antritt, theoretisch sogar abwählbar ist (wenn man nicht gerade Christian Ude aufstellt)?! Diese SED-Leute, haben nach 1945 Deine Genossen drangsaliert, Peer, und verhöhnen Euch bis heute, wenn sie es „Elemente von Zwang“ bei der Zwangsvereinigung zur SED nennen. Wer gedankenlos in die SED eintrat, wurde vom System inhaliert, missbraucht, zu einem Rädchen, das andere zermahlte. Wer für die SED „geworben“ wurde und sich aus Vorsicht und wegen des Drucks nicht entziehen wollte/konnte, war kein zechender Bajuwar oder büttenredender Karnevals-Sozi, sondern ein Umstands-Arrangeur, dessen Würde damals durchaus antastbar, formbar war.

Wenn es denn partout der Ossi-Peer sein muss, der sein Wählerstimmen-Schleppnetz über Neufünfland zieht, dann sag‘ es in Herrgottsnamen doch grad heraus: „Es war nicht alles schlecht!“. Trainiere Dir das Sächseln von Katja Kipping an und preise das  „positives Erbe der DDR“ wie im „Zeit“-Interview, dass so viele Frauen im Osten arbeiteten. Ebenso gelte das für die bessere Kinderbetreuung. Es war eine schöne Zeit in der Produktion mit der Betriebs-Kita, wo wir schon „Kleine weiße Friedehhheeenstaube“ und den „Kleinen Trompeter“ (dieses „lustige Rotgardistenblut“!) singen konnten, bevor wir noch richtige Jungpioniere waren. Und Deine Kompetenz-Schattenministerin Manuela Schwesig, die den rhetorischen Charme einer Grundorganisationsleiterin (GOL) nie so ganz wegbekommen hat, will ja auch wieder dahin zurück. Das Leitbild ist die vollbeschäftigte Frau, hat sie kürzlich verkündet. Wir brauchen sowieso viel mehr Leitbilder. Wie gut, dass rund um das „Haus des Lehrers“ in Berlin noch die Mosaike vom SED-Maler Walter Womacka erhalten geblieben sind, und auch am Bundesministerium der Finanzen gibt es noch diesen Wandfries mit den jungen, optimistischen Werktätigerinnen, die in eine lichte Zukunft marschieren. Mit uns zieht die neue Zeit. Lieber Peer, wir danken deer.

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8 Antworten to “Ossi-Peer und die SED”

  1. HeiGu Says:

    …danke, Herr Kollege,
    das war mal fällig, diesem läppischen Quatschkopf zu widersprechen. Habe selbst die DDR von 1948 bis 1970 in extenso erlebt, von den kleinen Schurigeleien bis zum Knast. Und dann kommt so ein Dummbatz daher und erklärt es zur Folklore. Ha.ha.
    Mit freundlichem Gruß
    Dr. G. H. Köln

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  2. MaSchi Says:

    Chapeau!

    Vielen Dank für diesen pointierten, aber lebensechten Artikel.
    Ich möchte jeden einzelnen Satz unterschreiben …

    Freundliche Grüße,

    M. S.
    Chemnitz

    PS: in Karl-Marx-Stadt aufgewachsen

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  3. MaLeu Says:

    Sehr geehrter Herr Schuler,
    völlig fassungslos lese ich Ihren sagenhaft guten Artikel. Alles was man ja eigentlich wusste und erlebt hat ist mir wieder hochgekommen. Oft ist es ja schon so, dass einem die kleinen Details des großen Kontextes nicht immer präsent sind. Sie haben wieder einmal all das Indoktrinierte realistisch und schonungslos dargestellt. Ich dachte jedoch beim Lesen häufig, müssten hier nicht auch die Grünen mit ihrer Ideologie, z. B. Ganztagserziehung von der Kinderkrippe an bis zur Hochschulreife betreffs „Erziehung zum Frieden“ Erwähnung finden? Ich kann es gar nicht fassen, diesen Programmpunkt im Wahlprogramm der Grünen zu finden. Denn der Frieden, welcher von der Partei und ihrer Vorhut definiert wurde, wurde als ideologisches Druckmittel von der Wiege bis zur Bahre eingesetzt. Vielleicht ergibt dies gelegentlich einen weiteren Beitrag.
    Großen Dank!
    M. L. , Dresden

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  4. KClemens Says:

    Einfach unfassbar, was „unser Kanzlerkandidat“ (O-Ton Bettina Böttinger in einer WDR-Sendung) sich da erlaubt.

    Nein, im Westen (bin in Köln geboren und aufgewachsen) hat niemand geglaubt, oder gar behauptet, die DDR sei eine Art „Komödienstadel“ nur, daß da nicht geschuhplattlert, sondern statt dessen „gekasachockt“ wird.

    Was ich persönlich am schlimmsten finde, ist, daß niemand aus der SPD dem Herrn in die Parade fährt, wenn er solche Sprüche ‚raushaut.

    Denn, wenn man Steinbrück heute so reden hört, hätte sich Willy Brand seine Ostpolitik glatt sparen können.

    Und nein, im Westen hat niemand geglaubt, oder gar behauptet, die DDR sei eine Art „Komödienstadel“ nur, daß da nicht geschuhplattlert, sondern statt dessen „gekasachockt“ wird.

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  5. WoJan Says:

    Sehr geehrter Herr Schuler,

    mich wundert gar nichts mehr. In den 80er Jahren hatte man das Gefühl, Erich Honecker sei der beliebteste Politiker in der alten BRD. Jedenfalls gewann derjenige die Wahlen – egal ob Bund oder Land – der die meisten Fototermine mit dem Dachdecker aus dem Saarland vorweisen konnte. Hinweise auf Tote an der Mauer oder Häftlingsfreikäufe waren unerwünscht. Damit konnte man ganz schnell zum „kalten Krieger“ werden.

    Mit freundlichen Grüßen

    W. J.

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  6. Klaus Says:

    Endlich verstehe ich, dank Peers Hilfestellung, warum meine Familie unter Zurücklassen von Hab‘ und Gut (bis auf ein Fotoalbum) geflüchtet ist: Folkloreverweigerung.
    Aber ensthaft: Er bemüht sich um die falschen Stimmen: Er bekommt sie nicht und wenn doch, sollte er sich schämen.
    Klaus

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  7. monopoli Says:

    In die SED gingen die 125%igen, Ideologen, Hetzer und Vordenken-Lasser. Und es gingen mindestens ebenso oft jene hinein, die einfach Angst hatten um ihre Familie, um ihren Job, Angst aufzufliegen mit ihrem geheimen Abkotzen über den Lauer- und Bekenntnisstaat.

    Und es gingen auch einfach Leute rein die weiter kommen wollten die aufsteigen wollten. Es waren also nicht alles Rote.
    Gilt übrigens auch für die CDU, im Ramsauer Ministerium ist das CDU-Parteibuch Grundbedingung für Angestellte.

    Der Osten hat viel die Bürger ausspioniert, klar, aber wo genau ist der Westen besser? Der meldet vom BND gleich zum NSA. Dazu die DNA-Datenbanken, Videokameras, Fingerabdrücke usw.
    Das ist doch nur eine andere Form der gleichen Überwachung.
    Schau dich doch mal genau um, bei dem regieren doch auch nur zwei Parteien, von denen die SPD hoffendlich auch bald absäuft. Der Steinbrück hat vom Osten im Grunde genommen keine Ahnung. Der weiss doch garnicht was er redet. Die haben alle keine Ahnung von Neufünfland.

    Offenbar hast du auch keine Ahnung wie mies sie unser Land, unsere Menschen, unsere Arbeit und Erfolge machen. Die Schüler glauben wir lebten in einem Staat in dem es keine Heizung und Strom gab und nur eine Wurstsorte, und das wir grundsätzlich alle bei der Stasi und der SED waren. Die werfen uns seit 20 Jahren immer die selben Mauertote vor wärend bei ihnen tausende im Mittelmeer absaufen, wo die Küstenwache auch nur zuschaut. Ossis steigen nicht auf, weil sie Ossis sind, reine Diskriminierung. Natürlich gibt das kein Wessi öffentlich zu. Und hier biegen sie genauso die Rechte oder fälschen die Wahlen.

    Wir sollten am besten wieder unseren eigenen Staat machen, statt die Nummer mit den mundtoten zweitklassigen Bundesbürgern weiter als „Einheit“ aufrecht zu erhalten, die uns auch nur vereint an die EU verhöckert hat.
    Die SED mit CDU/SPD zu ersetzen war jedenfalls der totale Flop. Und wen gibts sonst noch, AfD, NPD, Linke, Grüne? Glaubst du die machen das besser? Jetzt sind wir wieder beim Abkotzen über den nächsten Lauer- und Bekenntnisstaat. Da hat nur die Farbe von rot auf schwarz gewechselt und sieht insgesamt nen bisschen bunter aus. Der wirkliche Unterschied ist, das uns nun garnichts mehr gehört. Wir haben nur das gesamte Volkseigentum verloren, das jetzt Vattenfall und anderen gehört. Diese Westkiste ist kein Gewinn von mehr Freiheit.

    Aber nun wissen wir ja was wir nicht wollen, also könnten wir unsere Revolution einfach da fortsetzen wo wir 89 aufgehört haben, uns als Ossis wieder zusammenraufen und unser Land nach unseren Vorstellungen reformieren.
    Wenn einer sagen kann wie es war, dann doch wohl wir.
    Und wenn wir dafür jeden einzelnen befragen, wird schon was besseres dabei rauskommen. Mittlerweile kennen wir ja die Nachteile beider Systeme. Das wäre doch mal nen neuer Ansatz.

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