Unheilige Nacht – Ein Trauerspiel in drei Akten

1. Es ist ein Ethik-Putsch mit Ansage. Das schwule Paar, das jetzt vor dem Bundesgerichtshof die Anerkennung von (in Deutschland verbotener) Leihmutterschaft durchgesetzt hat, hatte sich bereits vor Jahren auf den Weg gemacht, mit Musterklagen die ethischen Koordinaten des deutschen Rechts zu verändern. Das haben sie jetzt geschafft, der Kollege Heribert Prantl von der SZ feiert mit ihnen.
Dabei ist nicht sonderlich interessant, dass hier ein schwules Paar erreichte, was kinderlosen Hetero-Eltern nicht gelang, sondern dass offenbar die Ausbeutung von Frauen als Austrägerinnen ebensowenig von argumentativem Gewicht ist, wie das gezielte Herbeiführen einer „Familien“-Situation, die man dem Kind im Sozial- und Trennungsrecht aus gutem Grund zu ersparen sucht.
2. Es gibt diese Momente, in denen man sich von ethischer Düsternis unselig und unentrinnbar umfangen fühlt: Mitten in Berlins Zentrum darf jetzt Plastinator Gunther von Hagens seine Leichen als Dauer-Attracktion ausstellen, auch das hat ein Gericht verfügt. Dass es zwischen Tussaud’s Wachsfiguren und menschlichen Körpern einen Unterschied gibt, empfinden wohl immer weniger Zeitgenossen.
3. Ein befreundeter, schwer krebskranker älterer Herr wurde bei Gelegenheit einer immer öfter nötigen Bluttransfusion dieser Tage vom medizinischen Personal gefragt, ob er sich denn diese Tortur noch lange antun oder ob er nicht mit seiner Familie darüber sprechen wolle, all das schmerzfrei zu beenden. Immer wieder haben wir davor gewarnt, dass die Debatte um Sterbehilfe rote Linien verschiebt, die wir brauchen – und sei es, damit man sie spürt, wenn man sie überschreitet. Aber dass der Tod des Patienten schon längst ein Rezept im Ärztekoffer ist, dass einem Patienten aktiv geraten wird, die finale Therapie zu überdenken, treibt mich regelrecht zur Verzweiflung.
Mit Links-Regierungen und anderen realpolitischen Verirrungen kann und muss ich notfalls leben. Dass aber der Kompass dort, wo es um den Kern des Menschseins geht, völlig versagt, ist unerträglich. Und wird doch wenig mehr als ein öffentliches Schulterzucken auslösen.

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2 Antworten to “Unheilige Nacht – Ein Trauerspiel in drei Akten”

  1. Spruance Says:

    Lieber Herr Schuler,

    mit diesen Gefühlen sind Sie nicht allein. In einer Gesellschaft zu leben, die in Jahrtausenden aufgebaute und bewährte Tabus über Nacht auf den Müllhaufen zu werfen für Fortschritt hält, kann niemanden bei Verstand froh machen. Natürlich kenne ich die Neigung, mit zunehmendem Alter den neumod’schen Kram viel geringer zu schätzen als in der eigenen Jugend, aber die Aufgabe so fundamentaler Elemente der europäischen Kulturen, die zu vermitteln kaum noch Anstrengungen gemacht werden, erscheint als nicht weniger als bedrohlich.
    Bleibt nur ein „Trost“: Wir können’s nicht ändern.
    Trotzdem Ihnen ein schönes Weihnachtsfest!

    Spruance

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