Volker als das Volk

Das Volk hat die unschöne Eigenschaft, einfach da zu sein. Seit einiger Zeit gefallen sich Kommentatoren darin, fremdenfeindlichen „Wir-sind-das-Volk“-Rufern die Zugehörigkeit zu ebendiesem abzusprechen. ,Ihr seid nicht das Volk’, schleudern sie den Clausnitzern, Bautzenern und Dresdnern tapfer entgegen.
Das ist grober Unfug.
Zum einen hat sich die Methode des Ausbürgerns seit Wolf Biermann weder als nachhaltig noch als zielführend erwiesen. Zum anderen ist die Zugehörigkeit zum Volk an keinerlei Voraussetzungen geknüpft. Päderasten gehören dazu, Sozialdemokraten, Zeugen Jehovas, Schwaben, Horst Seehofer und sogar Margot Käßmann. Genau andersherum wird ein Schuh draus: Menschen, die weiteren Zuzug, offene Grenzen oder Flüchtlingsheime in ihrer Nachbarschaft ablehnen, gehören eben durchaus auch zum Volk. Das mag ärgerlich und lästig sein, Politik und Gesellschaft müssen trotzdem mit ihnen umgehen: Straftäter bestrafen, Radikalinskis marginalisieren und bestenfalls überzeugen. Die Idee, den Volkskörper von dem dummen Volk reinhalten zu wollen, ist dagegen so ziemlich das Dümmste, was man in einer Demokratie (demos – gr. Volk) tun kann.

Volksverachtung steht Demokraten schlecht zu Gesicht!
Vermutlich wollen die wackeren Kommentatoren aber auch nur sagen: Ihr habt nicht die Mehrheit. Das ist soweit vermutlich richtig – und doch fahrlässig. Wenn man davon ausgeht, dass die „Wir-sind-das-Volk“-Rufer im Kern etwas gegen weitere massive Zuwanderung (ggf. auch speziell von Muslimen) haben, so muss man wohl neben den örtlichen Radaubrüdern in Sachsen auch noch etliche anderen hinzurechnen: Pegida (in hohen Zeiten rd. 20 000 Leute in Dresden), die AfD (bundesweit derzeit bei etwa 10%, Potenzial deutlich höher) nebst Sympathisanten und eine gewisse Dunkelziffer in diesem Punkt ähnlich Denkender durch alle Parteien.
Das ist noch immer nicht das Volk, aber es ist eine Strömung, die man ernstnehmen sollte – gerade auch, wenn man deren Weltsicht nicht teilt.
Wer sich in einer Demokratie für volker hält als das Volk, hat irgendwas nicht verstanden.
Mindestens.

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11 Antworten to “Volker als das Volk”

  1. Hein Says:

    „Radikalinskis marginalisieren und bestenfalls überzeugen.“ Mit dem Überzeugen scheint es, trotz Dauerpropaganda, nicht weit her zu sein. Tillich spricht einigen seiner Mitbürger sogar das Menschsein ab: „Das sind keine Menschen, das sind Verbrecher.“ Kann der humane Strafvollzug bei dieser Einstellung noch gewährt sein?
    Warum nicht einmal die nicht pharisäerhafte Frage: Was hat die Politik falsch gemacht, wenn derartige negativen Emotionen wie in Clausnitz sich Bahn brechen? Kann es sein, dass die Aufnahme von Millionen Menschen aus anderen Kulturkreisen von der eigenen Bevölkerung nicht gewünscht ist, und dass eine Regierung, die geschworen hat, den Nutzen des eigenen Volkes zu mehren, Politik gegen einen relevanten Teil des Volkes forciert?

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  2. Heinrich Hall Says:

    „Demos – lat. Volk“? Naja, dann schon eher „populus“. „Demos“ ist nach wie vor griechisch.

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  3. Bernd Nohse Says:

    Chapeau! Wenn das mal keinen Ärger mit unserer gemeinsamen alten Tante F. gibt. Noch lieber hätte ich das in der Printausgabe BILD gelesen. Wahrscheinlich ginge das nur über die Leiche von Jay Ar…

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  4. Thomas Vogel Says:

    Rhetorisch macht der Kommentar vielleicht Sinn. Das Volk ist eben das „Volk“. Aber -zumindest ich hatte das so verstanden- geht es ja auch um etwas anderes: „Wir sind das Volk“ ist in die Geschichte eingegangen als eine Parole der Ostdeutschen von 1989.
    Nun gut: Der Slogan wurde damals nicht markengeschützt. Damit muss man klarkommen. Aber ich empfinde es absolut nicht als Unsinn, darauf hinzuweisen, dass diese Parole hier genauso unsinnig verwendet wird, wie man hier ihre Kritiker des Unsinns bezichtigt. Bisher ist es zum Glück kein Volkssport, ein paar Wehrlose zu belästigen. Und eine Parallele zu 1989 gibt es zum Glück auch nicht. 1989 war eine überraschende Bewegung von Menschen, die auch nach vielen Jahren Diktatur noch denken konnten und für Demokratie, Humanismus und Dialog einstanden.
    Im aktuellen Anlass ist das ganz augenscheinlich anders.
    Hinter uns liegen nicht 40 Jahre Diktatur, sondern in erster Linie 27 Jahre Demokratie. Das bedeutet nicht: Ferien fürs Gehirn. Man würde sich wünschen, dass, wer denken kann, dieses auch in Zeiten der Demokratie tue…

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    • ralfschuler Says:

      Stimmt alles. Aber es geht doch darum, dass wir immer größere Teile der Wähler den Radikalen zutreiben. Es kann doch keinen kaltlassen, wenn die AfD bundesweit bei 10% liegt, nur weil wir in breiter Front so tun, als sei Abweichung vom Kanzler-Kurs nicht erlaubt. Man erinnere sich, wie im letzten Jahr alle über Sigmar Gabriel hergefallen sind, weil er mit Pegida-Leuten sprechen wollte. In einer Medien- und Informationsgesellschaft funktioniert es nicht, dass man Meinungen einfach für falsch erklärt. Mir geht es darum, dass wir uns bewusst werden, wie dünn das gesellschaftliche Gewebe ist: Die Leute, die heute fürs Demonstrieren verächtlich gemacht werden, werfen morgen Steine. Die rasant gestiegene Kurve fremdenfeindlicher Straftaten zeigt das erschreckend. Fast überall sind heute die Kommentarfunktionen ausgeschaltet, der Hass im Netz steigt, und ich möchte nicht, dass er wegen moralischer Herablassung der Eliten auf den Straßen noch stärker wird…

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  5. Thomas Vogel Says:

    Das Dumme ist ja, dass dieses Problem so vielschichtig ist. Die Sorge um eine erstarkende AfD, ein bröckelndes Europa und demokratische Einschränkungen teilen wir sicherlich, (was uns beide wohl auch nach Feierabend in diesen Block treibt ;o)
    Was uns unterscheidet: Hier in Dänemark gibt die Regierung Erklärungen ab, für die sich jeder demokratisch Gesinnte nur schämen kann.
    Das dänische „Volk“ -abgesehen vom Herummeckern in sozialen Ecken, schweigt und macht so auf eine viel erschreckendere Art Platz für die Gruppe, die man in Deutschland „AfD“ nennt.
    Da bin ich schon stolz, was Deutschland da leistet- bei allen Problemen, die es im Lande dabei noch zu lösen gibt.

    Natürlich fördert es keinen Dialog, das Gegenüber mit „Pack“ oder „Gesindel“ zu titulieren.
    Ich hatte aber den Eindruck, dass sich Dein Kommentar auf einen Artikel bezog, der weniger Dialog wollte, als persönlich Position zu beziehen. In diesem Kontext fandt ich den Einwand: „Ihr seid nicht „das Volk““ angemessen.

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    • ralfschuler Says:

      Mich nervt die Schar der Selbstgewissen, die denken, sie können sich über den „Mob“ hinwegsetzen, der müsse das schlucken. Das wird er nicht tun, sondern mit Verdruss, Aggression und Abwehr gegen Demokratie reagieren. Dann fliegt uns der ganze Laden um die Ohren. Wenn ich zur Kenntnis nehmen muss, dass eine immer größere Zahl von Menschen keine Zuwanderung mehr will, muss ich als Regierung zum Beispiel durch ein kontrolliertes Grenzregime versuchen, gleichermaßen Sicherheit zu geben UND Humanität zu gewährleisten. Es nützt mir nichts, wenn ich mich als besserer Mensch geriere und im Chaos untergehe. Also: erst mit den Leuten in Clausnitz reden, sie hören, ernst nehmen und nicht einfach Transporte durchdrücken, weil ich recht habe. In einer Ehe nützt einem Recht haben auch nichts, wenn der andere sich überfordert fühlt. Dann muss ich mit dem Gefühl umgehen und keine Fakten-Tabelle vorlegen….

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      • Hein Says:

        Wenn Sie die Kommentare auf der Achse lesen, wenn Sie die Entwicklungen des islamischen Faschismus ernst nehmen, dann vergeht Ihnen die Attitüde des moralisch Höherstehenden (das bezieht sich nicht auf Ralf Schüler). Schauen Sie sich die Entwicklung in den Klassenzimmern an. Deutsche werden in einigen Stadtvierteln marginalisiert.
        Ein ehemaliger türkischer Schüler von mir leistet gerade seinen Militärdienst in der Türkei. Er berichtet über die Zustände dort und seine Einstellung gegenüber den syrischen Flüchtlingen. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland will er Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ lesen und bei der nächsten Wahl AfD wählen.

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  6. Bludgeon Says:

    Brecht „die Lösung“ nach dem 17. Juni 1953:

    „….am besten wäre die Partei entließe das Volk und suche sich ein anderes…“

    Ursprünglich ging es um die SED, heute geht es um alle Altparteien.

    Alle weben mit am galoppierenden Neoliberalismus, der die Schere zwischen arm und reich verschärft; die Linke korrumpiert sich als Koalitionsparter in Landesregierungen in denen sie keine Akzente setzt(s.Brandenburg). Im Punkte Flüchtlingsproblematik wird „wegverwaltet“ und schöngeredet, dass die Schwarte kracht. Ein Einwanderungsgesetz oder wenigstens machbare Spielregeln für Integration werden nicht herbeireformiert. Es bleibt beim ewigen Antrag stellen, abgelehnt werden, Abschiebung hinauszögern, geduldet sein, arbeiten dürfen, nicht arbeiten dürfen, Ausbildung anfangen dürfen, Ausbildung abbrechen müssen usw….

    Leider muss man mit der Zeit begreifen, dass mit dem Zusammenbruch des maroden Spätstalinismus anno 89 eben auch ein Korrelat verloren ging, welches das andere (westliche ) Lager dazubrachte eine Volksmehrheit bei Laune halten zu müssen.

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