Angst fressen Debatte auf

Ich habe gar keine Angst.

Man muss das betonen, weil in Talk und Diskurs heute überall Therapeuten unterwegs sind, die sich leider nicht darauf beschränken, an der eigenen Seele zu klempnern. Kein Migrations-AfD-Populisten-Integrations-Talk kommt dieser Tage ohne Verweis auf „Ängste“ aus. Mal sind es die „Abstiegsängste“ der Mittelschicht, mal „Überfremdungsängste“ oder „Ängste“ ganz allgemein. Mag sein, dass es so ist, vielleicht aber auch nicht.

Ich zumindest habe keine Angst. Aber ich habe eine Meinung und verwahre mich dagegen, dass mich Debattengegner zum therapiebedürftigen Phobiker deklarieren. Ich verstehe, dass es sich von der wohligen Warte des Durchschauer-Hochsitzes angenehmer debattiert, aber mit Verlaub: Ob und welche Ängste andere Menschen heimsuchen, kann niemand wissen, und es tut auch nichts zur Sache. In Diskussionen geht es darum, Meinungen und Weltsichten auszutauschen oder zu widerlegen. Es geht nicht darum, die vermeintlichen Motive des anderen zu analysieren und abzuqualifizieren.

Besonders beliebt ist die Methode der Veropferung bemitleidenswerter Gegenredner in der Debatte um die Stellung homosexueller Partnerschaften. Im Begriff „Homophobie“ ist eine präjudizierende Rundum-Diagnose zum allgemeingebräuchlichen Schlagwort geworden: Die Angst vor den eigenen gleichgeschlechtlichen Neigungen führt nach gängiger Theorie zur kompensierenden Abwehr. Wer etwas gegen die Ehe für alle hat, kann demnach nichts anderes sein, als ein untherapierter Psycho.

Noch penetranter ist allerdings der ebenfalls sehr beliebte Umerziehungsansatz, wonach Fremdenfeindlichkeit dort besonders hoch sei, wo es wenig Fremde gibt. Nun darf sich auch zur Zuwanderung äußern, wer keine türkischen Freunde hat. Genauso, wie man Windkraft debattieren kann, ohne ein Windrad vor dem Haus zu haben. Gern wird beim Thema Zuwanderung dann noch nachgeschoben, dass häufigere Alltagskontakte mit Migranten die Ablehnung beheben könnten. Mit anderen Worten: Wir wissen, was zu tun ist, damit ihr endlich unserer Meinung seid.

Die Botschaft all dieser gepflegten Stanzen ist immer dieselbe: Herablassung.

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4 Antworten to “Angst fressen Debatte auf”

  1. Hein Says:

    So wahr! Entweder werden die Positionen des Gegners bis zur Unkenntlichkeit vergröbert, um besser auf ihn einschlagen zu können, oder man habe Ängste, die doch kein guter Ratgeber seien. Wie schwach müssen die Argumente derjenigen sein, die auf diese beiden Gesprächsstrategien angewiesen sind.
    Ein drittes ist der Vorwurf, der Gegner verfüge über keine Lösungen oder er böte nur einfache Lösungen an, die selbstverständlich keine möglichen sind. („Man kann die Grenze nicht schützen, weil die Menschen halt kommen wollen.“)

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  2. L.Wauer Says:

    Danke für diesen Beitrag. Er enthält mehr, als die Überschrift vermuten läßt. Und nimmt man noch den guten Kommentar von Hein hinzu, so sind hier die wesentlichsten Tricks der Gutmenschen zusammengefasst, mit denen sie versuchen, die Lufthoheit in einer Diskussion für sich gewinnen. Oftmals erfolgreich, denn die hier aufgezeigten psychologischen Hintergründe solcher Tricks sind für den Normalsterblichen gewöhnlich nicht sofort durchschaubar – was sich grundlegend ändert, wenn man Ihren Betrag gelesen hat. Deshalb wünschte ich mir , dass der Beitrag millionenfach verbreitet wird.. Gruß Ludwig

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  3. Benjamin Frick Says:

    „aber mit Verlaub: Ob und welche Ängste andere Menschen heimsuchen, kann niemand wissen, und es tut auch nichts zur Sache.“

    An anderen Stelle geben Sie vor, ziemlich genau um „die Ängste der Menschen auf der Straße“ zu wissen und wenn es dann die Ihnen genehmen Ängste sind, scheinen sie sehr wohl etwas zur Sache zu tun:

    „… weil, und das ist der schwerwiegendste Punkt, sein Thema genau die Ängste der Menschen auf der Straße gewesen wäre: Ohne Zuwanderung wären die Deutschen ein aussterbendes Volk, mit Zuwanderung wird sich Deutschland verändern und vermutlich auch islamischer werden, wie es nach der Wiedervereinigung protestantischer geworden ist. Wie wollen wir mit dieser Zuwanderung leben? Wie wollen wir mit den Zuwanderern leben? Welche Regeln sollen gelten? Wie können wir offen bleiben für Verfolgte und Erniedrigte? Wie deutsch soll/muss Deutschland bleiben? Muss man sich vor dem Wandel fürchten, wenn man ihn ganz offensichtlich nicht verhindern kann?“

    Meinungen als Synonym für Ängste?

    Wie dem auch sei: Herzlichen Glückwunsch zur Angstfreiheit und zum Meinungsreichtum!

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    • ralfschuler Says:

      Vielen Dank. Das meiste sind einfach Fragen, die man stellen darf, kann und muss. Niemand käme auf die Idee, die Frage: Brauchen wir mehr Bio-Landwirtschaft? als Vergiftungsangst umzudeuten…

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