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Mission Berlin – wie die Kirchen um ungläubige Hauptstädter ringen

Juli 30, 2013

(Der illustrierte Beitrag erschien in der Zeitschrift „Credo“)

Christoph Telschow hat das ganze Trauerspiel in seiner Kladde. „Am 4. Januar waren zwei Leute hier, am 11. Januar schaute einer vorbei, am 18. kam niemand…“ Woche für Woche rutscht sein Finger in den Spalten nach unten durch das Frühjahr 2013. Jeden Freitag von 16 bis 19 Uhr hat die „Eintrittsstelle“ der Evangelischen Kirche im Berliner Dom geöffnet. Wenn sich ein einziges Schäflein in das holzgetäfelte Zimmer der Hohenzollern-Kirche verirrt und wieder offiziell evangelisch werden möchte, dann war es ein guter Tag. Es gibt auch viele andere Tage“.

Dabei könnte es so einfach sein. Vier „Eintrittsstellen“ hat die evangelische Kirche in Berlin. Wer Taufschein, Konfirmationsurkunde und im Falle von Wiedereintritten die Austrittserklärung mitbringt, ist sofort wieder DRIN in der Kirche. One-Stop-Agency nennen Unternehmensberater solche Kinderleicht-Büros, wo man ohne langen Papierkram und Bürokraten-Marathon seine Dinge erledigen kann. Dass sich bei Christoph Telschow trotzdem keine Schlangen vor der Tür bilden, hängt allerdings auch damit zusammen, dass sich viele Neuchristen an die nächste Kirchgemeinde wenden, anstatt die zentralen „Eintrittsstellen“ anzusteuern. Aber bezeichnend für die Situation der beiden großen Kirchen ist die Einsamkeit des pensionierten Superintendenten in seinem Büro schon.

Leise dringt die Orgel aus der kleinen Tauf- und Traukirche des Doms herüber. Eine Hochzeitsgesellschaft blickt verkrampft auf die Gesangbücher, Karpfenmünder mit musikalischer Begleitung: „Freuet euch im Herren allewege“.   Wenn es um die Absicherung einer ungewissen gemeinsamen Zukunft geht, greift man gern auf das Alte zurück. Oder aus praktischen Gründen: „Die meisten kommen, weil sie einen Job in einer kirchlichen Einrichtung antreten und nun wohl oder übel einer Kirche angehören sollten“, sagt Christoph Telschow. Vor ihm auf dem Tisch ein Keramik-Engel, eine Kerze, traurige Tulpen. „Oder es sind Zugezogene aus den alten Bundesländern, die sich in Berlin noch nicht so auskennen und sich an die christlichen Wurzeln ihrer Kindheit erinnern. Bei manchen ist es auch die Heirat mit einem christlichen Partner, Geburt eines Kindes oder ein anderer Einschnitt, der den Glauben wieder belebt.“

Ossis kommen kaum. Während sie draußen Tellermützen von DDR-Grenzern und Rotarmisten aus taiwanesischer Billigproduktion verhökern, blickt Telschow drinnen einsam über die religiöse Trümmerlandschaft, die der leider ehedem reale Sozialismus hinterlassen hat. Vierzig Jahre DDR haben gereicht, um bei vielen die Wurzeln völlig zu kappen. Telschow weiß, wovon er spricht: Im östlichen Plattenbaubezirk Hohenschönhausen gab es zur Wende knapp sechs Prozent Christen, im eher bürgerlichen Weißensee, Telschows früherer Wirkungsstätte, rund zwölf Prozent.

Doch der Sozialismus erklärt nicht alles. Auch in West-Berlin, dem einstigen Mekka bundesdeutscher Kriegsdienstverweigerer, wachsen heute die Revoluzzer-Kids der 68er Eltern mit einem vitalen Desinteresse an Kirche und Glauben heran. Eher finden sie ihre spirituelle Erweckung in einem indischen Ashram als sich mit einem dreifaltigen Gott zu beschweren, der so uncool nach Alt-Deutschland riecht, von konservativen Parteien gepflegt wird und selbst im App-Store von Apple nur mit kreuzlangweiligen Geschichten von vor 2000 Jahren daher kommt. Überhaupt ist das mit dem Glauben heute so eine Sache. Manche glauben, dass Öko-Strom die Lösung und Atomkraft des Teufels sei, andere klappen ihr Laptop auf wie einen Hausaltar, gründen die Piraten und halten das Internet für die Erlösung 2.0. Kein Wunder, dass es irgendwie old-school wirkt, zur Andacht in ein altes Backsteinhaus mit Turm zu gehen, das nicht mal WLAN hat. Existiert ein Gott, der nicht bei Facebook ist? Oder anders gesagt: Ich glaube gern mal, wenn’s passt – aber deshalb gleich Mitglied werden? Auch eingetragene Kegelvereine gibt es immer weniger in Berlin.

„Berlin ist längst keine christliche Stadt mehr“, sagt Ernst Pulsfort, Geistlicher Rektor der Katholischen Akademie Berlin und Pfarrer in St. Laurentius. „Allenfalls noch auf dem Papier.“ Gehörten nach letzten Erhebungen (2011) bundesweit mehr als 60 Prozent der Deutschen einer der großen Kirchen an, so ist es in Berlin genau umgekehrt: In der Hauptstadt sind 60 Prozent konfessionslos. Christen machen nicht mal ein Drittel aus. Einzig die Zahl der Muslime wächst und dürfte bereits die Zehn-Prozent-Marke der rund 3,4 Mio. Berliner überstiegen haben. Ihre strenge Religiosität wird als multikulturelle Besonderheit besonders geschützt, da ziehen eingefleischte Atheisten auch schon mal gegen „Islamkritiker“ zu Felde.

Doch auch der Berliner Senat unter dem Regierenden Katholiken Klaus Wowereit (SPD) macht es den Kirchen nicht leicht. Als 2009 der Volksentscheid über Religion („Pro Reli“) als Wahlpflichtfach an Desinteresse und Ablehnung der Berliner scheiterte, ging der Senat einfach zur Tagesordnung über, obwohl die von den bürgerlichen Parteien, Kirchen, Prominenten und sogar jüdischen und muslimischen Verbänden unterstützte Bewegung eine beeindruckende Mobilisierung für Glaube und Bekenntnis an den Tag brachte. Seitdem ist es so gekommen, wie die Pro-Reli-Unterstützer damals befürchteten. In den Klassen 7 bis 10 ist Ethik Pflichtfach, wer den Religionsunterricht besuchen will, findet sich irgendwann nachmittags zur achten Stunde als kleine Exoten-Truppe unter der Häme der anderen zusammen, die dann schon frei haben. Hinzu kommt, dass der Übergang zu flächendeckendem Ganztagsschulbetrieb auch den Besuch des Konfirmandenunterrichts immer schwieriger macht. Sohn Julius musste unlängst eine Bestätigung des Pfarrers vorlegen, dass es sich um eine außerschulische Arbeitsgemeinschaft von mindestens zwei Wochenstunden handele, für die er ausnahmsweise von der Nachmittagsbetreuung befreit werden könne. Der Direktor ließ es generös durchgehen.

Diaspora Berlin. Wer durch die Kieze der Hauptstadt reist, durch Szene-Bezirke, Shopping-Meilen und Zonenrand, der trifft auch die anderen: Hauptamtliche, die Glauben und Leidenschaft noch nicht verloren haben, Laien, die einfach anpacken, wo es Not tut und Überzeugungstäter, die eine christliche Navigationssoftware für ein unerlässliches Update halten im Leben.

„Natürlich versuche ich zu missionieren“, sagt Pfarrer Pulsfort. „Hier können Sie katholisch werden. Es ist viel einfacher als sie denken!“ steht auf einem Poster im Aushang seiner Gemeinde in Berlins Mitte, nicht weit vom Kanzleramt. „Ich will den Menschen die Ängste nehmen vor der Institution Kirche. Die Menschen unterscheiden sehr zwischen Kirche und Glauben.“ Damit trifft er wohl den Kern des Problems: Hauptfeind der Kirchen ist häufig die Kirche.

„Die kirchliche Sexualmoral ist meilenweit von der Realität entfernt“, meint Ernst Pulsfort. Kein Einwand, den man noch nirgends so gehört hätte. Doch der Pfarrer und Buchautor sieht auch keine theologisch tragfähige Begründung für viele Dogmen zum Sex-Leben. „Heute ist alles transparent, durchsichtig, auch die Kirche und das Leben ihrer Würdenträger. Überzeugen können wir aber nur mit authentischen Personen und lebensnaher Lehre.“ Wo immer mehr Katholiken ihre Distanz zu Rom als Ausweis persönlicher Glaubwürdigkeit in den Vordergrund stellen, nimmt die Gemeinschaft schaden. „Die beste Kampagne ist jeder Einzelne.“

Dabei weiß er sogar seinen Erzbischof, Rainer Maria Kardinal Woelki, an seiner Seite: „Jede und jeder Einzelne ist durch Taufe und Firmung aufgerufen und befähigt, Zeugnis zu geben von der erlösenden Kraft des Glaubens. Ich sehe meine Aufgabe darin, dazu zu ermutigen: Ich traue Euch das zu, Ihr könnt das und Ihr dürft das!“ Problem erkannt, Herausforderung der weltlichen Konkurrenz angenommen? Woelki: „Schon die Einsicht, dass wir kein Monopol haben für Sinn, Transzendenz und Werte, ist ein wichtiger Schritt. Das Wort ,Konkurrenz‘ würde ich nicht verwenden, aber wenn, dann ,belebt sie das Geschäft‘.“ Soll heißen: Wir müssen besser werden, neue Wege suchen. Eine Einsicht, die nicht überall zu finden ist in den Amtsstuben der Kirche. Denn auch über die Ursachen des negativen Christen-Saldos reden Würdenträger – politikergleich – nicht gern. Wer zugibt, dass er ein Problem hat, bekommt größere. Woelki dagegen spricht Klartext: „Am problematischsten finde ich die, die nicht mehr suchen, die keine Fragen haben, die sich nicht auf den Weg machen. Die können wir überhaupt nicht erreichen.“

 

Cecilia Engels gehört zu denen, die sich damit nicht abfinden wollen. Irgendwo tief drinnen, glaubt sie, weiß jeder, dass wir nicht aus uns selbst heraus leben, dass da eine größere Kraft ist, die uns hält. Mancher ahnt es zumindest. Und um diese Nachdenklichen geht es.  Ausgerechnet in Berlin-Kreuzberg, wo Linke und Muslime längst ihre eigenen Hochämter feiern. Ausgerechnet in einer Samstagnacht, wenn sich die Großstädte des Westens auf der dunklen Seite der Welt ins Vergnügen stürzen. Ausgerechnet hier in St. Bonifatius, wo wummernde Bässe aus tiefergelegten 3er-BMWs die Yorkstraße entlang pumpen und erfolgreich die Abendstille bekämpfen. Ausgerechnet hier hat Cecilia Engels mit einigen Mitstreitern Transparente und Fahnen auf den Gehweg gezogen, um Passanten zum „Night Fever“ in die Kirche einzuladen.

 

Was dem Namen nach wie ein Cover-Musical mit dem flirrenden Glitzersound der Bee Gees klingt, ist in Wahrheit eine Aktion, die 2005 vom katholischen Weltjugendtag in Köln ausging und inzwischen in ganz Deutschland, ganz Europa und sogar schon in Nordamerika junge Leute zu zwanglosen Andachten in die Kirchen zieht. Drinnen in St. Bonifatius stehen kleine Lichter an den Kopfseiten der Bänke zu beiden Seiten des Mittelgangs. Eine warm flackernde Landebahn für die Seele, die vorn am Altar bei der Monstranz mit der geweihten Hostie ausläuft. „Laudate omnes gentes“ singt ein kaum sichtbarer Chor im Seitenschiff. Ein Hauch von Taizé mitten in Kreuzberg. Und das Wunderbare: Es wirkt.

 

Irgendwann schieben sich unsichere Gestalten durch den Mittelgang. Manche mit Rucksäcken, mit dicken Kopfhörern, Taschen und Tüten. „Christus, dein Licht erstrahlt auf der Erde“. Flöte und Gitarre mischen sich mit dem leisen Ächzen der Bänke, steigen auf im Dämmerlicht des Gewölbes, das in dieser Samstagnacht einen Menschenraum im Erdendunkel freilässt. „Es geht nicht in erster Linie um den Eintritt in die Kirche“, sagt Cecilia Engels leise. Ob die nächtliche Laufkundschaft die Gegenwart Christi in der Monstranz selbst erkennt und erlebt, weiß die promovierte Meeresbiologin nicht. „Es geht darum, verschüttete Erinnerungen wieder hervorzuholen, vielleicht einen Faden von Besinnung und Suche wieder aufzunehmen, der bei vielen noch immer lose daliegt.“ Glaube first, wen die Jesus-Geschichte dann nicht mehr loslässt, der kann sich mit Fragen an Priester wenden, die unauffällig am Rande dabei sind.

 

Katharina Hohenstein (Name geändert) ist so eine, die Fragen hatte. Mit Mitte 30 merkte die promovierte Chemikerin, dass etwas fehlte. Familie, Kinder, Erfolg – aber warum das alles und wozu? Mit 36 ging sie in die Christenlehre, ein Jahr später ließ sie sich taufen, trat in die Kirche ein. Wegen einer Sinnkrise? „Nein“, sagt Katharina Hohenstein, „aus Berechnung.“ Einen Augenblick genießt sie die Verblüffung, lacht. „Wenn man in der Geometrie auf einer endlosen Geraden einen Punkt festlegen will, braucht man einen Orientierungspunkt, der nicht auf dieser Geraden liegt, sonst geht es nicht. So ist es auch bei uns Menschen. Es ist ein Unterschied, ob ich IHM gegenüber Rechenschaft ablege oder mir gegenüber. Ich selbst neige mir gegenüber zur Großzügigkeit.“

 

Genau das ist der Punkt, an dem der evangelische Bischof Markus Dröge die Menschen abholen möchte. „In einer Zeit, in der Bindungen mehr und mehr verlorengehen, wächst die Sehnsucht nach Verbindlichkeit.“ Das Problem: Menschen wie Katharina Hohenstein, die sich mit offenem Herzen und wachem Verstand in die großen Kirchen zurückgrübeln, gibt es zu wenig, um den Strom der Kirchensteuervermeider und Wellness-Religiösen auszugleichen, die jeden Monat austreten. Aber Dröge hofft, dass Leute wie Katharina Hohenstein ausstrahlen auf andere. Ehrenamtliche Mission im Schneeballsystem sozusagen: „Wir laufen nicht mit dem Megaphon durch die Straßen. Jeder der selbst überzeugt ist, überzeugt auch andere“, sagt er.

Während bei vielen Katholiken die Freiburger Rede von Benedikt XVI. noch nachhallt, in der er „Entweltlichung“, Rückbesinnung auf Seelsorge und Verkündigung gefordert hatte, gehen Berlins Protestanten geradezu in die Welt hinaus, erklärt Dröge: „Wir setzen da andere Akzente. Wir glauben, dass gerade die ,Treue zur Welt‘, das ,Kirche für andere sein‘ (Dietrich Bonhoeffer) die Hemmschwelle überwindet, die es oft gegenüber der Institution Kirche und ihrer Dogmatik gibt.“ 35 evangelische Schulen gibt es im Bistum inzwischen; vielleicht wächst da eine Generation heran, die wieder ganz selbstverständlich mit Religion umgeht.

Doch Illusionen macht sich auch Bischof Dröge nicht: „Im Ostteil der Stadt gibt es noch immer ein nichtchristliches Milieu, das stark von der Alltagsideologie der DDR geprägt ist. Der Glaube galt damals als wissenschaftlich widerlegt. Hier wollen wir vor allem zeigen, dass der Glaube gesellschaftlich relevant ist. Die religiöse Trümmerlandschaft des SED-Regimes zu beseitigen ist eine Generationenaufgabe.“

Roland Jacob ist dieser Ost-Berliner Trümmerlandschaft auf seine ganz eigene Weise entgegengetreten. Er hat sich kurzerhand seine eigene Kirche gebaut. Gut zehn Jahre hat der langjährige Radiologe und Chefarzt im Klinikum Berlin-Buch in seinem Garten an dem Gotteshaus gewerkelt, hat für 25 000 D-Mark den Korpus eines Holzhauses erstanden, dann nach und nach zwölf historische Bleiglas-Fenster gekauft und aufwändig restaurieren lassen. Zwischen 4000 und 5000 Euro hat das pro Stück gekostet. Ein funkgesteuertes Uhrwerk läuft im Giebel über der Inschrift „Gott ist getreu“ und stimmt morgens um neun Uhr („Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne“), mittags um 13 Uhr („Großer Gott, wir loben dich“) und abends um 18 Uhr („Weißt du, wieviel Sternlein stehen“) ein hell klingendes Glockenspiel an.

„Die Nachbarn mögen das“, sagt Roland Jacob und sieht sehr zufrieden aus. Farbiges Licht fällt durch die Fenster in den kleinen Raum, auf den weißen Marmor-Altar, vor dem der Heiland mit nach oben gefesselten Armen hängt. „Ein Holzbildhauer im südfranzösischen Roquebrune hat ihn aus einem Olivenstamm geschnitzt.“ Jacob macht keine halben Sachen. Nebenan hat er eine Tischlerwerkstatt mit modernsten Abrichten, Fräsen und Werkzeug in ordentlichen Wandkästen. Wenn die Gesundheit mitspielt, soll das Glockenspiel noch einen Apostel-Zug bekommen, wie am Rathaus in Prag.

Wie aber kommt man auf die Idee, im eigenen Garten eine Kirche zu bauen? „Ich habe in Ecuador in einem Hotel mit eigener Kirche gewohnt“, sagt Jacob. Seitdem hat ihn das Projekt nicht mehr losgelassen. 1940 in einem streng christlichen Elternhaus im Vogtland geboren, war der Mediziner später Mitglied der Block-CDU in der DDR und hat mit der Amtskirche seinen eigenen Hader: „Im Osten störten mich die Bischöfe, die mit dicken Mercedes-Karossen vorfuhren. Und wegen Pfarrer Gauck bin ich dann nach der Wende ausgetreten“, sagt Jacob. Der damalige Chef der Stasiunterlagen-Behörde habe ihm eine IM-Täterschaft nachweisen wollen, die er nicht hatte. Darüber gibt es inzwischen ein Gerichtsurteil. Der Frust sitzt noch immer tief. Inzwischen ist Roland Jacob wieder in die evangelische Kirche eingetreten – und hat ein anderes Problem: Die örtliche Kirchengemeinde schickte argwöhnische Emissäre, um die vermeintliche Konkurrenz in Augenschein zu nehmen.

Die Furcht war unbegründet. Roland Jacob ist kein Kampfprediger, Spinner oder gewinnorientierter Glaubensstifter. Er sehe sich und sein Kirchlein eher als Ergänzung, sagt Jacob und hat auch schon eine kleine Reihe mit Lesungen und Musik geplant, die er gemeinsam mit der Gemeinde veranstalten will. Vor gut einem Jahr ist sein Gotteshaus sogar offiziell eingeweiht worden, und eine „Privatkirche“ will er auch nicht gründen. Aber auch er kennt viele Leute „mit christlicher Weltanschauung, die aber mit der Firma Kirche nichts zu tun haben wollen“. Und so ein kleiner Kirchen-Rebell steckt auch in Roland Jacob. Welche Konfession sein Kirchlein eigentlich habe? „Meine!“, sagt er keck.

Und so trifft man beim Streifzug durch das christliche Berlin die kraft- und hoffnungsvollsten Missionare vor allem dort, wo die Amtskirchenstuben etwas weiter weg sind. Pater Heiner Wilmer zum Beispiel ist Provinzial der Herz-Jesu-Priester, die vor wenigen Wochen erst ihr Kloster im Szenebezirk Prenzlauer Berg eingerichtet haben. „Die Leute stellen heute ganz andere Fragen als wir denken“, sagt Wilmer. „Ob es Gott gibt, ist für viele Menschen gar nicht die Frage. Sie wollen wissen: Was bringt mir der Glaube, was bedeutet er für mich.“ In seinem Buch („Gott ist nicht nett“. Herder Verlag) hat Wilmer sich auch kritisch selbst befragt. „Manchmal höre ich mir selbst beim Beten zu und merke, wie ich Floskeln und Palaver irgendwohin, in den Himmel, in die Dunkelheit schicke. Seltsamerweise erträgt Gott das.“ Eine Diagnose, die in seinen Augen auch auf den Zustand der großen Kirchen passt: verflachte Botschaften, abgestoßene Kanten, kein Gesicht.

Sein Fazit: „In den großen Kirchen sind wir abgerutscht und reden viel zu oft über Moral und Strukturen. Zölibat, Frauenpriestertum, Homo-Ehe – das sind alles Nebensätze. Unser Hauptsatz ist in Wahrheit aber das Evangelium Jesu Christi, es ist keine Moral, sondern Erlösung, das Wachsen als Mensch im Glauben.“ Und so ist Pater Wilmer auch im mondänen „Prenzelberg“ mit seinen Öko-Kitas und Bio-Läden als Ersatzreligion nicht verzagt. „Die Menschen wollen nicht belehrt werden, aber sie haben einen natürlichen Sinn für die Tiefenbohrungen des Lebens.“ Deshalb wollen die Herz-Jesu-Priester einfach im Namen Gottes für die Menschen da sein, Begegnungen in der Kirche: „Zusammenkünfte für Schwangere, für Menschen, die gerade Prüfungen ablegen, für Kinder mit ihren Haustieren…“

Er gerät fast ein wenig ins Schwärmen vor lauter Vorfreude auf all die Zusammenkünfte, Andachten, lebensvolle Liturgie. Schwärmen für die Menschen, Schwärmen für den Glauben, Schwärmen für Gott. In einer Stadt wie Berlin nicht das Schlechteste.

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Der Siegeszug der Homo-Ehe

Juni 25, 2013

Für die Neue Zürcher Zeitung habe ich einen Gastbeitrag geschrieben, den man hier erreichen kann:

http://www.nzz.ch/meinung/uebersicht/generalangriff-auf-das-heteronormative-weltbild-1.18104795

 

Entschuldigungszettel (Gastbeitrag für FAS)

Januar 6, 2011

Liebe Frau Gesine Lötzsch, Sie haben im Fachblatt für den jung gebliebenen Alt-Dogmatiker „Junge Welt“ erklärt, dass der „Weg zum Kommunismus steinig“ werde, aber man müsse sich halt immer wieder aufmachen und ihn ausprobieren. Ich persönlich möchte Ihnen für diesen Weg alles erdenklich Gute wünschen, würde aber, wenn es sich einrichten ließe, diesmal gern nicht wieder mitmachen. Ich hatte (ungefragt) die Gelegenheit, beim ersten Versuch 25 Jahre meines Lebens mit von der Partie zu sein, und bitte darum, beim nächsten Mal aus familiären Gründen aussetzen zu dürfen. Es hat mir – aber das ist meine ganz private Meinung – nicht so viel Spaß gemacht, wie man uns versprochen hatte. Meine Skepsis bezüglich eines weiteren Versuches bitte ich daher zu entschuldigen. Besonders weit waren wir ja auch nicht gekommen, wenn man es genau nimmt. Wenn ich mich recht erinnere, wollte die SED zuletzt die „Grundlagen der entwickelten sozialistischen Gesellschaft“ aufbauen. Aber diese ganzen Phasen und Phrasen waren ein wenig verwirrend. Vielleicht verwechsle ich das auch.

Willy Brandt hat einmal gesagt, der Fortschritt sei eine Schnecke. Bei der SED-PDS-Linken bringt dieses ansich sympathische Häuslebauer-Tier das Kunststück fertig, mit nur einem Schleimfuß sogar auf der Stelle zu treten. Was das Weltbild anbelangt, lernen Sie, liebe Frau Lötzsch, ganz offensichtlich aus den Fehlern aller anderen, dass Sie aus Ihren eigenen nichts lernen müssen. Ihr Thüringer Parteifreund Bodo Ramelow hat feinsinnig erklärt, dass Sie mit Kommunismus selbstverständlich nicht den „Stalinismus“ meinen. Kommunismus, das habe ich noch in der ersten Reisegruppe dorthin gelernt, ist gekennzeichnet durch die „Führung der revolutionären Partei neuen Typs“ und Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Wenn Sie jetzt womöglich etwas anderes unter Kommunismus verstehen, sollten Sie es der Verständlichkeit halber auch anders nennen. Oder ist Blau das neue Rot und der Weg zum Kommunismus führt diesmal nach Dubai? Zum Kommunismus jedenfalls ist historisch gesehen alles gesagt, wenn man mal davon absieht, dass es noch einige Ochsen und Esel gibt, die ihm nachlaufen wollen.

Allein die Tatsache, dass ich mir im Abendprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens eine Talkshow über das Für und Wider des Kommunismus ansehen muss, ist für mich schon eine Zumutung. Ihr Auftritt war eine intellektuelle. Sie sprechen jetzt gern davon, dass Sie den „demokratischen Sozialismus“ aufbauen wollen. Nun gut, das will die SPD auch. Von Ihnen würde ich nun gern wissen, ob der „demokratische Sozialismus“ also das Gleiche ist wie der „Kommunismus“, nur besser klingt oder ob es da doch noch Unterschiede gibt. Dann müssten Sie uns bitte erklären welche und warum Sie nun doch nicht mehr für den K. sind, sondern den DS anstreben.

Mag sein, dass der Weg, Ihr Weg, zum Kommunismus steinig wird. Der Weg des Kommunismus selbst war blutig, und der Weg aus dem Kommunismus wieder heraus war elend und erbärmlich. Ich hatte bisher angenommen, dass Sie und die maßgeblichen Leute Ihrer Partei das zumindest das in den vergangenen zwanzig Jahren gelernt hätten und es inzwischen ähnlich sähen. Ich habe mich getäuscht. Selbst wenn Sie unter Kommunismus nicht das leninistisch starre Theorie-Gebilde sehen, sondern eine eher abstrakt gefasste Gesellschaft gleicher, freier und engagierter Menschen, eine Art glücklicher Kommune eben (die wohl Klaus Peymann in seinen Plädoyers meint), dann wissen selbst durchschnittlich begabte Zeitgenossen heute, dass es solche Inselchen der Seligen nicht gibt. Sie scheitern am Menschen und seinen Unzulänglichkeiten, seinem Wunsch nach mehr, der die Welt zwar voranbringt, aber eben mitunter auch zerstört. Darum wird eine humane Gesellschaft immer eine ungleiche unzulängliche Gesellschaft sein, in der Wettbewerb herrscht, bei dem es Gewinner und Verlierer gibt. Die meisten anderen Parteien arbeiten daran, diese unvollkommene Gesellschaft besser zu machen und Korrekturen anzubringen, wo es aus Fehlern etwas zu lernen gibt. Sie dagegen wollen irgendwohin anders aufbrechen. Da mache ich nicht mit. Dass Sie den Weg dahin ausgerechnet mit der DKP-Vorsitzenden und einer Ex-Terroristin beim Rosa-Luxemburg-Kongress diskutieren wollten, gibt mir aber weiterhin einige Rätsel auf, was den Kompass Ihrer humanen und sonstigen Gesinnung angeht.

Der Kommunismus ist ein gesellschaftliches Idealbild, am ehesten vielleicht noch mit dem christlichen Paradies vergleichbar. Wer beides im Diesseits zu errichten versucht, endet unweigerlich in der Tyrannei. Es ist kurios genug, dass ein Kongress über „Wege zum Kommunismus“ überhaupt abgehalten wird. Stellen Sie sich vor, die Evangelische Akademie Tutzing veranstaltete ein Seminar „Wege zum Paradies“ – man würde die ehrwürdige Einrichtung zu Recht für verrückt erklären, und es zögen auch unschöne Assoziationen von Sektierertum und Gotteskriegern vor dem geistigen Auge auf. Völlig folgerichtig, weil sich bei solchen visionären Großprojekten wie dem Kommunismus immer auch die Frage des Umgangs mit Abweichlern, Zweiflern und kritischen Flügeln stellt. Und wie gehabt, wird die schöne, hehre Vision ihren Verfechtern auch beim nächsten Anlauf zu groß und wertvoll sein, als dass man sie wegen mangelnder Einsicht einiger Querulanten aufgeben wollte.

So werden Sie also auch in Ihrer angestrebten klassenlosen All-You-Can-Eat-Gesellschaft sich alsbald mit jenen auseinandersetzen müssen, die am Gemeinschaftsbuffett ihre Teller zu voll machen oder über die zugeteilten Mengen zumindest diskutieren wollen. Da wird wiederum hartes Durchgreifen gefragt sein, und Diskussion ist ja bekanntlich der Beginn der Zersetzung.

Ich muss allerdings sagen, dass Ihr Gesellschaftsbild, wie Sie es etwa bei Maybritt Illner gezeichnet haben, von so atemberaubender Schlichtheit und Naivität geprägt ist, dass ich mich gefragt habe, wie man es damit an die Spitze einer Partei schaffen kann. Die Freiheit koppeln sie völlig an das materielle Vermögen der Menschen. Nur wer genug besitzt, sagen sie, kann die Freiheit in diesem Lande auch nutzen. Welch kolossales Missverständnis! Freiheit setzt die Menschen in die Lage, entsprechend ihrem Geschick und ihrer Leistung Anteile an materiellen Gütern zu erwerben. In Ihrer Logik ist Wohlstand gewissermaßen eine voraussetzunglose Vorbedingung für die Inanspruchnahme von Freiheit. In diesem Weltbild wäre ein Gefängnis mit Vollverpflegung einem Lagerfeuer in freier Wildbahn vorzuziehen.

Wahrscheinlich ist das Punkt, an dem wir uns niemals einigen werden. Freiheit darf keine Bedingungen haben. Eher können wir darüber reden, was man tun kann, dass möglichst jeder die Chancen der Freiheit auch wirklich nutzen kann. Sie hingegen machen die Mehrheit zu Opfern, denen man erst etwas austeilen muss, bevor sie sich um sich selbst kümmern können. Damit tun Sie den Betroffenen Unrecht und dem Rest auch, der die zu verteilenden Güter erwirtschaften soll.

Interessant an der K-Debatte fand ich auch die Kritik von Ihrem Vorgänger Gregor Gysi, der darauf hingewiesen hat, dass eben viele Menschen – im Westen mehr als im Osten – bei dem Wort Kommunismus noch immer an Pol Pot, Stalin und den Gulag dächten. Das ist sehr verständnisvoll von Herrn Gysi, und ich möchte darauf hinweisen, dass diese Assoziationen nicht ganz aus heiterem Himmel und als kindlicher Aberglauben in den Köpfen herumspuken. Das alles gab es wirklich. Wenigstens macht Gysi aber keinen Hehl daraus, dass er die Wähler nicht verschrecken, sondern mit harmloserer Wortwahl einlullen will. Das ist sein gutes Recht als Politiker. Da ich aber wie viele Menschen meine Erfahrungen aus der Vergangenheit herleite, halte ich Antikommunismus ausdrücklich noch immer für eine Tugend. Aber vielleicht gelingt Ihnen ja der Gegenbeweis.

Liebe Frau Lötzsch, wenn wir schon dabei sind, eine kleine Bitte noch zum Schluss: Würden Sie die neue Staffel von DSDK bitte nicht wieder hier starten. Ich bin in meinem Leben genug umgezogen und würde es ungern wieder tun. Ich denke, der revolutionären Vorhut ist ein Ortswechsel vielleicht im Dienste der Sache eher zuzumuten.

So kann ich Ihnen am Ende für Ihren Weg zum Kommunismus nur gutes Gelingen wünschen. Wer wollte sich schließlich dem Projekt einer sozialen, gerechten und freien Gesellschaft ernsthaft verschließen. Niemand tut das. Meinungsverschiedenheiten gibt es lediglich über den Weg dorthin. Eines kann ich Ihnen allerdings versichern: Wenn bei Ihrer Kommune Nummer zwei auch nur eines der drei Attribute fehlen sollte, wenn der erste Oppositionelle am Pranger steht oder die Reisefreiheit eingeschränkt wird, bekommen Sie großen Ärger. Ich zumindest werde nicht wieder so lange unentschlossen, rat- und tatenlos zusehen. Sie haben in Ihrem Wahlkreis Berlin-Hohenschönhausen viele wackere Wähler. Ich weiß aber auch einen Ort in Hohenschönhausen, wo ich jederzeit mit Unterstützung rechnen kann.

In diesem Sinne alles Gute für Sie und uns

Mythos Ostschule und ein Zentralismus-Streit

August 27, 2010

Für die „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ habe ich einen Beitrag mit dem Titel „Mythos Ostschule“ geschrieben, in dem es um die Verklärung der zehnjährigen Polytechnischen Oberschule der DDR geht, die heute von Ost-Nostalgikern gleichermaßen gepriesen wird wie von altbundesdeutschen Bildungsreformern. In meinen Augen hat das gemeinsame Lernen dort keineswegs die viel beschworene soziale Durchlässigkeit geförderte. Da in DDR-Klassenbüchern die „Klassenzugehörigkeit“ der Eltern vermerkt wurde, ließ sich das sehr konkret nachvollziehen. Positiv erwähne ich allerdings, dass – jenseits all der unerträglichen Indoktrinierung – der fächerübergreifend abgestimmte Lehrplan von Vorteil gewesen ist, weil der Stoff auf diese Weise wie eine große, geschlossene Geschichte erzählt wurde. Heute entscheidet jeder Lehrer selbst darüber, mit welchem didaktischen Ansatz er wann was vermittelt. Mit dem Ergebnis, dass irgendwann über die Atombombe gesprochen wird, zwei Jahre später über die Kernspaltung und irgendwann auch über den Zweiten Weltkrieg. Fragmentiertes Insel-Wissen, das beim Schüler kaum hängen bleibt und immer wieder neu vermittelt werden muss.

In einem großen Beitrag in der WELT beschäftigte sich Alan Posener mit den Auswüchsen autoritärer Ost-Pädagogik an Berliner Schulen und zitierte unter anderem auch aus meinem Beitrag. Selbst der Mythen-Kritiker Schuler, schreibt Posener, hänge noch zentralistischen Bildungsideen an. Weil ich das so auf mir nicht sitzen lassen wollte, entspann sich ein munterer Meinungsaustausch über Zentralismus und Freiheit im Bildungssystem, den man auf Margaret Heckels Seite „Starke Meinungen“ nachlesen kann.

Einmal DDR, Hartz IV und zurück

März 22, 2010

Um „anstrengungslosen Wohlstand“ geht es in der Hartz IV-Debatte und um die Frage, wie auskömmlich die Unterstützung für Hartz IV-Empfänger sein sollte. Für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ habe ich dazu einmal den Vergleich zum Sozialismus-Versuch der DDR gezogen.

Land ohne Schatten oder: Über Stillosigkeit in Ost und West

Februar 17, 2010

Kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Amt hatte Brandenburgs früherer Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) noch einmal weit ausgeholt. Eine verbreitete Stillosigkeit bis hin zu Kleidung und Umgangsformen hielt er seinen ostdeutschen Landsleuten vor und erntete prompt einen Orkan der Empörung. Selbst die eigene Landespartei distanzierte sich von ihm. Mode- und Stil-Experten geben ihm allerdings recht.

In einem Beitrag für die „Welt am Sonntag“ bin ich diesem Phänomen nachgegangen.

Feierfrust: Warum die Einheit wenig Euphorie auslöst (für Neue Zürcher Zeitung)

Januar 26, 2010

 

Frustfrühling nach Wendeherbst, Einheitskater nach Befreiungstaumel – ganz so schlimm ist es denn doch nicht. Aber der Eindruck ist auch nicht falsch, dass den Deutschen die Feierlaune für die zwanzigste Wiederkehr des Jubeljahres 1989/1990 inzwischen ein wenig abhanden gekommen ist. Das hat durchaus Gründe, die jenseits jener national veranlagten Miesepetrigkeit liegen, die nur im Zusammenhang mit Fußball temporär kurierbar ist.

Da ist zunächst ein Medienbetrieb, der in den letzten Jahren eine Art Großindustrie des Gedenkens entwickelt hat, die unweigerlich die anrührendsten Momente der Geschichte früher oder später in Langeweile ummünzt. Historische Sternstunden sind auch im Rückblick besser in kleinen Dosen konsumierbar als von der Europlette. Natürlich haben wir den fünften, zehnten und fünfzehnten Jahrestag des Mauerfalls bereits kräftig gefeiert, haben die Vorgeschichte erzählt, Anekdoten ausgewalzt, Historiker, Experten, Zeitzeugen und Betroffene befragt, und all das läuft seit Januar 2009 bereits wieder auf Hochtouren. Wir Medienleute haben uns darin perfektioniert, bedeutsame Ereignisse so professionell in Szene zu setzen, den Countdown lange im Voraus zu beginnen, den letzten Überraschungsgast mit Tusch ins Rampenlicht zu schieben, dass wir schon bei den Planungssitzungen wussten: Wir werden froh sein, wenn der Trubel vorbei ist. Es einfach sein zu lassen oder eine Nummer kleiner anzugehen, geht aber nicht. Da ist die Konkurrenz vor. Und so beteiligen wir uns denn sehenden Auges an Wende-Festspielen, die ihrem eigentlichen Zweck zuwiderlaufen. (Ein Punkt übrigens, an dem sich Nachrichten- und Finanzmärkte ziemlich ähnlich sind: Die inneren Regeln sind mitunter stärker als der gesunde Menschenverstand.)

Ein weiterer Punkt, warum die ohnehin begrenzte Leidenschaft, die einem Deutschen zur Verfügung steht, nicht mehr voll abgerufen wird, liegt im Lauf der Dinge selbst. Nach dem welthistorischen Big Bang des Mauerfalls wurde Tag für Tag Protest wieder in Politik überführt, wurde aus Revolution und Aufruhr, Kompromiss und Verwaltung. Ein Prozess, der schon von sich aus weniger spannend, dafür aufreibend, ernüchternd und renormalisierend ist. Zum Aufstand, zu Massen-Exodus und Demonstrationen war es gekommen, weil zuletzt selbst die Parteigänger des Regimes erkannten, dass Methoden und Fähigkeiten des Politbüros zum Untergang dessen führen mussten, dem sie eigentlich dienen wollten. In der untergehenden DDR entstand mithin eine Massenbewegung mit gewaltiger Einigkeit und weitgehender Auflösung der vormaligen Nomenklatura-Kasten. Dieses Gefühl, mit voller Überzeugung Teil eines Großen und Ganzen zu sein, gibt es vermutlich nur Welt-Zehntelsekunden lang und wird an politischer Intensität in einem Menschenleben wohl nie wieder erreicht. Im Westen verfolgte man zur gleichen Zeit all das mit ungläubiger Spannung und der wilden Hoffnung, dass am Ende womöglich die stählern geschmiedeten System-Blöcke aufbrechen, in sich zusammenfallen und verschwinden könnten. Klar, dass nach diesem Weltgeschichte-Überdosis-Trip nur ein schmerzhafter Entzug mit Realität als Ersatzdroge folgen konnte.

Nach dem 9. November 1989 gab es die ersten Papiere zur Wiedervereinigung, es folgten Runde Tische, die ersten Volkskammerwahlen im März 1990, die Einführung der D-Mark im Osten als wohl letzter emotionaler Höhepunkt, Zwei-plus-Vier-Verhandlungen der Großmächte, die nur etwas für Diplomatie-Feinschmecker waren und schließlich der erschöpfte Zusammenschluss am 3. Oktober. All das durchleben die Deutschen nun auch im Rückblick wieder. Und es ist nicht verwunderlich, dass die Erinnerung heute weniger euphorisch ist an die Nach-Mauerfall-Phase, wo aus vereinten Aufbegehrern wieder politische Lager und Konkurrenten wurden, wo die SPD gemeinsam mit den Bürgerbewegungen in den ersten freien Wahlen bereits zum ersten Mal Wende-Verlierer wurde, wo sich zeigte, dass für viele Ost-Menschen freier Konsum schon den größten Teil des Freiheitsbegriffs ausmachte.

Und in all das mischt sich jener dritte Prozess der nachwendlichen „Persönlichkeitsveränderung“ im Osten. Der 3. Oktober 1990, die Wiedervereinigung, auf die dieses Jubiläumsjubeljahr unvermeidlich zusteuert, ist im Grunde nichts anderes, als die Rückkehr des Ost-Blocks vom bolschewistischen Irr-Gleis der Geschichte auf die Normal-Trasse. Ein ideologischer Abweg des 20. Jahrhunderts hatte sich (mit etwas Verzug auch in den vormaligen „Bruderländern“) erledigt, widerlegt, war an sich zugrunde gegangen. Das in dieser Nüchternheit zu akzeptieren, fällt den meisten Läufern, Mitläufern und selbst etlichen Geiseln der Roten Wandertruppe Ost bis heute schwer. Es mag psychologisch ein verständliches Missverständnis sein, dass viele Ostler den Untergang des Systems als nachträgliche Entwertung ihres Lebenslaufes fehlinterpretieren und sich inzwischen schönreden, was sie ehedem verfluchten.

Da werden kleine Raritäten-Beschaffungen in der Mangelgesellschaft romantisiert, als seien Magel und Misswirtschaft eine heute leider unterdrückte Errungenschaft gewesen. Private Inseln im durchideologisierten Parteistaat werden der kalten Herrschaft des Geldes heute gegenübergestellt, als seien es nicht die Ostdeutschen gewesen, die 1990 beim Sturm auf die harte D-Mark der Deutschen Bank die Türen einrannten. Kurz: Die Gemütslage „Es war nicht alles schlecht“ grassiert bis heute stärker als die Schweinegrippe in den Neuen Bundesländern, obwohl doch auf der Hand liegt, dass es eigentlich heißen müsste: „Es war zu wenig gut“. Und dass dieser Virus nicht nur Träger des verflossenen Systems heimsucht, die ja in der Tat etwas verloren haben, sondern auch solche, die zu deren Lebzeiten nie ein gutes Haar an der DDR gelassen haben, das verdrießt sowohl wache Wende-Ossis als auch die meisten Westdeutschen, die nicht nur mit dem Herzen dabei waren, als die Mauer fiel, sondern danach auch mit ihren Steuer-Milliarden. Jenen aber, die den Osten und seine Menschen bis heute verklären, muten Wende- und Einheitsfeiern als eine Art Inszenierung der geschichtlichen Siegerdoktrin an. Wer Mauertote benennt, sich seiner Freiheit in Reise, Wort und Rede freut und den Kopf darüber schüttelt, dass die DDR-Staatspartei heute unter anderem Namen ins ganz Deutschland wählbar ist, der hat es mitunter schwer im Osten.

Vielleicht sollte man auch so etwas wie eine Wende-Trauerfeier veranstalten, auf  der man der Tatsache gedenken kann, dass Klar- und Einsicht auch in einer freien Marktwirtschaft mitunter zur Mangelware werden können. Ganz ohne Kreditklemme und Finanzkrise.

Grund genug zu feiern

November 11, 2009

Warum man sich von Mutlosigkeit und Miesmachern nicht beeindrucken lassen sollte

Von Ralf Schuler
Freiheit bemerkt man erst, wenn sie fehlt. Dass mit dieser Welt etwas nicht stimmen konnte, bemerkte ich an einem Sonntagmorgen mit vier oder fünf Jahren. Ich lag bei meiner Großmutter im Bett, wir hatten vorgelesen, und auf dem Nachttisch waren die Schogetten alle. Wir müssten aber dringend neue kaufen, sagte ich mit dem letzten zarten Schmelz auf der Zunge. Das ginge nicht so einfach, sagte meine Oma. „Die sind aus dem Westen.“ Eine Welt, in der man Schogetten nicht nachkaufen konnte, war einfach nicht in Ordnung.

Irgendwann Anfang der 80er Jahre saß ich dann in der Straßenbahn, fuhr die Berliner Invalidenstraße entlang und bemerkte zum ersten Mal, wie gleichgültig und unwirklich normal diese Stadt hinter der Mauer einfach weiterging. Kirchtürme, Mietshäuser, Dächer – es war meine Stadt, und doch war die andere Seite unerreichbarer als der Polarkreis in der Sowjetunion. In West-Berlin spielte (wie ich aus dem Radio wusste) Leonard Cohen, sang von Suzanne, die am Fluss wohnt, wo es nach Tang riecht, die etwas verrückt ist, dir Tee und Orangen schenkt und mit ihrem perfekten Körper deinen Geist berührt hat. Ein Sehnsuchtssong, der Teenager krank machen kann. Und ich litt in meiner Straßenbahn nicht nur darunter, dass Cohen da unerreichbar hinter der Mauer sang; was immer auf dieser Welt wirklich Bewegendes geschah, es geschah nicht in Sofia, Bukarest oder Ost-Berlin. Suzanne mochte in Vancouver leben, Philipp Marlow ermittelte in Los Angeles, die Mode kam aus Paris und der richtige Rock n‘ Roll von überall, nur nicht von den Puhdys. Später habe ich mir in Budapest einen Falk-Plan von New York gekauft. Meine Freunde hielten mich für verrückt, aber es schien mir irgendwie plausibel, dass man der Freiheit ein Stück näher war, wenn man ihr Abbild in der Tasche trug. Und wenn sie irgendwann vorbeikäme – ich war vorbereitet.

1989 kam die Freiheit vorbei, auch wenn ich zugebe, bis kurz davor nicht daran geglaubt zu haben. Heute, da nichts mehr schmerzt und die Sehnsucht zwischen Globalisierung und Ost-Beauftragten zerrieben wird, sollten wir uns nicht von Mutlosen und Miesmachern in die Irre führen lassen. Es sind nicht die mit dümmlichen Halbprommis (gerade auch die aus dem Osten!) besetzten Talk-Shows, denen wir die Hoheit über die Stimmungslage überlassen sollten. Und schon gar nicht der Linkspartei, der in Sachen Freiheit und Demokratie jeder Erkenntnisgewinn von außen aufgezwungen wurde, und die bis heute nicht begriffen hat, dass das Fazit der DDR nicht lautet: „Es war nicht alles schlecht“, sondern: „Es war zu wenig gut“.

Die Einheit hat aber nicht nur Freiheit für die Ostdeutschen gebracht, sondern Deutschland wieder zu einem kräftigen, normalen Land gemacht. Wahrscheinlich hat man das Unnormale im alten Westen mit seiner allgemeinen Auskömmlichkeit weniger schmerzhaft empfunden. Deutschlands Gewicht in der Welt, in EU, Nato, UN und als autonomer politischer Akteur ist das Gewicht eines souveränen Staates, nicht mehr das eines zweckdienlichen Außenpostens im Kalten Krieg.

Dass im gemeinsamen deutschen Alltag nicht alles rosig ist, wird niemand bestreiten. Nur darf man bei dieser Gelegenheit auch verzagte West-Menschen daran erinnern, dass der Wunsch nach umfassender Glückseligkeit genauso unrealistisch ist, wie der dümmliche Anspruch mancher Ost-Deutscher, DDR-Gemütlichkeit mit Westgeld und Reisefreiheit zu bekommen. So ist die galoppierende Staatsverschuldung zu Teilen unbestreitbar der Einheit „geschuldet“. Zu anderen, erheblichen Teilen aber jenem unreflektierten Sozialstaatsverständnis, dass die DDR in den Ruin getrieben hat und das sich auch im Westen willig mit der Linkspartei verbündet. Bei den meisten Problemen lohnt ein genauer Blick auf die Akteure. Wer wollte entscheiden, ob Gregor Gysi oder Oskar Lafontaine das größere Schlitzohr ist, um es einmal nett auszudrücken. Und selbst beim vermeintlich ostdeutschen Rechtsradikalismus kommt die gesamte Führungsspitze aus dem Westen.

Die weltweit erfolgreichste deutsche Band „Rammstein“ kommt aus dem Osten, Michael Ballack wirbt auf ganzen Häuserfassaden in Taipeh, der Westler Klaus Wowereit macht Berlin „arm aber sexy“, und die Geld-Promi-Dichte in Potsdam macht Starnberg inzwischen ernste Konkurrenz. Meine Güte, wir Deutschen sind ein komisches Land, eine schräge Truppe, aber wollten wir ernsthaft wer anderes sein. Bayern, Friesen, Sachsen – ohne einander wären wir nicht nur weniger, sondern auch ärmer. Wir haben viel Mist gebaut in unserer Geschichte, aber wenn ich etwas wegstreichen sollte, wäre es mit Sicherheit nicht Mauerfall und Einheit.

Freiheit bemerkt man erst, wenn sie fehlt. In Berlin muss man sich viel Mühe geben, wenn man den unscheinbaren Pflasterstein-Streifen im Asphalt bemerken will, der den früheren Mauerverlauf nachzeichnet. Die Mühe sollte man sich machen. Und für mich ist es jedesmal ein Triumph, dass nicht die anderen das letzte Wort behalten haben.
(Gastbeitrag für „Augsburger Allgemeine“)