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Epilog: Der Weg zurück

Dezember 25, 2011

Berlin Vom Nordkap aus gibt es nur noch Rückwege. Die Serpentinen im Fels zurück, über das vereiste Hochplateau nach Alta, wo eine einsame Straße quer durch die Finnmark zu Europa-Straße 8 führt. Die E 8 ist eine schier endlose, meist schnurgerade Piste, die von Tromsö am Eismeer nach Tornio am nördlichsten Zipfel der Ostsee führt. Die Nazis bauten diese Trasse, um ihren Nachschub zu sichern – jetzt liegt Schnee über dem alten Beton und deckt nicht nur die blutige Geschichte zu, sondern das ganze zerklüftete Land mit seinen Wäldern, Felsen und breiten Bachläufen. Weiße Weihnacht ist auch so ein Mythos, den wir durch all die Regenfeste hochhalten und damit verraten, wie strikt unser Geist sich weigert, mit der modernen Dingwelt zufrieden zu sein.

Die Norweger scheinen allerdings doch ein ganz besonderer Menschenschlag zu sein. Hier oben hoch im Norden wohnen sie in ihren Städtchen und Ansiedlungen ohnehin meist in Ruf- oder Sichtweite auseinander, weil Platz genug da ist für jeden. Weil diese „drangvolle Enge“ aber einen Ausgleich braucht, legt man sich Wochenendhäuser in den Weiten der Finnmark zu. Weit draußen, wo gar nichts mehr ist. Ein Bach, Krüppelwald, Tundra. Wenn man die Hügel herab kommt, sieht man es weit hinten in der Ebene leuchten, wo nur holprige Forstwege von der Landstraße aus hin führen. Manchmal trifft so einen mit rot-kariertem Wattehemd und Axt oder mit ein paar Karibus am Straßenrand. Schön, wenn man in seinem eigenen Norwegen-Film mitleben darf.

Irgendwann in der Nachmittagsdämmerung ist dann der große Augenblick da. Bei allen Skandinavien-Touren und auch bei dieser Reise haben sie einem mit ihren putzigen Warnschildern großspurig Elche versprochen, die angeblich alle Nase lang über die Straße trotten. In Wirklichkeit trifft man nie einen. Diesmal habe ich ihn, oder besser sie, tatsächlich gesehen. In der Nachmittagsdämmerung stand die Elchkuh seelenruhig auf der Straße und machte sich erst davon, als ich die Kamera suchte. Warum es übrigens spezielle Schilder für Elch- und Rentierwechsel gibt, ist mir nicht ganz klar geworden. Demnächst werden vermutlich die Schneefüchse auch eines beantragen.

Kleine Weiler und einzelne Häuser mit warmem Licht in den Fenstern leuchten an der Straße auf und verschwinden schnell wieder im Dunkeln. Eine einzelne Laterne, ein Straßenschild, Finsternis. Über der einzigen Kreuzung schaukelt eine Ampel an Seilen im Flockensturm. Es ist die seltsame Stimmung dieser Roadmovies, wo von irgendwoher Musik zum einzigen Auto auf dem Highway dringt. In diesem Falle ist es eine Straßenkneipe, in der lautstark gefeiert wird, irgendwie absurd und surreal inmitten dieses endlosen Nichts. Weil in Skandinavien die meisten Tankstellen bereits ohne Personal arbeiten und man nur mit der Karte an der Säule bezahlt, bin ich immer wieder enttäuscht, wenn ich eine der bunten Lichtinseln ansteuere, auch in der Hoffnung auf ein Wort oder einen Tipp zur Route. Und stehe ich doch wieder allein neben dem quietschenden Blechschild vom Autogas.

In Muonio, mitten im Land, ist dann doch etwas Leben. In einem völlig ausgebuchten Hotel sitzen fünfzig lautlose Personen in der Gaststube hinter ihren Laptops. Ihre Welt heißt W-LAN: Und ich wünsche mir, dass dieser Film jetzt doch eine andere Wendung nimmt, als das Stephen-King-Grusel-Szenario, das sich da gerade anbahnt. Der Film tut mir den Gefallen.

Etwas weiter im Hinterland ist ein riesiges Ski-Paradies, wo offensichtlich verschiedene Nationalmannschaften Langlauf trainieren. Bis spät in die Nacht knirscht es auf den beleuchteten Pisten. Morgens um sechs sitzen sie dann wieder in ihren hautengen Laufanzügen an Nationen-Tischen mit kleinen Fähnchen. Ein Hauch von Kitzbühel mitten in der Finnmark. Nach 500 Metern Ortskern übernimmt der eisige Winterhauch wieder die Szenerie. Die Welt ist wieder in Ordnung. Ich rolle weiter nach Tornio, dem nördlichsten Zipfel der Ostsee und kann es kaum fassen: Wie oft hatte ich mir diesen Augenblick vorgestellt, an dem Strand zu stehen, an dem die Ostsee zu Ende ist. Und nun ist so ein dicker Nebel, dass man vom Strand kaum das Wasser sehen kann.

Mehr als tausend Kilometer geht es dann parallel zur schwedischen Küste auf Autobahnen zurück über Kopenhagen, Gedser, Rostock nach Berlin. Absturz aus nordischen Schneehöhen zurück in den europäischen Alltag. Der Morgenstau durch Stockholm raubt den Rest der aufgetankten Gelassenheit, schneeloses Matsch- und Regenwetter weckt die Sehnsucht zur Umkehr, und zwar zu einer ganz irdischen.

6389 Kilometer stehen am Ende auf dem Tacho. Der Wagen knistert leise, als ich zu Hause den Motor abstelle und aus der Kabine klettere. Geschafft. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich am Wegesrand nur die Hälfte dessen entdeckt habe, was da im hohen Norden noch schlummert. Und nächste Weihnachten bin ich dann einfach mal weg.

(Schluss)

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Finale: Weihnachten mit oder ohne Mann

Dezember 23, 2011

Zwanzig Tage auf der Suche nach dem Santa-Ruprecht-Weihnachtsmann – und nun endlich am Ziel. Von dieser Klippe gibt es für ihn kein Entweichen. Diesmal werde ich ihm mit meinem Volvo den Rückweg abschneiden, ihn stellen und zum Geständnis zwingen: Ja ich bin’s es schon immer gewesen…

NORDKAP Kilometer 3348: Das Rauschen in der Luft könnte von einem Schlitten stammen, von lautlos vorpreschenden Rentieren und dem Polarwind, der um die Geschenksäcke pfeift. In Wahrheit ist es der Sturm, der die tief heruntergezogene Mütze noch über den Ohren flattern lässt. Und aus dem Sehschlitz zwischen Jackenkragen und Wollpudel-Unterkante ist beim besten Willen kein goldumstrahltes Gefährt zu erkennen, das durch den stockschwarzen Himmel zieht. Nicht einmal der Polarstern ist auszumachen. Doch das alles beweist gar nichts. Denn einerseits ist es noch nicht der 24. Dezember und andererseits wird niemand im Ernst glauben, dass Ruprecht nach Fahrplan hier am Nordkap vorbeikommt. Es gehört zum ehernen Gesetz der Dinge, dass mit plumpen, menschlichen Schlichen den wirklich großen Mythen nicht beizukommen ist. Dafür sind sie zu groß und wir zu klein. Solange die Welt noch in Ordnung ist, wird das auch so bleiben.

18.58 Uhr ist es, die Sonne hat sich vor Stunden verabschiedet und uns die Gnade erwiesen, die irdischen Bauwerke am Nordkap, die Kassenhäuschen und die Halle mit den Souvenirständen in der undurchdringlichen Lichtlosigkeit der Polarnacht untergehen zu lassen. Nur die Scheinwerfer des Wagens schälen den kleinen Obelisken aus der Dunkelheit. So- lange der Motor läuft, kann man sich seinen Gedanken hingeben. Ohne ihn wäre es der Horror schlechthin hier draußen.

Stück für Stück hat die Natur auf dieser Reise die Zügel angezogen. Mehr als 3000 Kilometer sind wir gefahren, 2100 Kilometer sind es noch bis zum Pol – hier müssen wir aufgeben. Von der Überheblichkeit westlicher Großstädte haben wir uns hierher vorgearbeitet, wo die wenigen Sonnenstunden den Tag bestimmen, die Felsen den Straßenverlauf vorgeben, der Winter die Zugänglichkeit überhaupt regelt. Der Tag gehört nicht uns; unsere Vorhaben werden von außen begrenzt.

Glauben wir daheim, Wetter und Umwelt ignorieren zu können, so überlebt in diesen Breiten, wer sich mit der Natur arrangiert. Mit etwas Geschick kann man mit ihr bestehen, niemals gegen sie. Die Fronten haben sich im Laufe dieser Fahrt allmählich verkehrt, und wenn irgendwo die Anwesenheit eines überirdischen Geschenkboten wahrscheinlich ist, dann hier in einem Reich, wo Menschen noch leben können, aber längst nicht mehr das Sagen haben.

Allein schon die Tatsache, dass und wie wir der Magie von Orten nachspüren, sagt einiges darüber aus, dass wir trotz all unserer Erkenntnis noch immer nach etwas Jenseitigem suchen. Nein, für mich und all die Touristen, die Jahr um Jahr diesen Felsen besuchen, ist es eben nicht nur ein Stein im Meer. Es gibt eine seltsame Magie der Orte, die wir erleben wollen. So, wie wir auf eine Mole gehen und uns ganz vorn mitten im Meer fühlen. Das Nordkap als Mole im ewigen Eis oder gar als Ausguck in die schauerliche, menschenfeindlich Kälte des Alls.

Es war eine Spurensuche nach einem Mythos, den wir nach Tausenden Jahren Menschheitsentwicklung ganz offensichtlich noch immer brauchen, sonst hätten wir ihn nicht erfunden, liebevoll ausgeschmückt und gepflegt. Je näher wir den ungemilderten Extremen unseres Planeten kommen, desto intensiver ahnen wir, warum wir noch immer Halt suchen in Geschichten, die nicht so gnadenlos sind wie die Realität.

So gesehen gehören Christus und der Weihnachtsmann zur gleichen Familie der Tröster und Hoffnungsspender. Und zu uns, zur Menschheitsfamilie gehören sie sowieso. Womit würden sie sich schließlich beschäftigen, wenn es uns nicht gäbe? Am Ende bleibt die Kernfrage aller Religionswissenschaft, ob wir diese Glaubenswelt erfunden haben, weil unser schwacher Geist sie braucht, oder ob wir in diesen Gestalten etwas benennen und mit Bildkraft versehen, dessen Existenz wir tatsächlich erspüren.

Wirklich klären konnte ich dieses Rätsel auch am nächsten Morgen nicht, als ich in der Dämmerung noch einmal hinauf fuhr zum Kap, um übers endlose Wasser gen Norden zu sehen. Leuchtend rot kündigte sich im Osten die Sonne an. Allein war ich noch immer auf dem Fels. Dieser Blick war die Reise wert. Und heute Abend werden wir es ja sehen, ob ER kommt.

Teil 20: Die letzten Meter

Dezember 22, 2011

HONNINGSVÅG Kilometer 3321: Bis hierher, dem letzten Ort am Fuße des Kaps, war es nur einsam, jetzt wird es verwunschen. Laternen schütten ein rötliches Licht über die Straßen. Seltsame Industrieanlagen zeichnen sich geheimnisvoll in der Finsternis ab. Nur der Hafen ist hell genug erleuchtet, um als sicherer Ort zu gelten. „Das ist hier wie Winterschlaf“, sagt die Frau im einzigen noch offenen Hotel am Ort. „Mittags kommen die Leute von den Dampfern der Hurtigrute, dann ist etwas Leben in Honningsvåg.“

Mit Bussen fahren sie hoch zur Nordkap-Halle, blicken kurz in den Nebel, der um diese Jahreszeit vorherrscht und setzten wieder zu ihren Schiffen über.

„Da oben“, sagt sie, „ist jetzt kein Mensch mehr.“ Es klingt wie eine Warnung. Niemand fährt um kurz nach 18 Uhr noch hoch zum Kap. Aber ich bin nicht den ganzen Tag gefahren, um kurz vor dem Ziel aufzugeben. 25 Kilometer sind es vom Ort bis zur Nordspitze Europas. Entschlossen lege ich den Gang ein und höre die Split-Steinchen im Radkasten prasseln.

Einige Serpentinen geht es steil nach oben auf das Hochplateau. Dann führt die Straße ins schwarze Nichts. Ein Fuchs trollt sich aus dem Lichtkegel, dann ist wieder alles kahl, eisig und einsam.

Der Weg zieht sich durch eine baum- und landschaftslose Ebene. Es ist wie in diesen Filmen, wo nach einer letzten verzauberten Strecke eine andere Welt beginnt. Narnia, Xanadoo, Nirwana. Der Verstand treibt seltsame Blüten, wenn er sich verloren und ausgeliefert fühlt. Irgendwo muss das Tor kommen, hinter dem das Ziel dieser Reise liegt. Das Schild mit den Eintrittspreisen (200 Kronen) vertreibt jenseitige Phantasien. Ganz normal, ganz irdisch: Vor mir liegt das Nordkap.

Teil 19: Einsamkeit auf dem Weg

Dezember 21, 2011

ALTA Kilometer 3112: Hinter Alta geht es wieder über eine Hochebene. Am Morgen habe ich mich von den Huskies verabschiedet und verstanden, warum Björn Klauer sich trotz Kälte und Dunkelheit hier kurz vor dem Ende der Welt niedergelassen hat. Als ich am Vorabend ankam, gab es nur das Blockhaus und den fahl beleuchteten Hof. Am Morgen sah man das Tal mit den Bergen dahinter, den See bei der Farm, und es gibt wohl wenige Menschen, die sich von dieser Natur nicht in den Bann ziehen lassen.

Jetzt ist es schon wieder Nachmittag, dunkel, und die mit tiefen Eisrinnen überfrorene Straße existiert nur als wandernde Lichtschneise vor meinen Scheinwerfern. Von drei Seiten umlagert mich die Finsternis. Ein eisiger Sturm versucht, den Wagen aus der Bahn zu drücken. Immer wieder wirft sich eine unsichtbare Wucht seitlich gegen das Gefährt. Trockener Schnee stiebt in staubigen Kristallen sogleich von der Piste. Am Ende der Strecke schmerzen meine Arme, so sehr habe ich mich am Lenkrad verkrampft – aus Angst, es könnte dem Unsichtbaren gelingen, mich ins Abseits zu drängen.

In einem kleinen Fischerdorf biegt die Europastraße Nummer 6 dann auf die letzten siebzig Kilometer nach Norden ab. Die Scheinwerfer wandern über Stockfisch, der auf Gestellen neben der Straße hängt, dahinter schäumt das Meer im Dunkeln. Die Fahrbahn ist von hier an komplett in den Fels geschlagen oder führt auf dem Geröllstreifen zwischen Wasser und Berg entlang, so dass Beifahrern nicht ganz wohl wäre beim Blick über die Leitplanke.

Jetzt, allein und bei Nacht ist es vor allem die Einsamkeit, die mitreist. Je weiter man das Dorf hinter sich lässt, desto bewusster wird einem, dass man auf sich allein gestellt ist. In welche Richtung man auch liefe, niemand nirgends. Nur Wasser und Stein. Allein das Handy könnte helfen. Aber wen sollte man anrufen? Den ADAC? Die Auskunft zu Hause? Man wüsste nicht einmal die norwegischen Notrufnummern. Macht nichts, mein Akku ist ohnehin leer. Im Auto könnte ich schlafen; immer wieder den Motor anlassend, um ein wenig zu heizen. Immerhin habe ich noch einen Kanister Diesel dabei.

Es ist seltsam, dass ich vermutlich gerade dieses Gefühl gesucht habe: Draußen sein, weit weg, frei, ausgeliefert einer feindlichen, rauhen Umgebung und doch auch eins mit ihr. Ohne die Stadt und ihren Festtagstrubel, ohne die anderen, ganz bei sich selbst. Ein Ausbruch, der nicht Angst macht, sondern die ursprünglichen Dinge bewusst. Wind, Nacht, Kälte, sich selbst. Einsamkeit statt Ablenkung, und vielleicht weist all dies gerade auf die Weihnacht zurück.

Einsamkeit ist wohl eines der stärksten Argumente für Weihnachten. Ein Fest gegen das Alleinsein – gegen das Alleinsein des Menschen und der Menschheit. Gottes Sohn kommt mit froher Botschaft zu Hilfe und aus der kalten Gegenrichtung ein Mützenmann, der mit Geschenken aufmuntert. Weihnachten gegen die Einsamkeit, und wo denn einer tatsächlich zu Weihnachten einsam ist, ist das Alleinsein der wohl ärgste Feind dieser heiligen Nacht. Denn eigentlich dürfte das gar nicht sein: Einsamkeit zu Weihnachten, Einsamkeit an jenem Fest, das die Gemeinschaft des Menschen mit einem gütigen Schöpfer feiern will.

Ob man in der Polarnacht nur klarer sieht? Oder auch klarer fühlt?

Teil 18: Heulende Huskies

Dezember 20, 2011

INNSET Kilometer 2656: Die Schlinge meiner Indizienkette zieht sich noch enger zusammen. Auch dem Schlitten bin ich auf die Spur gekommen. Auf Björn Klauers Huskyfarm hängen sie hübsch ordentlich aufgereiht gleich zu mehreren an der Wand. „Nein“, lacht er, natürlich habe er noch nicht darauf geachtet, ob am Heiligen Abend vielleicht einer fehlt. Auch hat er keine Abmachung mit einem gewissen Ruprecht oder Claus.

1984/85 war Björn Klauer einfach mal weg. 3500 Kilometer ist er von Oslo zum Nordkap gelaufen, richtig zu Fuß, allein mit einem Zelt und zum Schluss mit einem Husky, der ihm half den Schlitten zu ziehen – vom Nordkap in östlicher Richtung nach Kirkenes an der Russischen (damals Sowjet-) Grenze. Damals hat er sich in diese Landschaft verliebt. „Für mich war klar, dass ich nicht wieder nach Deutschland zurück wollte“, sagt er. Nördlich von Narvik, nicht weit vom Nordkap entfernt, kaufte er sich einen alten Hof, ließ sich nieder und bietet heute Touren mit dem Hundeschlitten an (www.huskyfarm.de).

Knapp 70 Hunde warten hinter dem Blockhaus und werden schon unruhig, wenn sie nur die Schlitten sehen. Huskies wollen laufen. Die Tour mit dem Schlitten ist ihre Jagd, das Futter hinterher die Beute. „Und was ist mit Rentieren?“, hake ich knallhart nach. Nein, zum Chef-Logistiker des Weihnachtsmanns will sich Björn Klauer partout nicht machen lassen. Der solle mal schön bei seinen Traditionen bleiben, so wie der Auswanderer und Wahl-Norweger Weihnachten ausnahmsweise mit Baum und Geschenken feiert wie in Deutschland. Märchenmänner müssen verlässlich sein, meint der Mann, der seinen Lebenstraum hier oben verwirklicht hat. Wenn es um sein Kerngeschäft geht, will Klauer aber dann doch auf ein Mobilitätsproblem beim Schlitten-Vertrieb der Geschenke hinweisen.

Ohne rechthaberisch klingen zu wollen: „Bei dem Pensum, das der gute Weihnachtsmann in der einen Nacht zu erledigen hat, müsste er eigentlich Huskies anspannen“, sagt Klauer. Die Hunde ziehen als Fleischfresser mehr und länger als die niedlichen Rentiere. „Hunde haben einfach bessere Eiweiß-Reserven. Alle großen und erfolgreichen Expeditionen haben Huskies benutzt“, sagt der Experte.

Aber in dieser Hinsicht ist der alte Weißbart wohl ziemlich beratungsresistent. Und ob es auch rotnasige Huskies gibt, ist auch noch nicht sicher. Jedenfalls müsste da einiges umgeschrieben werden, wenn die tapferen Zugtiere künftig Lassie, Cox und Pascha hießen…

Teil 17: Mein Auto und ich – wir beiden Quatschtanten

Dezember 19, 2011

SETERMOEN |         Weil kaum      jemand unterwegs ist, kann man meist aufblenden. Die Motorhaube frisst die eisige Piste unermüdlich in sich hinein, während drinnen das Cockpit mit seinen Anzeigen und Schaltern leuchtet wie ein Linienjet. Es ist nicht romantisch. Nur einsam. Spätestens an diesem Teil der Reise beginnt man, mit sich selbst zu sprechen. „Holla, da könnten wir womöglich bis um sechs in Narvik sein.“

 Keine Antwort. Und wer ist eigentlich wir? Das Auto und ich, wir beiden Quatschtanten. Die ständige Dunkelheit verhindert größere Ablenkung durch die grandiose Landschaft, zwingt, die Konzentration auf die Straße zu richten, und selbst wenn es hell ist, darf man keinen falschen Blick zur falschen Zeit riskieren. Nur nicht ins Träumen geraten.

 Obwohl das Auto vergleichsweise mitteilsam ist: Wenn ich durch den Bordcomputer zappe, erzählt es mir ausführlich, wie es ihm geht. Tempe- raturen, Momentanverbräuche, Durchschnittsgeschwindigkeit – vom Navi, der alten Plaudertasche, ganz zu schweigen. Dessen Ansage habe ich abgeschaltet. Wenn ich ständig Befehle mit gereiztem „Bitte“ garniert haben wollte, hätte ich auch zu Hause bleiben können. Es ist ein rasender Autisten-Job, eine sitzende Tätigkeit mit Ortswechsel, bei der man vermutlich irgendwann das Hirn auf „Standby“ schaltet.

 Vor der Reise hatte ich an Kowalsky gedacht –K-O-W-A-L-S-K-Y. Kowalsky, der damals im Kino einen 70er Dodge Challenger in fünfzehn Stunden von Denver nach San Francisco bringen wollte. „Grenzpunkt Null“ hieß der Streifen im Osten, „Fluchtpunkt San Francisco“ im Westen, und Barry Newman scherte sich darin einen Teufel um Bullen und Geschwindigkeitskontrollen.

 Letzteres kann man in Skandinavien nicht wirklich empfehlen, es sei denn, man wollte sich am Ende der Tour wieKowalsky ebenfalls mit großer Geste in die Luft jagen. Jedenfalls ist das hauptamtliche Sitzen im Auto nicht halb so aufregend, wie es im Film erscheint. Nicht einmal die Peitsche schwingen und „Ho, ho, ho“ rufen kann man.

 Immerhin habe ich gelernt, dass man ganztägiges Fahren trainieren kann. Nach einigen Tagen hat das Steuern zwischen Seiten- und Mittellinie nichts Ermüdendes mehr. Am Abend gibt es nichts zuverpassen. Unterkunft suchen, schreiben, norwegisches Fernsehen.

Vielleicht hängt auch das mit der anderen Geschwindigkeit zusammen, die hier gefahren wird. Man brettert haltnicht öde über eine Autobahn, sondern arbeitet sich an einer Landschaft mit Bergen, Kurven, Eis und Rentieren ab. Zweifellos die interessantere Art zu reisen.

Teil 16: Bescherungstraining im Dunkeln

Dezember 18, 2011

BOGNES Kilometer 2449: Irgendetwas blinkt in der Dunkelheit und macht sie noch rätselhafter. Ohne Licht fehlen alle Koordinaten. Wie weit, wie hoch, was überhaupt – das Blinken bleibt ein Rätsel. Selbst das Navi hat sich geweigert nach Bognes zu fahren, weil die ansonsten allwissenden Geräte immer erst nach einem Landweg suchen. Der nach Narvik hätte allerdings über Schweden geführt und wäre gut 500 Kilometer länger gewesen. Mein Wille ist geschehen und hat uns zu der Fähre geführt, die jetzt einfach in die Nacht hinein fährt.

Nichts leuchtet am anderen Ufer. Kaum heben sich die Silhouetten von Bergen vor dem Nachthimmel ab. Ein eisiger Wind fegt über Deck, und vor uns nichts als schwarzes Wasser. Ob es ein Scherz der Crew ist, eine Mutprobe oder Rücksicht auf seltene Grottenolme – erst im letzten Augenblick flackert drüben ein grünes Lämpchen an einem unbeleuchteten Pier auf. Wenn der weihnachtliche Ein-Mann-Zustelldienst trainieren muss, dann gibt es zweifellos keinen besseren Ort als Nordnorwegen.

Nicht, dass die Nacht hier schwärzer wäre als anderswo, sie ist nur sehr viel länger. Gegen zehn Uhr am Vormittag quält sich ein roter Ball über die Berge und verabschiedet sich um 14 Uhr nach kurzem Gastspiel im Westen wieder. Nimmt man großzügig die kurze Dämmerung hinzu, hat der helllichte Tag in dieser Jahreszeit rund sechs Stunden.

Gern hätten wir Narvik bei Lichte besehen, aber es war leider schon dunkel. In Alta war es noch nicht hell. Fotos bei Tageslicht sind reine Glückssache, der frühe Nachmittag fühlt sich nach Feierabend an, und wenn man vier Stunden durch die Nacht gefahren ist, kommt gerade das Sandmännchen. Mag sein, dass man noch Herr über seine Zeit ist, über den eigenen Tag herrscht hier die Nacht. Oder lassen sich die Norweger womöglich Licht-Rücklagen aus den extra-langen Sommernächten im Winterhalbjahr wieder auszahlen?

 

Teil 15: Rudolph und seine Freunde

Dezember 17, 2011

MITTEN IM WALD Kilometer 2218: Da sind sie endlich. Ich habe es immer gewusst, allen Spöttern zum Trotz. Ein erster wichtiger Zeuge in Sachen Weihnachtsmann ist gefunden: Rentiere. Da stehen sie friedlich mitten auf der Straße, ein Hirsch, vier Kühe. Kein Zoo, kein lappländischer Züchter in der Nähe, einfache, majestätische Tiere, die allerdings dann doch wieder im Wald verschwinden ehe ich sie fragen kann, wie sie den letzten Heiligen Abend verbracht haben. Wenn es so weitergeht, finde ich morgen den Schlitten, übermorgen die ersten Geschenke und dann bleibt eigentlich nur noch ER…

Aber gemach. Die gutmütigen Tiere werden uns noch öfter auf der Reise begegnen, zufrieden am Straßenrande äsend, friedfertig über die Fahrbahn trottend oder am Strick eines Samen in der Finnmark, der mit seinem Quad nebenher fährt. Wer genau sie mit Weihnachtsmann-Santa-Claus-Ruprecht in Verbindung gebracht hat, ist bis heute nicht ganz geklärt. In einem anonym veröffentlichten Gedicht von 1823 (The night before Christmas) kommen sie zu ersten Mal vor. Manche schreiben den Text Clement Clarke Moore zu, andere Henry Livingston Jr. – beides ist nicht gewiss.

Fest steht allerdings, dass es sich um einen persönlichen Vertrauten und intimen Kenner des bärtigen Alten und seiner Wirtschaft handeln muss. Schließlich nennt er die Tiere sogar beim Namen: Dasher, Dancer, Prancer, sollen sie heißen; die anderen Vixen, Comet, Cupid, Donner und Blitzen. „Rudolph“ kam erst gut ein Jahrhundert später dazu und wird von einem gewissen Robert L. May 1939 erstmals in einem Gedicht erwähnt. Johnny Marks steuerte später das Lied über den rotnasigen Rudolph bei.

Meine Rentiere waren klug genug, sich durch keinen dieser Namen rufen zu lassen. Oberste Dienstpflicht: Verschwiegenheit.

Teil 14: Es pfeift und faucht ohn‘ Unterlass

Dezember 16, 2011

LONSDALEN Kilometer: 2105. Der Polarkreis, was immer man sich darunter vorgestellt haben mag, kommt eher unspektakulär daher. Jedenfalls stehen keine Iglus am Eingang. Ein Pfahl mit einer angedeuteten Erdkugel markiert den Punkt, ab dem die Nacht am Tag der Sommersonnenwende ausfällt. Den tatsächlich igluähnlichen Souvenir-Shop auf dem Rastplatz hat es kalt erwischt – nach dem Ende der Sommer-Saison kommen hier nur noch Freaks, Verrückte und Trucker vorbei, hat die Wirtin in der letzten Pension erzählt. Wozu sie mich zählte, hat sie nicht gesagt.

Eine unwirkliche Atmosphäre liegt über der Hochebene. Das Pfeifen des Windes klingt wie eine Hoheitshymne. Eisige Einsamkeit. Hin und wieder donnert ein Truck heran und verschwindet auch wieder. Während ich vorsichtig der Schneise zwischen den roten Markierungsstäben folge, verblüfft mich immer wieder die scheinbare Sorglosigkeit, mit der sie zwanzig Tonnen um vereiste Kurven jonglieren.

Ich gönne mir eine kurze Pause, um den Schnee zu riechen und die Stille zu hören. Der erste Fuß, den ich aus der Autotür setze, fährt augenblicklich gegen meinen Willen davon. Ich krache auf den Rücken und liege unter der Fahrertür: Fein poliertes Eis als Fahrbahn. Wo sich die Winterreifen angesaugen und von der Traktionskontrolle auf Kurs gehalten haben, komme ich kaum wieder auf die Beine.

Über der leeren Hochebene pfeift es. Der Wind treibt weiße Schlieren über das Plateau. Für diesen Moment hat es sich gelohnt, losgefahren zu sein. Abgrundtief ist die Frustration darüber, ihn nicht festhalten zu können. Trotz der bizarren Schönheit oben haben die bewaldeten Uferstraßen an den Seen unten doch auch ihren Reiz: Die Reifen greifen wieder.

Die Zeit sitzt mir im Nacken, und der Wechsel von Temperaturen, Landschaften, Vegetation und Licht ist so atemberaubend, so atemlos, dass man sich erst abends mit etwas Ruhe des unglaublichen Reichtums bewusst wird. Ein Tag in dieser Gegend reicht unter normalen Umständen für drei Wochen Entdecker-Urlaub. Überhaupt deckt eine Stunde Autofahren in Nordnorwegen den Panoramen-Bedarf eines mitteleuropäischen Durchschnitts-Romantikers für mehr als ein Jahr. Spätestens dann will er wieder hier hin.

Und Weihnachten? Nein, dass es keine alberne Reise auf den Spuren des Weihnachtsmannes werden würde, wusste ich schon vorher. Eher eine Reise auf der Suche nach dem ursprünglichen, dem wahren Weihnachtsgefühl. Und da glaubt man sich an diesem vereisten und vereinsamten Tor zur Polar-Welt auf seltsame Weise ein Stück näher gekommen zu sein. Das endlose Weiß sieht nach Stille aus und pfeift und faucht doch ohne Atempause.

Ich habe Glück, dass es gerade hell ist, als ich den Polarkreis passiere. Doch obwohl man weit über die Ebene blicken kann, ist es ein mulmiges Gefühl. Kleine Wölkchen vom laufenden Motor steigen hinter der Heckscheibe hoch, und man muss nicht all zu viele Horrorfilme gesehen haben, um bei dem Gedanken zu schaudern, dass der Wagen jetzt liegenbliebe. Oder einfach losführe, während ich draußen im Schnee meine Hände rot grabe.

Es ist fremd und fern hier, vielleicht gerade wegen der Laster, die von Zeit zu Zeit vorüberdonnern. Fast kann man das Raunen aus den Bergen hören: „Von hier an wirst du allein sein. Wenn du tust, was wir befehlen, wirst du eine Chance haben…“ Entweder der Fahrtenkoller oder der Eingang zu einem Land, wo tatsächlich die Steine zu uns sprechen. Weißer Schnee, seltsame Fabeln, die hinter den Schatten hocken: Hier, wo gerade keine Spuren sich in der weiten Kristallebene verraten, muss der Weg Richtung Weihnachten entlang führen. Zumindest erscheint mir das auf einmal ziemlich plausibel. Wo, wenn nicht hier? Weiter geht’s.

Teil 13: Eisige Landschaften

Dezember 15, 2011

MO I RANA  Je weiter es nördlich geht, desto stärker schwanken die Temperaturen. In See- und Fjordnähe liegen sie knapp über Null, kommt man höher oder ins Hinterland, sacken sie im Minutentakt in den Keller. Der Temperaturfühler im Tacho ist das einzige Indiz dafür, ob die Nässe auf der Fahrbahn schon Eis ist oder noch Wasser. Eine wirklich verlässliche Hilfe ist er nicht, denn selbst bei deutlichen Plus-Temperaturen meldet sich mitunter das Anti-Blockiersystem mit leisem Knarren zu Wort. Was bleibt, ist langsames und vorsichtiges Fahren.

Gesetzte Etappenziele werden so Makulatur. Nicht meine Planung ist entscheidend, sondern das, was das Wetter und die Straße hergeben. Die Natur teilt mir meine Strecke zu: Mein Wille verwehe in den eisigen Weiten. Überhaupt ist das Gesetz der Straße hier ein anderes als daheim. Das alte Spiel „Wer bremst, hat verloren“ hat hier in ganz anderem Sinne seine Richtigkeit: Wer so schnell fährt, dass er am falschen Ort bremsen muss, hat verloren. Und zwar ziemlich endgültig.

Der richtige Wintereinbruch kommt spät in diesem Jahr. Im Hinterland hat es seit Anfang November geschneit, aber so richtig heftig ist es bislang nicht gekommen. Sonst wäre diese ganze Tour nicht zu schaffen gewesen. Mit einem feierlichen Torbogen wird man in „Nordnorwegen“ begrüßt. Was das genau heißt, erfahre ich im Wortsinne einige Kilometer hinter Mo i Rana. Dort geht es steile Strecken auf die Lonsdalen-Hochebene hinauf. Die Straße sei „frei“, heißt es unten auf einer Anzeigetafel. Allein schon der Hinweis macht stutzig.

Plätze zum Kettenanlegen zeigen, woher der Wind weht. Schon der Aufstieg ist tief verschneit. Die Fahrbahn ist eine geschlossene Eisdecke und ohne Allrad-Antrieb kaum zu bewältigen. Sozusagen mit Ansage beginnt die Eiszeit. Eine berauschende Pracht in Weiß bietet sich oben. Weite, Eis, verfrierende Gesichtszüge und die falsche Kleidung aus dem Flachland – wenigstens der Polarkreis hält in Zeiten des Klimawandels, was er verspricht.