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Wie Dr. Lammert noch rechtzeitig vor der Wahl das Parlament rettete

März 23, 2017

Es ist schon bemerkenswert, mit welcher Unverfrorenheit selbst gestandene Parlamentarier gut fünf Monate vor der Bundestagswahl zu Geschäftsordnungstricks greifen, um einen missliebigen Alterspräsidenten zu verhindern. Lange wurde von den großen Fraktionen nach einem Abgeordneten gesucht, der AfD-Vize Alexander Gauland (76) im Falle seines Einzugs in den Bundestag ausbremsen könnte.

FDP-Urgestein Hermann-Otto Solms ist einige Monate älter als Gauland. Aber seit die Umfragewerte der FDP sich von oben herab wieder auf die 5%-Hürde zubewegen, ist das den Fraktionsspitzen offenbar zu unsicher. Sogar der Chef der Senioren Union Prof. Otto Wulff (84) war schon im Gespräch als Gauland-Konter, hat aber offenbar keinen Wahlkreis gefunden. Nun ist mit dem niedersächsischen Vertriebenen-Politiker Wilhelm von Gottberg ein weiterer AfD-Senior aufgetaucht, der mit abenteuerlichen Sprüchen zum Holocaust aufgefallen ist und gute Chancen hätte, die erste Rede im nächsten Bundestag zu halten.

Um es in aller Klarheit zu sagen: Niemand will einen Holocaust-Leugner, verkappten Nazi oder Revanchisten am Rednerpult des Bundestags sehen. Wenn es darum geht, einen bestimmten, untragbaren Redner zu verhindern, hilft eine offene Debatte, in der man die skandalösen Wortmeldungen des Betreffenden ans Licht bringt und ihm in aller Offenheit das Rederecht verweigert. In solchen Situationen stehen Demokraten in diesem Land noch immer verlässlich zusammen. Was nicht geht, ist ein heimliches Foulspiel, bei dem die ertappten Rechtsstaatler am Ende dem Düsterkopf auch noch einen Punktsieg zuschieben.

Bundestagspräsident Norbert Lammert zum Beispiel ist da auf eine Idee gekommen: Alterspräsident soll nicht mehr der nach Jahren Älteste sein, sondern der am längsten im Bundestag Sitzende.

Nach 68 Jahren parlamentarischer Praxis fällt wenige Monate vor der Wahl auf, welch schlimme Gefahren die bisherige Regelung birgt. O-Ton der Pressemitteilung:

„Künftig soll nicht mehr der lebensälteste, sondern der dienstälteste Abgeordnete Alterspräsident des Parlaments bei dessen konstituierender Sitzung sein, also der Abgeordnete, der dem Deutschen Bundestag am längsten angehört. Das hat Bundestagspräsident Norbert Lammert heute dem Ältestenrat des Bundestages vorgeschlagen. Damit soll sichergestellt werden, dass ein Parlamentarier die erste Sitzung des neugewählten Bundestages leitet, der über ausreichende einschlägige Erfahrungen verfügt. Bei der derzeitigen Rechtslage bleibe es dem Zufall überlassen, wer Alterspräsident werde; nicht auszuschließen sei etwa, dass ein neugewählter Abgeordneter ohne jegliche Erfahrung in der Leitung von Versammlungen oder Sitzungen als Lebensältester in die Situation komme, die konstituierende Sitzung des größten und wichtigsten deutschen Parlaments zu leiten. Das sei mit dessen Bedeutung nicht vereinbar.

Unter mehreren Abgeordneten mit gleichem „Dienstalter“ soll gegebenenfalls wiederum der lebensälteste zum Zuge kommen. Eine entsprechende Regelung ist bereits 1992 im schleswig-holsteinischen Landtag eingeführt worden. Lammert bat die Fraktionen des Deutschen Bundestages darum, sich mit seinem Änderungsvorschlag für die Geschäftsordnung zu befassen.

Der Alterspräsident hat nach der Geschäftsordnung des Bundestages die Aufgabe, in der ersten Sitzung des Parlaments den Vorsitz zu führen, „bis der neugewählte Präsident oder einer seiner Stellvertreter das Amt übernimmt.“ Zudem hat er nach der Geschäftsordnung in dem bislang nicht praktisch gewordenen Fall die Plenarsitzungen zu leiten, wenn Präsident und Stellvertreter gleichzeitig verhindert sind.“

Das ist weder souverän, noch plausibel. Es ist einfach nur Erbärmlich.

Als 1994 der Schriftsteller Stefan Heym für die PDS (heute Linke) den Bundestag eröffnete, entstand ganz offensichtlich trotz seiner mangelnden Parlamentsroutine kein Schaden für die Demokratie. Vier Jahre später eröffnete wiederum für die Linke ein gereiftes Greenhorn  (Fred Gebhardt) die 14. Wahlperiode des Deutschen Bundestags. Und just im März 2017 fällt dem Bundestagspräsidenten auf, dass derart unhaltbare Zustände sich nicht wiederholen sollen.

Es ist ausgerechnet jener Norbert Lammert, der sich auf seine unbestechliche, überparteiliche Amtsführung immer viel zu Gute hielt. Jener Dr. Norbert Lammert, der über „Organisationsstrukturen im Willensbildungsprozess politischer Parteien“ promovierte und genau weiß, was er tut: Mit einem Geschäftsordnungstrick demokratische Gepflogenheiten aushebeln, dass jeder AStA-Chef 1968 laut applaudiert hätte.

Wer die Rede von Alexander Gauland, Gottberg oder sonstwem verhindern will, der kämpfe mit offenem Visier. Dafür wurden Demokratien gemacht. Aber wenn Demokraten im Namen der Demokratie die Demokratie austricksen wollen, beerdigen sie sie und stärken deren Gegner. Man könnte meinen, sie legten es darauf an.

Was gibt es da zu prüfen?

Dezember 19, 2016
Auswandern ist eine echte Option. Oder muss ich mich tatsächlich von einem Senat regieren lassen, der erstmal kein grundsätzliches Problem damit hat, einen Stasi-Staatssekretär ins Beamtenverhältnis zu berufen. Allein das wäre Skandal genug. Dann stellt sich heraus, dass Gentrifizierungskritiker Andrej Holm auch noch einige Erinnerungslücken hat, die der Chefredakteur des Tagesspiegel, Lorenz Maroldt so beschreibt:
„Auf alle vier Fragen zur Stasi hatte Holm 2005 in seinem Zusatzbogen falsch geantwortet. Er verneinte 1) eine Tätigkeit für das MfS, obwohl es sie gab, 2) Geld vom MfS erhalten zu haben, obwohl er welches bekam, 3) eine Verpflichtungserklärung des MfS unterschrieben zu haben, obwohl er das tat – und 4) stimmten auch seine Angaben zum Wehrdienst nicht. Holm erklärt das mit Erinnerungslücken.“
Mit wachsendem Abstand zur DDR scheint die Dreistigkeit ihrer Parteigänger zu wachsen. Zum Quadrat. Nun soll die Personalie noch einmal geprüft werden.
Was gibt es da eigentlich zu prüfen?
Nicht einmal das Bundesamt für Abfall- und Kreislaufwirtschaft würde einen solchen Bewerber einstellen. Muss man sich also von so einem regieren lassen?
Man muss es nicht!

Postfaktisch ist faktisch Unsinn

Oktober 15, 2016

Gerade Politessen verzweifeln ja oft am Postfaktischen. Die Faktenlage ist klar: Parkverbot. Und trotzdem stehen immer wieder Autos am falschen Ort.

Schlimm!

Aber sonst ist das modische Klagen über ein jäh heraufgezogenes „postfaktisches“ Zeitalter schlichtweg Unfug. In Wahrheit ist das „Postfaktische“ lediglich eine Chiffre für das Unvermögen politmedialer Eliten, die abweichende Stimmungs- und Meinungslage anderer Bevölkerungsschichten zu verstehen oder gar zu akzeptieren. Nur die eigene Sicht gilt als Faktum, was andere denken, geht bestenfalls als (falsches) Gefühl durch.

Wie bei der Politesse: Parkverbot ist Fakt. Rasch vor Ladenschluss noch zur Apotheke, quengelnde Kinder, schwere Taschen, brummender Schädel… sind eigentlich auch Fakten, gelten aber nicht. Die Rechtslage ist eindeutig.

Doch in der Politik ist die Sache komplizierter. Der Versuch, die Realität in richtige Fakten und falsche Gefühle einzuteilen, führte zum Beispiel zu dem drolligen Auftritt der Kanzlerin nach der verlorenen Landtagswahl in Berlin:

„Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sie folgen allein den Gefühlen.

Und das Gefühl einiger geht so: Ich triebe unser Land in die Überfremdung, Deutschland sei bald nicht mehr wiederzuerkennen, und nun wäre es unlogisch, dies mit Fakten zu kontern, auch wenn ich – dafür kennen Sie mich ausreichend – sofort in der Lage wäre, das herunterbeten zu können. Ich will dem also meinerseits mit einem Gefühl begegnen: Ich habe das absolut sichere Gefühl, dass wir aus dieser zugegeben komplizierten Phase, besser herauskommen werden, als wir in diese Phase hineingegangen sind.“

Eine Regierungschefin, die ihr eigenes Gefühl zur Überzeugung von Kritikern benutzen will – das ist nicht nur für die nüchterne Rationalistin Merkel untypisch, es ist auch gaga. Regierungen werden nicht dafür gewählt, Gefühle zu äußern, sondern um Entscheidungen zu treffen. Dass dabei und bei der Beobachtung von Politik immer auch Gefühle im Spiel sind, versteht sich von selbst. Trotzdem wäre es mehr als erstaunlich, wenn draußen im Lande ein Wähler sich davon überzeugen ließe, dass die Kanzlerin ein „absolut sicheres Gefühl“ für irgendetwas hat. Kann man mal probieren, sollte aber nicht zur Regel werden.

Tatsächlich steckt hinter der postfaktischen Debatte das Unvermögen von Politik und Teilen der Medien, die Meinungen gegnerischer Lager als Faktum zu akzeptieren. Die Bundesregierung argumentiert beispielsweise immer wieder „faktisch“ damit, dass ja jetzt viel weniger Flüchtlinge kämen, die Kanzlerin spricht inzwischen auch von „illegaler Migration“ und schert nicht mehr alles über gleichen Asyl-Kamm. Soll heißen: Wir haben das Problem erkannt. Es kommen jetzt weniger, euer Problem ist gelöst. Was wollt ihr noch? Nur ist die Ansicht, die Entscheidungen vom Herbst 2015 für einen zutiefst verstörenden Kontrollverlust der Politik und unverzeihlichen Fehler zu halten, eben auch ein Faktum und kein irregeleitetes Gefühl.

Was sich in sinkenden Umfragewerten der großen Parteien und stabilen Zahlen der AfD zeigt, hat auch damit zu tun, dass viele offenbar den Weg in ein Deutschland mit immer stärker werdender muslimischer Minderheit nicht mitgehen wollen. Andere alltagspolitische Verdrüsse kommen hinzu. All das mag man für unbegründet oder falsch halten, es bleibt aber ein Fakt, mit dem sich Politik auseinandersetzen muss. Denn zu allem Überfluss darf das Volk, anders als beim Falschparken, beim „Falschmeinen“ seine Politessen selber (ab)wählen.

Der vermeintliche Alleinvertretungsanspruch für die Fakten ist deshalb nicht nur eine neue Stufe elitärer Selbstüberhebung und Abgehobenheit, sondern auch ein gefährlicher Irrweg, den zu denken, man schnell aufgeben sollte. Das Volk stört beim Rechthaben und bekommt von den Fakten-Freunden nur begrenzte rationale Zurechnungsfähigkeit bescheinigt. Viel wichtiger wäre es, sich endlich die gar nicht neue Erkenntnis noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, dass auch Meinungen Fakten sind. Zuweilen sehr harte.

Ein gutes Beispiel bietet meine eigene Branche, der Journalismus. Wie oft Donald Trump von Beginn des US-Wahlkampfes an für chancenlos erklärt worden ist, lässt sich kaum noch zählen. Von den ersten Auftritten bis jetzt kurz vor der Wahl rechneten Kommentatoren und Reporter damit, dass er doch nun endlich abstürzen werde. Letzte Schlagzeilen: „Stürzt er jetzt über seine Steuerakte?“ Etwas später „Stürzt er jetzt über seine Sex-Manieren?“ Bislang stürzte er nicht. Wenn ich aber mit meinen Analysen immer wieder falsch liege, müsste ich eigentlich irgendwann zu der Erkenntnis kommen, dass mein Messinstrumentarium nicht funktioniert. Offenbar geht es den Anhängern nicht um die Dinge, die mir als Reporter wichtig sind, sondern um etwas ganz anderes. Das ist Fakt. Die 20. Wiederholung des Vorwurfs, Trump lüge, 8 von 10 Fakten stimmten bei ihm nicht, er habe kein Benehmen… ist zwar faktisch richtig, erklärt aber nichts und führt zu falschen Schlüssen. Was mache ich also als Beobachter falsch?

Nichts, meinen viele Berichterstatter bis heute, machen einfach weiter und erklären die Wähler von Rechtspopulisten kurzerhand zu Postfaktikern, die nicht mehr erreichbar sind. Das ist der leichteste Weg, aber auch der anspruchsloseste. Jahrelang haben wir erklärt, warm Berlusconi politisch nicht tragbar oder George W. Bush ein Trottel sei. Der erste wurde genauso lange wiedergewählt und der zweite bei den Midterm Elections deutlich bestätigt. Hat uns nicht gestört. Die AfD sprach vom Schießen an der Grenze, hatte Probleme mit Boateng, müsste nach vermeintlicher Faktenlage längst verschwunden sein und marschierte nebenbei von Wahlerfolg zu Wahlerfolg. Soweit die Fakten.

Tatsache (lat. factum) ist, dass die selbst erklärten Fakten-Inhaber sich nicht nur im Besitz unwiderlegbarer Statistiken und Dokumentationen wähnen, sondern im Besitz der Wahrheit. Die Debatte über das postfaktische Zeitalter ist deshalb auch ein Indiz für die vertiefte Spaltung der Gesellschaft. Unsere Fakten sind nicht die Wahrheit der Leute. Zumindest nicht aller.

Die wahren Postfaktiker trifft man übrigens wo ganz anders: Sie sitzen in der Bahn und denken, sie stießen kein Kohlendioxid aus. Sie ernähren sich von vegetarischer Wurst, die so viele künstliche Zusatzstoffe enthält, wie ein handelsüblicher Turnschuh oder kaufen ihr garantiert naturbelassenes, chemie- und antibiotikafreies Bio-Fleisch beim zertifizierten Schweine-Priester und lassen sich danach völlig unbekannte Giftcocktails lieber direkt unter die Haut tätowieren… Hier sind Fakten nun wirklich nur Beiwerk. Der Glaube versetzt Berge – und ersetzt Fakten. Aber das hat die Kanzlerin vermutlich gar nicht gemeint.

 

 

Es gibt keine Alternative zum Wähler 

Juni 25, 2016

Das Erstarken der Populisten ist das Versagen der Politik. Die Brexit-Entscheidung der Briten ist dabei nur der letzte von zahlreichen Warnschüssen, die im etablierten Poltitikbetrieb offenbar niemand hören wollte oder konnte. Wo Populisten stark werden, ist die Politik nicht populär (genug). 
Demokratie hat keinen Numerus Clausus. Vor allem aber ist Demokratie kein Spiel, bei dem immer der Gute gewinnt. Die EU, gegen die die Brexit-Kampagneros nun erfolgreich zu Felde zogen, ist dabei eine Art Paradebeispiel, bei dem sich die politischen und vor allem auch die Wirtschaftseliten einig waren, dass es eine gute Sache sei. Wer das nicht begriff, wurde belächelt. Wer darauf hinwies, dass die Menschen in anderen Bezugsrahmen denken, sich nicht mit Binnenmärkten identifizieren, die Gängelung aus Brüssel aber sehr wohl registrierten, die Segnungen von dort aber nicht, der wurde rasch beiseite geschoben. Neue Beitrittskandidaten, Euro, Euro-Rettung – lieber nicht die Wähler mitreden lassen, könnte ja schiefgehen. 
Jetzt ist es schiefgegangen.
Brexit, AfD, FPÖ-Gewinne, Trump-Aufstieg: All das ist mehr als eine politische Mückenplage. Hinter diesen Effekten verbirgt sich ein typischer Unten-Oben-Konflikt, allerdings ohne traditionelles Klassenkampf-Modell. In anderen Zeiten hätte das zu Revolutionen oder Aufständen geführt. All jene Bewegungen, bei denen wir in den Nachrichten die Einordnung „rechtspopulistisch“ dem dummen Konsumenten gleich mitliefern, mobilisieren aus dem Nichtwähler-Potenzial. Menschen, die das Mitwirken am politischen Prozess längst aufgegeben und resigniert haben, kehren zurück, weil jemand ihre Sprache spricht und vor allem, weil er das etablierte System frontal angreift.
Mit anderen Worten: Es sind Menschen, die mit dem alltäglichen Ringen um politische Sachkompromisse schon nicht mehr erreichbar sind, denen es egal ist, ob am EEG rechts oder links gefeilt wird oder wer sich bei der Erbschaftssteuerreform durchsetzt. Die Abwesenheit dieser Menschen im demokratischen System ist so lange nicht aufgefallen, wie sie sich im Nichtwählerlager aufhielten, denn die Prozentsätze der etablierten Parteien werden von den abgegebenen Stimmen berechnet, nicht von den theoretisch möglichen. Sobald sich jedoch eine Projektionsfläche in Gestalt einer neuen Partei, einer Volksabstimmung oder eines irgendwie neuen Kandidaten bietet, sind sie wieder da. Und schlagen zurück, bekämpfen ein System, dass glaubte, sich um sie nicht scheren zu müssen. Die Strategie der asymmetrischen Demobilisierung, die gerade darauf abzielt, mit politischen Ideen so zu jonglieren, dass immer die Gleichen regieren, ist ein Katalysator dieser Entwicklung.
Genau deshalb gilt es, die Alarmsignale endlich zu sehen und ernstzunehmen. Es gibt keine Alternative zum Wähler. Wird er von den großen Parteien nicht abgeholt, richtet er sich in eigenen Milieus (Pegida, AfD etc) ein, züchtet im Netz seine eigenen Wahrheiten, wartet auf eine Chance zum Eingreifen. 
Eine Europäische Union, die keiner versteht, lebensfremder Gender-Quark, Quotenregelungen für Aufsichtsräte oder Vorstände, bei denen die Eliten ihre Kontonummern austauschen, aber bei der Discounter-Kassiererin nichts besser wird, eine Flüchtlingspolitik, die Einheimische zu willenlosen Erduldern eines von oben geregelten Weltgeschicks degradiert, Metropolen-Eliten, die bei Buntheit und Lebensstil den Ton angeben, Denken in nationalen Bezügen als überwunden verachten, ein Bundestag ohne wirkliche Opposition, Medien, die sich im wesentlichen einig sind und mehr oder weniger als Einheitsfront mit der Politik gesehen werden… All das reichert sich untergründig an und bricht irgendwann aus. 
Wenn die Parteien verlorene Wähler zurückgewinnen wollen – und das müssen sie, wenn das demokratische System weiter funktionieren soll – muss auch der dumpfe, vermeintlich falsche oder gestrige Wähler erfahren, dass man ihm zuhört. Wenn es weiter darum geht, dass der Wähler sich hinter der Funktionärsdoktrin aufstellen oder sich zum Teufel scheren kann, wird er sich zum Teufel scheren. Und mit diesem wiederkommen. 
Der Vergleich des Historikers Paul Nolte mit dem Anfang der 30er Jahre klingt dramatisch, stimmt aber insofern, als es eine Art demokratisches Lotto-Spiel ist, welche Bewegung des Glück hat, aktiv zum Zuge zu kommen. Jetzt war es Brexit, demnächst vielleicht Le Pen? Wenn die Präsidentenwahl in Österreich tatsächlich wiederholt wird, könnte die FPÖ demnächst erstmals in die erste Reihe der aktiven Politik eintreten.

Die Kanzlerin und ihr Pfingstgleichnis

November 3, 2015

Zu den interessanteren Dingen in der aktuellen Politik gehört die Ausweich-Rhetorik. Zum Beispiel bei der Zukunftskonferenz der CDU in Darmstadt, wenn CDU-Vize Armin Laschet auf einen Redner antwortet, der erklärt, man solle Pegida nicht in die Ecke stellen. Auch die Demonstranten von Dresden seien Bürger der Bundesrepublik Deutschland, und an der Unionsbasis im Westen dächten viele ebenso. Laschet verweist dann auf die Galgen für die Kanzlerin und SPD-Chef Sigmar Gabriel, die von Pegida in Dresden gezeigt wurden und stellt ganz Pegida in die rechtsextreme Ecke, vor der der Saalredner gewarnt hatte.

Kann man so machen.

In Wahrheit weiß aber auch Armin Laschet, dass der Mann (ein kluger Arzt aus Frankfurt am Main) auf etwas anderes hinaus wollte: Er wollte darauf hinweisen, dass auch die Menschen in Dresden ein gesellschaftspolitisches Symptom sind, dass man ernstnehmen, analysieren und verstehen müsse. Verbale Prügel ist so wohlfeil und sinnlos, wie Sitzblockaden der Antifa. Doch diese Debatte will Laschet nicht führen.

Ein anderes Ausweichmanöver ist durch die Kanzlerin inzwischen zum allgemeinen und viel kopierten Unionsstandard geworden: Wer nach den gesellschaftlichen Auswirkungen der massisven muslimischen Zuwanderung nach Deutschland fragt, bekommt mit schöner Regelmäßigkeit zu hören: Die Deutschen sollten mal öfter in die Kirche gehen, dann müssten sie auch die Islamisierung nicht fürchten. Wenn aber heute kaum noch wer wisse, was Pfingsten ist, müsse man sich nicht beklagen. Merkels CDU-Stellvertreterin Julia Klöckner brachte in Darmstadt diesen Programm-Block, den die Kanzlerin unlängst bei einem Besuch in der Schweiz vor Studenten ausgegeben hatte.

Nun kann es nie falsch sein, Sprüche des Chefs nachzubeten, signalisiert man doch so mehr oder weniger geschickt Bewunderung und intellektuelle Devotheit. Und wie Merkel beim Original-Auftritt, vermeidet man die Beantwortung der Frage und schweißt die versammelten Anhänger zudem im wohligen Gefühl zusammen, gemeinsam gewissermaßen zur letzten getreuen Christenschar zu gehören. Was freilich auch noch keine Auseinandersetzung mit der eigentlichen Frage ist.

Wenn man allerdings einen Augenblick länger darüber nachdenkt, hinterlässt das Pfingstgleichnis der Kanzlerin ein eher ungutes Gefühl.

 Zuerst einmal lenkt es von der schlichten Tatsache ab, dass in einer Demokratie gesellschaftsprägender Einfluss nicht von der Glaubenstiefe oder der Häufigkeit des Kirchganges abhängt, sondern von Mehrheiten und Minderheiten. Die Frage nach dem numerischen Zuwachs von Muslimen ist somit nur logisch und mehr als berechtigt – ganz gleich, wie man sie denn beantworten mag (noch immer geringer Anteil, Integration gelingt, unbegründet, Leitkultur etc.)

Der zweite Aspekt, der sich hinter der Kirchgänger-Retoure verbirgt, ist eine Art Religions-Battle: Es wird indirekt der Eindruck erweckt, als hinge die kulturelle Prägekraft in diesem Falle davon ab, dass Christen oder Moslems in einen Frömmigkeitswettbewerb träten, den der eine oder andere für sich entscheiden könne. Eine absurde Idee, die auch niemand von den Merkel-Nachsprechern ernsthaft vertreten würde, die aber in der Drückeberger-Argumentation vor der eigentlichen Frage im Kern enthalten ist. Denn im Grunde müsste eine ehrliche Antwort entweder die unpopuläre Botschaft überbringen, dass selbstverständlich das Land sich mehr und mehr den muslimischen Lebenswelten anverwandeln werde oder aber die spannende Erklärung enthalten, dass sich am gesellschaftlichen, sozio-kulturellen Rahmen nichts ändere, auch wenn sich die Bevölkerung im Innern des staatlichen Gefäßes verändere und gewissermaßen auswechsele. Letzteres wäre ein durchaus interessanter Ansatz, vor allem die Begründung.

Drittens und letztens schließlich ist der Hinweis auf die Entchristlichung aber auch das indirekte Eingeständnis des betreffenden Politikers, dass er sich des Problems des Fragestellers nicht anzunehmen gedenke, sondern dies vielmehr an diesen zurückgibt. ,Geh‘ du mehr in die Kirche, dann hast du das Problem nicht!‘ Die Bevölkerung müsse Islamisierung, Wertewelt, gesellschaftlichen Kulturhintergrund unter sich ausmachen. Der Politiker hat ganz offensichtlich nicht vor, sich darum zu kümmern, schließlich lässt er nicht einmal durchblicken, ob er die Problemanalyse teilt, ganz zu schweigen davon, dass er sich herabließe, in die eine oder andere Richtung Einfluss zu nehmen oder Gestaltungswillen zeigen zu wollen.

Am Ende von Regional-, Zukunfts- und anderen Basis-Konferenzen, wie Angela Merkel sie als CDU-Vorsitzende eingeführt hat, kann man sich vormachen, man habe alle Bedenkenträger zu Wort kommen und sich Luft verschaffen lassen. In Wahrheit aber muss man sich nicht wundern, wenn trotz vieler Worte wenig gesprochen wurde.

„Fuck AC/DC“ – Plausch mit Lemmy Kilmister und Jim Beam

November 5, 2013

Da Lemmy Kilmister mit „Motörhead“ in diesem Jahr wohl nicht auf ein traditionelles Vorweihnachtskonzert nach Berlin kommt, hier noch einmal ein kleiner Kult-Plausch bei ein, zwei Flaschen Jim Beam, die das Abschreiben hinterher nicht leichter gemacht haben… Das Gespräch habe ich 2010 im Hotel „Berlin“ geführt.

 

Hi Lemmy, willkommen im kalten Berlin. Hast du dich gegen die Kälte, Grippe und all das gewappnet?

Lemmy Kilmister: Ich hatte schon eine Grippe auf der Insel zur Vorbereitung.

Eine britische Grippe zur Abwehr einer deutschen?

Kilmister: Wir Briten sind grundsätzlich auf  jedes Dreckwetter gefasst und vorbereitet. Und es gibt Medizin in großen Flaschen… (schwenkt eine halbleere Jim Beam-Flasche, deren erste Hälfte im Saftglas vor ihm steht und im Laufe der ersten Fragen verschwinden wird. Es gibt Nachschub).

Weißt du schon, wie du die in diesem Jahr Weihnachten feiern wirst?

Kilmister: Oh verdammt, ich werde wohl nach Vegas fahren, da gibt es mehr Spaß und vor allem können sie mir da keine Überraschungsparties schmeißen…

Am 24. Dezember feierst du deinen 65. Geburtstag – also keine Party mit Tannenbaum und Geburtstagstorte?

Kilmister: Weihnachten geht mir sowieso am Arsch vorbei. Ich habe mit Santa Claus nichts am Hut und mit Geschenken auch nicht.

Aber wenn dir jemand eine Flasche in der Socke über den Kamin hängt, wirst du sie doch nicht hängen lassen, oder?

Kilmister: Natürlich nicht. Ich werde 65 aber ich werde nicht blöd. Aber wenn du 65 wirst, wirst du vermutlich auch nicht mehr so genau drüber nachdenken, was du feierst. Hauptsache man feiert überhaupt noch. (Ein wenig „Medizin“ passt noch aus der Flasche zwischen die Eiswürfel im Glas.)

Feierst du allein?

Kilmister: Nein, da werden schon ein paar Kumpels sein. Nur nicht gerade von der Band. Die haben ihre eigenen Weihnachtstraditionen mit ihren Familien und so.

Wunderst du dich manchmal, dass du noch lebst?

Kilmister: Ich wundere mich schon, aber ich bin vor allem dankbar. Ich habe nicht viel dafür getan.

Du gehörst nicht gerade zu den Leuten, die einen Gesundheitsratgeber schreiben sollten…

Kilmister: Stimmt, aber ich habe auch nichts getan, um meinen Abgang zu beschleunigen. Ich habe nie Heroin genommen. Allen möglichen anderen Scheiß schon, aber keine Heroin. Die, die früh abgekratzt sind, haben es fast alle mit Heroin getrieben. Heroin ist das einzige, dass dich killt.

Bei Bon Scott (AC/DC), John Bonham (Led Zeppelin) oder Keith Moon (The Who) hat Wodka gereicht. Ist Boubon besser?

Kilmister: Keine Ahnung, bis jetzt hat er mich noch nicht umgebracht. Bis jetzt bin immer ich Sieger geblieben gegen die Flaschen… (lacht in einer Tonlage etwa so rostig dumpf wie sein Rickenbacker-Bass klingt).

Was denkst du ganz allgemein über 65-jährige Rockmusiker?

Kilmister: Ich kennen einen, der ziemlich in OK ist. Aber sonst… – manche sind Arschlöscher, andere nicht, aber das waren sie vermutlich mit 45 auch schon. Ich meine 65, das ist eine Zahl, aber es ist ja nicht alles, um einen Menschen zu beschreiben. Ein Rockmusiker ist einer, der Musik macht, das ist seine Währung, alles andere ist Bullshit.

Hast du das schon immer so gesehen?

Kilmister: Ich glaube schon. Ist zu lange her, sich daran zu erinnern. Überhaupt, wenn du anfängst, Musik zu machen, denkst du über gar nichts nach. Da willst du nur spielen und richtig Krawall machen.

Könntest du dir vorstellen, in einer Rock-Pensionärs-WG zu wohnen?

Kilmister: Ich will verdammt noch mal mit überhaupt niemandem in einer WG leben, das geht mir nach zwei Stunden auf den Senkel (Senkel hat er nicht gesagt, aber auf halbem Weg dahin war’s).

Lass uns über die neue Platte reden. Das Gitarren-Riff vom ersten Song „Born to loose“ klingt ein wenig nach „TNT“ von AC/DC, oder täusche ich mich da?

Kilmister: Ach was, im Rock ‚n’ Roll klingt alles immer wie irgendwas.

Was ist, wenn man AC/DC in hundert Jahren noch kennt und Motörhead vielleicht nicht mehr?

Kilmister: Das ist mir egal. Für mich gibt es nur Motörhead. In hundert Jahren sollen sie doch machen, was sie wollen. Fuck AC/DC. (lacht) Was hälst du von “Brotherhood of man”? Ist der Song nicht wie ein Orgasmus? Muss ich immer dran denken, wenn wir den spielen…

Tja also, ich hatte eher an einen schwarzen Atomeisbrecher gedacht, der sich knirschend durch die Arktis malmt…

Kilmister: Gut, so kann man es auch sehen. Eigentlich hatte ich mir diesen Riff nur ausgedacht, weil er gut zur Textzeile passte. Naja, Hauptsache, es haut rein.

Mit Frauen hast du es ja nie lange ausgehalten. Auf den legendären Album „Ace of spades“  vor dreißig Jahren hast du mit Blick auf Frauen gesungen, dass die Jagd besser sei als das Einfangen. Ist „Bye bye bitch bye bye“ (etwa: Mach’s gut Schlampe) jetzt die Fortsetzung zu diesem Thema?

Kilmister: Der Song ist lustig, wie? Ich mag ihn besonders. Aber es ist keine Fortsetzung. Das war nicht der Plan. Es geht einfach um eine Tussi, die dich schlecht behandelt anstatt dich zu lieben – bye, bye bitch! Wer denkt schon heute noch an Lieder von vor dreißig Jahren.

Weil wir gerade dabei sind: Was sind eigentlich die schlimmsten Unarten in Beziehungen, die du überhaupt nicht ausstehen kannst?

Kilmister: Furzen und Schnarchen. Früher oder später tun sie es alle.

Würdest du gern mal mit so einem jungen Pop-Star-Girl einen Song machen? Mit Lady Gaga, Shakira oder so jemand?

Kilmister: Die machen doch nur Klingeltöne. Mit Janet Jackson habe ich mal „Black Cat“ gemacht, das war mehr wie ein Rock-Song. Verdammt guter Riff. Mit Joan Jett und Skew Siskin habe ich auch mal was gemacht, aber das sind andere Hausnummern. Ich bin ja kein Pop-Fuzzy.

35 Jahre Motörhead, 30 Jahre „Ace of Spades“, 65 Jahre Lemmy – wie fühlt es sich an, eine Legende zu sein?

Kilmister: Fein, die meisten Leute sind freundlich zu mir.

Wie lange hat es gedauert, bis du die Gesetze dieses Geschäfts verstanden hast?

Kilmister: Dieses Geschäft hast du nie ganz verstanden. Irgendwas ist immer wieder neu. Du kannst froh sein, wenn es nicht mehr ganz so viele Bastards schaffen, dich um dein Geld zu bescheißen.

Welches war die härteste Lektion?

Kilmister: Was Journalisten für Bastards sein können.

Danke sehr.

Kilmister: Nein, ganz im ernst. Was die in all der Zeit für Scheiße über mich geschrieben haben! Das kannst du gar nicht glauben. Haben die irgendeinen Hass? Oder Probleme? Warum lügt einer einfach, dem ich gar nichts getan habe? Einer hat geschrieben, ich wäre bisexuell! Das ist doch völliger Schwachsinn. Gerüchte sind eine andere Sache, aber einfach Lügen, das ist doch krank. Manche schreiben Berichte über deine Konzerte, dass du denkst, du bist nicht dabei gewesen.

Vielen Dank für den dezenten Hinweis. Ich werde mir Mühe geben. Zum Schluss wollen wir mal ganz ehrlich sein: Du schreibst Songs, du schreibst die Texte, du produzierst Songs von anderen und bist nicht nur ein Sammler von NS-Devotionalien, sondern diskutierst auch über Details aus Joachim Fests Hitler-Biographie… Das trinkende Rocker-Raubein ist doch nur Show, oder? In Wahrheit bis du doch ein Intellektueller.

Kilmister: Ich bin kein Intellektueller. Ich kann mit ihnen diskutieren, aber ich scheiße drauf, einer zu sein. Und diesen komischen Rocker den macht doch auch ihr Typen aus mir. Ihr tut doch so, als würde ich ständig auf zwei Motorrädern gleichzeitig fahren – obwohl ich überhaupt kein Motorrad habe. Ein Girl mit zwei Arschbacken reicht mir völlig. (lacht)

 

Verantwortbare Wahrheit

Juli 8, 2012

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble findet die Kritik der Wirtschaftswissenschaftler am Euro-Rettungskurs der Kanzlerin „unverantwortlich“. Kritik kann falsch, richtig, unverschämt oder maßlos sein. Wenn Kritik in „verantwortliche“ und „unverantwortliche“ unterschieden wird, sollten bei Demokraten die Alarmglocken schrillen. Meisten sind historische Missionen im Spiel, wenn Kritik nicht mehr zu verantworten ist.

Was gedichtet werden muss

Juni 13, 2012

Lange nichts von Günter Grass gehört. Schon knapp zwei Wochen ist kein Poem von ihm mehr erschienen. Entzug macht sich bemerkbar. Hektisches Blättern im SZ-Feuilleton. Wohin nur, oh Welt, schreitest du? Als Behelf hier eine Handreichung kurz geschorenen Rasens statt stattlichem Grass.

Was gedichtet werden muss

 

Täglich tickerndes Stückwerk zerborstener Welt

Ohne fügenden Odem, heillos, Medien-Span aus totem Holz

Irr, ohne Richtung, weiß nur ein letztes Tintenherz

Wo frisches Grass im Kunstrasen kaschubische Triebe schiebt

Dem Wahnsinn verfallener Hermes: nur Chaos als Botschaft dient

Weil alle Welt einzig dem Markt gerecht

trägt Schwarz der Danziger Geist-Titan

Doch der Dichter, nie mehr Fürst

Gibt zurück seinen Zorn in schneidendem Wort

Das Wahlvolk an die Unke treibt

Mehr und mehr verlangt die wirre Welt

Nach leitenden Artikeln gequirlten Quarks

Des fiskalen Pakts ausgemerkelte Sünde

Der legenden Henne geschundene Pein

Schnell brütend als strahlender Tod

In den Farben der geeinten Nation

All das muss gedichtet sein

Und gibt Grass uns unsern täglichen Reim dazu

Den ein nobel gepreister Pomuchelskopp sich darauf macht.

Santa-Suche, Teil 2: Heiliges Handy

Dezember 2, 2011

ROSTOCK/GEDSER. Kilometer 237: Diesig, 10 Grad Celsius, Null Weihnachten. Warum der Weihnachtsmann niemals mit der Fähre übersetzt, versteht man auf den ersten Blick: Was bliebe von diesem wunderbaren Zottelmann, der sich über ignorante Eltern und garstige Geschwister hinwegsetzt, der alles weiß und sieht und die Rute längst zum schmückenden Reisig-Accessoire abgerüstet hat, wenn er hier zwischen Container-Trucks und Wohnmobilen warten müsste, bis ihn Männer in Leuchtwesten einweisen?! Spurtreu. Während der Überfahrt ist das Schlittendeck geschlossen. Der Bord-Shop öffnet in 15 Minuten.

Auf der anderen Seite der Ostsee ist es immer noch Kilometer 237. Dafür beschwert sich das Anti-Diebstahl-System des Wagens, weil es im kräftigen Schaukeln der Fähre offenbar die illegale Verladung zum heimlichen Osteuropa-Export vermutet. Da hilft nur gutes Zureden. So ein Hightech-Mobil ist halt auch nur ein Rentier.

Und natürlich will auch das Handy seine Streicheleinheiten. Wie bei allen noch folgenden Grenzübertritten, meldet sich der Taschenfernsprecher piepsend zu Wort, um einen „in Europa“ willkommenzuheißen und über die tollen Tarife im Gastland in Kenntnis zu setzen. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass wir daran erinnert werden, dass man aus dieser Welt nicht so einfach flüchtet. Das Handy erzählt ungefragt weiter, aus welchem Staub wir uns gemacht haben und wohin. Es funkt zurück in die Welt der Lichterketten-Boulevards und Blinkrosetten-Fenster. Es loggt sich ungefragt in irgendwelche Server, legt uns an die elektronische Kette und weiß immer ein Konto zum Abbuchen – ganz egal, wo wir uns auch zu verstecken suchen.

Es klingt wie der Hohn einer stets gegenwärtigen Allmacht, wenn das Navi auf der anderen Seite des Meeres kühl seine Route berechnet und uns den Weg weist. In dieser Welt, soll das unausgesprochen wohl heißen, gibt es nichts mehr zu entdecken. Leg du dir deine Fluchtwege zurecht – wir kennen sie schon. Diese Welt ist ausgeleuchtet und überwacht bis in die Ecken. Armer Irrer, flüstert es mit der kranken Stimme des frühen Klaus Kinski, und es wäre kaum noch verwunderlich, wenn im Display das Gesicht von Dr. Mabuse auftauchen würde: Die Route ist berechnet…

Hier Übersinnliches finden zu wollen, wo alles bestenfalls sinnvoll und nicht selten sinnlos ist, ist reiner Irrsinn, grinst es hämisch aus dem Navi-Bildschirm. Und aus anfänglicher Bangnis wird nun Trotz. Irgendwo werden wir dieses Weihnachten schon finden, selbst wenn das Navi nicht mitspielt. Los jetzt. Weiter. Nordwärts!

(morgen mehr)

Finsternis zum Lichterfest – Ein Weihnachts-Roadmovie auf den Spuren des Rentier-Schlittens (Teil1)

Dezember 1, 2011

Gut unterrichtete Kreise behaupten seit langem, jenen Knecht Ruprecht, alias Santa Claus, alias Weihnachtsmann hoch im Norden gesichtet zu haben. Grund genug, endlich Licht in das Dunkel zu bringen.

ROSTOCK/GEDSER  Zu behaupten, ich hätte nie an Sinnhaftigkeit und Ertrag des Projekts gezweifelt, wäre gelogen. Kurz vor Rostock hatte die Autobahnpolizei ein erstes beweiskräftiges Reisefoto von einem Weihnachtsmann geschossen, der mir unglücklicherweise verdächtig ähnlich sah und zu schnell unterwegs war. Und als sich wenig später die „Prins Joachim“ mit dem Auto im Bauch mühsam vom Pier weg über die Ostsee gen Dänemark schob, stand ein eher grübelnder Weltflüchter an der Reling. Manche Idee ist viel faszinierender, solange man nicht versucht, sie in die Tat umzusetzen.

Projekte wie dieses, leben schließlich mindestens zur Hälfte von den Bildern, die man im Kopf mit sich herumschleppt und immer wieder prüfend vor die Realkulisse hält. „Du fährst da eine endlose Landstraße entlang, stellst dich am Ende auf einen ziemlich zugigen Felsen, blickst hoch und siehst – nix!“, hatten sie gewitzelt. Am besten man erzählt in solchen Fällen erst gar nicht, was man vorhat. Wenn man es genau nimmt, ist dies eine Art Rückwärts-Reportage: Wie kommt alle Welt auf die Idee, ausgerechnet dort oben im hohen Norden müsse jener bärtige Geselle mit seinen Rentieren hausen?

Welche Indizien lassen sich zwischen Wäldern, Fjorden und Bergen finden, die dafür sprechen, dieser viel älteren Mythen-Figur eine so eisige Heimstatt zuzuweisen?

„Was suchst du dort oben eigentlich?“, mobbten sie auf einer Party. Diskussionen über Obama oder den Zustand der Linkspartei waren erfreulicher als dieser Vorab-Defätismus beim Zerbröseln einer Idee, die eben noch ganz plausibel gewesen war. „Wenn ich wüsste, was ich suche, wäre es eine ziemlich langweilige Geschichte“, gab ich trotzig zurück und war auf eine unbestimmte Art völlig sicher, ungemein spannende Spuren in den Weiten Nordnorwegens zu finden. Ein kämpferischer Optimismus, der an Bord der schwer im Herbststurm schwankenden und schiebenden „Prins Joachim“ bald einem eher flauen Gefühl im Magen wich.

Ganz auszuschließen war es aber auch nicht. Und wenn die Sicht nicht besser würde, als dieser fies tröpfelnde Nebelbrei gleich hinter der Bordwand, müsste Rudolf schon eine Leuchtbojen-Nase haben und einen ganzen Schellenbaum lieblicher Glöcklein mit sich herumtragen, damit ich ihn kurz vor dem Zusammenprall erkennen würde.

Im Grunde ging es wohl gar nicht so sehr darum, den allzu platten Märchen von grazil tänzelnden Karibus und Säcken von Glitzergeschenken auf barock verziertem Schlitten hinterher zu fahren. Im Grunde bestand meine Hoffnung darin, durch das Besichtigen der Schauplätze herauszufinden, warum wir gerade diese Geschichten erfanden und immer wieder liebevoll hervorholten. Warum wärmten wir uns alljährlich an der Vorstellung des Mützen-Mantel-Mannes, der aus der Kälte kommt und Geschenke in die Schornsteine wirft? (Selbst bei Wohnblocks mit Zentralheizung!) Denn in die Wiege gelegt war es dem Heiligen Nikolaus, der mit einiger Berechtigung als das Ur-Vorbild der meisten schönen Bescherungen gelten kann, nicht, dass er eines Tages vom Nordpol her kommen sollte. Diesen Posten mitsamt Werkstatt und Dienstfahrzeug haben wir dem Bischof von Myra vermittelt, der im 4. Jahrhundert ein gutes Herz für Kinder, Arme, Mühselige und Beladene gehabt haben soll. Auf welchen Wegen er seine Produktionsstätte vom sonnigen Mittelmeer in die Arktis verlagerte, davon wird später noch die Rede sein. Offenkundig aber gab es schon wenige Generationen nach dem Tode Jesu das Bedürfnis, neben der

mitunter nicht ganz einfachen religiösen Botschaft noch einen ganz schlichten, warmherzigen Heiligen an seiner Seite zu wissen. Völlig außer Konkurrenz für den Heiland, versteht sich.

Der andere Ausgangspunkt dieser Geschichte liegt wohl in einem dieser Kaufhäuser, in denen man vor dem Fest um keine Ecken biegen kann, ohne glitzernde Kugeln herunterzureißen oder Lametta-Flusen am Jackenärmel zu ernten. Das ganze Gerammel und Gedrängel ist so besinnlich und harmonisch wie die singenden-klingenden Glöckchenlieder, die einem selbst auf der Kaufhaus-Toilette noch vom Deckenlautsprecher ölig in den Hemdkragen getröpfelt werden. Irgendwann einmal muss mir im merkantilen Fliesengeviert Chris Rea „Driving home for Christmas“ mit seiner rauen Stimme ins Ohr gesäuselt haben. Und irgendwie klang das plausibel. Und ein wenig nach Flucht. Nach Hause war auf jeden Fall weg von all dem hier, und vielleicht kam mir dabei der Gedanke, es müsse so ziemlich das Gegenteil von all dem sein: nicht hell, nicht warm, nicht lieblich und vor allem nicht überlaufen.

Man wird zugeben müssen, dass unter diesen Vorgaben das Nordkap einigermaßen nahe liegt. Wenn es denn nicht so fern wäre. Ein Problem, dass sich lösen lässt und bei näherem Hinsehen sogar Teil der Lösung ist. Denn bei all der Wusel-Mobilität, die uns ständig für irgendwelche Ziele und sinnlose Pünktlichkeiten in Bewegung setzt, wäre es doch fast schon eine Geste zivilen Widerstands, sich für eine Sache auf den Weg zu machen, die – wie man es dreht und wendet – nicht ganz von dieser Welt ist. Und schon gar nicht rentabel und zweckmäßig. Auf die Suche nach Weihnachten. Einen Roadmovie in die Kindheit. Dorthin, wo all die Bildern und Träume herkommen. Angeblich.

(morgen mehr)