Posts Tagged ‘Betreuungsgeld’

Betreuung, Geld und Kinder

November 12, 2012

Familie ist, hat Tissy Bruns im Berliner „Tagesspiegel“ einmal geschrieben: „Mama, Papa, ein Teller Spaghetti und ich in der Mitte.“ Eine Definition, so verblüffend einfach und treffend, dass man nicht umhin kommt, das Copyright zu erwähnen. Eine Definition, die das Ideal beschreibt – danach beginnen die Abstriche.

Beim Streit um das Betreuungsgeld haben Erwachsene nicht für die Welt ihrer Kinder gekämpft, sondern für ihre eigene. Die einen wollten ein ermutigendes dafür Zeichen setzen, dem Ideal nachzustreben. Die anderen, junge vor allem, verteidigen ihren Lebensentwurf, der auf dem Reißbrett ihres Lebens vor ihnen liegt. Wieder andere sahen sich mit ihrer anderen, „modernen“ Biographie zurückgesetzt durch die Prämie fürs Gegenmodell. Tolerant geht es schon lange nicht mehr zu, wo Gesellschaftspolitiker den Fortschritt gepachtet zu haben glauben.

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul stellt im jüngsten „Spiegel“ die richtigen Fragen: „Wer also entscheidet, was das Beste fürs Kind ist.“ Vor allem aber gibt er die richtigen Antworten: „Die Eltern natürlich.“ Und: „Lässt sich voneinander unterscheiden, was einerseits für die Eltern und andererseits für ihre Kinder das beste ist? Ich glaube nicht.“

Es gibt keinen Königsweg, weil man für den Teller Spaghetti arbeiten muss – und schon fehlt mindestens eine Figur im perfekten Familienbild. Über Bord werfen muss man das hohe Ideal aber noch lange nicht, nur weil man es selbst nicht erreichen kann. Jesper Juul: „Vor allem Mütter verteidigen die Wahl ihrer Entscheidung, indem sie die Wahl andersdenkender Mütter abwerten.“ Der Streit ums Betreuungsgeld hat das hinreichend gezeigt.

Jetzt ist das Betreuungsgeld beschlossene Sache, und es ist Zeit, den Kulturkampf zu beenden!
Das gilt vor allem für jene, die nicht müde wurden, der Öffentlichkeit zu erklären: Wer es nicht in die Kita bringe, versündige sich an seinem Kind und dessen Zukunft. Nicht wenige (so sie denn Kinder haben)  dürften diese Litanei wider besseres Wissen gesungen haben. Oder sie haben verdrängt, mit wieviel Tränen und Zerrissenheit auf beiden Seiten die Einführung von Kleinstkindern in Krippe und Kita verbunden ist. Einige rennen fröhlich ins fremde Gewimmel, andere brauchen Monate, um mit der neuen Situation klar zu kommen. Weder Kita noch Krippe sind Allheilmittel.

Das Bindung und familiärer Zusammenhalt ein nicht minder wichtiges und durchaus modernes Zukunftsmodell sind, dazu braucht man keine Langzeitstudien. Um das zu wissen, reicht gesunder Menschenverstand. Beim Reparieren der gesellschaftlichen Ausfälle von Familien kommen wir schon jetzt kaum hinterher. Intakte Familien sind nicht ersetzbar. Mit diesem Signal des Betreuungsgeldes sollten eigentlich alle gut leben können.

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Mahlzeit! Einmal Herdprämie bitte

April 27, 2012

Seltsam: Eine ganze Generation hat das Kochen verlernt, sagt Star-Köchin Sarah Wiener im SZ-Interview. Trotzdem gilt „Herdprämie“ als Schimpfwort. Und das in einer Gesellschaft, die Fehlernährung und Übergewicht längst zu einem politischen Problem ausgerufen hat.

So viel Scheinheiligkeit, Heuchelei und Dummheit wie in der aktuellen Debatte um das Betreuungsgeld war lange nicht. Dabei ist die Ernährung nur eine von vielen Kulturtechniken, die in Familien weitergegeben werden oder eben nicht. Wer mit Papa Klopse knetet, bekommt Bindung, Bildung und Vorbild mit auf den Weg. „Herdprämie“ wäre also selbst dann kein Schimpfwort, wenn das Betreuungsgeld eine wäre. In der Praxis werden 100 oder 150 Euro niemanden davon abhalten, sein Familienleben so einzurichten, wie er es selbst für richtig hält.

Berliner „Tagesspiegel“ vom 27. April 2012: „Was Untersuchungen wie die große Nichd-Studie aus den USA schon gezeigt haben, bestätigte sich auch hier: Wie weit kleine Kinder in ihrem Wissen, ihren Fähigkeiten und ihrer Reife sind, hängt am meisten von Merkmalen ihrer Familie ab – selbst wenn sie ganztags in die Kita gehen. Positiv wirken sich hier vor allem der Bildungsstand der Mutter und ihre Gemütsverfassung aus.“ Was spricht also dagegen, Eltern an dieser Stelle zu unterstützen?

Was offenbar dagegen spricht, hat NRW-Ministerpräsidentin Hannolore Kraft (SPD) in der Frankfurter Allgemeinen am Sonntag zum Besten gegeben: Sie plädiert für Kita-Pflicht (Schluss mit Wahlfreiheit!), weil Bildung in der Kita beginnen müsse. Dann würden sich die teuren Kita-Plätze auch wieder lohnen, weil die arbeitenden Mütter (von Vätern geht die SPD offenbar nicht aus) ja Steuern zahlten. An dieser Stelle müsste nun eigentlich auch der letzte Skeptiker zum Betreuungsgeld-Fan werden: Wahnsinn mit Methode. Einen gröberen Unfug hat in der ganzen Debatte noch niemand  geredet. Das Kind muss in die Kita, damit Mama über ihre Einkommenssteuer die Kita-Kosten finanzieren kann. Diesen Beitrag müssen die Kinder schon zum Funktionieren des Kita-Steuer-Systems leisten.

Einen interessanten Aspekt hat der Journalist Günter Ederer in die Betreuungsgeld-Debatte eingebracht. Obwohl er selbst aus ordnungspolitischen Gründe gegen das Betreuungsgeld ist, fragt er, ob die Freunde der Kita-Betreuung genauso argumentieren würden, wenn einer Hundemutter die Welpen wegnähme und ins Tierheim gäbe. Aber das ist natürlich grob unsachlich….

Der Gipfel des Absurden wird aber erreicht, wenn die Kritiker das Betreuungsgeld zuerst dafür geißeln, dass es gerade Hartz-IV-Bezieher und Migranten davon abhalte, ihre Kinder in die Kita zu schicken und sich dann darüber empören, wenn Hartz-IV-Bezieher kein Betreuungsgeld erhalten sollen. Diejenigen, die erst Transferempfänger und Migranten unter Generalverdacht der Erziehungsunfähigkeit gestellt haben, erheben lautstark Klage, weil das Erziehungsgeld Transferempfänger und Migranten unter Generalverdacht der Erziehungsunfähigkeit stelle.

Der Streit ums Betreuungsgeld ist im Grunde nichts anderes als der erbitterte Kulturkampf jener, die Berufstätigkeit für progressiv und Familie für unmodern bis reaktionär halten. Rechtfertigung eigener Lebensentwürfe mag da von Fall zu Fall wohl auch eine Rolle spielen. Überraschend ist vorallem die Verbissenheit auf der Seite der Betreuungsgeld-Gegner, die ja eigentlich ganz gelassen sein könnten, spielt ihnen doch angeblich die Moderne in die Hände. Außerdem ist auch nirgendwo davon die Rede, dass ausschließlich die Mütter daheim bleiben sollten oder müssten.

An dieser Stelle kommt man kaum noch umhin, der amtierenden Familienministerin Kristina Schröder (CDU) mehr wahre Emanzipation zu bescheinigen, als der gesamten KritikerInnen-Schar. Ihr Buch („Danke, emanzipiert sind wir selbst“) hat vor allem eine Botschaft: Frauen, Mütter, Familien brauchen keine Fremdfirmen, um sich Lebensentwürfe vorschreiben zu lassen. Daheim oder im Job – macht einfach!

Deutschland, deine Reflexe

April 2, 2012

Deutschland, deine Reflexe 1: Wenn bei Schlecker 11 000 Frauen arbeitslos werden, hallt der Ruf nach einer staatlichen Auffanggesellschaft durchs Land, obwohl im Einzelhandel 25 000 Jobs unbesetzt sind. Statt den Frauen das Gefühl ihrer eigenen Kraft mit auf den Weg zu geben: Ihr schafft es trotz der Pleite! Ihr werdet gebraucht! – wird erst einmal nach weißer Salbe gesucht, die in der Vergangenheit längst ihre Wirkungslosigkeit erwiesen hat.

Deutschland, deine Reflexe 2: Wenn es darum geht, Eltern, die sich selbst um ihre Kinder kümmern wollen, Unterstützung zu geben, gehen Zeter und Mordio durchs Land, weil hier einem vermeintlich unmodernen, reaktionären Lebensmodell Vorschub geleistet wird: Nieder mit dem Betreuungsgeld!

Das meist gebuchte Argument: Migranten und Prekarier treiben Schindluder mit dem Geld und enthalten ihren Kindern wichtige Anreize vor. Da spukt offenbar ein Bild vom sozialen Normal-Alltag durch einige Köpfe, das ehedem bei Thilo Sarrazin noch der Inbegriff des Bösen war. Hat Deutschland sich womöglich inzwischen doch schon abgeschafft, so dass man mit Rücksicht auf die ausufernde Verelendungsgemeinde deutsche Gesetze nicht mehr an funktionierenden, sondern an versagenden Familien ausrichten muss?

Zudem setze das Betreuungsgeld falsche Anreize für Frauen, eben nicht rasch wieder in den Job einzusteigen. Das ist in der Tat ein Problem: Der verwerfliche Anreiz, sich um eigene Kinder zu kümmern, gegen die gesellschaftlich wertvolle Steigerung des Bruttosozialprodukts. Um die längst wachsende Zahl bindungsgestörter Kinder können sich ja später hauptberufliche Sozialarbeiter kümmern.

Man kann über Sozial-Mechanik und Effekte des Betreuungsgeldes in der Tat diskutieren, nur gerät in Deutschland wieder einmal der ethische Kompass unter dem Einfluss vermeintlicher Modernität absurd ins Kreiseln. In den ersten drei Lebensjahren (und nur um die geht es beim Betreuungsgeld) wächst das Urvertrauen in die Welt: Hier bin ich sicher, hier muss ich mich nicht fürchten, hier kann ich alles schaffen, Mama/Papa sind da. Zu diesem Wert gibt es keine Konkurrenz – zumindest keine, die man aktiv anstreben sollte. Alles baut auf diesen Grunderfahrungen auf.

Wie dumm und krank muss eine Gesellschaft sein, die hier die Elle individueller Entfaltung oder wirtschaftlicher Produktivität anlegt! Als bewiesen nicht täglich weltweit etwa erfolgreiche Asiaten, dass extremer Familienzusammenhalt und Leistung das Maß aller Dinge sind. Als bewiesen nicht täglich die wachsenden Nachsorge-Probleme bei Kindern von Crash-Familien den gesellschaftlichen Wert jedes einzelnen treusorgenden Vaters, jeder sich kümmernden Mutter.

Und ausgerechnet die christlich-konservativen, die all das eigentlich mit der Muttermilch eingesogen haben sollten, zerfleischen sich im Auftrag linker Lebenslügen. Deutschland, deine Reflexe.

Gute Vorsätze: Von Zirkustieren und -menschen

Dezember 31, 2011

Alles Gute, und das mit Vorsatz! Rechtzeitig zum Neuen Jahr wollen auch wir allem Schlechten abschwören und den Übeln dieser Welt den Kampf ansagen. Jüngster Feind auf der Achse des Guten: Wildtiere im Zirkus. Sogar der Deutsche Bundesrat sich unlängst mit diesem drängenden Problem der Gegenwart beschäftigt und ein Verbot in Angriff genommen. Die „Süddeutsche Zeitung“ pflichtet in der Silvester-Ausgabe bei: Wildtiere im Zirkus dienen weder der Wissensvermittlung noch dem Artenschutz.

Das ist mal ein interessanter Ansatz und würde auch erklären, warum das Finanzamt bislang das Absetzen von Zirkus-Tickets als Weiterbildungsmaßnahme abgelehnt hat. Wer jedenfalls bisher zur Unterhaltung, zum Spaß und Staunen in den Zirkus gegangen sein sollte, hat gleich einen guten Vorsatz mehr fürs Neue Jahr: Schluss mit müßigen Untugenden und zeitgeistunkonformen Kulturgütern.

Nur Miesepeter und notorische Nörgler werden einwenden, dass man anstelle eines Verbots ja auch einfach die Vorgaben für artgerechte Haltung und einen ebensolchen Transport hätte verschärfen können, anstatt dem ohnehin vom digitalen Sensationszeitalter geplagten Analog-Zirkus einen jahrhundertealten Klassiker aus dem Programm zu schneiden. Aber warum so halbherzig an die gute alte Tiernummer herangehen, wenn sie denn noch nicht einmal dem Artenschutz oder der Wissensvermittlung dient.

Gerade jetzt zum Jahreswechsel ist die Zeit, keine halben Sachen zu machen: Pferdedressur ist den Freunden groß-gütiger Fohlenaugen schließlich schon lange ein Dorn in demselben. Auch ist nicht auszuschließen, dass Trapez-Nummern das Risiko komplizierter und teuer zu therapierender Knieerkrankungen fördern. Hier gilt es, keine falschen Kompromisse zu schließen! Weg damit! Auch das Verschleudern wertvoller Leinwand und teurer Farben im Zeitalter der Digitalfotographie sollte konsequent überdacht werden.

Und überhaupt: Im Neuen Jahr wollen wir uns ganz dem Leben in Tugend und Korrektheit verschreiben. Hinweg mit fettiger Nahrung, die Lebensmittel-Ampel auf der Frontseite der Verpackung kann nur ein erster Schritt sein auf dem Weg zum Triumph des Dinkel-Brötchens. Nehmen wir das Genussmittel als solches ins Visier! Wieviel wertvolles Getreide ließe sich für die Welternährung retten, wenn es nicht in anglo-amerikanischen Destillen zu einem unterdurchschnittlich nahrhaften Getränk gebrannt würde!

Ja, es muss darum gehen, den ganzen Geist dieser Mission für ein sinnerfülltes Leben in seiner Totalität zu erfassen und ihm zu folgen: Fair gehandelte Bio-Produkte waren gestern, wer heute nicht auf CO2-Neutralität besteht, versündigt sich an kommenden Generationen! Und nicht zu vergessen, der Wasser-Index. Fleisch-Esser – wir ahnen es bereits – verbrauchen für ihren gedankenlosen Verzehr das Zehnfache der kostbaren Ressource im Vergleich zum Durchschnitts-Veganer. Der Kohlendioxid-Ausstoß eines Joggers liegt bis zu fünfmal über dem eines moderaten Spazierers. Lässt sich der Berlin-Marathon vor diesem Hintergrund überhaupt noch rechtfertigen oder sollte nicht mindestens eine Aufforstungsabgabe an Robin Wood geleistet werden für diesen Weltklima-Frevel!

Nein, gehen wir mutig ins neue Jahr: Zur Weltrettung braucht es keine Hasenfüße! Es geht um nichts weniger, als um die konsequente Vernünftigung des Menschen und seines Alltags. Unvollkommenes, Spleeniges, Genuss, Tradition, Kultur sind Feinde eines effizienten, nützlichen Lebens.

Wieder einmal sind die deutschen Wirtschaftsverbände auch hier schon einen Schritt voraus. Zum Jahreswechsel haben sie sich mit der Forderung zu Wort gemeldet, das von der CSU durchgesetzte Betreuungsgeld lieber in Betreuungseinrichtungen zu investieren. Es sei ein Irrweg, Eltern zur Betreuung der eigenen Kinder zu ermuntern und sie so vom Erwerbsleben fernzuhalten. Schließlich ist der Fachkräftemangel schon heute spürbar.

Der Mangel an Hirn offenbar auch.

Aber vielleicht habe ich das ja auch alles falsch verstanden, und die Zirkustiere sollen nur verboten werden, weil mehr Zirkusmenschen gebraucht werden. Solche, die nach Dinkel-Brötchen schnappen und klimaneutral den Kreislauf der Wirtschaft bedienen. Diesen Ungeist zu vertreiben, könnte man sich schon ein paar ordentliche Böller kosten lassen.

Zumindest aber einen guten Single Malt!