Posts Tagged ‘Bildung’

Unsern täglichen Schulwahnsinn gib‘ uns heute

September 30, 2012

Das Fazit gleich vorweg: Bildungspolitik ist das Mekka der Dummschwätzer, Scharlatane, Ideologen, Gesundbeter, Reform-Euphoriker, Anstrengungsvermeider,Versagensentschuldiger und Verständnishuber!

Gerade ist Hella Wenders Film „Berg Fidel – Eine Schule für alle“ in die Kinos gekommen. Im ZDF sagt die Regisseurin, sie habe in ihrer Schulzeit leider nur Frontal-Unterricht gehabt, das müsse man sich mal vorstellen!

Moderne Mythen, Teil eins: der schlimme Frontal-Unterricht. Wer mit den Kindern mal ein Wochenende lang Flächen- und Rauminhalte in Zehnerpotenzen gerechnet hat, weil in der Schule nichts hängengeblieben ist, der ist vom Lernen in „offenen Gruppen“ und „Lernbüros“ gründlich geheilt. Was zum Kultus-Kuckuck spricht gegen einen Lehrer, der bei Nichtverstehen sofort erklärt? Der mit der Klasse auf Zuruf Beispiel-Aufgaben im Kopf rechnet und die Verständnisfrage des einen für alle an der Tafel erklärt. Nimmt eigentlich irgendeiner dieser pädagogischen Selbstbefriediger zur Kenntnis, dass Sprachenlernen im Selbststudium Unfug ist? Dass ein guter Lehrer vorn wie ein Chorleiter mit allen arbeiten kann, anstatt wirren Wildwuchs beim Lernen zu akzeptieren?

Moderne Mythen, Teil zwei: Jahrgangsübergreifendes Lernen. Es geht nichts über Pilotprojekte mit ausreichend Personal. Und es geht alles über die Mangel-Praxis, in der ein armer Lehrer-Wicht gleichzeitig den Zahlenigel für die ABC-Schützen erklärt, Formblätter für Addition bei den Älteren verteilt und die Dritten sich mit Bruchrechnung beschäftigen. Am Ende hat keiner was begriffen, und der Lehrer geht in Frühpension. In der Praxis ist das Modell längst durchgefallen, wird aber tapfer weiter betrieben.

Moderne Mythen, Teil drei: die Ganztagsschule. Sie ist die Heils-Verheißung der modernen Gesellschaft schlechthin: Die Ganztagsschule sollte am besten zur Pflicht- und Regelschule gemacht werden, lautet seit geraumer Zeit das Mantra der sich fortschrittlich dünkenden Links-Eliten. Eine Lösung für alles. Vollberufstätigkeit für die Eltern, mehr Lernstoff in Kinderköpfe, Aufstiegschancen für Arbeiterkinder, weniger Einfluss von Unterwelts-Cliquen auf den Nachwuchs, Kontakt-Vermeidung zum Prekarier-Milieu. Schule ist gut, Ganztagsschule verbessert die Welt. Dabei leistet die deutsche Durchschnittsschule kaum ihren Bildungsauftrag und soll nun auch noch den Rest der Gesellschaft reparieren. Dezent ignoriert werden auch Langzeit-Studien, die klar zeigen: Ohne den in der Familie bereiteten Boden, geht auch die beste Saat der Schule nicht auf. Für versagende Familien gibt es keinen Ersatz. Und wer die Schule zur Stätte der kompletten Lebensertüchtigung machen will, müsste erst einmal die Schulen in einem Maß ertüchtigen, dass die Finanzminister der Länder die Grundrechenarten für eine Legislaturperiode außer Kraft setzen müssten. Im Praxistest zeigt sich oft: Bei Ganztagsschülern müssen die Eltern genaus intensiv nacharbeiten wie bei Normal-Schulen, nur haben sie weniger Zeit dafür.

Moderne Mythen, Teil vier: Schluss mit der Pauk-Schule! Nein, Schüler müssen nicht stupide Formeln und Jahreszahlen in sich rein bimsen. Aber es hilft doch dem Verständnis der Welt hin und wieder auf die Sprünge, wenn man von den Gesetzen der Massenanziehung, Energieerhaltung oder chemischen Reaktionen schonmal was gehört hat. Erst Chemie und Physik in der Schule abwählen, und dann frei flottierenden Unsinn über Klimawandel, Verbrennungsmotoren oder die Energiewende erzählen! Man kann alle Formeln googlen, aber das Verständnis der in ihnen hinterlegten Zusammenhänge muss man schon selbst mitbringen. Der Glaube an die Energiewende wird am Ende nicht über ihr Gelingen entscheiden.

Moderne Mythen, Teil fünf: Lernen muss Spaß machen. Ja, mit etwas Geschick können Lehrer den Stoff so aufbereiten, dass es spannend wird, herauszufinden, was man noch nicht wusste. Aber man kann auch stolz auf Dinge sein, die man sich mit Mühe erkämpfen musste. Lernen nach dem Lustprinzip lockt auf eine falsche Lebensfährte und wird spätestens beim Umrechnen von Kubikmeter in Liter an seine Grenzen stoßen. Hier geht es nicht um Rohrstock und Tabellenbuch, sondern um die Binsenweisheit, dass man als kleiner Mensch nicht wissen kann, was man nicht weiß und später mal wissen muss. Mit anderen Worten: Es geht um die Verantwortung von Eltern und Schule. Die Wünsch-dir-was-Schule ist verantwortungslos.

Moderne Mythen, Teil sechs: Reform-Schule ist gute Schule! Was ist in den letzten Jahren nicht alles reformiert, herumgedoktert und probiert worden. Das immer gleiche Muster: Gut gemeintes Pilotprojekt mit Wunschausstattung an Geld und Personal scheitert im pädagogischen Alltag und wird trotzdem weitergemacht, weil Bildungspolitiker ja nicht eingestehen wollen, dass sie einige Schüler-Jahrgänge ohne Sinn und Gewinn mit irgendwelchen Testläufen verheizt haben. Dass auch private Schulen unsinnige Konzepte verfolgen und glauben, das Lehren und Lernen müsse immer wieder neu erfunden werden und lasse sich mit noch schrilleren Projekten für Lehrer, Schüler, Eltern aufpeppen, macht die Sache nicht besser.

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Betr. Rückerteilung des Sorgerechts

September 2, 2012

Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit möchten wir beantragen, das Sorgerecht für unsere Kinder Jakob, Luise und Julius zurückzubekommen. Wir sind nicht asozial, können entsprechende Einkommensnachweise bei Bedarf vorlegen, schlagen unsere Kinder nicht und haben keine Vorstrafen. Wir wissen, dass der grassierende Ganztagswahn an deutschen Schulen nicht zu stoppen ist, würden aber dennoch gern von unserem grundgesetzlich verbrieften Recht auf Erziehung unserer Kinder („Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.“ Art. 6 Abs. 2 GG) Gebrauch machen. Deshalb fordern wir:

Schule und Familie müssen vereinbar sein!

Mit Interesse haben wir zur Kenntnis genommen, dass die Ganztagsschule DAS Rezept schlechthin gegen versagende Familien in diesem Land sein soll. Nun könnte man auf die – zugegeben – verstörende Idee kommen, das Versagen von Familien, müsste zunächst in den Familien behoben werden, anstatt einen staatlichen Reparaturbetrieb aufbauen zu wollen. Wenn Autos mit Serienfehlern vom Band laufen, empfiehlt sich ja auch eine werkseitige Korrektur, anstatt die Zahl der Werkstätten zu erhöhen. Aber sei’s drum.

Wir haben bislang geduldig mit angesehen, dass der Religionsunterricht in die Stunden 7 und 8 am Freitag gelegt wurde. Wir haben es geschafft, in den Musikschulen Termine nach 18 Uhr zu bekommen, um nach Ganztagsschulschluss um 17 Uhr noch die Fahrt zum Klavier-, Gitarren- und Schlagzeug-Unterricht zu schaffen. Aber jetzt ist wirklich Schluss.

Jetzt sollen wir eine unterschriebene Erklärung vom Klavier-Lehrer oder dem Pfarrer des Konfirmanden-Unterrichts in der Schule vorlegen, dass die jeweilige Aktivität mindestens zwei Stunden pro Woche fülle, anderfalls werde die Schule auf der Teilnahme an einer Arbeitsgemeinschaft am Nachmittag bestehen, da dies zum „offenen Ganztagsbetrieb“ gehöre.

Sehr geehrte Damen und Herren, Töpfern, Geräteturnen oder die Umwelttheatergruppe „Kleine Helden“ sind sicher verdienstvolle Angebote für junge Menschen, die eine Beschäftigung suchen, von üblen Straßengangs ferngehalten werden sollten oder schon immer davon träumten, einer bedrohten Käferart darstellerisch Leben einzuhauchen. Wir dagegen würden gern den Konfirmandenunterricht, der im Leben vielleicht ebenso viel Orientierung geben kann, wie die „Holzwerkstatt“ oder „kreatives Tanzen“, nicht als Nachtschicht nach den abendlichen Hausaufgaben anfügen. Wir machen auch zu Hause gelegentlich Musik zusammen, können dafür aber keine beglaubigte „Zweit-Stunden“-Bescheinigung beibringen.

Natürlich weiß ich nicht, ob so läppische Beschäftigungen wie Tischtennis-Spielen, Trampolin-Springen oder mit dem Hund rausgehen in dem staatlichen Rahmenplan für anspruchsvolle Ganztagsangebote berücksichtigt werden können. Trotzem beantragen wir hiermit die Wiedereinsetzung in unsere Elternrechte und eine ausnahmsweise Befreiung vom bundesweiten Elternvermeidungsprogramm für Heranwachsende. Da unsere Kinder bereits älter als drei Jahre sind, fällt dafür auch kein Betreuungsgeld an.

In der Hoffnung auf wohlwollende Bescheidung verbleiben wir mit freundlichen Grüßen…

Die Bildung und die Bürger

August 15, 2011

„Also lautet ein Beschluss, dass der Mensch was lernen muss.“ Auf das Manifest des Lehrer Lämpel bei Wilhelm Busch kann man sich auch in der Union friedlich einigen. Bei allem, was darüber hinaus geht, wird es heikel. Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) hat gemeinsam mit Sachsens Kultusminister Roland  Wöller (CDU) unlängst ein Grundsatzpapier für die „Bildungsrepublik Deutschland“ vorgelegt, und braucht nun für den Schaden nicht zu sorgen. Den hat sie nämlich selbst: Schavan wurde von ihrem Kreisverband Alb-Donau nicht als Delegierte für CDU-Bundesparteitag im November nominiert, der ausgerechnet ein „Bildungsparteitag“ werden soll.

Dabei werfen ihr die verärgerten Unionisten noch nicht einmal so sehr vor, dass Schavan sich als BUNDESministerin für einen BUNDESparteitag mit einem Thema beschäftigt, das in der komplizierten deutschen Föderalbalance nun eindeutig Ländersache ist. Für Unmut sorgt vor allem der Plan, künftig auf ein zweigliedriges Schulsystem aus „Oberschule“ und Gymnasium zu setzen, was im Umkehrschluss auf die Schlagzeile hinausläuft: Die Union schafft die Hauptschule ab. Vor drei Jahren erst hatte sich die Partei „Bildungsvielfalt“ und ein „mehrgliedriges Bildungssystem“ ins Grundsatzprogramm geschrieben. So schnell veralten heute selbst bei Konservativen die Grundsätze.

Das Problem, das hier – wie in der gesamten aktuellen Profil-Debatte der Union – zu Tage tritt, ist allerdings weniger die „Modernisierung“ der CDU als solche, sondern die „unkritische Modernisierung“, die widerstandslose und unreflektierte Übernahme von Zeitgeistbeständen. Das ist einerseits intellektuell nicht sonderlich anspruchsvoll und verwischt andererseits die Konturen (frz. le contour – Umriss, Linie) der Partei. Bildung, Energie, Familie, Gleichstellung – wozu soll man sich in einer politischen Gemeinschaft zusammenfinden, die sich inhaltlich mit anderen Gruppierungen immer stärker überschneidet und sich durch Abgrenzung von anderen so kaum noch kämpferisch motivieren kann?!

Beim Bildungsstreit beispielsweise geht das CDU-Papier in der Vorstellung von Schule noch immer von einer Einrichtung der Wissensvermittlung aus. Das war Schule zweifellos früher. Weil sich aber auch die Union seit geraumer Zeit für auf den gleichen Weg begeben hat wie SPD, Linkspartei und Grüne, heißt Modernisierung Zusammenlegung von Schulen. Freilich ohne es Einheitsschule zu nennen. Das Gymnasium soll bleiben. Heute formuliert aber auch die Union einen so (illusorisch) umfassenden Anspruch an die Lebensertüchtigungsanstalt Schule, dass die alte Formen-Debatte vorgestrig wirkt. Wer freilich zuerst die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ einseitig als Entlastung der Berufstätigen von der Kinderbetreuung von der politischen Konkurrenz übernimmt, kommt später nicht umhin, die Schule als Familien-Ersatz-Einrichtung aufzuwerten.

Konsequent wäre es daher gewesen, sich ganz von alten Schulformen zu verabschieden und eine Rundum-Erziehungseinrichtung neuen Typs mit ganz neuem Lehrer-Profil zu entwerfen. Da von Alltags- und Kulturtechniken über Sprachkompetenz bis hin zum Ernährungswissen heute alles in der Schule vermittelt werden soll (die Familie war gestern), müssten die modernen Lehrer der Zukunft eigentlich elternähnliche Erziehungslotsen sein, die weniger in Fachgebieten geschult sind, sondern sich mit dem individuellen Entwicklungsstand jedes Kindes beschäftigen. Sie müssten Nachhilfe und Seelennöte ebenso erkennen, wie Begabungen, sinnvolle Freizeit-Ideen entwicklen und heimische Defizite erkennen. Eine Tätigkeit, die mit der klassischen Schule, mit Stundenplan und Hausaufgaben nichts mehr gemein hat. Eine Art anspruchsvolles Ganztagsinternat, dass realistischerweise in der nötigen Breite öffentlich nicht zu finanzieren ist.

Nun erwartet niemand von der Union solche Visionen. Es würde schon reichen, wenn sich die Parteien mit dem C im Namen darauf besinnen würden, dass es nicht reicht, die Familien Arbeitswelt-kompatibel zu machen, sondern wenn es ihnen ernst damit wäre, die Arbeitswelt familienfreundlicher zu machen. Aber das klingt ja schon wieder irgendwie altbacken nach Heim und Herd. Und so „unmodern“ möchte die moderne Union schon lange nicht mehr sein.

Von Tigermüttern und irritierten Bildungsbürgern

Februar 27, 2011

Soviel steht mal fest: Am chinesischen Wesen wird die Welt ganz gewiss nicht genesen. Seit die ersten Berichte über das Buch von Amy Chua („Die Mutter des Erfolgs“) in Deutschland zu lesen waren, herrscht breite Einigkeit im Land, dass mit erzieherischem Drill und autoritärem Durchgriff im Elternhaus nichts zu gewinnen sei. Von völlig verfehlt bis „Kindesmisshandlung“ reichen die Urteile in Leitartikeln und Talkshows. Dabei erstaunt weniger die Tatsache, wie leichtfüßig die ansonsten Pisa-gläubige Nation über die weltweiten Erfolge chinesischer Schüler, Studenten und Wissenschaftler hinweg geht, sondern es verblüfft vor allem, wie hartnäckig sich die eingefleischten Verfechter des progressiven Infragestellens aller Gegebenheiten nun ihrerseits selbst hermetisch gegen jeden Hauch des Selbstzweifels durch Chuas Provokation wappnen.

Hält man einen Augenblick inne, so lässt sich der Report aus dem chinesischen Erziehungs-Boot-Camp durchaus auch produktiv machen. Nicht in den Details und Methoden, die in der Tat wohl zu guten Teilen zum Schocken der Öffentlichkeit gedacht sind, sondern vielmehr in der Grundhaltung: Chuas Ansatz geht von einer Welt aus, der Erfolg und Wohlstand mit Disziplin und Kampf gegen die eigene Bequemlichkeit abgerungen werden muss. Setzt nicht darauf, dass ihr etwas vorfinden werdet oder dass man euch etwas wohlfeil überlässt – jeder selbst muss das Erz aus dem Bergwerk des Lebens herausmeißeln oder unwürdig durch den Tag schleichen, lautet ihre Botschaft.

Es ist eine Weltsicht, die dem Menschen keine Gnade, keine Rast, kein Pflichterbe gönnt. Jeder ist, was er sich selbst schafft. Ein Leistungsethos, dass frontal kollidiert mit dem hiesigen Anspruchsprofil. Während Deutsche und Europäer mit Vorliebe Grundrechte formulieren und in Verfassungschartas schreiben, mit bedingungslosem Grundeinkommen liebäugeln und die Gesellschaft in umfassender Bringschuld gegenüber dem Individuum sehen, geht Chua genau andersherum davon aus, dass zuerst das Individuum seinen Teil zur Gemeinschaft beizutragen habe, bevor es Anspruch auf irgendeine Dividende erheben kann. Auf wünschenswerte Mindeststandards und ideell fixierte Wohlstandszusagen verlässt man sich in ihren Augen besser nicht. Sie können funktionieren, müssen es aber nicht. Was man selbst kann, hat man sicher. Kurz: Während der Europäer sein Recht einfordert, erst nach einer stärkenden Mahlzeit auf die Jagd zu gehen, hält es der Chinese sicherheitshalber andersherum. Und wird dafür gescholten.

Die „Kampfhymne der Tigermutter“ (so der amerikanische Originaltitel) ist in der Tat kaum tauglich, als praktischer Erziehungsratgeber zu dienen. Zum einen sind in Chuas Augen Pauken und Drill Selbstzweck und werden dadurch uneffektiv, weil die Analyse fehlt, auf welchen Gebieten das Kind tatsächlich sinnvollerweise gefördert und gefordert werden sollte und wo man effizienterweise mit Mittelmaß zufrieden sein kann. Zum anderen – und das ist das viel größere Manko – geht diese Methode grundsätzlich von einem Erfolg als Funktionieren im vorgefundenen System aus. Nur das wird trainiert. Gerade wer an die Spitze will, muss aber über bestehende Grenzen hinaus und weiter denken und das Selbstbewusstsein haben, das Undenkbare zu denken und sich über das umgebende Mittelmaß hinwegzusetzen. Besser sein im Anpassen, heißt Chuas Rezept. Es trägt vermutlich eine Weile, aber nicht an die Spitze. Wer etwa Kinderzeichnungen nach dem Grad der Kopierpräzision betrachtet, leitet viel kindliche Energie fehl in das Ab- und Nachbilden, anstatt die Vertiefung des Realitätsblicks gerade durch Überzeichnung, Steigerung, Verzerrung etc. zu fördern. Auch waren viele große Komponisten keine guten Instrumentalisten. Das ordentliche Beherrschen eines Instruments ist gewiss eine Tugend, aber nicht deren Gipfel.

Und doch ist das Buch eine spannende Selbsthinterfragung einer Gesellschaft, die das Anrecht auf positive Beurteilungen verbrieft hat, in der immer mehr Kinder zur logopädischen Behandlung müssen, weil sich Eltern selbst das Korrigieren falscher Aussprache als vermeintlich autoritäre Attitüde verbieten. Die erzieherische Verunsicherung zwischen Kinds-Kumpel und Zuchtmeister geht hierzulande so weit, dass notorische Regelverletzer am liebsten in einem exotischen Camp in der texanischen Wüste über den Umweg der gnadenlosen Natur damit konfrontiert werden, dass sie sich in ein gesellschaftliches Umfeld einfügen müssen. Eine klare Ansage zu Hause ist als unmoderne Erziehungsmethode verpönt.

Und noch etwas fällt in Chuas Welt auf: Die Familie – so karriereorientiert ihre Mitglieder auch sein mögen – ist in der Pflicht beim Nachwuchs. Könnte es sein, dass unser Konzept, auf das Versagen von Familien mit deren Entlastung zu reagieren, am Ende womöglich nicht aufgeht? Gerade wird in Berlin und anderen Ländern über Programme diskutiert, mit denen Sozialpädagogen in sechsstelliger Zahl an die Schulen gebracht werden sollen, um die Lehrer bei Wissensvermittlung, Trainieren von Sprache, Kulturtechniken und allgemeiner Lebensertüchtigung zu unterstützen. Ein so umfassendes Unterfangen, möglichst große Teile der Kindesenwicklung familienersatzweise in Einrichtungen zu bewältigen, kann im Grunde nur scheitern: an den nötigen menschlichen und finanziellen Kapazitäten. Und kommende Generationen werden absehbar immer größere Teile der Kinder-Familien-Arbeit verlernt haben, weil sie selbst nichts davon erlebten.

Sarrazins Irrtum

September 2, 2010

Warum sich Thilo Sarrazin auf den Abweg genetischer Expertisen begeben hat, ist nicht ganz klar. Die verheerenden Milieuprägungen von Migrantenkindern in Problemkiezen hätten völlig ausgereicht, um seinen Alarmruf hinreichend zu motivieren. Das zentrale Missverständnis, dem Sarrazin offenbar aufgesesen ist, ist die Verwechslung von erblicher „Veranlagung“ und „Vererbung“. Das legen zumindest diverse Interviews der Intelligenzforscherin Elsbeth Stern nahe, auf die sich Sarrazin im Buch bezieht.

Demnach ist die Entfaltung von Intelligenz (ganz gleich, ob man sie nun mit einem IQ-Test misst oder anders bestimmen will) tatsächlich von genetischen Anlagen zu großen Teilen abhängig. Da man Gene gemeinhin auch als Erbanlagen bezeichnet, nimmt Sarrazin offenbar an, diese Anlagen würde ebenso weitergegeben wie etwa Wuchsgröße oder Augenfarbe etc. Stern weist nun darauf hin, dass diese Vererbung von Intelligenz nach Mendelschem Gesetz so nicht nachweisbar ist. So könnten selbstverständlich hochintelligente Eltern weniger begabte Kinder haben und bildungsferne Paare Kinder, deren Anlagen zu Höchstem befähigen.

Vor diesem Hintergrund ist auch Sarrazins Stern-Zitat zu verstehen, dass gute Schulen nicht Gleichheit hervorbringen, sondern die Unterschiede vergrößern: Zwar könne man mit einer guten Schulbildung Kinder mit geringerer Veranlagung bis an das Optimum ihrer Möglichkeiten führen, Kinder mit angelegter Hochbegabung gingen dann gewissermaßen durch die Decke. All dies sei aber nicht mechanisch zu verstehen, da auch Bildungsangebote, Fleiß und andere Faktoren eine Rolle spielten. Dass aber Anlagen zur Hochbegabung in negativem Milieu meistens verschüttet werden und sich nicht von selbst entfalten, gehört zur Wahrheit dazu. Womit wir wieder bei Sarrazin und den Problemkiezen wären.

Thilo Trotzig

August 27, 2010

Es verspricht das Skandal-Buch des Herbstes zu werden. In „Deutschland schafft sich ab“ spricht Thilo Sarrazin (65) Urängste und Aversionen der Deutschen an. Politik und Verbände reagieren mit alten Reflexen. Nur was genau sie dem politischen Sturkopf vorwerfen, sagen sie nicht.

Inwendig muss es brodeln. Wenn Thilo Sarrazin auf dem Talkshow-Sessel Platz nimmt, wippt er nervös und wartet angespannt auf das Rotlicht. Ein wenig verkniffen blickt er hinter seiner Brille hervor, misstrauisch mal, dann wieder mürrisch und unsicher. Kein Obama aus Gera, wo er geboren ist, kein Feuerwerks-Rhetoriker, der Säle in kämpferischen Gleichklang der Worte zwingt. Und doch muss drinnen ein Wurm namens Ehrgeiz wohnen, der sich von Schelte und Verachtung draußen nährt.
„…vielmehr machte mir die Tatsache zu schaffen, dass ich bei subjektiv gleichem Leistungsvermögen nicht mehr zu den Besten gehörte, sondern unter lauter Besten nur noch Mittelmaß war“, schreibt er mit Blick auf seine Schulzeit. „Diese narzistische Kränkung, die sich mit meinem Selbstbild nicht vertrug, wirkte noch viele Jahre nach.“
Ganz über den Berg ist Sarrazin wohl bis heute nicht. Mit geradezu stoischem Trotz bohrt der Sozialdemokrat und Bundesbankvorstand in den empfindlichen Stellen der Gesellschaft herum, in den allerempfindlichsten, versteht sich, wo es am meisten wehtut. Endlich einmal Bester sein unter lauter Mittelmaß. Wie punktgenau er mit seinem Buch ins eitrige Schwarze getroffen hat, bestätigen ihm seine Kritiker, vom eigenen Parteichef Sigmar Gabriel (legt den SPD-Austritt nahe) bis zur Kanzlerin (Kritik ist wenig hilfreich und verletztend).
Dabei ist Thilo Sarrazins Buch – bislang nur im Vorabdruck auszugsweise in „Spiegel“ und „Bild“ zu lesen – viel weniger skandalös und spektakulär als die Kritiker meinen. Da ist zum einen die gut mit Zahlen untersetzte Abhandlung darüber, dass die Geburtenzahlen der einheimischen Deutschen seit Jahren sinken, diejenigen zugezogener Muslime seit Jahren auf hohem Niveau rangieren. Sarrazin rechnet hoch und kommt zu dem Schluss, dass bei anhaltendem Trend in 90 Jahren nur noch 200000 bis 250000 Kinder in Deutschland geboren werden. Höchstens die Hälfte davon seien Nachkommen ohne Migrationshintergrund. Ein Befund, der seit mindestens 25 Jahren im Umlauf und statistisch belegbar ist. Ist Sarrazin nun ein „brauner Ungeist“, weil schon die Nazis „deutsche Frauen“ zum Gebären aufforderten? Wenn man ihn so sehen will, dann schon.
Sarrazin dekliniert die gängigen und weitgehend unbestrittenen Sozialstatistiken durch, wonach muslimische Einwanderer überdurchschnittlich Sozialtransfers in Anspruch nehmen und deutlich unterdurchschnittlich am Arbeitsmarkt vertreten sind. Die Bildungskarrieren von Muslimen in Deutschland liegen weit unter dem Niveau der Deutschen, aber auch sichtbar unter dem anderer Migrantengruppen. Die Kinder von asiatischen Einwanderern zeigen gar eine höhere Abiturquote als die Deutschen. Muslime sind stattdessen in der Kriminalitätsstatistik überrepräsentiert, auch in der dritten Einwanderergeneration noch wenig integriert und sprechen vergleichsweise schlecht Deutsch. Auch von Sarrazins Kritikern hat diese Zahlen niemand beanstandet oder korrigiert.
Ist also bereits die Erwähnung der Tatsachen tabu? „Nicht hilfreich“ und „verletzend“, umschreibt es die Kanzlerin, nur stellt sich die Frage, ob der verschwiegen-diskrete Umgang mit dem längst erkannten Integrationsproblem der bessere Weg ist. Der Blick in die Nachbarländer, wo von Jörg Haider (Österreich) bis Geert Wilders (Niederlande) deutlich dumpfere Gestalten sich mit erheblichen Wahlerfolgen gesellschaftlicher Blindfelder annahmen, legt eine andere Herangehensweise zumindest nahe.
Der sensible Punkt in Sarrazins Thesen ist wohl, dass er Urängste von Deutschen anspricht, die sich in einer Moderne nicht zurechtfinden, in der die Grenzen zwischen Gastgeber und Gast verwischen. Ein Gast mit deutschem Pass ist keiner mehr, selbst wenn er türkisch spricht, ganze Stadtteile mit seinem fremden Lebenswandel prägt oder Kopftuch trägt. Darf man dieses Unwohlsein artikulieren? Oder ist der einzig statthafte Standpunkt multikulturelles Mutmachen? Ja, darf man überhaupt die massiven Integrationsprobleme so scharf konturiert auf eine Herkunftsgruppe fokussieren? Ist Thilo Sarrazin ein Rassist oder gehört er zur inkriminierten Spezies der „Islamkritiker“? Belastbare belastende Indizien liefert der Autor für beides nicht. Das kann clevere Taktik sein oder schlicht der Tatsache geschuldet, dass der Sozi Sarrazin doch kein Nazi ist. Dass er freilich eine muslimisch geprägte Gesellschaft für sich und seine Enkel nicht will, daraus macht er keinen Hehl: „Wenn ich den Muezzin hören will, buche ich eine Reise ins Morgenland.“ Man kann das auch netter sagen. Oder besser gar nicht?

Eine andere untergründige Angst – wohl nicht nur der Deutschen – liegt in dem diffusen Gefühl, die individualistische, fragmentierte westliche Gesellschaft der Moderne mit ihren Selbstblockaden und Auswüchsen könnte womöglich untergepflügt werden von einer vormodernen, viel dupfer reflexhaften und sich nicht ständig selbst hinterfragenden Kultur. Muslime kriegen einfach Kinder, während wir ein schier ausuferndes Bedingungsgebäude rund um die Nachwuchsentscheidung errichtet haben, das an den Geburtenraten unterhalb der Reproduktionsschwelle auch nichts ändert. Muslime gehen in vielen Fällen einfach davon aus, dass ihre Religion die Wahre ist – im Grunde der einzig logische Umgang mit einer überirdischen Annahme. Wir stellen uns selbst in nahezu allen Lebensbereichen so sehr in Frage, dass wir oft nicht einmal bereit sind, unsere ureigenen Überzeugungen gegen Ungeist zu verteidigen. All dies wird von Sarrazin mit seiner schnörkellosen, zuweilen harten Beschreibung bedient und provoziert. Wohlweislich verschweigt er freilich, welche Konsequenzen aus seiner Bestandsaufnahme zu ziehen wären.
Viele Tabus zum Brechen hat diese Gesellschaft nicht mehr. An einigen rührt Thilo Sarrazin. Da ist der gleichfalls nicht ganz neue Befund, dass die Geburtenzahlen in bildungsfernen und sozial schwachen Schichten steigen, wenn die Sozialsysteme sich am Bedarf orientieren und mit jedem neuen Kind neue Leistungen bezogen werden können. In den USA hat Bill Clinton 1997 unter dem Eindruck rapide steigenden Bevölkerungszuwachses notgedrungen den Bezug von Sozialhilfe auf vier Jahre begrenzt. Danach sank die Fruchtbarkeit in Problem-Milieus wieder. In Deutschland hat der Bremer Sozialstatistiker Gunnar Heinsohn vergleichbare Trends nachgewiesen. Sarrazin greift diese Untersuchungen auf und empfiehlt drastische Einschnitte bei Sozialtransfers, da das Wissen um Verhütung heute Allgemeingut sei. Da mag er recht haben, aber er wird auch wissen, dass gesellschaftspolitischer Druck via Sozialsystem in Deutschland nicht vorgesehen und wohl auch nicht akzeptiert ist.
Gänzlich vermintes Terrain betritt der Ex-Senator allerdings, wenn er beiläuftig genetische Fragen streift. Kritiker werfen ihm ohnehin vor, mit „kulturellen“ Unterschieden tatsächlich „genetische“, sprich: „rassische“ zu meinen. Das ist eine Frage der Interpretation, und in diesem Falle keine gutwillige. Wo Sarrazin auf erhöhte Quoten von Behinderungen und Erbschäden unter Muslimen hinweist, kann er sich ebenfalls auf Studien etwa aus Großbritannien berufen. Die kamen vor einiger Zeit schon zu dem Schluss, dass die verbreitete Cousinen-Ehe innerhalb von Familienclans im Einzelfall kein Problem ist. Wo sie aber über Generationen praktiziert wird, kommt es zu genetischen Fehlbildungen.
Sowas sagt man nicht, sagte man früher zu Kindern. Thilo Trotzig sagt es trotzdem. Gerade weil es die anderen nicht sagen und weil er weiß, dass es stimmt. Inwendig brodelt es. Ganz gleich, was all die anderen sagen, die noch gewählt werden wollen.

Mythos Ostschule und ein Zentralismus-Streit

August 27, 2010

Für die „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ habe ich einen Beitrag mit dem Titel „Mythos Ostschule“ geschrieben, in dem es um die Verklärung der zehnjährigen Polytechnischen Oberschule der DDR geht, die heute von Ost-Nostalgikern gleichermaßen gepriesen wird wie von altbundesdeutschen Bildungsreformern. In meinen Augen hat das gemeinsame Lernen dort keineswegs die viel beschworene soziale Durchlässigkeit geförderte. Da in DDR-Klassenbüchern die „Klassenzugehörigkeit“ der Eltern vermerkt wurde, ließ sich das sehr konkret nachvollziehen. Positiv erwähne ich allerdings, dass – jenseits all der unerträglichen Indoktrinierung – der fächerübergreifend abgestimmte Lehrplan von Vorteil gewesen ist, weil der Stoff auf diese Weise wie eine große, geschlossene Geschichte erzählt wurde. Heute entscheidet jeder Lehrer selbst darüber, mit welchem didaktischen Ansatz er wann was vermittelt. Mit dem Ergebnis, dass irgendwann über die Atombombe gesprochen wird, zwei Jahre später über die Kernspaltung und irgendwann auch über den Zweiten Weltkrieg. Fragmentiertes Insel-Wissen, das beim Schüler kaum hängen bleibt und immer wieder neu vermittelt werden muss.

In einem großen Beitrag in der WELT beschäftigte sich Alan Posener mit den Auswüchsen autoritärer Ost-Pädagogik an Berliner Schulen und zitierte unter anderem auch aus meinem Beitrag. Selbst der Mythen-Kritiker Schuler, schreibt Posener, hänge noch zentralistischen Bildungsideen an. Weil ich das so auf mir nicht sitzen lassen wollte, entspann sich ein munterer Meinungsaustausch über Zentralismus und Freiheit im Bildungssystem, den man auf Margaret Heckels Seite „Starke Meinungen“ nachlesen kann.