Posts Tagged ‘Brüssel’

Kein Gespenst geht um in Europa

Juli 6, 2012

„Hass könnte die Urnen füllen“, schreibt Hans-Ulrich Jörges im neuen „Stern“ und warnt vor einem Gespenst, dass angeblich dieser Tage wieder in Europa umgeht: das Gespenst des Nationalismus’.

Und Unsinn könnte bald so manche Zeile füllen.

Es gibt keinen Hass unter Europäern, der auch nur annähernd mit der längst verblichenen Erbfeindschaft zwischen Deutschen und Franzosen vergangener Zeiten vergleichbar wäre. Es gibt keine ernsthafte national-psychologische Herabsetzung unter den Völkern – nicht einmal gegenüber Griechenland. Es gibt allenfalls eine fieß-mokante Alltagstypologie der Europäer untereinander, wie die Deutschen sie zwischen Sachsen, Schwaben und Ostfriesen pflegen. Und es gibt einen radikalen Rand, der in Deutschland eher kleiner als größer ist im Vergleich zu den Nachbarn (aber mindestens genauso bekloppt).

Hinzu kommen unreflektierte Pro-Europa-Schwätzer, die etwas von der „Gefahr der Renationalisierung Europas“ erzählen. Habe ich die Abschaffung der Nationalstaaten in Europa verpasst? Gab es zwischen Balotellis Toren und Merkels Gipfel in Brüssel Beschlüsse, die an mir vorbeigegangen sind?

Im Grunde aber geht es nicht um die wunderbar offenen Grenzen in Europa, sondern um eine Selbstwahrnehmung der Europäer, die noch immer von nationalen Schicksalsgemeinschaften geprägt ist. Wie sonst würden die Griechen die harten Sparprogramme als „von außen“ aufgezwungen erleben, wenn wir schon alle Europäer wären?! Warum sonst würde der Norden sein Geld im Kasten halten wollen, wenn im Süden die Kasse leer ist?! Und wieso glaubt irgendjemand, eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik könnte etwas anderes sein, als eine Aushandlung zwischen den europäischen Nationen!?

Auch in der Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik will in Europa jeder nach seiner Facon selig werden. Soll er auch. Voraussetzung ist allerdings, dass es noch mehrere Facons gibt. Und nicht nur eine.

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Der fiese Fiskalpakt

Juni 25, 2012

Irgendwann im Jahr 2010 haben für die Griechen jene Tage begonnen, deren Geld sie schon aufgegessen hatten.  Leider besteht im restlichen Europa kein Grund zur Häme. Auch in Deutschland nicht. Gerade hat das Statistische Bundesamt für das erste Quartal 2012 das Durchbrechen der 2-Billionen-Euro-Linie bei den deutsche Staatsschulden vermeldet. Und es ist dies nur die Netto-Rechnung – nimmt man die schon heute berechenbaren Kosten für Pensionen und Sozialkassen der Zukunft hinzu, so geht es noch weiter hinauf in die Zahlenräume der Astrophysik. Mit anderen Worten: Auch Deutschland hat schon verspeist, was man später als konjunkturelle Kredit-Notration hätte verwenden können. Spanien kracht, Frankreich ächzt, Italien steht am Abgrund, und die EU-Finanzminister werden nicht müde zu erklären, dass die „Erfolgsgeschichte des Euro“ weitergehe. Schritt für Schritt.

Wie „erfolgreich“ ein solcher konsequenter „Sparkurs“ ist, lässt sich dieser Tage wiederum an Deutschland verfolgen. Weil der Fiskalpakt, der allen Europäern eiserne Spardisziplin auferlegen soll, die Zustimmung der Länder braucht, hat man mit ihnen Verhandelt. Motto: Wir brauchen Geld bevor wir sparen können. Darum bezahlt nun der Bund Extra-Millionen für Kitas und Behinderte in den Ländern, damit diese sich bequemen, der höchstdringlichen, Euro-überlebenswichtigen Sparsamkeit überhaupt zuzustimmen. Das ist Irrsinn mit Methode. Die alte Erkenntnis:

Westliche Demokratien können nicht sparen.

Keine demokratische Regierung in Europa wird nach kärglichen Krisenjahren jenen Teilen der politischen Meinungsmacher trotzen können, die erklären: Jetzt müsse vom Aufschwung endlich auch wieder etwas bei den Menschen ankommen. Tatsächlich müssten die Früchte des Aufschwungs in solchen Fällen aber regelmäßig in den Schuldendienst fließen, während die Menschen inflationsgebeutelt weiter leer ausgingen. Das funktionierte bisher nicht, und es wird auch in Zukunft nicht funktionieren. Fiskalpakt hin oder her.

Die vermeintliche Lösung: Mehr Europa! Eine gemeinsame Wirtschaftsregierung, gemeinsame Budget-Hoheit von Brüssel aus, gemeinsame Schulden, gemeinsame Kassen… Nur den Streit um Sparsamkeit vs. Kredit-Konjunktur wäre damit nicht vom Tisch und würde sich in Brüssel abspielen zwischen Kommissaren und Ministerräten. Und er würde in seichten Kompromissen aufgelöst werden, mit denen ganz Europa noch ein paar Jahre Gemeinschaftsschulden machen würde, bevor endgültig Ruhe ist im EU-Karton.

„Mehr Europa“  ist eben keine Lösung, weil Europa auch keine Abkehr von der bisherigen Art des Wirtschaftens will. Europa würde auf Gemeinschaftsebene die gleiche Politik machen, wie alle Euro-Länder bisher. Und es würde auf die bestehenden Schulden draufsatteln, solange es noch einigermaßen erschwingliche Kredite gibt. Nötig wäre dagegen, beispielsweise den Begriff von „Investitionen“ ganz neu zu definieren: Nur was sich refinanziert, ist eine Investition. So schön Bildung ist, so sinnvoll neue Straßen sind – laufende Kosten, Unterhaltung sind messbar, die finanziellen Rückflüsse sind es nicht. Das Fazit müsste deshalb lauten: Rückstellungen treffen, keine auf Dauer angelegten. Ausgabe-Posten, die bei nächster Konjunktur-Delle nicht mehr finanzierbar sind….

Politiker, die diese freudlose Kunst ernsthaft betreiben wollen, müssen allerdings wohl noch geboren werden.

Gedämpfte EUROphorie

Dezember 11, 2011

Mit einem Durchbruch ist das so eine Sache: Beim Tunnelbau, ist er Grund zum Jubeln, wenn es den eigenen Darm betrifft, potenziell tödlich und im Falle von EU-Gipfeln meistens Schmu. Nach den großen Vorweihnachtsfestspielen von Brüssel lohnt es deshalb, das Europa-Panorama noch einmal gründlich auszuleuchten.

Die Ausgangslage: Etliche Länder an der südlichen Peripherie der EU sind durch überbordende Staatsverschuldung an den Rand der Zahlungsunfähigkeit gekommen. Die ebenfalls hoch verschuldeten, aber wirtschaftlich noch deutlich leistungsfähigeren EU-Staaten im Norden können zwar ihre eigenen Verbindlichkeiten bedienen, geraten aber bei vollem Einstehen und Solidar-Transfer für die Schulden-Länder ebenfalls ins Wanken. An dieser Situation hat sich durch den EU-Gipfel nichts geändert.

Europa kann sich ein Scheitern des Euro nicht leisten und seine Rettung nicht bezahlen.

Der Euro: Geändert hat sich bestenfalls das marktpsychologische Klima in den Euro-Staaten und in der EU ohne Großbritannien: Alle beteuern, jetzt aber wirklich und in echt sparen zu wollen. In Zukunft. Maastricht 2.0 sozusagen. Ab wann die Euro-Schuldenbremsen kontinental greifen sollen, ist ebenso offen, wie ihre nationale Umsetzung. Und ob diese Bemühenszusage die Märkte überzeugt, bleibt einstweilen offen. Wer das inländische Politikgeschehen in Deutschland einigermaßen wach beobachtet, wird ebenfalls Zweifel hegen. Selbst jetzt bei brummender Konjunktur und sprudelnden Steuerquellen, machen wir neue Schulden. Glaubt jemand ernsthaft, wenn 2016 die Schuldenbremse greift und gerade Flaute herrscht, wird es Politiker geben, die die volle Spar-Härte ans Volk durchreichen?

Und schließlich muss man ganz nüchtern feststellen, dass all die nun beschlossenen Sanktionen gegen künftige Schulden-Sünder gut gemeint und richtig sind – einen souveränen Nationalstaat zu etwas zwingen kann man bis heute gleichwohl nicht. (Außer mit Krieg, der hoffentlich aus dem europäischen Zuchtkatalog gestrichen ist!)

Großbritannien: Die Insel habe sich isoliert, heißt es allenthalben. Einem Demokraten (ob nun mit oder ohne DDR-Erfahrung) müssen bei all den Kommentaren und der Schelte die Alarmglocken klingen. Einer, der nicht mitmacht, isoliert sich also. Ist Europa der neue Gleichschritt? Wie glaubhaft ist ein Europa, dass im Angesicht seiner gerade offenbar gewordenen wirtschafts- und sozialpolitischen Vielgestaltigkeit mehr Einheit beschließt?! Je krasser und dramatischer sich die Realität zeigt, desto ungehemmter beschließt man in Brüssel sein Wunsch-Europa, als wäre genau diese Methode nicht schon beim Euro krachend gescheitert.

Wie plausibel ist es also, sich in diesen EU-Laden voll einbinden zu lassen, um „mitreden“ zu können? Der jetzt beschlossene Weg in die Fiskalunion wird notwendigerweise eine Wirtschafts- und Sozialunion nach sich ziehen müssen. Bei allen irrationalen Affekten, die in Grobritannien eine Rolle spielen mögen, ist das Wahren vorsichtigen Abstands hier durchaus mehr als nachvollziehbar: Der Euro hat das Auseinanderklaffen der europäischen Wirtschaftssysteme offenbart – wer sie nun zu einer Fiskal- und Sozialunion zusammenführen will, muss einerseits die Mentalitätsunterschiede glatt bügeln und braucht andererseits eben gerade dazu sehr unterschiedliche ökonomisch-politische Werkzeuge. Im Grunde müsste künftig Brüssel so differenzierte Entwicklungsmodell für Regionen und Länder entwickeln, wie es die Länder wegen der Einheitswährung nicht konnten oder wollten. Es lebe die Zentrale!

In der Sache ist Großbritannien gar nicht so isoliert. Wenn es die beschlossenen Sparsamkeitsauflagen für sinnvoll hält, kann es sie freiwillig jederzeit nachvollziehen und umsetzen. Und dass die Finanztransaktionssteuer zwar Einnahmen generiert, aber kaum lenkende Wirkung auf die Märkte hat, ist inzwischen eine Binsenweisheit. Sie ist ein Schlagwort fürs Volk und alles andere als ein Ersatz für die wirklich dringenden Reglementierungen der Märkte.

Wirklich einbringen hätte London seinen grundsätzlich eher individualistischen Standpunkt in der neuen EU ohnehin kaum, da der Trend zu immer mehr Mehrheitsentscheidungen in Brüssel geht. Mit anderen Worten, der Frust der Kontinental-Europäer sitzt tief, dass sie auch in Zukunft über die Briten nicht stärker mitbestimmen können.

Man kann diesen Umstand auch durchaus sympathisch finden. Schließlich gerät beim Europäischen Einigungsprozess seit langem ein Aspekt völlig unter die Räder: Der Wert der Vielfalt in Europa.

Länder-Lego: Ausgerechnet in der Krise basteln einige an den „Vereinigten Staaten von Europa“

August 29, 2011

Wenn Wasser nach oben flösse, gäbe es keine feuchten Keller. Ausgerechnet jetzt, mitten in der Euro-Krise, wird wieder heftig am Bundesstaat Europa gewerkelt. „Mein Ziel sind die Vereinigten Staaten von Europa“, sagt beispielsweise Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) im jüngsten „Spiegel“. Gemeint ist das Hamburger Magazin, nicht die heimische Ankleide. Dort wäre es kein Problem.

Denn einerseits zeigt eben jene Krise, dass dieser Kontinent keineswegs zusammensteht, wenn es etwas kostet. Und andererseits hat die gleiche Ursula von der Leyen (CDU) in diesen Tagen selbst vorgeschlagen, Euro-Schuldensünder sollten im Gegenzug für Milliardenhilfen Gold oder andere materielle Werte beim Rettungsfonds in Brüssel verpfänden, damit ihr Sparwille nicht erlahme. Besser kann man zwischennationales Ressentiment nicht illustrieren.

Die nüchterne und für manchen wohl ernüchternde Realität ist, dass das vereinte Europa an seinen Grenzen angekommen ist. Geographisch wie ideell. Die CSU formuliert das in ihrem jüngsten Thesenpapier mit erstaunlicher Klarheit: „Aus der Bündelung von immer mehr Politiken ist aber weder ein europäisches Gemeinschaftsbewusstsein noch die erhoffte politische Union entstanden. Die CSU lehnt die Idee von Vereinigten Staaten von Europa, also der Schaffung eines europäischen Bundesstaates, der auch die sog. Kompetenz-Kompetenz besitzt, entschieden ab und hält den Staatenverbund für die absehbar geeignete Organisationsform der europäischen Integration.“

Man sollte sich vielleicht auch hin und wieder im größten EU-Überschwange klarmachen: Nicht alle Nationen in Europa haben sich in ihrer Geschichte so brachial daneben benommen wie die Deutschen. Oder anders gesagt: Einige europäische Nachbarn haben genügend Nationalstolz durch die Jahrhunderte ihrer Historie gerettet, um nicht euphorisch im großen Ganzen aufgehen zu wollen.

Nun will sich auch die CDU auf ihrem Leipziger Parteitag im November mit dem Euro und seiner Rettung beschäftigen. Vielleicht wäre es dazu hilfreich, erst einmal das eigene Verständnis von Europa zu klären. Die selbst ernannte „Europa-Partei“ CDU schwankt zwischen jenem Flügel, der diesen Titel mit „alles und immer für Europa“ übersetzt und jenem, der freimütig zugibt, dass der fusionierte Kontinent weit an den Köpfen und Herzen der Menschen vorbei geht. „Europa-Partei“ sollte deshalb nicht mit unbedingter Integration – gern auch unter dem Zwang der Krise – verwechselt, sondern als  „Europa-Kompetenz“ für das“richtige“ funktionierende, angemessene Europa verstanden werden. Und da geht es eben nicht nur um die Förderung eines weltweit konkurrenzfähigen Staatenbundes, sondern auch um dessen Schutz vor übereifrigen Enthusiasten, die seine Grenzen nicht erkennen.

Wer die reale EU zwangsweise oder aus Leichtsinn in eine gut gemeinte Wunsch-Union überführen will, gefährdet den Europa-Gedanken mehr als er ihm dient. Weil das so ist, gibt es zwar eine Außenkommissarin aber keine gemeinsame Außenpolitik, weil keine ehrliche Regierung im Ernst will, dass ihre Belange von EU-Brüssel wahrgenommen oder gar geregelt werden. Genauso wird es mit der sogenannten Wirtschaftsregierung sein. Entweder ein loses Gesprächsgremium oder eine Null-Personalie.

Auch wenn Europa nach wie vor kein erotisches Publikumsthema ist, sollte die Kanzlerin und CDU-Bundesvorsitzende den November-Parteitag nutzen und sagen, welches und wieviel Europa sie will. Ein Europa der starken Staaten oder eines der starken Zentrale. Je mehr Kompetenzen und Hoheitsrechte Berlin an Brüssel abgeben will, desto besser sollte sie das den Menschen im Lande erklären. Denn die haben am innerdeutschen Föderalismus schon genug zu knabbern.

Den Euro in seinem Lauf…

Juni 13, 2011

Neben Indoktrinierung, Misswirtschaft und ideologischer Scheuklappen-Politik ist der Staatssozialismus vor allem an einem gescheitert: an dem Versuch, ein gut gemeintes Gesellschaftsmodell zu etablieren und diesem die Realität unterzuordnen. Es hätten nur alle mitmachen müssen, und der Sozialismus hätte geklappt.

 Wenn alle mitgemacht hätten, hätte auch der Euro ein Erfolg werden können.

 Nun ist die Idee vom geeinten Europa mit dem Staatssozialismus Stalin’scher Prägung nicht wirklich vergleichbar, weil Europa ein Bund der Freiheit, nicht des Zwanges sein soll. Dennoch wohnt man den immer neuen Rettungsversuchen mit einiger Verwunderung bei, weil die Ursachenforschung – wie bei einer falsch geknöpften Jacke – offenbar immer nur bis zum vorherigen Knopf reicht. Jeder weitere ist zwingend und „alternativlos“ bis das Malheur perfekt ist. Geht man zurück auf Start, so bietet sich ein ganz anderes Bild: Schon bei der Einführung des Euro wurden die Europäer nicht mitgenommen. Zu groß und wichtig war die Vision von der gemeinschaftlichen Zukunft, zu der die Gemeinschaftswährung unbedingt gehörte, als dass man die Bürger darüber hätte abstimmen lassen wollen. Wo dies geschah (Irland), ging es prompt schief, und die Briten hielten sich gleich ganz raus.

 Kritiker, die darauf hinwiesen, dass die unterschiedliche Wirtschaftsstärke der Mitgliedsländer künftige nicht mehr würde durch Abwertung ausbalanciert werden können, wurden zu Außenseitern und Spinnern gestempelt. Sie haben schlichtweg recht behalten, weil der Verweis auf die USA schon damals nicht wirklich trug: Dort stehen Bundesstaaten gegeneinander, nicht souveräne Nationalstaaten wir in Europa. Und es betrachten sich die meisten Menschen dort zuerst als Amerikaner. Es kann ja nichts passieren, wurde den euroskeptischen Deutschen erklärt, es gibt ja den Euro-Stabilitätspakt und die Maastricht-Kriterien. Mehr als drei Prozent Defizit dürfen die Euro-Länder gar nicht machen. Als ausgerechnet Deutschland diese Marke in Serie riss, ließ Berlin die allzu harte Regel aussetzen, bis es wieder genehm war und kein Blauer Brief aus Brüssel mehr drohte.

 Als Griechenland 2002 dem Euro beitrat, führte es die anderen Währungspartner mit einer so aberwitzig einfachen Masche hinters Licht, dass EZB, EU-Kommission und Jean Claude Juncker eigentlich noch heute vor Scham im Boden versinken müssten. Man meldete einfach falsche Wirtschaftszahlen nach Brüssel! Nichts weiter. Keine Verrechnung des BIP mit dem Reziproken der Metaxa-Öchsle-Zahl oder Addition der Gyros-Konstanten zum Korfu-Faktor der insularen Fisch-Produktion. Einfach die von Brüssel geforderte Wunschzahl auf die Realkonjunktur draufgeschlagen, frisch ins Kuvert und unbeschwert nach Europa geschickt. Eine so abgrundtiefe Blamage, dass sie bis heute eigentlich nicht wirklich aufgearbeitet ist. Statt Bankraub, der Griff in die offene Kasse.

Jetzt, knapp zehn Jahre und drei Milliarden-schwere Rettungspakete später, hat man sich nicht etwa bei den damals verfemten Euro-Skeptikern entschuldigt, sondern stillschweigend das Reglement geändert. Die einst ausdrücklich ausgeschlossene Umverteilung zwischen den Euro-Ländern, soll nun in Form des Stabilitätsmechanismus‘ ESM zu einer festen, dauerhaften Einrichtung werden. Und was noch viel schlimmer ist: Man hat die Europäer am Beginn des Euro nicht mitgenommen, und man hat auch nicht vor, sie jetzt beim weiteren Verbrennen von Steuermilliarden mitzunehmen.

 Wenn es denn tatsächlich so ist, dass jeder Preis, um dessen willen man Griechenland rettet, geringer wäre, als der Preis für eine unkontrollierte Pleite Athens, dann müsste sich endlich jemand von großen europäischen Staatslenkern zu einer ernsten Ansprache ans Volk erheben: ,Wir stehen vor einem wirtschaftlichen Abgrund. Wir retten nicht Griechenland, sondern unsere eigenen Volkswirtschaften, unsere mit Staatsanleihen abgesicherten Renten, unsere Banken, die die Wirtschaft mit Krediten am Leben halten, unseren Wohlstand. Diese Rettung wird teuer, aber alles andere wäre der Ruin.‘

 Wenn Europa nicht endlich beginnt, Politik mit den Europäern zu machen und nicht über sie, wird dieses Projekt scheitern. Wenn die Griechen etwa in einer Volksabstimmung erklären, sie hätten jetzt genug vom Sparen, könnte selbst im dringendsten Eigeninteresse das restliche Europa keine weiteren Hilfen nach Athen schicken und müsste sich mit den Folgen einer wirklich tiefgreifden Euro-Krise in den eigenen Volkswirtschaften herumschlagen. Es geht nicht um neue Institutionen, eine EU-Wirtschaftsregierung oder noch tiefere Integration der Mitgliedsländer. Im Gegenteil. Es geht schlicht darum, die hehre Vision von Europa auf das Maß der tatsächlichen Gemeinsamkeiten der Europäer zurückzustutzen. Das wird dem alten Kontinent besser bekommen, als Enthusiasten, denen es beim schiefen Zuknöpfen der Europa-Jacke gar nicht schnell genug gehen kann.

Euro-Jenga

November 23, 2010

Europa ist eine  Fiktion. Eine wünschenswerte – durchaus. Aber es ist keine Realität. Das ist das Problem. Irgendwann nach dem letzten Krieg gab es etliche kluge Köpfe, die fanden, es sei an der Zeit für einen geeinten, starken, friedlichen Kontinent. Da sprach und spricht nichts dagegen, und Deutschland sprach dafür, weil der vorsichtige Auftritt im europäischen Ensemble der einzig akzeptierte Weg zurück auf die politische Weltbühne war für den Doppel-Frevler des 20. Jahrhunderts.

 Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Montan-Union, hat sich Europa gemausert. Es hat ein Parlament, eine Kommission, einen Vertrag und sogar eine Währung. Einen europäischen Geist hat es noch immer nicht. Man kann darüber streiten, ob die Europäer ohne Brüssel längst wieder übereinander hergefallen wären (ich glaube das nicht), Fakt ist aber, dass nun innerhalb der EU noch immer jenes geostrategische Kräftespiel gespielt wird, dass früher ohne sie auch gespielt wurde. Und wenn es drauf ankommt, macht jeder was er will, zieht in den Irak-Krieg oder nicht, verbittet sich Reglementierungen seiner Autoindustrie oder Gängelung der Bauernschaft. Aber immerhin: Die Hygienebestimmungen für Rohmilchkäse sind harmonisiert.

 Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: All das ist gut so, weil es die Realität abbildet. Der Euro bildet die wirtschaftliche Realität seiner Mitgliedsländer nicht ab, und genau da beginnt das Problem. Wie beim lustigen Jenga-Turm haben die Europäer wundervolle Visionen etagenweise übereinander gestapelt. Die Gemeinschaftswährung nimmt einen großen, einigermaßen homogenen Wirtschaftsraum vorweg, der in der Realität nicht existiert. In der Krise konnte nun – wie die Euro-Kritiker es übrigens vorausgesagt hatten – nicht durch nationale Notenbankpolitik gegengesteuert werden.

 Deshalb wird nun der Ruf nach einer europäischen Wirtschaftsregierung laut, die Wirtschafts-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik auf dem Kontinent vereinheitlichen soll. Die Idee ist logisch und folgerichtig, aber sie ist eine Illusion: Wenn die Euro-Staaten die gleichen Vorstellungen von ihrer Wirtschaftspolitik hätten, würden sie schon jetzt ähnlich wirtschaften. Tun sie aber nicht, und sie werden es sich auch von einer europäischen Zentralbehörde nicht vorschreiben lassen. Während die haushaltspolitische Etage des europäischen Jenga-Turms noch wackelt, soll rasch eine weitere oben drauf gelegt werden.

 Wenn man etwas vom realen Sozialismus lernen kann, dann, dass Wünsche nicht dadurch wahr werden, dass man sie beschließt. Manche meinen, die Türkei würde europäischer, wenn man sie rasch in die EU aufnähme – da ist der Jenga-Turm der Illusionen schon zum Traum-Tower geworden. Und auch der Euro ist längst nicht sicher. Der 750-Milliarden-Euro-Rettungsschirm ist schließlich kein reales Rücklagenkonto für Notzeiten, sondern eine leere Kasse, aus der sich wankende Staaten trotz Überschuldung günstig etwas borgen können, weil die anderen bürgen. Wenn die anderen tatsächlich zahlen müssten, weil das Geborgte nicht in die Kasse zurückkommt, würden vermutlich alle wanken. Und die martialischen Sparprogramme der nächsten Pleitekandidaten haben bislang lediglich dazu geführt, dass Portugal und Spanien nur noch ein recht kleines Defizit haben. Saniert ist niemand.

 Der Fehler des Euro bestand darin, das Versagen seiner Teilnehmer nicht mit der gleichen Intensität vorauszudenken wie seine Chancen. Ein Fehler, der allen großen, faszinierenden, guten und schönen Visionen anhaftet und sie zu tickenden Zeitbomben macht. Der Mensch lernt aus Fehlern, in einer globalisierten Welt, könnte das womöglich eine Idee zu spät sein.