Posts Tagged ‘Christen’

Die Vorhut für die Vorhaut

September 10, 2012

Juden und Muslime verstehen die Welt nicht mehr. Was ist plötzlich mit den Deutschen los? Aus heiterem Himmel trifft die Anhänger beider Religionen das Beschneidungsverbot eines bis dahin unauffälligen Landgerichts in Köln und wirft so ziemlich alles über den Haufen, was im Verhältnis von Deutschen, Muslimen und Juden bislang gegolten hat.

Die Wucht, mit der sich Juden und Muslime im Kern ihres Selbstverständnisses auf einmal angegangen sehen, hat einen einfachen Grund: Über Nacht sind sie mit der rabiaten deutschen Areligiosität, mit konsequenter Verweltlichung, gnadenlosem Materialismus und offensiver Gottlosigkeit konfrontiert worden. Ein Erlebnis, das bislang hierzulande vor allem Christen kannten: Vom berühmten Kruzifix-Urteil bis zur Verhöhnung von Kreuz, Christus (taz: „Latten-Hugo“) und Papst haben Christen sich längst daran gewöhnt, alles an Schmähungen und Verhöhnungen hinnehmen zu müssen, was die wortführenden Dünnbrettbohrer so austeilen. Dass der Glaube ein für die Person zentrales Identitätsmerkmal sein könnte, erscheint dem frei flottierenden Talk-Schwadron völlig abwegig. Allenfalls unterschwellig als leicht rückständig bemitleideten Gesellschaften (Polen, Latinos und nicht zu vergessen fromme US-Amerikaner) wird eine gewisse exotische Frömmigkeit als zu überwindendes Relikt düsterer Vergangenheit zugestanden.

Juden und Muslime wurden aus unterschiedlichen Gründen von dieser Herabsetzung bislang weitgehend ausgenommen. Während Juden im „Land der Täter“ als verschwindende Minderheit vom Meinungs-Mainstream vor allem als Subjekt der Wiedergutmachung betrachtet und allenfalls durch antiisraelische Reflexe indirekt gepiesackt wurden, stellten Muslime die zentrale und sichtbarste Ikone von Migration und Multikulturalismus dar. Sieht man einmal vom braunen Bodensatz ab, so umgab über alle politischen Lager hinweg die deutschen Juden seit jeher eine Korona des Respekts, der Freude über wiederkehrendes jüdisches Leben und der innenpolitischen Solidarität. Dass sie in der Beschneidung mehr sehen könnten, als eine überflüssige OP, ist deutschen Lautsprechern nicht zu vermitteln. Sorry, ist nicht persönlich gemeint, nur ignorant. Und da es sich um einen rein juristischen Disput über die körperliche Unversehrtheit von Kindern handelt, kann all das mit Antisemitismus ja nichts zu tun haben….

Muslime hinwiederum wurden den Deutschen gerade wegen ihres sichtbaren und gelebten Andersseins als besonders schöne Integrationsherausforderung vorgeführt. Zwar gab es immer wieder Ärger um das Kopftuch muslimischer Frauen, aber die laute Stimme der Multikulturalisten übertönte noch immer die kleine Schar verfemter „Islamkritiker“ (eine Vokabel, die vielen bereits als Schimpfwort gilt). So wurden nicht nur die Kopftuch-Urteile scharf kritisiert, sondern es machte sich sogar Verständnis breit, wenn Muslime wegen der Mohammed-Karikaturen mord-brennend durch arabische und westliche Straßen zogen. Eine bis an die Grenzen der Selbstverleugnung und der Selbstaufgabe westlicher Werte gehende irrationale Nachsicht, die nun unversehens beim Thema Beschneidung hinweggenommen wurde.

Beide Gruppen, Juden und Muslime, kamen im Übrigen vor Jahren schon in den Genuss einer juristischen Sonderbehandlung, die damals kaum Aufsehen erregte: Das Schächten (Ausbluten ohne Betäubung) von Tieren als zentrales religiöses Ritual, wurde 2006 vom Bundesverwaltungsgericht per Ausnahmeregelung aus der Konfliktzone mit dem deutschen Tierschutz geholt und zugelassen. Obwohl Tierschutz inzwischen sogar als Staatsziel (Art. 20a GG) im Grundgesetz verankert ist.

Aus dem Kordon dieser Achtung und des religiösen Respekts werden Juden und Muslime nun unversehens verstoßen. Willkommen in der eindimensionalen Realität der konsequent Intoleranten! Verblüffend ist an dem Vorgang dreierlei:

Erstens gehörte es seit Urzeiten zum ganz alltäglichen Weltwissen jedes Abendländlers, dass Muslime und Juden die Beschneidung pflegen. Warum war es bis zum Juni 2012 nie ein Thema? Wenn es etwas gab, was im Getümmel der Kulturkämpfe beiden Religionen nie vorgeworfen worden ist, dann ist es die Beschneidung. Und nun entdecken die Deutschen urplötzlich, wie unhaltbar dieser Zustand ist und dass allenfalls von deutschen Amtsauskennern zertifizierte Beschneider unter Beibringung schriftlicher Belege der religiösen Unverzichtbarkeit den Eingriff ausnahmsweise noch vornehmen dürfen?!

Zweitens ist auffällig, dass deutscher Multikulturalismus und Inklusionswille offenbar nicht dort an seine Grenzen stößt, wo selbstbewusst eigene, westliche Werte postuliert und hochgehalten werden, sondern dort, wo der eigene Horizont die Nasenspitze streift. Wenn man davon ausgeht, dass das Menschenrecht auf Vorhaut bislang nicht zu den höchsten Rechtsgütern der westlichen Hemisphäre gehörte, könnte man zu dem Schluss kommen, dass hier einfach einem Fremden seine lästigen Marotten ausgetrieben werden sollen. So, wie das landläufige Durchschnitts-Dumpfhirn über Knoblauch und Orientmusik die Nase rümpft, kämpft jetzt die selbsternannte Fortschritts-Vorhut für die Vorhaut.

Drittens schließlich springen beide großen Kirchen in Deutschland Juden und Muslimen bei, weil sie selbst leidvolle Erfahrungen mit der Religionsfeindlichkeit vermeintlicher Eliten gemacht haben. Und vielleicht auch, weil sie (vermutlich vergeblich) auf ein wenig beginnende Selbstreflexion hoffen. Denn den Zwiespalt spüren wohl die meisten Beschneidungsgegner: Niemand will ernsthaft um einer Pimmelspitze willen deutsche Schlagbäume wieder herunterlassen: Das könnte ihr zu Hause machen, nicht bei uns! Irgendwas muss also für Juden und Muslime dran sein, wenn vorne was ab ist.

Und vielleicht spricht ja auch einiges dafür, sich zunächst dringenderen humanitären Problemen zuzuwenden. Ein Vorschlag zur Güte: Wenn Zwangsverheiratungen, Steinigungen und Mädchenverstümmelungen nachhaltig von dieser Welt getilgt sind, kann man die Zirkumzision gern noch einmal auf Wiedervorlage legen.

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Es lebe der evangelische Papst

September 24, 2011

Deutschlands Protestanten sind enttäuscht. Das schreiben zumindest die meisten Kommentatoren über das Treffen des Papstes mit den Vertretern der Evangelischen Kirche in Erfurt. Sie hatten auf „deutliche Schritte“ oder Gesten des Pontifex Maximus im Sinne der Ökumene gehofft. Was genau sie sich da vorgestellt hatten, weiß man nicht. Wahrscheinlich hätte der Nachfolger Petri sich ein Beispiel an der Kanzlerin und ihrer Energie-Wende nehmen sollen: ,Wir haben jetzt 500 Jahre gestritten. Also gut: Ihr habt recht.‘

Zugegeben – eine recht banale Vorstellung. Einerseits ist die Kirchentrennung im Zuge der Reformation ja nicht grundlos erfolgt, sondern wegen bis heute bestehender unterschiedlicher Auffassungen über Gott und die Menschen. Andererseits kann der Führer einer Weltkirche nicht eben mal als nette Geste an seine Landsleute aus der Thüringischen Landeshauptstadt die Botschaft an 1,2 Milliarden Katholiken senden: Von heute an sehen wir die Sache mit dem Abendmahl einfach etwas lockerer.

Benedikt XVI. hat den Reformator Martin Luther ausdrücklich gewürdigt, hat zentrale Orte seines Wirkens besucht und damit klar gemacht, dass Rom ihn nicht länger als ketzerischen Spalter ansieht, sondern als einen Menschen auf der Suche nach Gott und dem Glauben. Mit anderen Worten: Auch wir (Rom) haben damals Unrecht getan und Anlass zu reformatorischen Umtrieben gegeben. Eine beachtliche Geste, zu der die Vorgänger Josef Ratzingers sich nicht herbeilassen konnten und eine gute Grundlage für weitere Gespräche.

Enttäuscht kann davon nur sein, wer Ökumene als eine Art Koalitionsverhandlungen versteht, die mit einem „guten Kompromiss“ für beide Seiten enden. Aber das Himmlische lässt sich nicht irdisch verrechnen. Und es ist schon ein – nicht wirklich überraschendes – Zeugnis religiöser Unkenntnis und Ignoranz vieler Medienleute, hier im Ernst liturgische oder theologische Gastgeschenke aus Rom erwartet zu haben.

Noch absurder nehmen sich da nur die Appelle etwa des Bundespräsidenten bei der Begrüßung des Papstes aus. Christian Wulff, von dem man weiß, dass er als geschiedener Katholik persönlich unter der Zurücksetzung beim Abendmahl leidet, mahnte gerade heraus Reformen beim Zölibat, bei der Rolle der Frau und im Umgang mit Geschiedenen in der Katholischen Kirche an.

Nun ist aus katholischer Sicht die Ehe ein Sakrament, das sich die Eheleute gegenseitig spenden. Würde sich Benedikt hier also großzügig zeigen, so müsste er an Kernbestände des Glaubens heran. Es beginnt mit dem Ehegelübde, sich bis zur Scheidung durch den Tod treu zu sein, in guten wie in schlechten Tagen: Einen solchen Schwur kann man sinnvollerweise nur einmal ablegen. Zumindest, wenn man ihn ernst meint. Akzeptiert man ihn – etwa in Schröder/Fischerscher Serienauflage – , müsste er konsequenterweise in eine Art lose Bemühenszusage umformuliert werden.

Nun gut, Menschen sind fehlerhaft, aber ein Sakrament, das man gern immer wieder brechen kann, wäre kein solches mehr. Dabei ist es schon einigermaßen plausibel, die innigste Beziehung zwischen zwei Menschen, die zudem normalerweise den Fortbestand der Menschheit sichert, als geheiligt anzusehen. Im Klartext: Der Papst müsste, um Wulffs Bitte zu erfüllen, mal eben rasch eines der sieben katholischen Sakramente abschaffen. Das wird er realistischerweise nicht tun, auch wenn es sicher eine schöne Geste wäre, um auf die evangelischen Christen zuzugehen.

Noch interessanter ist aber die Begründung deutscher Reform-Katholiken für diese Forderung: Die strikte Treue passe nicht zur Lebenswirklichkeit moderner Menschen, heißt es. Da haben sie zwar recht, nur ist die Logik dahinter genauso bezeichnend wie absurd: Wenn unsere Lebensweise nicht mit göttlichen Regeln harmoniert, muss Gott halt sich und seine Regeln ändern. Wir doch nicht uns! Wenn der Glaube an Gott aber einen Sinn haben soll, dann gewiss nicht den, Gott nach unserem Bilde zu formen, damit seine Religion uns dient und Spaß macht.

Wer täglichen Trost sucht, der sich als flexible Dienstleistung unseren Gewohnheiten, Irrwegen und Zivilisationsmacken anpasst, ist im reichhaltigen deutschen Vereinsleben besser aufgehoben, als in der katholischen Kirche. Die hat sich vor 500 Jahren bewusst nicht für den Weg von Martin Luther entschieden. Wer Frauenpriestertum, Abendmahl für alle und Kondomverteilung in Afrika wünscht, hat seitdem eine Alternative.

Thema verfehlt: Pamphlete wider die Islamkritik

Februar 18, 2011

Was haben Sahra Wagenknecht und Mohamed Atta gemeinsam? Nichts, außer dass sie beide Weltbildern anhängen (anhingen), die Terror und Tod über die Menschen gebracht haben. Dabei spielt es so gut wie keine Rolle, dass Attas Wahn politisch instrumentalisierter Religion und Wagenknechts Kommunismus einer ins Religiöse gesteigerten vermeintlich wissenschaftlichen Weltanschauung entspringt. Und genauso, wie es Milliarden friedlicher, braver, frommer Muslime auf dieser Welt gibt, gibt es vermutlich einige Millionen Kommunisten, die ihre Überzeugungen völlig ungefährlich ausleben. Berechtigt all das zu der Feststellung, dass Islamismus und Kommunismus harmlose Doktrinen seien?

Patrick Bahners, Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, bringt an diesem Wochenende sein Buch „Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam“ (Verlag C.H. Beck) in die Buchläden, und sein Kollege Thomas Steinfeld vom Feuilleton der Süddeutschen Zeitung hat ihm dazu schonmal vorab gratuliert. Im Visier: Die „Islamkritiker“ wie Necla Kelek, Henryk M. Broder oder die Holländerin Ayaan Hirsi Ali, die als “ vebale Eingreiftruppe“ im Dienste eines vermeintlichen antiislamischen McCarthyismus gesehen werden. Vor allem der Furor, mit dem hier gegen „die Islamkritik“ und den dahinter vermuteten Rassismus zu Felde gezogen wird, verstört einigermaßen.

Bahners versucht dabei zunächst in seinem Essay jeglichen Verweis auf mögliche textliche Quellen von Hass, Aggression, Autoritarismus und Alleinvertretungsanspruch des Islam in Koran und Hadithen mit theologischer Einordnung zu widerlegen. Das ist scharfsinnig, wenn auch nicht immer lesefreundlich aufgeschrieben, geht aber am Kern der Debatte vorbei. Theologische Texte sind kryptisch und widersprüchlich und entfalten ihre konstruktive oder destruktive Wirkung vor allem durch die Katalyse der Zeit, in der sie stehen und gelesen werden. Christi Liebesbotschaft und der „Neue Bund“ in den Evangelien haben das Christentum nicht vor Kreuzzügen und Inquisition bewahrt, und all die Manifeste zur Befreiung der werktätigen Massen haben praktizierende Sozialisten/Kommunisten nicht davon abgehalten, gerade auch jene Massen zu meucheln und auszuhungern.

Nachdem im Namen des Islam in relevanter Qualität und Quantität gemordet und Terror gesät wurde, ist offensichtlich, dass diese tödliche und Drangsalieruns-Potenz auch diesem Denkgebäude innewohnen kann, wenn es im richtigen Zeitgeist-Kontext angespielt wird. Es ist also „nicht sehr hilfreich“ – um einen Terminus der Kanzlerin zu verwenden – wenn Bahners und Steinfeld nun viel Energie an den Nachweisversuch verwenden, dass der Islam auf gar keinen Fall Hintergrund und Ursache des islamistischen Terrors sein könne. Er kann, wie man gesehen hat, und die spannende, wichtige Frage ist, unter welchen Bedingungen er es tut. Anstatt den Islam als rein und unschuldig gegen Leute zu verteidigen, die den Autoren ganz offensichtlich in vielerlei Hinsicht nicht passen, wäre es produktiver darüber nachzudenken, ob und wie man Exzesse, diesmal im Namen des Islam, verhindern kann.

Die politische Stellung der islamischen Welt gegen den Westen ist hier ebenso mit Sorge zu betrachten, wie die Tatsache, dass sich reformatorische Strömungen mit namhaften Vordenkern im Islam derzeit nicht ausmachen lassen. Hinzu kommt, dass die Einordnung von Religion in eine säkulare Welt zwangläufig einen Verlust an Verbindlichkeit mit sich bringt, den viele Muslime in der westlichen Welt mit einer gewissen Verachtung beobachten und mithin aus der Hermetik ihres eigenen Glaubens eine gefühlte Überlegenheit ziehen, die ihnen im weltlichen Alltag bitter fehlt.

Kurz: Kommunismus, Christentum, Islam und etliche andere –ismen haben längst ihre Unschuld verloren, und es ist genauso demagogisch, in Talkshows zu behaupten, der bisherige Kommunismus sei gar nicht der richtige gewesen, wie es fahrlässig ist, den Islam leichthin aus der aktuellen Problemzone wegzuloben. Islamkritik, Kritik am Islam und Auseinandersetzung mit ihm ist heute wichtiger denn je. Auch, um den braven Gemüsehändler von den Attas und den gutwilligen Gewerkschafter vor den Wagenknechts zu bewahren.