Posts Tagged ‘Deutsche Einheit’

Neues aus dem Ossi-Zoo

November 22, 2010

Irgendwas hat Moritz von Uslar falsch gemacht. Der forsche 40-Jährige hat sich einige Monate im Kleinstädtchen Zehdenick – nördlich von Berlin zwischen Vogelsang und Kleinmutz – herumgetrieben und ein Buch darüber geschrieben. Und wie immer, wenn ein Wessi-Schnösel aus Berlin-Mitte ostdeutsche Landeier reportiert, kann man eigentlich auf Rabatz, Skandal und Schlagzeilen rechnen. Nur bei Moritz von Uslars jüngstem Opus „Deutschboden“ funktioniert das nicht.

Die Zehdenicker (sprich leicht angelispelt: ßßßeeehdennikkk) wollen sich einfach nicht beschweren über Uslars Milieu-Studie. Abgesehen von einer Familie, finden die meisten die rurale Prosa des journalistischen Freiherrn (eigentlich Hans Moritz Walther Freiherr von Uslar-Gleichen) ganz ok bis cool, und selbst die öffentliche Veranstaltung am vergangenen Wochenende im Bowling-Center sorgte für allerhand Presse, aber für keinen Eklat. Schöne Pleite das.

Dabei liegt das eigentlich Alberne solcher Projekte am ethnographischen Versuchsaufbau selbst: Ich besichtige naturbelassene Menschen und schreibe darüber.  Schon Günther Grass wandte sich 1990 gegen die Wiedervereinigung, weil er die Ursprünglichkeit ostdeutscher Menschen und Landschaften erhalten und nicht westlicher Weichspüler-Invasion preisgeben wollte. Batholomäus Grill hat für die ZEIT in den 90er Jahren ein ähnlich aufwendiges Projekt in Quedlinburg verfolgt, über Frankfurt(Oder gibt es ein wenig schmeichelhaftes Freiluft-Protokoll, und so mancher kommunal bezahlte Stadtschreiber hat in zwanzig Jahren Einheit ostdeutsche Strähnchenträgerinnen und grillende Rasenkantenschneider porträtiert.

Was ist also schief gelaufen bei Uslars Reservat-Besuch? Sollte er festgestellt haben, dass Zehdenick so normal ist wie Eickelborn oder Barsinghausen? Sollte er anstelle westdeutsche Normenkontrollklage zu führen, den Menschen im Ossi erkannt und erstmals nachgewiesen haben? Vielleicht lag es auch nur daran, dass der Autor kein Grundstück in Zehdenick zurückhaben wollte.  Jedenfalls ist es höchste Zeit, dass ein Ossi sich in Nusspingen, Unterstmatt oder Hammereisenbach-Bregenbach undercover niederlässt und als Ronny Godall den bedrohten Schwaben-Gorilla bei Nestbau und Paarung beobachtet. Womöglich gibt es mehr Übereinstimmung mit dem menschlichen Genom, als man bisher glaubte – in Zehdenick…

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Klarer kann man es nicht sagen

Oktober 8, 2010

Einer der renomiertesten Sozialforscher Deutschlands, der gewiss nicht im Verdacht und schon gar nicht in der konservativen Ecke steht, äußert sich im Tagesspiegel zu Wulffs Islam-Bonmot. Mehr gibt es zu dem Thema eigentlich nicht zu sagen. Klarheit ohne ideologischen Ballast.

Feierfrust: Warum die Einheit wenig Euphorie auslöst (für Neue Zürcher Zeitung)

Januar 26, 2010

 

Frustfrühling nach Wendeherbst, Einheitskater nach Befreiungstaumel – ganz so schlimm ist es denn doch nicht. Aber der Eindruck ist auch nicht falsch, dass den Deutschen die Feierlaune für die zwanzigste Wiederkehr des Jubeljahres 1989/1990 inzwischen ein wenig abhanden gekommen ist. Das hat durchaus Gründe, die jenseits jener national veranlagten Miesepetrigkeit liegen, die nur im Zusammenhang mit Fußball temporär kurierbar ist.

Da ist zunächst ein Medienbetrieb, der in den letzten Jahren eine Art Großindustrie des Gedenkens entwickelt hat, die unweigerlich die anrührendsten Momente der Geschichte früher oder später in Langeweile ummünzt. Historische Sternstunden sind auch im Rückblick besser in kleinen Dosen konsumierbar als von der Europlette. Natürlich haben wir den fünften, zehnten und fünfzehnten Jahrestag des Mauerfalls bereits kräftig gefeiert, haben die Vorgeschichte erzählt, Anekdoten ausgewalzt, Historiker, Experten, Zeitzeugen und Betroffene befragt, und all das läuft seit Januar 2009 bereits wieder auf Hochtouren. Wir Medienleute haben uns darin perfektioniert, bedeutsame Ereignisse so professionell in Szene zu setzen, den Countdown lange im Voraus zu beginnen, den letzten Überraschungsgast mit Tusch ins Rampenlicht zu schieben, dass wir schon bei den Planungssitzungen wussten: Wir werden froh sein, wenn der Trubel vorbei ist. Es einfach sein zu lassen oder eine Nummer kleiner anzugehen, geht aber nicht. Da ist die Konkurrenz vor. Und so beteiligen wir uns denn sehenden Auges an Wende-Festspielen, die ihrem eigentlichen Zweck zuwiderlaufen. (Ein Punkt übrigens, an dem sich Nachrichten- und Finanzmärkte ziemlich ähnlich sind: Die inneren Regeln sind mitunter stärker als der gesunde Menschenverstand.)

Ein weiterer Punkt, warum die ohnehin begrenzte Leidenschaft, die einem Deutschen zur Verfügung steht, nicht mehr voll abgerufen wird, liegt im Lauf der Dinge selbst. Nach dem welthistorischen Big Bang des Mauerfalls wurde Tag für Tag Protest wieder in Politik überführt, wurde aus Revolution und Aufruhr, Kompromiss und Verwaltung. Ein Prozess, der schon von sich aus weniger spannend, dafür aufreibend, ernüchternd und renormalisierend ist. Zum Aufstand, zu Massen-Exodus und Demonstrationen war es gekommen, weil zuletzt selbst die Parteigänger des Regimes erkannten, dass Methoden und Fähigkeiten des Politbüros zum Untergang dessen führen mussten, dem sie eigentlich dienen wollten. In der untergehenden DDR entstand mithin eine Massenbewegung mit gewaltiger Einigkeit und weitgehender Auflösung der vormaligen Nomenklatura-Kasten. Dieses Gefühl, mit voller Überzeugung Teil eines Großen und Ganzen zu sein, gibt es vermutlich nur Welt-Zehntelsekunden lang und wird an politischer Intensität in einem Menschenleben wohl nie wieder erreicht. Im Westen verfolgte man zur gleichen Zeit all das mit ungläubiger Spannung und der wilden Hoffnung, dass am Ende womöglich die stählern geschmiedeten System-Blöcke aufbrechen, in sich zusammenfallen und verschwinden könnten. Klar, dass nach diesem Weltgeschichte-Überdosis-Trip nur ein schmerzhafter Entzug mit Realität als Ersatzdroge folgen konnte.

Nach dem 9. November 1989 gab es die ersten Papiere zur Wiedervereinigung, es folgten Runde Tische, die ersten Volkskammerwahlen im März 1990, die Einführung der D-Mark im Osten als wohl letzter emotionaler Höhepunkt, Zwei-plus-Vier-Verhandlungen der Großmächte, die nur etwas für Diplomatie-Feinschmecker waren und schließlich der erschöpfte Zusammenschluss am 3. Oktober. All das durchleben die Deutschen nun auch im Rückblick wieder. Und es ist nicht verwunderlich, dass die Erinnerung heute weniger euphorisch ist an die Nach-Mauerfall-Phase, wo aus vereinten Aufbegehrern wieder politische Lager und Konkurrenten wurden, wo die SPD gemeinsam mit den Bürgerbewegungen in den ersten freien Wahlen bereits zum ersten Mal Wende-Verlierer wurde, wo sich zeigte, dass für viele Ost-Menschen freier Konsum schon den größten Teil des Freiheitsbegriffs ausmachte.

Und in all das mischt sich jener dritte Prozess der nachwendlichen „Persönlichkeitsveränderung“ im Osten. Der 3. Oktober 1990, die Wiedervereinigung, auf die dieses Jubiläumsjubeljahr unvermeidlich zusteuert, ist im Grunde nichts anderes, als die Rückkehr des Ost-Blocks vom bolschewistischen Irr-Gleis der Geschichte auf die Normal-Trasse. Ein ideologischer Abweg des 20. Jahrhunderts hatte sich (mit etwas Verzug auch in den vormaligen „Bruderländern“) erledigt, widerlegt, war an sich zugrunde gegangen. Das in dieser Nüchternheit zu akzeptieren, fällt den meisten Läufern, Mitläufern und selbst etlichen Geiseln der Roten Wandertruppe Ost bis heute schwer. Es mag psychologisch ein verständliches Missverständnis sein, dass viele Ostler den Untergang des Systems als nachträgliche Entwertung ihres Lebenslaufes fehlinterpretieren und sich inzwischen schönreden, was sie ehedem verfluchten.

Da werden kleine Raritäten-Beschaffungen in der Mangelgesellschaft romantisiert, als seien Magel und Misswirtschaft eine heute leider unterdrückte Errungenschaft gewesen. Private Inseln im durchideologisierten Parteistaat werden der kalten Herrschaft des Geldes heute gegenübergestellt, als seien es nicht die Ostdeutschen gewesen, die 1990 beim Sturm auf die harte D-Mark der Deutschen Bank die Türen einrannten. Kurz: Die Gemütslage „Es war nicht alles schlecht“ grassiert bis heute stärker als die Schweinegrippe in den Neuen Bundesländern, obwohl doch auf der Hand liegt, dass es eigentlich heißen müsste: „Es war zu wenig gut“. Und dass dieser Virus nicht nur Träger des verflossenen Systems heimsucht, die ja in der Tat etwas verloren haben, sondern auch solche, die zu deren Lebzeiten nie ein gutes Haar an der DDR gelassen haben, das verdrießt sowohl wache Wende-Ossis als auch die meisten Westdeutschen, die nicht nur mit dem Herzen dabei waren, als die Mauer fiel, sondern danach auch mit ihren Steuer-Milliarden. Jenen aber, die den Osten und seine Menschen bis heute verklären, muten Wende- und Einheitsfeiern als eine Art Inszenierung der geschichtlichen Siegerdoktrin an. Wer Mauertote benennt, sich seiner Freiheit in Reise, Wort und Rede freut und den Kopf darüber schüttelt, dass die DDR-Staatspartei heute unter anderem Namen ins ganz Deutschland wählbar ist, der hat es mitunter schwer im Osten.

Vielleicht sollte man auch so etwas wie eine Wende-Trauerfeier veranstalten, auf  der man der Tatsache gedenken kann, dass Klar- und Einsicht auch in einer freien Marktwirtschaft mitunter zur Mangelware werden können. Ganz ohne Kreditklemme und Finanzkrise.

Brandenburger Weg ins Abseits

Dezember 8, 2009

Über eines sind sich nahezu alle Akteure der Brandenburger Landespolitik einig: Das Stasi-Thema darf  „nicht politisch instrumentalisiert werden“. Wer bislang nach den Ursachen für jene seltsame politische Windstille im Berliner Umland suchte, wer sich über die eigentümliche Sonderkultur des Potsdamer Landtags wunderte, findet hier den Kern des „Brandenburger Wegs“: Es ist das im Grunde vordemokratische Herauslösen ganzer Gesellschaftsthemen aus dem politischen Geschäft. Das Gegenteil ist richtig: Alles muss politisch instrumentalisiert und auf dem parlamentarischen Streitplatz verhandelt werden. Gern dürfen dabei auch Fetzen fliegen.

Streit klärt und erklärt. Es ist gerade die Aufgabe der Politik, sich all den Dingen zuzuwenden, die ein Gemeinwesen betreffen und umtreiben, anstatt eine Harmonie-Kultur zu pflegen, die eine Weiterführung der Volkskammer mit anderen Mitteln zur Folge hat. Noch in den 90er Jahren verließen einzelne SPD-Abgeordnete den Saal, wenn der damalige CDU-Generalsekretär Thomas Klein ans Rednerpult ging, weil er „so böse“ Reden halte. Klein ist damals auch an dieser Debatten-Kultur gescheitert. Und an der Tatsache, dass sich die Opposition auf diesen Regierungsstil des innenpolitischen Appeasements eingelassen. So, wie es lange dauerte, bis man verstanden hat, das nicht die Ausklammerung aus ökonomischen Handelsmechanismen das Klima rettet, sondern gerade die Einbeziehung des Emissionshandels in das Marktgeschehen der Umwelt einen konkreten Gegenwert verleiht, so sollte man auch in Brandenburg zwanzig Jahre nach der Wende endlich lernen, dass es keine Thmen außerhalb der Politik gibt. (Auch das Gesundheitswesen krankt ja daran, dass es gerade keinen funktionierenden Markt für Gesundheit und Medizin gibt.)

Das Thema Stasi verlangt geradezu danach, politisch „instrumentalisiert“ zu werden. Die Stasi war eine politische Kampforganisation – die Entscheidung für oder wider die Stasi war mithin keine Privatsache. Heute kann, soll und muss mit aller Härte zwischen den Parteien als Organen der politischen Willensbildung darüber gestritten werden, wie mit der Stasi und ihren Zuträgern umzugehen ist. Das MfS in eine Art außerpolitischen Sonderfonds, einen nachgelassenen Schattenhaushalt der DDR auszulagern, nützt am Ende nicht dem Gemeinwesen, sondern dem alten Geheimunwesen. Mag sein, dass sich das Wahlverhalten der Brandenburger durch saftige Debatten nicht ändert, aber sie können dann eben bewusst entscheiden, ob sie die Partei der „Läufer“ tatsächlich mehr schätzen als die der „Mitläufer“. Die CDU muss sich in solchen Debatten ebenso ihrer Vergangenheit stellen, wie die Linkspartei und die FDP.

Es ist höchste Zeit, dass endlich souveränes parlamentarisches Leben in den Mauern des alten SED-Kremls einzieht, und dass sich die Opposition nicht länger vom zweckdienlichen Dunst vermeintlicher Friedenspfeifen einlullen lässt.

Grund genug zu feiern

November 11, 2009

Warum man sich von Mutlosigkeit und Miesmachern nicht beeindrucken lassen sollte

Von Ralf Schuler
Freiheit bemerkt man erst, wenn sie fehlt. Dass mit dieser Welt etwas nicht stimmen konnte, bemerkte ich an einem Sonntagmorgen mit vier oder fünf Jahren. Ich lag bei meiner Großmutter im Bett, wir hatten vorgelesen, und auf dem Nachttisch waren die Schogetten alle. Wir müssten aber dringend neue kaufen, sagte ich mit dem letzten zarten Schmelz auf der Zunge. Das ginge nicht so einfach, sagte meine Oma. „Die sind aus dem Westen.“ Eine Welt, in der man Schogetten nicht nachkaufen konnte, war einfach nicht in Ordnung.

Irgendwann Anfang der 80er Jahre saß ich dann in der Straßenbahn, fuhr die Berliner Invalidenstraße entlang und bemerkte zum ersten Mal, wie gleichgültig und unwirklich normal diese Stadt hinter der Mauer einfach weiterging. Kirchtürme, Mietshäuser, Dächer – es war meine Stadt, und doch war die andere Seite unerreichbarer als der Polarkreis in der Sowjetunion. In West-Berlin spielte (wie ich aus dem Radio wusste) Leonard Cohen, sang von Suzanne, die am Fluss wohnt, wo es nach Tang riecht, die etwas verrückt ist, dir Tee und Orangen schenkt und mit ihrem perfekten Körper deinen Geist berührt hat. Ein Sehnsuchtssong, der Teenager krank machen kann. Und ich litt in meiner Straßenbahn nicht nur darunter, dass Cohen da unerreichbar hinter der Mauer sang; was immer auf dieser Welt wirklich Bewegendes geschah, es geschah nicht in Sofia, Bukarest oder Ost-Berlin. Suzanne mochte in Vancouver leben, Philipp Marlow ermittelte in Los Angeles, die Mode kam aus Paris und der richtige Rock n‘ Roll von überall, nur nicht von den Puhdys. Später habe ich mir in Budapest einen Falk-Plan von New York gekauft. Meine Freunde hielten mich für verrückt, aber es schien mir irgendwie plausibel, dass man der Freiheit ein Stück näher war, wenn man ihr Abbild in der Tasche trug. Und wenn sie irgendwann vorbeikäme – ich war vorbereitet.

1989 kam die Freiheit vorbei, auch wenn ich zugebe, bis kurz davor nicht daran geglaubt zu haben. Heute, da nichts mehr schmerzt und die Sehnsucht zwischen Globalisierung und Ost-Beauftragten zerrieben wird, sollten wir uns nicht von Mutlosen und Miesmachern in die Irre führen lassen. Es sind nicht die mit dümmlichen Halbprommis (gerade auch die aus dem Osten!) besetzten Talk-Shows, denen wir die Hoheit über die Stimmungslage überlassen sollten. Und schon gar nicht der Linkspartei, der in Sachen Freiheit und Demokratie jeder Erkenntnisgewinn von außen aufgezwungen wurde, und die bis heute nicht begriffen hat, dass das Fazit der DDR nicht lautet: „Es war nicht alles schlecht“, sondern: „Es war zu wenig gut“.

Die Einheit hat aber nicht nur Freiheit für die Ostdeutschen gebracht, sondern Deutschland wieder zu einem kräftigen, normalen Land gemacht. Wahrscheinlich hat man das Unnormale im alten Westen mit seiner allgemeinen Auskömmlichkeit weniger schmerzhaft empfunden. Deutschlands Gewicht in der Welt, in EU, Nato, UN und als autonomer politischer Akteur ist das Gewicht eines souveränen Staates, nicht mehr das eines zweckdienlichen Außenpostens im Kalten Krieg.

Dass im gemeinsamen deutschen Alltag nicht alles rosig ist, wird niemand bestreiten. Nur darf man bei dieser Gelegenheit auch verzagte West-Menschen daran erinnern, dass der Wunsch nach umfassender Glückseligkeit genauso unrealistisch ist, wie der dümmliche Anspruch mancher Ost-Deutscher, DDR-Gemütlichkeit mit Westgeld und Reisefreiheit zu bekommen. So ist die galoppierende Staatsverschuldung zu Teilen unbestreitbar der Einheit „geschuldet“. Zu anderen, erheblichen Teilen aber jenem unreflektierten Sozialstaatsverständnis, dass die DDR in den Ruin getrieben hat und das sich auch im Westen willig mit der Linkspartei verbündet. Bei den meisten Problemen lohnt ein genauer Blick auf die Akteure. Wer wollte entscheiden, ob Gregor Gysi oder Oskar Lafontaine das größere Schlitzohr ist, um es einmal nett auszudrücken. Und selbst beim vermeintlich ostdeutschen Rechtsradikalismus kommt die gesamte Führungsspitze aus dem Westen.

Die weltweit erfolgreichste deutsche Band „Rammstein“ kommt aus dem Osten, Michael Ballack wirbt auf ganzen Häuserfassaden in Taipeh, der Westler Klaus Wowereit macht Berlin „arm aber sexy“, und die Geld-Promi-Dichte in Potsdam macht Starnberg inzwischen ernste Konkurrenz. Meine Güte, wir Deutschen sind ein komisches Land, eine schräge Truppe, aber wollten wir ernsthaft wer anderes sein. Bayern, Friesen, Sachsen – ohne einander wären wir nicht nur weniger, sondern auch ärmer. Wir haben viel Mist gebaut in unserer Geschichte, aber wenn ich etwas wegstreichen sollte, wäre es mit Sicherheit nicht Mauerfall und Einheit.

Freiheit bemerkt man erst, wenn sie fehlt. In Berlin muss man sich viel Mühe geben, wenn man den unscheinbaren Pflasterstein-Streifen im Asphalt bemerken will, der den früheren Mauerverlauf nachzeichnet. Die Mühe sollte man sich machen. Und für mich ist es jedesmal ein Triumph, dass nicht die anderen das letzte Wort behalten haben.
(Gastbeitrag für „Augsburger Allgemeine“)