Posts Tagged ‘Erziehung’

Betr. Rückerteilung des Sorgerechts

September 2, 2012

Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit möchten wir beantragen, das Sorgerecht für unsere Kinder Jakob, Luise und Julius zurückzubekommen. Wir sind nicht asozial, können entsprechende Einkommensnachweise bei Bedarf vorlegen, schlagen unsere Kinder nicht und haben keine Vorstrafen. Wir wissen, dass der grassierende Ganztagswahn an deutschen Schulen nicht zu stoppen ist, würden aber dennoch gern von unserem grundgesetzlich verbrieften Recht auf Erziehung unserer Kinder („Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.“ Art. 6 Abs. 2 GG) Gebrauch machen. Deshalb fordern wir:

Schule und Familie müssen vereinbar sein!

Mit Interesse haben wir zur Kenntnis genommen, dass die Ganztagsschule DAS Rezept schlechthin gegen versagende Familien in diesem Land sein soll. Nun könnte man auf die – zugegeben – verstörende Idee kommen, das Versagen von Familien, müsste zunächst in den Familien behoben werden, anstatt einen staatlichen Reparaturbetrieb aufbauen zu wollen. Wenn Autos mit Serienfehlern vom Band laufen, empfiehlt sich ja auch eine werkseitige Korrektur, anstatt die Zahl der Werkstätten zu erhöhen. Aber sei’s drum.

Wir haben bislang geduldig mit angesehen, dass der Religionsunterricht in die Stunden 7 und 8 am Freitag gelegt wurde. Wir haben es geschafft, in den Musikschulen Termine nach 18 Uhr zu bekommen, um nach Ganztagsschulschluss um 17 Uhr noch die Fahrt zum Klavier-, Gitarren- und Schlagzeug-Unterricht zu schaffen. Aber jetzt ist wirklich Schluss.

Jetzt sollen wir eine unterschriebene Erklärung vom Klavier-Lehrer oder dem Pfarrer des Konfirmanden-Unterrichts in der Schule vorlegen, dass die jeweilige Aktivität mindestens zwei Stunden pro Woche fülle, anderfalls werde die Schule auf der Teilnahme an einer Arbeitsgemeinschaft am Nachmittag bestehen, da dies zum „offenen Ganztagsbetrieb“ gehöre.

Sehr geehrte Damen und Herren, Töpfern, Geräteturnen oder die Umwelttheatergruppe „Kleine Helden“ sind sicher verdienstvolle Angebote für junge Menschen, die eine Beschäftigung suchen, von üblen Straßengangs ferngehalten werden sollten oder schon immer davon träumten, einer bedrohten Käferart darstellerisch Leben einzuhauchen. Wir dagegen würden gern den Konfirmandenunterricht, der im Leben vielleicht ebenso viel Orientierung geben kann, wie die „Holzwerkstatt“ oder „kreatives Tanzen“, nicht als Nachtschicht nach den abendlichen Hausaufgaben anfügen. Wir machen auch zu Hause gelegentlich Musik zusammen, können dafür aber keine beglaubigte „Zweit-Stunden“-Bescheinigung beibringen.

Natürlich weiß ich nicht, ob so läppische Beschäftigungen wie Tischtennis-Spielen, Trampolin-Springen oder mit dem Hund rausgehen in dem staatlichen Rahmenplan für anspruchsvolle Ganztagsangebote berücksichtigt werden können. Trotzem beantragen wir hiermit die Wiedereinsetzung in unsere Elternrechte und eine ausnahmsweise Befreiung vom bundesweiten Elternvermeidungsprogramm für Heranwachsende. Da unsere Kinder bereits älter als drei Jahre sind, fällt dafür auch kein Betreuungsgeld an.

In der Hoffnung auf wohlwollende Bescheidung verbleiben wir mit freundlichen Grüßen…

Advertisements

Von Tigermüttern und irritierten Bildungsbürgern

Februar 27, 2011

Soviel steht mal fest: Am chinesischen Wesen wird die Welt ganz gewiss nicht genesen. Seit die ersten Berichte über das Buch von Amy Chua („Die Mutter des Erfolgs“) in Deutschland zu lesen waren, herrscht breite Einigkeit im Land, dass mit erzieherischem Drill und autoritärem Durchgriff im Elternhaus nichts zu gewinnen sei. Von völlig verfehlt bis „Kindesmisshandlung“ reichen die Urteile in Leitartikeln und Talkshows. Dabei erstaunt weniger die Tatsache, wie leichtfüßig die ansonsten Pisa-gläubige Nation über die weltweiten Erfolge chinesischer Schüler, Studenten und Wissenschaftler hinweg geht, sondern es verblüfft vor allem, wie hartnäckig sich die eingefleischten Verfechter des progressiven Infragestellens aller Gegebenheiten nun ihrerseits selbst hermetisch gegen jeden Hauch des Selbstzweifels durch Chuas Provokation wappnen.

Hält man einen Augenblick inne, so lässt sich der Report aus dem chinesischen Erziehungs-Boot-Camp durchaus auch produktiv machen. Nicht in den Details und Methoden, die in der Tat wohl zu guten Teilen zum Schocken der Öffentlichkeit gedacht sind, sondern vielmehr in der Grundhaltung: Chuas Ansatz geht von einer Welt aus, der Erfolg und Wohlstand mit Disziplin und Kampf gegen die eigene Bequemlichkeit abgerungen werden muss. Setzt nicht darauf, dass ihr etwas vorfinden werdet oder dass man euch etwas wohlfeil überlässt – jeder selbst muss das Erz aus dem Bergwerk des Lebens herausmeißeln oder unwürdig durch den Tag schleichen, lautet ihre Botschaft.

Es ist eine Weltsicht, die dem Menschen keine Gnade, keine Rast, kein Pflichterbe gönnt. Jeder ist, was er sich selbst schafft. Ein Leistungsethos, dass frontal kollidiert mit dem hiesigen Anspruchsprofil. Während Deutsche und Europäer mit Vorliebe Grundrechte formulieren und in Verfassungschartas schreiben, mit bedingungslosem Grundeinkommen liebäugeln und die Gesellschaft in umfassender Bringschuld gegenüber dem Individuum sehen, geht Chua genau andersherum davon aus, dass zuerst das Individuum seinen Teil zur Gemeinschaft beizutragen habe, bevor es Anspruch auf irgendeine Dividende erheben kann. Auf wünschenswerte Mindeststandards und ideell fixierte Wohlstandszusagen verlässt man sich in ihren Augen besser nicht. Sie können funktionieren, müssen es aber nicht. Was man selbst kann, hat man sicher. Kurz: Während der Europäer sein Recht einfordert, erst nach einer stärkenden Mahlzeit auf die Jagd zu gehen, hält es der Chinese sicherheitshalber andersherum. Und wird dafür gescholten.

Die „Kampfhymne der Tigermutter“ (so der amerikanische Originaltitel) ist in der Tat kaum tauglich, als praktischer Erziehungsratgeber zu dienen. Zum einen sind in Chuas Augen Pauken und Drill Selbstzweck und werden dadurch uneffektiv, weil die Analyse fehlt, auf welchen Gebieten das Kind tatsächlich sinnvollerweise gefördert und gefordert werden sollte und wo man effizienterweise mit Mittelmaß zufrieden sein kann. Zum anderen – und das ist das viel größere Manko – geht diese Methode grundsätzlich von einem Erfolg als Funktionieren im vorgefundenen System aus. Nur das wird trainiert. Gerade wer an die Spitze will, muss aber über bestehende Grenzen hinaus und weiter denken und das Selbstbewusstsein haben, das Undenkbare zu denken und sich über das umgebende Mittelmaß hinwegzusetzen. Besser sein im Anpassen, heißt Chuas Rezept. Es trägt vermutlich eine Weile, aber nicht an die Spitze. Wer etwa Kinderzeichnungen nach dem Grad der Kopierpräzision betrachtet, leitet viel kindliche Energie fehl in das Ab- und Nachbilden, anstatt die Vertiefung des Realitätsblicks gerade durch Überzeichnung, Steigerung, Verzerrung etc. zu fördern. Auch waren viele große Komponisten keine guten Instrumentalisten. Das ordentliche Beherrschen eines Instruments ist gewiss eine Tugend, aber nicht deren Gipfel.

Und doch ist das Buch eine spannende Selbsthinterfragung einer Gesellschaft, die das Anrecht auf positive Beurteilungen verbrieft hat, in der immer mehr Kinder zur logopädischen Behandlung müssen, weil sich Eltern selbst das Korrigieren falscher Aussprache als vermeintlich autoritäre Attitüde verbieten. Die erzieherische Verunsicherung zwischen Kinds-Kumpel und Zuchtmeister geht hierzulande so weit, dass notorische Regelverletzer am liebsten in einem exotischen Camp in der texanischen Wüste über den Umweg der gnadenlosen Natur damit konfrontiert werden, dass sie sich in ein gesellschaftliches Umfeld einfügen müssen. Eine klare Ansage zu Hause ist als unmoderne Erziehungsmethode verpönt.

Und noch etwas fällt in Chuas Welt auf: Die Familie – so karriereorientiert ihre Mitglieder auch sein mögen – ist in der Pflicht beim Nachwuchs. Könnte es sein, dass unser Konzept, auf das Versagen von Familien mit deren Entlastung zu reagieren, am Ende womöglich nicht aufgeht? Gerade wird in Berlin und anderen Ländern über Programme diskutiert, mit denen Sozialpädagogen in sechsstelliger Zahl an die Schulen gebracht werden sollen, um die Lehrer bei Wissensvermittlung, Trainieren von Sprache, Kulturtechniken und allgemeiner Lebensertüchtigung zu unterstützen. Ein so umfassendes Unterfangen, möglichst große Teile der Kindesenwicklung familienersatzweise in Einrichtungen zu bewältigen, kann im Grunde nur scheitern: an den nötigen menschlichen und finanziellen Kapazitäten. Und kommende Generationen werden absehbar immer größere Teile der Kinder-Familien-Arbeit verlernt haben, weil sie selbst nichts davon erlebten.