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Deutschland, deine Reflexe

April 2, 2012

Deutschland, deine Reflexe 1: Wenn bei Schlecker 11 000 Frauen arbeitslos werden, hallt der Ruf nach einer staatlichen Auffanggesellschaft durchs Land, obwohl im Einzelhandel 25 000 Jobs unbesetzt sind. Statt den Frauen das Gefühl ihrer eigenen Kraft mit auf den Weg zu geben: Ihr schafft es trotz der Pleite! Ihr werdet gebraucht! – wird erst einmal nach weißer Salbe gesucht, die in der Vergangenheit längst ihre Wirkungslosigkeit erwiesen hat.

Deutschland, deine Reflexe 2: Wenn es darum geht, Eltern, die sich selbst um ihre Kinder kümmern wollen, Unterstützung zu geben, gehen Zeter und Mordio durchs Land, weil hier einem vermeintlich unmodernen, reaktionären Lebensmodell Vorschub geleistet wird: Nieder mit dem Betreuungsgeld!

Das meist gebuchte Argument: Migranten und Prekarier treiben Schindluder mit dem Geld und enthalten ihren Kindern wichtige Anreize vor. Da spukt offenbar ein Bild vom sozialen Normal-Alltag durch einige Köpfe, das ehedem bei Thilo Sarrazin noch der Inbegriff des Bösen war. Hat Deutschland sich womöglich inzwischen doch schon abgeschafft, so dass man mit Rücksicht auf die ausufernde Verelendungsgemeinde deutsche Gesetze nicht mehr an funktionierenden, sondern an versagenden Familien ausrichten muss?

Zudem setze das Betreuungsgeld falsche Anreize für Frauen, eben nicht rasch wieder in den Job einzusteigen. Das ist in der Tat ein Problem: Der verwerfliche Anreiz, sich um eigene Kinder zu kümmern, gegen die gesellschaftlich wertvolle Steigerung des Bruttosozialprodukts. Um die längst wachsende Zahl bindungsgestörter Kinder können sich ja später hauptberufliche Sozialarbeiter kümmern.

Man kann über Sozial-Mechanik und Effekte des Betreuungsgeldes in der Tat diskutieren, nur gerät in Deutschland wieder einmal der ethische Kompass unter dem Einfluss vermeintlicher Modernität absurd ins Kreiseln. In den ersten drei Lebensjahren (und nur um die geht es beim Betreuungsgeld) wächst das Urvertrauen in die Welt: Hier bin ich sicher, hier muss ich mich nicht fürchten, hier kann ich alles schaffen, Mama/Papa sind da. Zu diesem Wert gibt es keine Konkurrenz – zumindest keine, die man aktiv anstreben sollte. Alles baut auf diesen Grunderfahrungen auf.

Wie dumm und krank muss eine Gesellschaft sein, die hier die Elle individueller Entfaltung oder wirtschaftlicher Produktivität anlegt! Als bewiesen nicht täglich weltweit etwa erfolgreiche Asiaten, dass extremer Familienzusammenhalt und Leistung das Maß aller Dinge sind. Als bewiesen nicht täglich die wachsenden Nachsorge-Probleme bei Kindern von Crash-Familien den gesellschaftlichen Wert jedes einzelnen treusorgenden Vaters, jeder sich kümmernden Mutter.

Und ausgerechnet die christlich-konservativen, die all das eigentlich mit der Muttermilch eingesogen haben sollten, zerfleischen sich im Auftrag linker Lebenslügen. Deutschland, deine Reflexe.

Zeit für Kinder

März 12, 2010

Der Bundespräsident hat es unter einfrigem Kopfnicken der restlichen Politik gerade erst wieder gesagt: Eine Lehre aus dem Amoklauf von Winnenden muss sein, sich mehr Zeit für Kinder zu nehmen, besser zuhören, gemeinsames unternehmen…

Recht hat er, nur sollte die Politik dann auch im Tagesgeschäft darüber nachdenken, welchen Einfluss Entscheidungen auf  Eltern und Familien haben. Man kann jedenfalls nicht die Doppel-Verdiener-Familie in Gesetzen anpeilen (etwa beim Unterhaltsrecht), und gleichzeitig meinen, dann würde mehr gemeinsam unternommen. Wer flexible Arbeits-, Einkaufs- und Dienstleistungszeiten will, wird nicht im Ernst glauben, dass die Ganztagsschule ein Ersatz für abwesende Eltern und intensive Kontakte ist. Die praktizierte Familienpolitik konzentriert sich darauf, die Defizite in den Familien durch Angebote in Einrichtungen auszugleichen. Wer die Unverzichtbarkeit starker Familien erkennt, darf aber nicht nur aktiv werden, um sie zu ersetzen, sondern muss auch klare Akzente dafür setzen, eben nicht nur dem Gelderwerb nachzugehen.

Ob das tatsächlich Amokläufe verhindert, ist zu bezweifeln. Der Gesellschaft insgesamt täte es aber nicht schlecht.

Das Schicksal der Kinder liegt im Argen, nicht in den Argen

Februar 10, 2010

Dass ihm nicht selbst schwindelig wird! Heribert Prantl, Innenpolitik-Chef der Süddeutschen Zeitung, hat das jüngste Urteil zur Revision von Hartz IV wieder einmal zum Anlass genommen, seine Lieblingsvokabel von der staatlichen „Schicksalskorrektur“ für die Kinder von Geringverdienern und Hilfeempfängern ins Spiel zu bringen. Wir wissen nicht, wann Heribert Prantl zum letzten Mal eine Arbeitsagentur besucht hat und ob er bei diesem Anblick auf die Idee gekommen ist, das Schicksal von Menschen Vater Staat und Mutter Verwaltung in die Hand zu legen.  Jenseits aller Polemik bleibt die Vorstellung aber mehr als monströs: Zum letzten Mal hat es der reale Sozialismus versucht, das Schicksal der Menschen zu bestimmen. Als jemand, der an diesem Versuch zweieinhalb Jahrzehnte teilgenommen hat, wäre mein Bedarf an der Beschaffung von Lebenschancen per Beschluss erst einmal gedeckt.

Prantls Ansatz ist bezeichnend für jenes wohlmeinende Sozial-Temperament, dass Gutes erreichen will, indem man den Menschen Gutes tut. Leider ist es nicht so einfach. Das Problem beginnt bei dem grenzenlosen Anspruch des Vorhabens. Wer ein Schicksal in eine „gute“ Richtung schieben will, kann und muss so ziemlich alles fordern, was dazu nötig ist. Die Chancenbereitstellung wäre nahezu grenzenlos, wenn man den Anspruch der Schicksalskorrektur ernstnehmen wollte, so dass kein Sozialsystem ausreichen würde, ihn zu erfüllen. Das nächste Problem ist die schleichende Rückgabe des Schicksals in die Hände seines Inhabers, was – soweit kennt man den Menschen ansich – nicht funktioniert. Man kann niemandes Lebenslauf anschieben und dann sagen: Bis hierher und nicht weiter. „Schicksalskorrektur“ ist der Einstieg in die lebenslange Vollversorgung des Menschen, die ein Staat nicht leisten kann (finanzielle und logistisch), nicht leisten soll (weil es entmündigt) und auch gar nicht leisten darf. Und schließlich stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis jene zu den „Schicksalskorrigierten“ stehen, die ihr Schicksal von Anfang an selbst in die Hand genommen haben. Sind sie am Ende die Dummen, die Draufzahler, die mit viel Anstrengung dorthin gekommen sind, wohin man die anderen gebracht hat?

Prantls Schlagwort bezeichnet in der Tat eine Grenze, die nicht überschritten werden darf: Die Verantwortung darf in letzter Instanz dem Individuum nicht genommen werden. Die Würde des Menschen ist unantastbar, man darf und muss ihm Hilfestellung geben. Der Mensch ist aber keine Modell-Eisenbahn, die per Amtskran auf ein Gleis gestellt werden kann und losfahren soll.  Es steht zu befürchten, dass die Debatten um eine Reform von Hartz IV sich nun genau darum drehen werden, ob und wie weit das Transfersystem ausgebaut werden soll. Die Gefahr, dass sich die Gutmeinenden populär durchsetzen und den Staat mit Aufgaben überfrachten, an denen er sich nur verheben kann, ist dabei sehr groß.  So, wie Schulen heute nicht mehr nur Wissen vermitteln, sondern Orte „der Lebensertüchtigung“ sein sollen, könnte dem Sozialstaat eine Schicksalsleitfunktion übertragen werden. Beide Institutionen sind damit überfordert, wie es überhaupt fraglich ist, ob die Probleme von Familien außerhalb von Familien zu lösen sind.

Das Schicksal der Kinder liegt in der Tat oft im Argen. Es sollte nicht in ihnen liegen.