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Balla balla: Das Schönredner-Kartell rund um die Frauenfußball-WM

Juni 20, 2011

Sie wollen doch nur spielen. In wenigen Tagen ist Fußball-WM der Frauen in Deutschland, und das Gastgeberland steht Kopf. Soll heißen: Schon jetzt kann man den grassierenden Wahn-Virus bei Zucht und Verbreitung beobachten. Den Korrektheitswahn, das genaue Gegenteil von Fußball-Fieber.

Das kolossale Missverständnis: Frauenfußball als Messlatte der Gleichberechtigung. Wird die WM kein zweites Sommermärchen, zieht Frauen-Bundestrainerin Sylvia Neid vermutlich vors Verfassungsgericht und klagt die Taumel-Stimmung per Antidiskriminierungsgesetz ein. ­Was dieser Tage exemplarisch zu beobachten ist, sind Verklemmung und Verdruckstheit einer Gesellschaft, die glaubt, die Welt sei nur gerecht und in Ordnung, wenn kickenden Mädchen die gleiche Euphorie entgegenschlägt, wie den derben Hackentretern vom 1. FC Maskulin.

Und weil alles andere nicht so recht in den Tagtraum von der heilen und gleichen Welt hineinpassen würde, versucht man der wehrlosen Öffentlichkeit den Frauenfußball halt medial überdosiert einzutrichtern. 53 Prozent der Männer seien „heiß auf Frauenfußball“, hat eine Umfrage dieser Tage herausgefunden. Die Frage war, ob sich die Männer Frauenfußball ansehen würden – von aufsteigender Hitze keine Spur. Wenn Bundesliga oder Champions League unter Männern auf einen Zuspruch von 53 Prozent kämen, würde sich Fifa-Chef Josef Blatter vermutlich höchst selbst von der Spitze seines Korruptionseisbergs stürzen.

Noch arger trieb es unlängst ein Autor der Tageszeitung „Die Welt“, der schwelgerisch-fassungslos vermeldete, es seine schon vier Millionen Tütchen mit Panini-Bildern von den Akteurinnen der Frauen-WM ausgeliefert worden: „Die Zukunft des Fußballs ist weiblich!“, so sein Fazit. Man braucht genau einen Anruf beim deutschen Ableger des italienischen Sammel-Klebebildchen-Imperiums in Stuttgart, um herauszufinden, dass bei der letzten „Herren“-WM 90 Millionen Tütchen verkauft wurden. Da sind vier Millionen gewiss ein hoffnungsvoller Anfang, auch wenn „Auslieferung“ noch nicht Verkauf bedeutet, denn es gibt ein Remissionsrecht der Händler zum Rückversand, wenn die Nachfrage stocken sollte.

Bei Kaufland steht der Container mit den Fan-Utensilien derweil noch etwas einsam in der Ecke, obwohl am Sonntag sogar der ARD-„Tatort“ mit einer Crime-Story aus dem Frauenfußball-Milieu Beihilfe leistete. Und der alberne „Rosenkrieg“ zwischen Ex-Kapitän Michael Ballack und dem DFB verdrängt locker den Damen-Sturm aus den Schlagzeilen. Wie wär’s also, wenn wir im kollektiven Irrsinn einfach mal einen Gang zurückschalten würden?!

Es ist toll und cool, wenn Frauen und Mädchen Spaß an Fußball haben und dabei auch noch erfolgreich sind. Es ist aber in dieser wie in anderen Sportarten kein Naturgesetz, dass Aufmerksamkeit und Fan-Enthusiasmus sich nach den Maßstäben wünschenswerter Gleichheit entwickeln. Die Paralympics oder Sportarten wie Fechten, Ringen oder aktuell Rudern sind das beste Gegenbeispiel.

Und das ist auch gut so, um mit einem Wowereit-Zitaten-Klassiker zu einer anderen Eigentümlichkeit im Frauenfußball-Zirkus überzuleiten: Warum arbeiten sich seit Jahr und Tag immer wieder selbst ernannte Tabu-Brecher daran ab, Homosexualität im Profifußball der Männer auf die öffentliche Tagesordnung zu setzen, während es beim Frauenfußball nicht erst jetzt vor der WM einen unausgesprochenen Konsens gibt, den hohen Anteil lesbischer Spielerinnen zu verschweigen?

Kurz und gut und schön: Mädels, spielt, was Beine und Lungen hergeben, zersiebt das Tor der anderen und sorgt dafür, dass der Pott in Deutschland bleibt.  Und wir anderen sollten aufhören, uns eine desillusionierende Niederlage wiedermal selbst zu organisieren: Frauenfußball ist eine Mannschaftssportart, nicht weniger aber eben auch nicht mehr. Wenn Ihr uns verzaubert, um so besser.

PS: Und besorgt Euch beim nächsten Mal einen anderen Sponsor: Schöfferhofer Kaktusfeige geht nun wirklich nicht. Nur mal so als Anstoß.

 

 

Feminismus fatale

Januar 30, 2011

Feminismus ist Quatsch, Demokratie reicht völlig.

Torheit nützt im Alter nichts

November 10, 2010

Alice Schwarzer ist die Helmine Kohl des Feminismus‘. Nun, da ihre Amtszeit längst abgelaufen ist, sorgt sie sich um ihren Platz in den Geschichtsbüchern. Da wird kein zarter Verweis auf frühe Verirrungen geduldet, der das gloriose Lebenswerk schmälern könnte. Der Streit mit der Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) zeigt dies auf beeindruckende Weise. Im Grunde hat sich die gesamte Weiblichkeit nach Schwarzer bei der kämpferischen Spiel-Show-Königin für Karriere und Selbstbewusstsein zu bedanken. Keine Frau, die es ohne Schwarzer und ihre Bewegung zu etwas gebracht hätte. Besser, paternalistischer und herablassender kann man sich nicht gegenseitig diskriminieren. Gleichberechtigung ließ sich lange vor Schwarzer und auch ohne sie denken. Schön, wenn sich junge Frauen nun von ihren vermeintlichen Vormünderinnen emanzipieren.

PS: Schön sind auch die Kommentare zum Streit, wo beispielsweise wieder einmal die Formel auftaucht: Beim Kampf um Posten müssen Frauen noch immer besser sein als Männer. Hallo? Das ist tatsächlich als Vorwurf gemeint. Dass in einer Wettbewerbsgesellschaft einer besser sein muss als der andere – selbst wenn er eine Frau ist – sollte sich eigentlich von selbst verstehen.  Übrigens sollte auch der erfolgreiche Mann besser sein, als der Mann, den er aussticht. Und bei gleicher Qualifikation muss es gleichberechtigterweise auch möglich sein, einen Mann nehmen können zu dürfen. Um es mal ganz vorsichtig auszudrücken. Warum aber ein Chef einen schlechten Mann nehmen sollte, wenn er eine gute Frau kriegen kann, die anschließend auf ihn abstrahlt, ist mir ein Rätsel.

Blender Mainstreaming

September 28, 2010

Manchmal ist da wieder diese Urangst. Andere träumen davon, nackt in der Fußgängerzone zu stehen und nicht fortzukommen. Ich sehe mich in der DDR-Schule sitzen. Wie die Lehrerin auf und ab geht und sich die Mädchen umgedreht haben: „Warum willst du der Gesellschaft nichts zurückgeben?“, fragt die Frau, die eigentlich für Deutsch zuständig ist, jetzt aber klären will, warum alle anderen Jungs als Unteroffiziere auf Zeit zur Nationalen Volksarmee gehen nur ich nicht. „Oder willst du etwa den Sozialismus nicht verteidigen?!“

Die einzige Strategie dagegen war Schweigen. Einfach nichts sagen, dasitzen wie ein menschenunwürdiger Pudel, aber eben auch nicht zustimmen. Irgendwann würde es klingeln, und man konnte rausrennen in die Straßen mit den Fahnen und den Spruchbändern, wo manche, die genauso dachten, zur Selbstverteidigung in den Hetzchor einstimmten oder einfach nur schwiegen, um nicht selbst in die Schusslinie zu kommen. Bis zur nächsten „Mitgliederversammlung“ oder dem Treffen mit Offizieren der Paten-Kaserne.

Nein, ganz so schlimm ist es heute nicht, und doch frage ich mich machmal, wie in all der Freiheit dieser Gleichschritt der Meinungen durch den Alltag marschiert, der einen wieder zum Außenseiter macht, wenn man zweifelt, dass die Mehrheit recht hat. Ein harmloses und doch bezeichnendes Beispiel ist das Dosenpfand. Dabei ist das Interessanteste an der 2003 eingeführten Abgabe in Deutschland noch nicht einmal die absurde Logik, wonach eine missliebige Verpackung in Abhängigkeit vom Inhalt zurückgebracht werden muss oder weggeworfen werden kann. Das Exemplarische des Dosenpfands liegt im nicht zu durchbrechenden Konsens aller Gutmeinenden es einzuführen. Angesichts des zwanzigsten Tages der Einheit ein schöner Anlass, sich Gedanken über die Bildung der öffentlichen Meinung damals und heute zu machen.

Dass gegen die rasante Verbreitung von Einwegverpackungen etwas unternommen werden müsse, war vor der Einführung breiter Konsens. Die heutige Kanzlerin hatte in ihrer Zeit als Umweltministerin ebenfalls damit  geliebäugelt und gedroht. Die öffentliche Debatte drehte sich im Vorfeld nahezu ausschließlich um Pro oder Contra Dosenpfand. Über die Tauglichkeit des Instruments wurde nicht gestritten. Der Autor dieser Zeilen hat die Frustration noch gut in Erinnerung, wie einsam und als gestrig belächelt man damals beiseite geschoben wurde, wenn man auf die schlichte Logik hinwies, dass ein Pfand zum Zurückbringen hinterlegt wird, nicht zum Abschrecken oder Vermeiden. Andernfalls hätte die klassische Bierflasche ja seit Jahrzehnten unter Akzeptanzproblemen leiden müssen. Heute hat Deutschland die höchste Einwegquote der Nachkriegsgeschichte, die Metalldose feiert gerade ihren Wiedereinzug in die Ladenregale, und die bepfandeten PET-Flaschen werden nach der pflichtgemäßen Rückgabe meist sofort geschreddert. Ein milliardenteurer Unfug für den Einzelhandel und ein umweltpolitischer Rückschlag erster Güte.

Beispielhaft an diesem Vorgang ist der Mainstream-Meinungsmechanismus dahinter. Unter maßgeblicher, wenn nicht gar entscheidender Mitwirkung der Medien entstehen unter den Bedingungen einer freien Gesellschaft Meinungsblasen durch Mehrheiten, die von tiefergehender Sachkenntnis nicht mehr anzufechten sind. Die Liste solcher Effekte ist lang und eindrucksvoll. So verfestigte sich Anfang des Jahrtausends auf diffuse Weise der Eindruck, dass Internet irgendwie wichtig und die Zukunft sei. Das Ergebnis dieser in der Breite (und auch in den Spitzen von Medien und Wirtschaft) eher unreflektierten Euphorie war die New-Economy-Blase. Web 2.0 und „Second Life“ wurden als der Trend schlechthin ausgerufen und skeptische Nachfragen als Ausweis der Zugehörigkeit zu einer absterbenden „Nutzer-Kohorte“ disqualifiziert.

Der „Early Adopter“, der rasch alles Neue annimmt, ist nicht mehr nur eine neutrale Charakterbeschreibung jugendlicher Unbekümmertheit im Umgang mit Computern, Handys und anderem Digital-Gerät, sondern ein Positiv-Prädikat für zügiges Mitlaufen im mehrheitlichen Meinungsstrom. Nach dem gleichen Schema gilt heute die Gemeinschaftsschule als Ultimo der Bildungsmoderne – unabhängig von Rahmenbedingungen und Ausstattung. Die Liberalisierung von Ladenöffnungszeiten (von Medienleuten maßgeblich betrieben und druckvoll unterstützt) und die allgemeine Flexibilisierung der Arbeitswelt führen dazu, dass trotz vorhandener Einkommen Familienleben in immer weiteren Kreisen kaum noch zu organisieren ist und der staatliche Reparaturbetrieb Schule mit den Folgen schon lange nicht mehr klarkommt.

Trotzdem ist gegen den Mahlstrom vermeintlicher Modernität nicht anzukommen. Die „Schere zwischen Arm und Reich“ öffnet sich hierzulande seit Jahren, und es geht inzwischen sogar so weit, dass die Potsdamer Stadtverwaltung den Zuzug von Wohlhabenden als Problem beschreibt: Weil die Schere zwischen Arm und Reich sich damit weiter öffnet. Und niemand schreit auf gegen diesen Wahnsinn! Statistisch ist das richtig, in der Realität aber ändert sich für Arme nichts, außer, dass mehr Steuern reinkommen.

Femi-Sprech hat sich weitgehend durchgesetzt, obwohl im Grunde jeder weiß, dass der Satz „Frauen sind die besseren Autofahrer“ nur in dieser politisch unkorrekten Form funktioniert, weil das grammatikalische Geschlecht mit dem biologischen im Deutschen eben nicht deckungsgleich ist. Dass die derzeitige Praxis der Rentenberechnung die ostdeutschen Ruhegeldempfänger bis heute bevorteilt (wegen der künstlichen Hochrechnung der Bezüge), kann gegen den Slogan von der „Angleichung der Ostrenten“ nicht konkurrieren. In der Sarrazin-Debatte brach sich in der deutschen Medienlandschaft ein weitgehend argumentfreier Empörungsstrom bahn, obwohl nahezu alle Statistiken und wissenschaftlichen Ansätze des Noch-Bundesbankers kritischer Überprüfung standhielten. Dahinter steht ganz offensichtlich ein Weltbild von Positiv-Pädagogik, nach dem einzelne gesellschaftliche Gruppen in ihrer Problemhaftigkeit nicht benannt werden dürfen, weil sie sonst zornig werden. Selbst wenn die Fakten zutreffen.

Besieht man sich das Muster dieser völlig freien Bildung von Meinungs-Haufenwolken, so ist es ein grandioses Plädoyer für die repräsentative Demokratie: Sie sollte die großen Meinungsströme der Gesellschaft aufnehmen und mit Hilfe des Weitblicks wissenschaftlicher und anderer Eliten darüber hinaus gehen, um schließlich werbend mit den besten Lösungen in die Gesellschaft zurück zu wirken. Zu beobachten ist gegenwärtig ein eher gegenläufiger Trend der populären (und populistischen) Abgabe gestalterischer Verantwortung durch möglichst niederschwellige Bürgerbeteiligung in Form „direkter Demokratie“ und stimmungsgetriebener Standpunkt-Flexibilität (siehe „Stuttgart 21“) nach dem Motto: Wenn ich auf dem Standpunkt des politischen Gegners stehe, hat er keinen mehr. Und meinen behalte ich trotzdem. Ein Kapitän, der immer vor dem Wind segelt, kommt auch irgendwann an. Irgendwo.

Und irgendwann steht man nackt in der Fußgängerzone und kann nicht mehr fliehen. Im Vergleich zum Klassenzimmer in der DDR ist das immerhin schon ein kleiner Fortschritt.