Posts Tagged ‘Frauen’

Quoten-Kampf: Lassen Sie mich aus dem Spiel, Frau Reding!

September 4, 2012

Nur mal unter uns Männern: Habe ich was verpasst? Sind wir unlängst mit Fußbällen und Bratwurst durch die Innenstadt von Mannheim gezogen und haben für gleiche Rechte demonstriert? Irgendwie muss das völlig an mir vorbei gegangen sein.

Anders kann ich mir die Pressemitteilung von Rita Pawelski (CDU), Vorsitzende der Gruppe der Frauen in der Unionsfraktion des Bundestages, nicht erklären. Sie schreibt: „Auf der Landkarte der Gleichberechtigung verschwindet ein weißer Fleck: In den Aufsichtsräten großer europäischer Unternehmen darf künftig kein Geschlecht mit weniger als 40 Prozent vertreten sein. Das ist ein großartiger, mutiger und längst überfälliger Schritt…“

„Kein Geschlecht“? Wann hatten wir gleich noch die Männer-Quote gefordert, die hier von EU-Vizepräsidentin Viviane Reding flugs und geschmeidig durch die Gleichstellungshintertür eingeführt wird? Oder sind Feministinnen inzwischen auch schon für uns zuständig? Kann ja sein. Ich habe bei Frau Pawelski nachgefragt: Reding fordert die „geschlechtsneutrale Quote“, so die wackere Frau aus Hannover. Nun ist es ja niemandem benommen, den Quoten-Wahnsinn noch die eine oder andere Windung weiterzudrehen. Nur hatte eben kein Mensch um die Männerquote gebeten!

Sollen wir hier ungefragt als Deckmäntelchen für die Frauenquote herhalten und auch rasch eine Quote bekommen?

Hiermit erkläre ich feierlich: Nicht mit mir! Ich will keine Quote! Und wenn Aufsichtsrat und Vorstand komplett in Frauenhand wären – wenn der Laden läuft, ist das ok. Lassen Sie mich aus dem Spiel, Frau Reding! Kämpfen Sie für Ihre Frauen-Quote, wenn Sie es nicht lassen können, aber tun sie nicht so, als müssten alle überall in der Gesellschaft gleich verteilt sein. Es gab Zeiten, da wurden Grüne, Linke und CDU von Frauen geführt – na und? Als nächstes kommen Senioren-, Migranten- oder Homo-Quote – an diesem Wahnsinn will ich mich nicht beteiligen. Liebe Frau Reding, Sorgen Sie sich nicht. Wir kommen schon klar. Wenn Sie noch jemanden suchen, den Sie fürsorglich bemuttern und quotieren können, wäre ich Ihnen verbunden, wenn Sie sich woanders umsehen würden!

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Können Frauen es nicht ohne Quote?

März 25, 2012

Dass die Quote kommen muss, ist ja klar. Ohne Frauenquote geht gar nichts. Außerdem brauchen wir ein Gleichbezahlungsgesetz. Am „Equal-Pay-Day“ haben das jüngst gleich mehrere Vorkämpfer gefordert. Von ganz links bis grün. Und in der Union meldet sich nun auch noch Marco Wanderwitz zu Wort, der Chef der „Jungen Gruppe“ im Bundestag, und meint: Junge, moderne Männer sollten sich beim Quoten-Kampf an die Seite der Frauen stellen.

Das Seltsame an all diesen Vorstößen: Die Frauen selbst sind an den vermeintlich unhaltbaren Zuständen niemals selbst schuld und sie können sich offenbar auch nicht selbst helfen. Neue Gesetze müssen her. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist eine Selbstverständlichkeit und ist längst in verschiedenster Form festgeschrieben: Im Antidiskriminierungsgesetz ebenso, wie in Tarifverträgen. Was spricht also dagegen, dass die betroffenen Frauen zu ihren Chefs und Chefinnen gehen und ihr Recht einfach einfordern, statt noch ein Gesetz oben drauf zu satteln?

Warum zeigen Untersuchungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft, dass Frauen in Führungspositionen genauso agieren wie Männer? Die Antwort ist denkbar einfach: Das Geschlecht von Mitarbeitern ist kein Unternehmensziel.

Der Kampf um die Quote (interessanterweise nur in Spitzenjobs) ist auch deshalb etwas schräg, weil die Frauen, die es schon jetzt dorthin geschafft haben, überdurchschnittlich oft für Personal zuständig sind. Das lässt sich leicht erklären. Im Industrieland Deutschland studieren Mädchen noch immer zu hohen Prozentsätzen philologische, künstlerische und soziale Fächer. In Vorständen und Chefetagen tragen Karrierefrauen deshalb meist Verantwortung für Personal/Recht oder Unternehmenskommunikation, weil für die naturwissenschaftlich-technisch basierten Spitzenjobs zu wenige Bewerberinnen vorhanden sind.

Warum also prägen die Personalchefinnen nicht also ihre direktes Einflussgebiet mit „geschlechtergerechten“ Quoten? Könnte es sein, dass genau die Mentalität, mit der nach immer neuen Gesetzen für die Gleichberechtigung gerufen wird, schuld daran ist, dass viele Frauen nicht da ankommen, wo sie sich selbst gern sehen würden? Solange immer wer anderes helfen soll, solange gläserne Decken, Netzwerke und Kita-Plätze als Vorwand herhalten müssen, klingt die Quoten-Debatte so, als würden es Frauen allein nicht schaffen.

Genau das ist der dialektische Bärendienst, den Quoten-Kämpferinnen ihren Geschlechtsgenossinnen erweisen: Frauen können, wollen und sollen Karriere machen. Wenn es nicht klappt, ist aber nicht nur die Gesellschaft schuld. Quod (ten) erat demonstrandum – wie der Lateiner sagen würde.

Balla balla: Das Schönredner-Kartell rund um die Frauenfußball-WM

Juni 20, 2011

Sie wollen doch nur spielen. In wenigen Tagen ist Fußball-WM der Frauen in Deutschland, und das Gastgeberland steht Kopf. Soll heißen: Schon jetzt kann man den grassierenden Wahn-Virus bei Zucht und Verbreitung beobachten. Den Korrektheitswahn, das genaue Gegenteil von Fußball-Fieber.

Das kolossale Missverständnis: Frauenfußball als Messlatte der Gleichberechtigung. Wird die WM kein zweites Sommermärchen, zieht Frauen-Bundestrainerin Sylvia Neid vermutlich vors Verfassungsgericht und klagt die Taumel-Stimmung per Antidiskriminierungsgesetz ein. ­Was dieser Tage exemplarisch zu beobachten ist, sind Verklemmung und Verdruckstheit einer Gesellschaft, die glaubt, die Welt sei nur gerecht und in Ordnung, wenn kickenden Mädchen die gleiche Euphorie entgegenschlägt, wie den derben Hackentretern vom 1. FC Maskulin.

Und weil alles andere nicht so recht in den Tagtraum von der heilen und gleichen Welt hineinpassen würde, versucht man der wehrlosen Öffentlichkeit den Frauenfußball halt medial überdosiert einzutrichtern. 53 Prozent der Männer seien „heiß auf Frauenfußball“, hat eine Umfrage dieser Tage herausgefunden. Die Frage war, ob sich die Männer Frauenfußball ansehen würden – von aufsteigender Hitze keine Spur. Wenn Bundesliga oder Champions League unter Männern auf einen Zuspruch von 53 Prozent kämen, würde sich Fifa-Chef Josef Blatter vermutlich höchst selbst von der Spitze seines Korruptionseisbergs stürzen.

Noch arger trieb es unlängst ein Autor der Tageszeitung „Die Welt“, der schwelgerisch-fassungslos vermeldete, es seine schon vier Millionen Tütchen mit Panini-Bildern von den Akteurinnen der Frauen-WM ausgeliefert worden: „Die Zukunft des Fußballs ist weiblich!“, so sein Fazit. Man braucht genau einen Anruf beim deutschen Ableger des italienischen Sammel-Klebebildchen-Imperiums in Stuttgart, um herauszufinden, dass bei der letzten „Herren“-WM 90 Millionen Tütchen verkauft wurden. Da sind vier Millionen gewiss ein hoffnungsvoller Anfang, auch wenn „Auslieferung“ noch nicht Verkauf bedeutet, denn es gibt ein Remissionsrecht der Händler zum Rückversand, wenn die Nachfrage stocken sollte.

Bei Kaufland steht der Container mit den Fan-Utensilien derweil noch etwas einsam in der Ecke, obwohl am Sonntag sogar der ARD-„Tatort“ mit einer Crime-Story aus dem Frauenfußball-Milieu Beihilfe leistete. Und der alberne „Rosenkrieg“ zwischen Ex-Kapitän Michael Ballack und dem DFB verdrängt locker den Damen-Sturm aus den Schlagzeilen. Wie wär’s also, wenn wir im kollektiven Irrsinn einfach mal einen Gang zurückschalten würden?!

Es ist toll und cool, wenn Frauen und Mädchen Spaß an Fußball haben und dabei auch noch erfolgreich sind. Es ist aber in dieser wie in anderen Sportarten kein Naturgesetz, dass Aufmerksamkeit und Fan-Enthusiasmus sich nach den Maßstäben wünschenswerter Gleichheit entwickeln. Die Paralympics oder Sportarten wie Fechten, Ringen oder aktuell Rudern sind das beste Gegenbeispiel.

Und das ist auch gut so, um mit einem Wowereit-Zitaten-Klassiker zu einer anderen Eigentümlichkeit im Frauenfußball-Zirkus überzuleiten: Warum arbeiten sich seit Jahr und Tag immer wieder selbst ernannte Tabu-Brecher daran ab, Homosexualität im Profifußball der Männer auf die öffentliche Tagesordnung zu setzen, während es beim Frauenfußball nicht erst jetzt vor der WM einen unausgesprochenen Konsens gibt, den hohen Anteil lesbischer Spielerinnen zu verschweigen?

Kurz und gut und schön: Mädels, spielt, was Beine und Lungen hergeben, zersiebt das Tor der anderen und sorgt dafür, dass der Pott in Deutschland bleibt.  Und wir anderen sollten aufhören, uns eine desillusionierende Niederlage wiedermal selbst zu organisieren: Frauenfußball ist eine Mannschaftssportart, nicht weniger aber eben auch nicht mehr. Wenn Ihr uns verzaubert, um so besser.

PS: Und besorgt Euch beim nächsten Mal einen anderen Sponsor: Schöfferhofer Kaktusfeige geht nun wirklich nicht. Nur mal so als Anstoß.

 

 

Männer, Macht und Moral

Mai 29, 2011

Selbstbetrug ist der schönste Betrug, weil man die Welt damit immer ein wenig besser machen kann. Die eigene zumindest. Gut zwei Wochen ist die Verhaftung von IWF-Chef Dominique Strauß-Kahn (DSK) nun her; hat spielend die Erledigung des Falles Bin Laden aus den Schlagzeilen verdrängt und beschäftigt Talkshows und Kommentatoren bis heute. Vor allem eines treibt die Zunft der professionellen Denker und Erörterer um: die knisternde Allianz von männlicher Macht und Sex.

Dabei steht am Anfang stets die Verwunderung darüber, wie ein Mensch mit Niveau und Erfolg sich zu derartigen Übersprunghandlungen hinreißen lassen könne. Alles erreicht und alles zerstört mit einem triebhaften Aussetzer. In der zweiten Stufe gibt es die Erklärungsversuche, die – wie immer in solchen Fällen – dem Weltsicht-Schema des Autors folgen. „Männliche Dominanz“ ist so ein Standard-Topos, der im Meinungshauptstrom so nahe liegt, dass eigentlich misstrauisch werden müsste, wer immer sich danach bückt, um ihn publizistisch aufzuheben: Männer, zumal solche die es weit gebracht haben, betrachten die Welt inklusive ihrer Mitmenschen als als Werkzeugkasten mit unbeschränktem Zugriffsrecht. Außerdem werde Sex als Ausübungsform von Macht betrachtet und angewandt.

Das alles mündet dann – man ahnt es schon – in mehr oder minder deutlichem Votum für die Frauenquote. Schließlich sind Übergriffe leitender Frauen auf männliche Mitarbeiter kaum überliefert, ebensowenig wie Frauentagsausflüge mit reichlich Strippern oder Sex-Parties auf dem Landsitz von Margareth Thatcher.

Tatsächlich spricht nicht besonders viel für die Theorie der „reaktionären Männer“. Denn wer es an die Spitze schafft, tut dies meist gerade durch besonders raffiniertes Spielen auf der Klaviatur der gesellschaftlichen Regeln, während der Aufstiegs-Rambo schon auf den ersten Metern scheitert. Sex zur Demütigung der weiblichen Umgebung ist aus Bürgerkriegen bekannt, dürfte in westlichen Breiten aber rasch zu Ächtung und Ausschluss aus der Gemeinschaft führen.

Viel naheliegender ist eine andere, freilich weniger gut ins Stanzen-Portefeuille passende und nicht sehr angenehme Erklärung: Die gesellschaftlich plakatierte und idealisierte Sexualmoral passt auf breiter Front mit der realen Biologie der Triebe nicht zusammen. Zumindest ist der Firnis über dem gewollten Lieben und dem gelebten Leben doch deutlich dünner, als man sich das vielfach eingestehen möchte.

Indizien: Peter Hartz und die brasilianischen Bordellbesuche der VW-Gewerkschafter, der Fall Michel Friedman, Beckenbauer, Israels Präsident Moshe Katzav, Berlusconi, die Berliner Ausflüge des Horst Seehofer, Mehrfach-Ehen nach dem Schröder-Fischer-Modell, das Beziehungs-Karussell zahl-reicher Prominenter, die es sich leisten können, Partnerschaften durch frische Partner frisch zu halten… Degenerierte Eliten, könnte man einwenden. Mag sein, aber es ist eben auch ein Hinweis darauf, dass Männer, wo sie Gelegenheit dazu haben, eine Triebstruktur ausleben, die in den akzeptierten Vorstellungen niveauvoller Partnerschaft kaum vorkommt.

Und es sind nicht nur „die da oben“: Deutsche Hurenverbände (keine Schmähung, so nennen sie sich selbst) gehen von 1,2 bis zwei Millionen Besuchen bei Prostituierten täglich aus. Bei geschätzten vierzig Millionen deutschen Männern wären das bis zu fünf Prozent.

Und wer beim Hotelpersonal mal dezent nachfragt, kriegt ordentliche Einschaltquoten für die Pay-TV-Kanäle im einsamen Dienstreise-Zimmer zugeraunt. Wer treibt die Klickzahlen bei „Youporn“ & Co. in die Höhe und macht Unzufriedenheit im Liebesleben zum mehrheitlichen Hintergrund ständig steigender Scheidungsraten? Kurz: Während Werbung und Medien nüchtern auf die schlichte männliche Reizstruktur bauen und selbst das unappetitlichste Gesundheitsthema noch mit einer knackigen Nackten auf dem Spiegel-Stern-Focus-Titel bewerben, tun wir im gesellschaftlichen Leben so, als zündeten Männer beim Date die Kerze an, weil Lichtdesign ihr Lieblingshobby ist. Als sähen Männer extrem kurzen Röcken und tiefen Dekolletés hinterher, weil sie gern tiefe Gespräche führen wollen. Als funktionierten vermeintlich wohltemperierte Beziehungen nicht häufig nur wegen heimlicher Triebabfuhr – im harmlosesten Falle vor dem Bildschirm.

All das entschuldigt nichts und rechtfertigt auch niemanden. Es ist nur ein Hinweis darauf, dass man keine hochtrabenden Theorien drechseln und die nächste Stufe der gesellschaftlichen Revolution zünden muss, sondern dass Strauß-Kahn neben dem Millionär und IWF-Chef auch ein armseliger, kleiner, außer Selbstkontrolle geratener Mann ist, dem aller weltlicher Ruhm nicht weiterhilft, wenn das Kopfkino auf Porno schaltet. Wenn der IWF eine Frauenquote hätte, wäre DSK womöglich nicht Chef aber noch immer genauso rammelig.

PS: Und weil wir gerade bei Männern und Frauen und Selbstbetrug sind: Wann gibt eigentlich endlich mal jemand zu, dass Frauenfußball, nun ja, ähm, räusper – eine Spartensportart ist? Allen Versuchen, sie per TV und Marketing in den Markt zu drücken zum Trotz. Gerade sind übrigens 90 000 WM-Tickets aus dem internationalen Verkauf wieder an Deutschland zurückgegeben worden…

Feminismus fatale

Januar 30, 2011

Feminismus ist Quatsch, Demokratie reicht völlig.

Torheit nützt im Alter nichts

November 10, 2010

Alice Schwarzer ist die Helmine Kohl des Feminismus‘. Nun, da ihre Amtszeit längst abgelaufen ist, sorgt sie sich um ihren Platz in den Geschichtsbüchern. Da wird kein zarter Verweis auf frühe Verirrungen geduldet, der das gloriose Lebenswerk schmälern könnte. Der Streit mit der Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) zeigt dies auf beeindruckende Weise. Im Grunde hat sich die gesamte Weiblichkeit nach Schwarzer bei der kämpferischen Spiel-Show-Königin für Karriere und Selbstbewusstsein zu bedanken. Keine Frau, die es ohne Schwarzer und ihre Bewegung zu etwas gebracht hätte. Besser, paternalistischer und herablassender kann man sich nicht gegenseitig diskriminieren. Gleichberechtigung ließ sich lange vor Schwarzer und auch ohne sie denken. Schön, wenn sich junge Frauen nun von ihren vermeintlichen Vormünderinnen emanzipieren.

PS: Schön sind auch die Kommentare zum Streit, wo beispielsweise wieder einmal die Formel auftaucht: Beim Kampf um Posten müssen Frauen noch immer besser sein als Männer. Hallo? Das ist tatsächlich als Vorwurf gemeint. Dass in einer Wettbewerbsgesellschaft einer besser sein muss als der andere – selbst wenn er eine Frau ist – sollte sich eigentlich von selbst verstehen.  Übrigens sollte auch der erfolgreiche Mann besser sein, als der Mann, den er aussticht. Und bei gleicher Qualifikation muss es gleichberechtigterweise auch möglich sein, einen Mann nehmen können zu dürfen. Um es mal ganz vorsichtig auszudrücken. Warum aber ein Chef einen schlechten Mann nehmen sollte, wenn er eine gute Frau kriegen kann, die anschließend auf ihn abstrahlt, ist mir ein Rätsel.

Fieses Frauen-Fernsehen

September 6, 2010

Früher habe ich öfter darüber nachgedacht, ob es womöglich besser wäre, ein Mädchen zu sein. Eine Folge der ehedem beliebten Kindersendung „Die Rappelkiste“, in der eine realistische Geburt gezeigt wurde, hat mich dann aber doch nachhaltig mit meinem Geburtsgeschlecht versöhnt – so sehr, dass ich zu dem Schluss kam, man könne den Wehrdienst eher in Kauf nehmen als eine Niederkunft. Der Grundwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee hat mich dann allerdings zu einer grundlegenden Korrektur dieses Standpunktes bewogen.

 Nun sind neue Indizien aufgetaucht, die ebenfalls die Vorzüge des Weiblichen hervorheben. So berichtet der Berliner „Tagesspiegel“ auf seiner Medienseite zum Beispiel darüber, dass deutsche TV-Serien zu wenig Vorbilder von Frauen in technischen Berufen zeigten, weshalb die Mädels in diesen Fachrichtungen noch immer unterrepräsentiert seien. Das hat die Berliner Medienwissenschaftlerin Marion Esch herausgefunden, als sie 2500 Frauen befragte. Die gaben an, in Serien eine „interessante Quelle“ für Informationen zur Berufsbildung zu finden.

 Deshalb wäre ich dann doch lieber eine Frau: Es gibt immer und für alles einen Schuldigen, wenn ich mit mir und meinem Leben nicht zufrieden bin. Das muss doch klasse sein, man rennt scharenweise zu „Sex and the city“ und kann sich hinterher darüber beklagen, dass im „Landarzt“ keine Klempnerin vorkommt. Ist doch klar, dass in so einer fiesen Gesellschaft Frauen keine Chance haben! Gut, Girlsdays hin oder her, Gender-gerechte Sprache, Frauenfußball im Abendprogramm, Straßenschilder ohne Zopf und Rock und Frauenquote im Vorstand der Telekom, alles schön und gut – aber die TV-Serien machen alles wieder kaputt.

 Zwar wird heute keinem Mädchen mehr die Carrera-Autorennbahn verwehrt und keinem Jungen die Puppe entrissen, aber trotzdem: Wenn Deutschlands Schulabgängerinnen sich nach dem Abschluss zur Berufsberatung vor den Fernseher setzen, werden sie zu Kosmetikerinnen oder Verkäuferinnen missgeleitet. Schlimm, schlimm. Und wahrscheinlich gibt es auch gute Gründe dafür, dass sie die ganzen „Männer-Krimis“ nicht sehen, in denen Aby („Navy CIS“), Alberich (Tatort Münster und all die anderen schmucken Kriminaltechnikerinnen von „CSI Miami“ bis „Criminal Intent“ rumhuschen.

Bei Frauen hat immer jemand anders schuld, das ist einfach prima. Nun hat sich der Wehrdienst offensichtlich demnächst als Argument erledigt, und Geburten bleiben trotzdem schmerzhaft, so dass das Mannsein doch wieder einige Vorzüge zurückgewinnt. Und dann ist da noch ein Grund, warum ich wohl doch keine Frau sein möchte: Ich würde mich dagegen verwahren, ständig als Blättchen im fiesen gesellschaftlichen Wind und formbares Objekt der Umstände hingestellt zu werden, dass selbst von Fernsehserien aus der Lebensbahn geworfen wird. Dafür hätte ich einfach zuviel Selbstachtung. Und ich glaube, die meisten Frauen heute auch.

Quoten-Reigen: Die einheitliche Gesellschaft

August 2, 2010

 

Vor einiger Zeit machte die Deutsche Telekom damit Schlagzeilen, bis 2015 dreißig Prozent aller Führungsposten im oberen Management mit Frauen besetzen zu wollen. Der Verlag Axel Springer zog alsbald nach, und überhaupt ist die Löblichkeit solcher Vorstöße in öffentlichen und veröffentlichten Meinung weitgehend unumstritten. Die Wirtschaft, heißt es in entsprechenden Kommentaren dann meist, könne sich nicht länger leisten, auf diese kompetenten weiblichen Fachkräfte zu verzichten. Woraus wir schließen, dass auch die ansonsten in puncto Eigennutz recht kompetente Wirtschaft hier Nachhilfe braucht.

Lediglich über die Art und Weise, wie dieses Ziel erreicht werden soll, gibt es Debatten. Plausibel und folgerichtig sind derartige Initiativen allerdings nur, wenn man unterstellt, dass eine anteilmäßige Gleichverteilung sozialer Merkmale in der Gesellschaft gewissermaßen der Normalfall sein müsste, dem mit derlei Quoten auf die Sprünge zu helfen sei. Für diese Art von regelmäßiger Homogenität gibt es keinerlei Anhaltspunkte.

Wenn es eine Gesetzmäßigkeit in dieser Richtung gäbe, ließe sich zunächst einmal schwer erklären, warum sich die Initiativen zur Korrektur des Missstands nahezu ausschließlich auf die Elite-Bereiche der Gesellschaft beschränken. Wäre das Gleichmaß der Geschlechter ein Naturgesetz, so wären vermutlich nicht nur ein Fünftel aller deutschen Gefängnisinsassen Frauen. Eine unziemliche Bevorzugung von Männern bei der Aufnahme in den Strafvollzug scheint ja nicht vorzuliegen.

Es stellte sich aber auch die Frage, warum vor allem das Geschlecht zur einheitlichen Verteilung prädestiniert sein sollte und nicht auch andere soziale Merkmale. Die Ostdeutschen stellen zwanzig Prozent der deutschen Bevölkerung aber nur fünf Prozent der Eliten. Warum machen Springer und Telekom also kein Selbstverpflichtungsprogramm für einen angemessenen Ossi-Anteil in ihren Unternehmen? Die Erklärung ist so einfach, wie die Vorstellung einer solchen Quote absurd ist: Die Geschlechter-Parität ist eine gesellschaftliche Wunschvorstellung, die einer tiefen Sehnsucht nach Harmonie entspringt wie etwa auch die Vision einer sozialistischen Gemeinschaft weitgehend gleicher, friedfertiger und fleißiger Menschen.

Man kann diesem Ideal gut und gern anhängen und durch die Beseitigung aller rechtlichen Ungleichheit zuarbeiten. Wo dynastische Verfilzungen auftreten oder ungerechte Zugangsbedingungen herrschen, kann man einschreiten. Sobald man aber aktiv in die Gestaltung sozialer Verteilung eingreift, wird es problematisch. Die Parteitage der Bündnisgrünen sind dafür ein gutes Beispiel. Weil sich in Debatten meist mehr Männer als Frauen zu Wort melden, ist es seit langem Usus, die „Redeliste“ nach der letzten Frau zu schließen. Melden sich sechs Frauen und neun Männer, so dürfen abwechselnd also je sechs „RednerInnen“ ans Pult, drei Männer müssen auf ihren Beitrag verzichten. Mit Demokratie hat das wenig zu tun. Konsequent zuende gedacht, wird das urdemokratische Prinzip „Ein Mensch, eine Stimme“ hier bereits ausgehebelt, und es geht nicht mehr um die sachliche Substanz der Beiträge, sondern um eine mechanische Symmetrie, wie sie in freien Gesellschaften eigentlich nicht vorkommt. Es empfiehlt sich zudem stets Wachsamkeit, wenn Rechtsgrundsätze vermeintlich im Namen der guten Sache preisgegeben oder ausgesetzt werden.

Auch der vorwurfsvolle Verweis auf die Unterrepräsentanz von Ostdeutschen ist im Grunde völlig absurd. Natürlich gibt es gute Gründe, warum zwanzig Jahre nach der Wende noch kein DDR-Mensch einen Dax-Konzern führt – weder konnte und wollte man 1990 verdiente Kombinatsdirektoren in die Vorstände holen, noch sind Nachwende-BWL-Studenten heute in ihrer Erwerbsbiografie schon so weit aufgestiegen, dass eine solche Karriere logisch wäre. Im Grunde aber müsste man sich angesichts dieser Debatte fragen, ob eigentlich eine Mehrheit deutscher Führungskräfte aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen kommt. Wenn nicht, müsste dies korrigiert werden. Auch Bayern und Schwaben müssten bundesweit gleich verteilt sein, wenn es eine natürliche Homogenitätsregel gäbe. Gibt es aber nicht.

So haben etwa die Kinder asiatischer Einwanderer eine höhere Abiturquote als die deutschen Schüler, arabische Migrantenkinder sind an Gymnasien dramatisch unter-, in Haftanstalten deutlich überrepräsentiert. Am Ende gerät man mit diesem mechanischen Gesellschaftsbild in ziemlich trübes Fahrwasser, weil die Vokabel „Überfremdung“ ja im Grunde nichts anderes ist, als das Einklagen einer vermeintlich „normalen“ Dominanz der Mehrheiten im Sinne der Sozialstatistik: Frauen hälftig verteilt, Ausländer gemäß ihrem Anteil etc. Juden hatten vor Hitlers Machtergreifung einen Anteil von 0,9 Prozent an der deutschen Bevölkerung und wären demnach in vielen Bereichen der gesellschaftlichen Elite (Richter, Hochschullehrer, Kunst, etc.) überrepräsentiert gewesen. So waren etwa 70 Prozent der Zeitungsverlage in jüdischer Hand. Kein normal denkender Mensch käme ernsthaft auf die Idee, daraus irgendwelche Schlussfolgerungen ziehen zu wollen oder gar Quotierungen zu fordern. Diejenigen, die Schlussfolgerungen zogen, waren Verbrecher.

Gesellschaften sind nicht homogen. Und es ist auch gar nicht wünschenswert, dass sie es sind, weil auch Menschen nicht gleich sind, gleich sein wollen, gleich sein sollen. Gibt es eine sinnvolle Erklärung dafür, dass nahezu alle bedeutenden deutschen Entertainer – von Jauch bis Schmidt, von Gottschalk bis Kerner – katholisch sind? Müsste es nicht ein Quote für deutschsprachige Musik geben? Und sind Homosexuelle wirklich gleichverteilt im Land? Man kann durchaus Quotierungen in allen möglichen Gesellschaftsbereichen einführen, nur sollte man sich immer klarmachen, dass man damit meist keinem realen Missstand abhilft, sondern eine gesellschaftspolitische Vision anstrebt. Das ist meistens gut gemeint, schadet nicht oder nur wenig, ob es wirklich gut ist, wird man später sehen.

Wille und Wahn

Juni 24, 2010

Es war einer der wenigen SPD-Parteitage, auf denen kein neuer Vorsitzender gewählt wurde. Auf der Tagesordnung im Berliner Estrell Center stand wieder einmal das Thema „Generelles Tempolimit auf  Autobahnen“, und ein Genosse aus der Spitze der Bundestagsfraktion erklärte mir unumwunden, wie man sich das vorstellte: „Wenn wir ein Tempolimit von 130 Km/h beschließen, kann man gut und gerne 150 Km/h fahren und kommt selbst bei einer Kontrolle noch glimpflich davon. Und 150 ist doch ein guter Schnitt.“

Die Deutschen sind ein seltsames Völkchen. 59 Prozent sind nach einer Umfrage aus dem Jahr 2008 für ein Tempolimit, andere Erhebungen bringen noch mehr Lieber-Langsam-Fahrer zusammen, nur trifft man sie leider nicht auf der Autobahn. Auch auf den freigegebenen Abschnitten muss man schließlich nicht rasen, aber dass mehr als die Hälfte der Automobilisten mit gemütlichen 130 Km/h unterwegs wären, widerspricht jeder Empirie. Dass Selbstbetrug und Heuchelei allerdings sogar in die Gesetzgebung einfließen und die „schmerzlose“ Sanktionsspanne schon mit eingepreist wird, war denn doch überraschend.

Und weil wir gerade beim Auto sind: Die Automobil-Industrie habe den Trend zu Elektro- und Hybrid-Autos verschlafen – darüber sind sich nahezu alle Kommentatoren einig, die immerhin besser wissen müssen, wie man Modellpolitik macht, als die Hersteller. Nun hat VW im Jahr 2008 bei den Verkaufszahlen ein Allzeit-Hoch eingefahren und zwar mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren. Den Start-Stop-Golf, den es in den neunziger Jahren schon einmal gab, wollte niemand kaufen. Auch der 3-Liter-Lupo war ein Flop, weil man in dem guten Winzling kaum seine Wochenend-Einkäufe unterkriegt, bei Ikea auf verlorenem Posten steht und mit der Familie für den Urlaub einen Ersatzwagen mieten muss. Noch heute gehört es nicht zum Alltag in deutschen (und anderen) Autohäusern, dass die Käufer enttäuscht den Laden verlassen, weil sie kein Elektro-Auto bekommen. Statt dessen steht man noch immer staunend vor Boliden, die von den Kommentatoren in die Vergangenheit geschrieben werden. Porsche nutzt die korrekte Schizophrenie der Deutschen und Europäer dagegen mit ausgemachter Schlitzohrigkeit aus und bietet einen Cayenne Hybrid an: Ein tatsächlich sinnloses Gefährt, dass Geländegängigkeit vortäuscht, mit Breitreifen zum Rasen ausgelegt und wunderbar übermotorisiert ist – aber Hybrid. Protzen und Spaß mit dem Öko-Siegel.

Dabei ist die Tempolimit-Debatte lediglich ein eher unbedeutender Schauplatz jener Seelenwelt, in der scharf zwischen der Vision für das Gemeinwesen der anderen und dem eigenen Beitrag dazu unterschieden wird. Das gesamte Brutto-Netto-Wesen in Deutschland gehört beispielsweise dazu: Man verdient „gut“, bekommt aber deutlich weniger. Straftäter werden zu harten Strafen verurteilt, von denen jeder weiß, dass sie in der Regel nach zwei Dritteln der Zeit zu Ende sind. Und auch Steuersätze haben nichts mit dem Jahresverdienst zu tun, sondern mit dem „zu versteuernden Einkommen“, dass nach Kräften heruntergerechnet werden kann… Überall treffen wir auf eine nominelle Wirklichkeit, die nicht die Realität ist.

All das ist kein Zufall, denn die gespaltene Wahrnehmung gehört in Deutschland (und nicht nur dort) zum Alltag. 85 Prozent der Deutschen haben sich im September 2009 laut Infratest dimap für die Einführung eines flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohns ausgesprochen. Schließlich soll es allen Menschen gut gehen. Seltsamerweise sprechen Schätzungen, die den Anteil von Schwarzarbeit am Bruttosozialprodukt bei rund zwanzig Prozent (etwa 200 Milliarden Euro pro Jahr) sehen, eher dafür, dass es eine ganze Reihe Zeitgenossen gibt, die nicht bereit sind, den Preis für auskömmliche Löhne und soziale Absicherung anderer zu zahlen. Ein befreundeter Berliner Gartenbauingenieur findet immer weniger Kunden, die für professionelle Baumfällungen  oder Arbeiten in Grünanlagen die offiziellen Preise zahlen wollen. Selbst ranghohe Mitarbeiter des Berliner Senats bestehen auf Schwarzarbeit, wenn es um den eigenen Garten geht und scheren sich einen feuchten Kehrricht um die Auskömmlichkeit der Gärtner.

Am schönsten aber war das Beispiel des rot-roten Berliner Senats, der seine gesamte Korrespondenz an die günstigere Pin AG vergeben hatte und dann im Bundesrat für den Mindestlohn der Post bei allen Dienstleistern stimmte. Wir wollen wenig zahlen, und die Mitarbeiter sollen gut verdienen. Es gehört zu den großen Missverständnissen unserer Zeit, dass man für Selbstbetrug nicht zur Verantwortung gezogen werden könne. Die Realität rächt sich in den meisten Fällen gnadenlos.

Ein ähnliches und hoch brisantes Feld ist in diesem Zusammenhang die Quoten-Debatte bei Führungsposten. 70 Prozent der jungen Frauen studieren Sozialwissenschaften/Pädagogik/Psychologie. Bei den Sprach- und Kulturwissenschaften (65 Prozent) oder Medizin (64 Prozent) sieht es laut einer Studie der CHE Consult GmbH vom Oktober 2009 nicht viel anderes aus. Bei den Ingenieurswissenschaften liegen die Männer mit 81 Prozent, bei Mathematik und Wirtschaftswissenschaften mit etwa 60 Prozent vorn. Aber selbstverständlich hält die Mehrheit der Deutschen es für einen unhaltbaren Zustand, dass nicht die Hälfte der Vorstandsposten im Maschinenbau oder in der Zementindustrie mit Frauen besetzt sind. Es ist ein wenig so, als gingen von zehn Sprintern drei Frauen an den Start, und fünf sollen ankommen.  Nun ließen sich Wunsch und Wirklichkeit ja annähern, wenn Frauen einfach andere Studienfächer wählten und dann in den jeweiligen Branchen aufstiegen. Tun sie aber nicht.

Und so geht es weiter, im Kleinen, wie im Großen: Die Deutschen waren es, die vor Jahren ordentlich Druck machten, dass es den Hühnern in Legebatterien besser geht und die Tiere mehr Platz haben. Heute importiert Deutschland Eier aus Legebatterien, weil die Deutschen weiter billige Eier kaufen, die man hierzulande nicht mehr produzieren kann. Die Deutschen wollen möglichst umfassende Dienstleistungen vom Staat, aber sie wollen keine Steuern zahlen und feilschen mit dem Finanzamt, dass es knackt. Sie wollen keine Kernkraftwerke, keine Tagebaue und keine Kohlekraftwerke, Gasgeneratoren stehen unter Verdacht, Kohlendioxid soll nicht im Boden gelagert werden und außerdem gründen sie massenhaft Bürgerinitiativen gegen Windräder. Der Strom kommt schließlich aus der Steckdose.

Ein deutsches Patent ist dieses Pippi-Langstrumpf-Prinzip – „wir malen uns die Welt, wiede,  wiede, wie sie uns gefällt“ – nun auch wieder nicht. Die Europäische Union zum Beispiel gibt sich einen Außenminister (damit Henry Kissinger endlich eine Telefonnummer für Europa bekommt) und einen Ratspräsidenten, aber natürlich will niemand in der EU, dass Brüssel wirklich autarke Außenpolitik macht. Ein starker Kontinent, der mit den Muskeln seiner Mitglieder weltpolitische Hebel ansetzt, wäre eine schöne Sache, ist aber eine Illusion. Deshalb beschließen die Europäer so, als sei die Vision Realität und besetzen den Posten mit Catherine Ashton.

Nun sind Platzhalter-Besetzungen in der Politik nicht ganz ungewöhnlich. So richtig skurril wird es aber, wenn die Vision Euro nicht funktioniert, weil sich seine Teilnehmer nicht ans gut gemeinte, straffe Reglement der Gemeinschaftswährung halten und zur Abhilfe einfach noch eine Vision oben drauf gepflanzt wird: Eine Art Wirtschaftsregierung soll stärker Einfluss auf die Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik der EU-Länder nehmen, damit demnächst nicht der nächste Patient  durch ausufernde Ausgaben in die Schuldenfalle tappt. Dabei dürfte schon jetzt jedem wachen Beobachter klar sein, dass britische Liberale sich auch in Zukunft nicht von französischen Etatisten in ihre Haushaltspolitik hineinreden lassen werden. Und umgekehrt. Natürlich wäre eine europäische Wirtschaftsregierung richtig und wichtig für den einheitlichen Währungsraum, nur kann man halt nicht einfach beschließen, wie die Welt sein soll. Auch wenn es noch so schön wäre.

Leider, so scheint es, ist aber die Verführung der guten Tat zu stark, um gegen biederen Realismus anzukommen. Und weil Europa ja im Grunde eine einzige große Vision ist, muss man sich nicht wundern, dass sich selbst einfache Wahrheiten mitunter auf den Kopf stellen. Besonders deutlich wird das in der Debatte um die Aufnahme weiterer Mitglieder. Jeder, der schon einmal in einer Wohngemeinschaft gelebt hat weiß, dass „die Neuen“ zur Truppe passen müssen. Im Falle Europas gibt es aber immer wieder Wortmeldungen, die Neuaufnahmen fordern, damit diese Länder an Europa herangeführt werden. Belohnung vor der Leistung kann funktionieren, muss es aber nicht. Erstmal rein in die gute Stube, dann werden wir schon weitersehen.

Beim SPD-Parteitag im Berliner Estrell Center wurde das Tempolimit damals nicht beschlossen. Der „Auto-Kanzler“ Gerhard Schröder wusste es zu verhindern. Ein herber Rückschlag für die Bußgeld-Kalkulation der kommenden Jahre und für all jene, denen es weniger ums Autofahren, als vielmehr um das tiefsitzende Unbehagen geht, dass Bürger auf einem kleinen Stück des Wegs einfach machen können, was sie wollen. Beim nächsten Parteitag wurde dann wieder ein neuer Vorsitzender gewählt. Ganz schnörkellos und ohne  Visionen.

Käßmanns Katechnismus

Mai 14, 2010

„Also kann man sagen, die Pille ist ein Geschenk Gottes“ – Margot Käßmann ist eine Frau des Herren, und deshalb geht es wahrscheinlich keine Nummer kleiner. Die Pille hat vieles verändert, aber vor allem hat sie das Leben angenehmer und einfacher gemacht. Vor allem das Sexualleben. Wenn aber alles, was das Leben schöner macht, gleich ein Geschenk Gottes ist, werden wir demnächst wohl Dankgebete für die Erfindung des Fernsehsessels gen Himmel richten und eine bekannte Parfümerie-Kette zur Kirche des Herrn erklären.

Immerhin lässt sich mit dem guten alten Kondom ein ähnlicher Effekt erzielen, und auch die Möglichkeit des eigenverantwortlichen Umgangs mit Sex bestünde ja rein theoretisch auch noch. So gesehen, schenkt uns nach Käßmanns Katechismus der Herr auch die Dinge, die uns von unserer eigenen Verantwortung entbinden. Das wird sie wohl nicht im ernst so gemeint haben.

Gemeint hat Margot Käßmann noch, dass die Pille ein Geschenk „für das Leben“ sei, weil sie Frauen selbstbestimmter und mehr Kinder zu Wunschkindern gemacht habe. Das kann man so sehen. Angesichts der dramatischen Geburtenrückgänge im Nachspiel der Pille heißt das aber nüchtern betrachtet: weniger Leben, dafür besseres. Die Dialektik ist etwas so feinsinnig wie die des Papstes, der ja durchaus zu Recht darauf hinweist, dass der Einsatz von Kondomen in Afrika verhindert, dass an der verheerenden Sexualmoral und aids-begünstigenden Lebensweise der Menschen dort sich etwas ändert. Deshalb bringe das Kondom den Tod. In diesem Sinne bringt auch die Pille Leben. Nur waren wir Protestanten eigentlich bisher immer recht stolz darauf, nicht in den dialektischen Spuren des Papstes zu wandeln. In der Kunst des mediengerechten Schlagzeilen schmiedens ist Margot Käßmann aber nach wie vor nahezu unschlagbar in ihrer Kirche.