Posts Tagged ‘Homo-Ehe’

Angst fressen Debatte auf

Mai 13, 2016

Ich habe gar keine Angst.

Man muss das betonen, weil in Talk und Diskurs heute überall Therapeuten unterwegs sind, die sich leider nicht darauf beschränken, an der eigenen Seele zu klempnern. Kein Migrations-AfD-Populisten-Integrations-Talk kommt dieser Tage ohne Verweis auf „Ängste“ aus. Mal sind es die „Abstiegsängste“ der Mittelschicht, mal „Überfremdungsängste“ oder „Ängste“ ganz allgemein. Mag sein, dass es so ist, vielleicht aber auch nicht.

Ich zumindest habe keine Angst. Aber ich habe eine Meinung und verwahre mich dagegen, dass mich Debattengegner zum therapiebedürftigen Phobiker deklarieren. Ich verstehe, dass es sich von der wohligen Warte des Durchschauer-Hochsitzes angenehmer debattiert, aber mit Verlaub: Ob und welche Ängste andere Menschen heimsuchen, kann niemand wissen, und es tut auch nichts zur Sache. In Diskussionen geht es darum, Meinungen und Weltsichten auszutauschen oder zu widerlegen. Es geht nicht darum, die vermeintlichen Motive des anderen zu analysieren und abzuqualifizieren.

Besonders beliebt ist die Methode der Veropferung bemitleidenswerter Gegenredner in der Debatte um die Stellung homosexueller Partnerschaften. Im Begriff „Homophobie“ ist eine präjudizierende Rundum-Diagnose zum allgemeingebräuchlichen Schlagwort geworden: Die Angst vor den eigenen gleichgeschlechtlichen Neigungen führt nach gängiger Theorie zur kompensierenden Abwehr. Wer etwas gegen die Ehe für alle hat, kann demnach nichts anderes sein, als ein untherapierter Psycho.

Noch penetranter ist allerdings der ebenfalls sehr beliebte Umerziehungsansatz, wonach Fremdenfeindlichkeit dort besonders hoch sei, wo es wenig Fremde gibt. Nun darf sich auch zur Zuwanderung äußern, wer keine türkischen Freunde hat. Genauso, wie man Windkraft debattieren kann, ohne ein Windrad vor dem Haus zu haben. Gern wird beim Thema Zuwanderung dann noch nachgeschoben, dass häufigere Alltagskontakte mit Migranten die Ablehnung beheben könnten. Mit anderen Worten: Wir wissen, was zu tun ist, damit ihr endlich unserer Meinung seid.

Die Botschaft all dieser gepflegten Stanzen ist immer dieselbe: Herablassung.

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Der Siegeszug der Homo-Ehe

Juni 25, 2013

Für die Neue Zürcher Zeitung habe ich einen Gastbeitrag geschrieben, den man hier erreichen kann:

http://www.nzz.ch/meinung/uebersicht/generalangriff-auf-das-heteronormative-weltbild-1.18104795

 

Familie ist, wo alle sind

März 3, 2013

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (70, CDU) gehört seit langem zu den Chefdialektikern seiner Partei. Bei der Euro-Rettung etwa war die Vollwertloszeit seiner Ansagen (Griechenland ist nicht pleite, Einmalhilfe, klare Grenzen, keine Grenzen, ESM…) meist identisch mit den Abständen der Sitzungswochen im Bundestag. Falls kein europäischer Rat in Brüssel dazwischen kam.

Dabei lässt sich der Generalist Schäuble als Turbo-Dialektiker nicht nur auf sein Fachgebiet einengen, sondern stellt seine volle Flexibilität beispielsweise auch der CDU-Familienpolitik zur Verfügung. In der Debatte um die Gleichstellung von Homo-Paaren sagt Schäuble im „Tagesspiegel“-Interview (3. März): „Wir können nicht bloß sagen: Das ist gut, nur weil es immer schon so war und deshalb muss es so bleiben.“

Das ist grundsätzlich was dran. Allerdings stellt Schäuble der Familienpolitik der Union damit kein gutes Zeugnis aus, denn eine reflektierte Begründung für den Vorrang von Ehe und Familie kann es demnach ja weder für die Väter des Grundgesetzes, noch für die Union bislang gegeben haben. Im Klartext: Wir haben das  jetzt stur-dumpf bislang so gemacht, und so wie Schäuble es sagt, klingt es, als wolle die CDU auch künftig die Methode des Mainstreamings anwenden.   O-Ton Schäuble: „Wenn die CDU Volkspartei bleiben will, dann muss sie veränderte Realitäten zur Kenntnis nehmen.“ Und wenn genug Leute durch die 30er-Zone rasen, schafft die CDU sie eben ab.

Nun hat sich an den Realitäten der menschlichen Fortpflanzung in den letzten Jahren vergleichsweise wenig verändert. Zwar hat die Reproduktionsmedizin beachtliche Fortschritte gemacht, die Familie bleibt aber bis auf weiteres nicht nur quantitativ die „Keimzelle“ der Gesellschaft, ohne dass deshalb irgendwer der Missachtung oder Zurücksetzung der gesellschaftlichen „Zelle“ Homo-Partnerschaft das Wort geredet hätte.

Was sich erfreulicherweise stark geändert hat, ist die allgemeine Akzeptanz von Homo-Paaren. Das Ärgerliche an Schäubles Argumentation ist allerdings, dass die Zurkenntnisnahme von Realitäten nicht zwangsläufig den Verzicht auf Reflexion und Bewertung von Trends nach sich zieht. Noch weniger zwingt irgendjemand die Unionsparteien, ihren Markenkern einer wertegebundenen Familienpolitik in gedankenloser Hektik über Bord zu werfen und die undifferenzierten links-grün-alternativen Gleichstellungsrezepte in voller Schlichtheit zu übernehmen.

Die Anerkennung und Respektierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften bedeutet eben nicht, dass man sie wider besseres Wissen für komplett gleichartig erklären muss. Es bedeutet auch nicht, dass Homo-Paare in ihrem ultimativen Drang, Kinder großziehen zu wollen, die sie selbst nicht bekommen können, an fordernder Aggressivität kinderlose Ehepaare in den Schatten stellen dürften. Weder Reproduktionsmedizin noch Adoption sind Dienstleistungen zur Vervollständigung von Lebensentwürfen. Was durch polit-taktische Realitätsakzeptierer wie Schäuble hier im Gange ist, ist eine als Minderheitenschutz verbrämte Umwertung gesellschaftlicher Maßstäbe: Anstelle der Ehe soll ein neutraler Verbund zweier Menschen als neues Leitbild etabliert werden. Und beim Erfüllen des Kinderwunschs sollen möglichst sämtliche Hemmnisse ausgeräumt werden – ganz gleich, ob diese zu Gunsten des Kindswohles (Adoption) oder aus ethischen Gründen (Leihmutterschaft, Eizellspende, Reproduktionsmedizin) bestehen.

Wer da auf die Union als letzten nachdenklichen politischen Wertewahrer gesetzt hatte, sieht sich in diesen Tagen übel getäuscht. Der Vorrang des Taktischen vor Überzeugung ist gerade an der Spitze der CDU so schockierend und abstoßend ins Auge gesprungen, dass Austrittsmeldungen aus den Landesverbänden nicht verwundern.

Dabei wäre es durchaus spannend, auch das juristische Bewertungsmuster hinter den jüngsten Urteilen aus Karlsruhe und Straßburg einmal einer kritischen Analyse zu unterziehen. Partnerschaft ist juristisch gesehen, eine auf Dauer und gegenseitige Verantwortungsübernahme angelegte Gemeinschaft. Die sexuelle Orientierung, darauf hat der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, immer wieder hingewiesen, darf dabei keine Rolle spielen. Mag sein, dass die Welt durch die rechtliche Brille genauso aussieht, wie in Schäubles Realität. Aber ist sie deshalb auch schon real? Ist eine Form der Partnerschaft, die den Fortbestand der eigenen Art sichert (Typ A) oder zumindest ermöglicht, tatsächlich gleichartig zu einer, die grundsätzlich zu Nachkommenschaft nicht fähig ist (Typ B) und behelfsweise auf die Reproduktion von Typ A zurückgreifen muss?

Ist es gleichartig, wenn die Suche nach den eigenen Wurzeln und der genetischen Abstammung bei einem Partnerschaftstyp (B) zwangsläufig und systematisch angelegt außerhalb des Kreises der engsten Bezugspersonen erfolgen muss, bei denen das Kind aufgewachsen ist? Hält die naturgesetzliche Plausibilität von Vater-Mutter-Kind juristischer Betrachtung wirklich nicht stand?

Fragen, die sich offenbar auch in der CDU vor lauter „Gier nach Anerkennung“ im großstädtischen Milieu niemand mehr stellt. Wen wundert’s wenn sich Wähler bei solcher Hopplahopp-Modernisierung abwenden und sich der Trend aus NRW und Niedersachsen demnächst auch im Bund fortsetzt: Das Nichtwähler-Problem der CDU.

Die Masse macht’s oder Sind Sie noch ZEITGEMÄSS?

Februar 16, 2013

ZEITGEMÄSS. Alle Nase lang werden alberne Unworte des Jahres gekürt. Missliebige Vokabeln, die irgendeiner Jury nichts ins Weltbild passen. Die Rückkehr des vorväterlichen Satzes „das sagt man nicht“ im modernen Gewande. Wenn es aber ein Unwort gibt, dem für sein verderbliches Lebenswerk ein Schmähpreis gebührt, dann: ZEITGEMÄSS! Ein argumentativer Geschmacksverstärker für laue Kantinen-Kost: Let’s get the Lemming-taste!

Inflationär ist es dieser Tage gerade wieder im Umlauf bei all jenen, die den Rücktritt des Papstes zur allfälligen Abrechnung mit der Kirche nutzen und ungefragt den gewaltigen Reformbedarf des Katholizismus‘ erklären. Der Zölibat sei nicht mehr ZEITGEMÄSS, das Frauenpriestertum müsse jetzt kommen, der Umgang mit geschiedenen und wiederverheirateten Katholiken und Homo-Paaren der Lebenswirklichkeit angepasst werden… – meinen häufig ausgerechnet jene, die ohnehin nichts mit Religion am Hut haben.

Nun mag an all dem ja durchaus auch etwas dran sein, nur ist ZEITGEMÄSSHEIT beim besten Willen kein Argument für gar nichts. ZEITGEMÄSS ist ein Massemaß, eine Quantität des Praktizierten, ein klangvolles Synonym für mentales Mitläufertum, Mode und geistigen Herdentrieb. Nirgends ist ZEITGEMÄSS aber so absurd und abwegig, wie bei Fragen der Religion. Wenn Gott erst ZEITGEMÄSS ist, wäre er des Teufels.

Wenn es einen Gott gibt und man den Glauben an ihn ernst nimmt, dann kann nicht der Lebenswandel von uns Würmern als Argument dienen, SEINE Regeln zu ändern. Allenfalls kann man theologisch darüber streiten, ob die Regeln womöglich gar nicht auf SEINEM Wort beruhen, sondern lediglich menschliche Ableitungen und deshalb viel weniger verbindlich sind. Oder man streicht Gott ganz aus seinem Weltbild.

Kurioser Gipfel im Vormacht-Kampf des ZEITGEMÄSSEN war jüngst eine Debatte bei Maybrit Illner, in der beschrieben wurde, wie sich Eltern einer katholischen Kita in Köln für die Weiterbeschäftigung einer geschiedenen und wiederverheirateten Erzieherin einsetzten. Schlagendes Argument: Mehr als die Hälfte der Eltern sei ja selbst geschieden und wieder verheiratet. Mit anderen Worten: Machen wir doch alle so.

Die Frage ist erlaubt und mehr als berechtigt, ob die katholische Kirche tatsächlich Kitas und andere Sozialeinrichtungen unterhalten muss, wenn ihre Regeln mit denen von Mitarbeitern und Kundschaft nicht mehr im Einklang sind. Man kann auch die theologische Debatte darüber führen, warum die Ehe im Katholizismus ein Sakrament ist. Aber man kann nicht das Sakrament der Ehe kurzerhand schleifen, weil viele Menschen nicht mehr bereit oder in der Lage sind, es zu leben. Nach dieser Logik müsste man rote Ampeln freigeben, wenn nur genügend Leute bei Rot über die Kreuzung gehen.

Wenn Gott Gott ist, kann der Mensch nicht per Urabstimmung IHM eine neue Satzung geben. Sonst ist er nicht Gott, sondern lediglich ein beliebiger Vereinsvorsitzender. Es gehört im Übrigen gerade zu den „revolutionären“ Grundlagen des Christentums, dass auch der nicht aus der Liebe des Herrn fällt, der seine gestrenge Norm nicht erfüllt. Dem westlichen Wohlstandschristen und ZEITGEMÄSSEN Kirchenkritikern reicht das aber nicht. Statt dessen soll kurzerhand die Norm dem eigenen Lebenswandel angepasst werden, wie der Duden den marodierenden Sprachschludereien. Denn der komfortgewohnte Jetztmensch möchte seine Verstöße weder erwähnt wissen, noch an sie überhaupt erinnert werden. Halbe Leistung, volle Punktzahl. Folgerichtige Forderung: Das Grundrecht auf ein gutes Gewissen. Neben all den anderen Grundrechten eigentlich längst überfällig.

Bei näherer Betrachtung hat das Gewissen allerdings überhaupt nur einen Wert, wenn man auch ein schlechtes haben kann. Alles andere ist Selbstzufriedenheit. Und daran mangelt es auf der Welt nun weiß Gott nicht. Aber sei’s drum.

Denn das Prinzip des ZEITGEMÄSSEN hat sich längst schon viel zu tief auch ins politische System vieler westlicher Demokratien gefressen. Von Energiewende über das erodierende Familienbild bis Wirtschaftspolitik: Immer häufiger unterlässt es die handelnde Politik, für vom breiten Meinungsstrom abweichende Positionen überhaupt noch zu werben oder wenigstens ordnungspolitische Leitbilder hochzuhalten. Früher dachte der Chef noch selbst, heute schwärmt er vom Schwarm. Ein politisches Hotel Garni, das im Grunde den repräsentativen Teil der Demokratie zuschanden reitet. Verwaltung statt Führung.

Dabei geht es nicht um Bevormundung der mündigen Mehrheit. Es ginge beispielsweise darum, trotz vielerorts scheiternder Familien das immer noch mehrheitlich angestrebte Ideal immer wieder zu benennen, um einen Richtpol für den geistigen Kompass zu bewahren. Es ist zu wenig, Patchworkfamilien, Homo-Ehen, wachsende Single-Haushalte lediglich als ZEITGEMÄSS anzunehmen und die daraus erwachsenen gesellschaftlichen Reparaturarbeiten mehr schlecht als recht umzusetzen.

Der lediglich nachführende Gestaltungsverzicht führt mittelfristig zu kollabierenden Sozialsystemen, kranken Menschen und bröckelnder Wohlstandsbasis. ZEITGEMÄSS ist, was (fast) alle machen. Ob es gut ist, schlecht, dämlich oder nett, spielt keine Rolle. Wer in gesellschaftspolitischen Debatten mit ZEITGEMÄSSHEIT argumentiert, redet in letzter Instanz der geistigen Selbstaufgabe das Wort. Die Masse macht’s. Bleibt zu hoffen, dass es noch genug Menschen gibt, denen das zu wenig ist.

Partner, Partner überall

November 25, 2012

Darf man den Wildecker Herzbuben („Herzilein“) zur eingetragenen Partnerschaft gratulieren? Die Antwort lautet: Nein. Denn sie haben sich nicht eintragen lassen. Aber wenn es nach aktuellen Trends geht, sind sie heiße Anwärter auf einen festen Beziehungsstatus. Der Einwand, Wolfgang Schwalm und Wilfried Gliem seien gar nicht schwul, trägt da wohl nicht mehr lange. Denn längst ist man auch in der Union dabei, den Ehe-Begriff zeitgemäß zu überarbeiten. Demzufolge ist Partnerschaft, wo zwei Menschen dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen. Und das kann man wohl mit Fug und Recht von den beiden Pfundskerlen behaupten, die seit mehr als 20 Jahren miteinander arbeiten und eine wirtschaftlich weiß Gott erfolgreiche Gewinngemeinschaft sind.

Gut, verheiratet sind die Buben nebenher auch, womit wir beim ersten kleinen Problem der schönen neuen Partnerschaftswelt wären: Wenn dauerhafte Verantwortungsübernahme schon eine hinreichende Definition für eine eheähnliche Beziehung ist, dann betrügen die zwei ihre Frauen mit ihrem volkstümlichen Wanderzirkus.

Aber im Ernst: In dem irrigen Wahn, irgendwie modern und großstädtisch sein zu wollen, kommt gerade den Konservativen in diesen Tagen ganz offensichtlich der Wertekompass völlig abhanden. Bei dem verspratzten Versuch, sich eine Partnerschaftsdefinition zuzulegen, in die auch die Homo-Ehe irgendwie hineinpasst, kippen die einstigen Wertebewahrer ihre bisherigen Leitbilder mir nichts dir nichts über die Reling. Wenn die Verantwortung füreinander zum letzten Indiz für eine Partnerschaft wird, redet man einer Gesellschaft das Wort, in der alles geht und alles irgendwie gleich ist. Das kann man wollen, wie es in eher konkurrierenden Lagern bisher schon gewollt war. Allerdings versuchten bislang vor allem die Linken die Gesellschaft umzubauen, währen die Konservativen sich Mühe gaben, sie daran zu hindern. Heute geben die vermeintlichen Modernisierer das Wort an.

Denn tatsächlich lebt Gesellschaft von mehr als von bunten Beziehungen. Mal abgesehen  davon, dass sich die Frage auftut, ob die Teilnehmerzahl bei dieser Art von Verantwortungsgemeinschaft auf zwei begrenzt bleiben muss (was wäre mit einer Ordensgemeinschaft?), ob es verwandtschaftlich nicht verbundene Menschen sein müssen oder auch Geschwister in Betracht kommen und auf welcher Annahme die geforderte „Dauerhaftigkeit“ fußt, – eine Gesellschaftspolitik, die Kinder und Familie ins Zentrum ihrer Wertschätzung stellt, ist auf dieser Alles-geht-Basis nicht denkbar.

Freilich hatte die Union auch beim Familienbegriff vor einiger Zeit schon eine eher spielerische Variante gewählt: „Familie ist, wo Kinder sind“. Hier wird bereits das generationenübergreifende, Traditionen von Großeltern zu Enkeln fortschreibende stillschweigend gestrichen. Wer so leichtfertig das natürliche Beziehungsgeflecht einer Gesellschaft zu Gunsten einer künstlich konstruierten Modernität aufgibt, muss sich hinterher allerdings nicht wundern, wenn es kein familienfreundliches Klima gibt, wenn niemand mehr die Auswirkungen politischer oder wirtschaftlicher Entscheidungen auf die Lebenswelt von Familien im Blick hat, wenn Familie immer schwieriger lebbar ist, die Geburtenzahlen sinken und der gesellschaftliche Reparaturbetrieb zum Beheben von Familienversagen nicht mehr nachkommt.

Es gehört zu Kuriositäten unserer Zeit, dass das Bewahren von Umwelt zu den höchsten Gütern der Gesellschaft gehört, während das Bewahren einer lebenswerten, mitmenschlichen Gesellschaft von gedankenlosen Modetrends geprägt wird. Weite Teile der Eliten treten tatsächlich dafür ein, die Erwärmung des Weltklimas präzise auf zwei Grad Celsius begrenzen zu wollen – der Turmbau zu Babel war verglichen mit dieser Selbstüberhebung ein von Selbstzweifeln angekränkelter Demutsakt. Und im gleichen Atemzug gelten Familie und Kinderbetreuung als reaktionär, muffig, Erwerbsarbeit als modern, Genmanipulation, künstliche Zuchtwahl am Menschen und selbstbestimmter Tod liegen im Trend, weichen die vormalige Unantastbarkeit menschlichen Lebens auf.

All dies sind Richtungsentscheidungen, die der Mensch so treffen kann, wenn er will und wenn einen Konsens darüber in der Gesellschaft gibt. Erstaunlich ist freilich, was Leute treibt da mitzutun, die sich ehedem einer politischen Richtung angeschlossen haben, die genau hier mit Vorsicht und Zurückhaltung zu Werke gehen wollte. Wo ist der Kampfesmut der Konservativen geblieben, tieferes Verständnis von gesellschaftlichem Zusammenhalt mehrheitsfähig zu machen?! Oder ist womöglich die aktuelle Debatte um schwarz-grüne Bündnisse nur die Vorstufe zur Frage, ob auch Schwarz-Orange mit den Piraten möglich wäre? Braucht es künftig noch wen, der über den Rand des eigenen Laptops hinausschaut? Den Rest kann man ja googlen…

Ecce homo: „Seht, was für ein Mensch!“

August 19, 2012

Es ist ein großes Opus geworden – eine ganze Seite 3 in der „Süddeutschen Zeitung“ vom Samstag. Eine Großreportage über die Normalität homosexueller Lebensgemeinschaften in Deutschland. Verbohrte Unionsparteien, so die mehr als deutlich untergebrachte Botschaft, die sich noch immer gegen volle Gleichstellung sperren.

Ein Beitrag, der angesichts seiner unreflektierten Schlichtheit frösteln macht.

Da sitzen Axel und Jürgen Haase aus Neuss an ihrem Küchentisch und breiten fröhlich ihre schöne neue Ehe-Welt vor dem wohlwollenden Reporter aus. Das muntere Töchterchen Jasmin haben die Haase-Männer vor zwei Jahren in Mumbai mit gespendeten Eizellen von einer Inderin austragen lassen. Geradezu schäbig, dass der gleichgeschlechtlich orientierte Bundesaußenminister den Vater mehrere Monate in Indien mit konsularischen Umständen behelligte, als der das fremdgeborene Kind mit nach Deutschland bringen wollte.

Doch die Haases sind schon wieder froher Hoffnung. Diesmal trägt eine Latino-Frau in San Diego die Zwillige aus, die durch künstliche Befruchtung mit den gespendeten Eizellen einer schwarzen Amerikanerin gezeugt wurden.

Über so unerhebliche Kleinigkeiten, wie die Tatsache, dass Leihmutterschaft in Deutschland aus guten Gründen verboten ist, geht der Autor leichtfüßig hinweg. Angesichts der von den Haases gelebten gesellschaftlichen Modernität, wird dieses reaktionäre Tabu lediglich in einem Halbsatz angeprangert. Gesetzestreue ist ohnehin nur etwas für Deppen. Der fortschrittliche Zeilenschmied entblödet sich auch nicht, den türkischen Gemüsehändler mit dem Satz zu zitieren: „Es hat mit denen noch nie Probleme gegeben“, als handele es sich bei Homosexuellen gemeinhin um Schläger, Junkies oder eine heikle Nazi-Bruderschaft… – und wenn selbst der Türke nichts gegen die hat, ja dann!

Das Verrückte, ja fassungslos machende an diesem Text ist, dass im Dienste der vermeintlich toleranten Sache die Gesellschaft in einem Aufwasch dazu aufgefordert wird, ihren kompletten bioethischen Kompass über Bord zu werfen. Wenn es um Schwule und Lesben geht, dann ist es geradezu geboten, indische Leihmütter auszubeuten. Da darf weltweit schwunghaft mit Eizellen gehandelt und fremdausgetragen werden, als sei der Mensch eine agrarische Produktionsgenossenschaft. Wenn Gleichgeschlechtler den weltweiten Kinderhandel ankurbeln, werden keine Fragen mehr gestellt. Dass auch „Heteros“ aus gutem Grund der Kinderkauf verweigert wird, interessiert nicht. Und von dort bis zum Menschenrecht auf ein Kind ist es nur noch ein Katzensprung. Der kleine Mensch wird zum Objekt (der Begierde), und wir sind dabei gewesen. 

Ethikräte hin oder her, wenn Axel und Jürgen ein Kind wollen, dann wird das schon später damit klarkommen, dass da irgendwo auf der Welt eine dunkelhäutige Mama herumläuft, die ihr Kind nicht kennt. Da wird ein Kind in Neuss aufwachsen, dessen Wurzeln sich irgendwo zwischen den Kontinenten verlieren.

Es geht hier wohlgemerkt nicht darum, dass gleichgeschlechtlichen Partnern testamentarische oder steuerliche Rechte vorenthalten werden sollen. Es geht darum, dass hier aus einem irrwitzigen Homozentrismus heraus die Gesellschaft in ihren innersten Wertmaßstäben umgebaut werden soll und sich die Protagonisten all dessen noch nicht einmal bewusst sind. Man kann eine Gesellschaft wollen, in der Kleingruppen nicht mehr nur frei und unbehelligt leben, sondern auch die Maßstäbe der Mehrheit prägen. Man kann eine Gesellschaft wollen, in der es kein tragendes Lebensmodell mehr gibt, sondern jeder irgendwie sein Ding durchzieht. Man kann eine Gesellschaft wollen, in der man sich seine Kinder so beschafft, wie es sich gerade am praktischsten anbietet. All das kann man wollen.

Man kann und darf so eine Gesellschaft aber auch nicht wollen. Und das, ohne sich bei Jürgen und Axel aus Neuss entschuldigen zu müssen.