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Mit Sicherheit unsicher: Die Deutschen und das Atom

Mai 18, 2011

Soweit ist es gekommen! Da gerät man in den Ruf, ein Atom-Freak zu sein, nur weil man in einem Akt rationaler Notwehr den Dammbruch jeglicher Irrsinns-Barrieren am nationalen Phobie-Rückhaltebecken verhindern möchte.

Kein Mensch bei Sinnen hängt seine innersten Überzeugungen an eine Maschine oder an eine Technologie. ,Ich glaube einfach an diese Edelstahl-Fräse!’ Oder: ,Das Elektroschweißen gehört zum Kernbestand der festen Wertebasis in der Union.’ Ähnlich absurd wäre irrationales Reaktor-Kuscheln, dem hierzulande auch gar niemand das Wort redet. Nur völlig drangeben möchte man deshalb ein Mindestmaß an Restrationalität denn doch nicht.

Da gerät in Fukushima ein Atom-Meiler in Not, weil er zwar ein deutlich schwereres Erdbeben aushält, als veranschlagt, nicht aber den anschließenden Tsunami. Darauf hin überprüft die deutsche Reaktorsicherheitskommission (RSK) die 17 deutschen Akw und findet das einzige heraus, was man schon vorher wusste: Gegen Flugzeugabstürze sind die meisten Meiler schlecht oder gar nicht gewappnet. Das ist 2002 schon einmal untersucht worden und hat mit Fukushima im Grunde nichts zu tun. Dass jeder deutsche Reaktor mindestens einen vollbetankten A 380 aushalten muss, nimmt man inzwischen ja im Sinne maximaler Risikominimierung hin – obwohl Meteoriten bei diesem Szenario sträflich vernachlässigt werden.

Die RSK hat durch die Bank alle denkbaren Katastrophen durchgespielt (Erdbeben, Hochwasser, Stromausfälle, Gas-Explosionen etc.) und zu den bisher angenommenen Schadensintensitäten immer noch eins drauf geschlagen. Fazit: Die deutschen Akw sind weitgehend robust gegen solche Unfälle und sicher. Dass dies für große Teile der Öffentlichkeit so nicht akzeptabel ist, hätte man freilich vorher wissen können. Schließlich beginnt das Problem ja schon bei den „denkbaren Katastrophen“, denn die deutsche Öffentlichkeit erwartet selbstverständlich die Absicherung gegen undenkbare Störfälle.

Die Mehrheitsschlagzeile lautete denn auch am Tag danach: Deutsche Atom-Kraftwerke sind nicht sicher! Begründung: Das Gutachten bescheinige nicht allen Akw in allen Kategorien die höchste Sicherheitsstufe 3. Stimmt. Wenn ein Reaktor gar nicht in einer Flutgefährdungszone liegt, muss er auch nicht die 10 000jährliche Maximalflut aushalten (auf die die RSK sicherheitshalber noch einen Meter draufgeschlagen hat). Stufe 2 könnte unter Umständen ausreichen. Allerdings nicht im Land der Fahrradhelme und Überversicherten.

Im Grunde stand die Kommission von Anfang an auf verlorenem Posten. Die Deutschen wollen in puncto Atomkraft einen überirdischen Sicherheitsstandard vollkommener Risikolosigkeit. Und selbst dann würden sie vorsichtshalber doch lieber aus dieser Technik aussteigen. Nun ist des Menschen Wille bekanntlich sein Himmelreich. Sei’s drum. Erstaunlich ist allerdings, dass dieser Absicherungsdrang nicht konsequenterweise etwa auf Kreuzfahrtschiffe, auf Stadien als Terrorziele oder industrielle Chemieanlagen übertragen wird. Oder anders gesagt: Die Deutschen hatten verdammtes Glück, dass sie bis heute überlebt haben. Toi, toi, toi!

Der strahlende Thilo

September 7, 2010

Es ist schon verblüffend, wie der mediale Herdentrieb reflexartig losbricht, ganz gleich, ob im Fall Sarrazin oder beim Thema Atomenergie. Zu beidem kann man verschiedene Meinungen haben, nur sollte man sich erst einmal mit den Fakten beschäftigen.

Bei der Kernenergie kritisieren die Kommentatoren nahezu durchweg, dass die Energiekonzerne nur ein Drittel der zu erwartenden Gewinne an den Bundeshaushalt abführen müssen. Nun kann man sich über Prozente trefflich streiten, wenn man dieser Logik folgt, wäre eine Verstaatlichung der AKWs die konsequenteste Methode, den maximalen Gewinn abzuschöpfen. Allerdings ist zu bezweifeln, dass die Atom-Kritiker damit zufrieden wäre: Der Staat saniert sich auf Kosten einer riskanten Technologie, würde dann der Vorwurf lauten.

Putzig ist auch die Empörung darüber, dass die Konzerne ihre Abgaben „sogar noch von der Steuer absetzen können“. Das Gegenteil wäre absurd: Geld, dass ein Unternehmen abgibt zu versteuern, obwohl es gar nicht vorhanden ist, wäre ja nun der Gipfel des Irrsinns.

Interessant ist auch zu beobachten, wie Gutachten (zu Recht) in Zweifel gezogen werden, die von Instituten stammen, die der Energiewirtschaft nahestehen. Nur kann man dann nicht Gutachten von Greenpeace oder Öko-Instituten dagegenhalten, ohne sie zu hinterfragen. Und schließlich fehlt in vielen Verrissen die Auseinandersetzung mit der Sache selbst: Wenn die Kernenergie nun länger zur Verfügung steht, muss es im Sinne der ehrgeizigen Klimaziele darum gehen, vor allem Kohlekraftwerke abzuschalten und Akzeptanz für die nötigen Leitungstrassen zu schaffen, die zwingend für den Ausbau der erneuerbaren Energien nötig sind. In Brandenburg regt sich auch dagegen Widerstand.

Was all das mit Thilo Sarrazin zu tun hat? Wer die Debatte gerade auch unter Wissenschaftlern zu Sarrazins Thesen verfolgt hat, konnte in der F.A.Z. vom Mittwoch (7. September) eine Rehabilitation erster Klasse für den „biologistischen“ Teil des Buches nachlesen. Nimmt man alles zusammen, so bleibt an der allgemeinen Kritik vor allem der konfrontative Tonfall. In beiden Fällen stößt das gefühlte Weltbild bestimmter Kreise mit einer Überdosis Realität zusammen. Man darf also gespannt sein, mit welcher Begründung Sarrazin aus der SPD ausgeschlossen und von der Bundesbank suspendiert werden wird.