Posts Tagged ‘Kinder’

Schluss mit dem TrauSchein-Gefecht!

Mai 21, 2015

„Kinder bekommen die Leute immer“, glaubte Bundeskanzler Konrad Adenauer. Einer der wenigen Sätze, mit denen er falsch lag. Seit einigen Jahren bekommen die Deutschen immer weniger Kinder, und bei einigen Paaren klappt es gar nicht. Rund 51 000 Frauen nahmen 2012 deshalb ärztliche Hilfe in Form einer künstlichen Befruchtung in Anspruch. Kosten je Behandlung: etwa 4500 Euro. Voraussetzung für eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse: Das Paar muss verheiratet sein.

Genau das will Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) ändern, erfuhr BILD am Sonntag. Begründung: Es sei nicht mehr „zeitgemäß“, einen Trauschein zu verlangen.

Doch! Das ist es sehr wohl!

Das Bundessozialgericht urteilte noch im November 2014, dass es rechtens ist, Zuschüsse nur an verheiratete Paare zu genehmigen. Die klare und unmissverständliche Begründung: Das entsprechende Gesetz sehe die Ehe zu Recht als eine Lebensbasis für ein Kind an, die den Kindeswohlbelangen mehr Rechnung trägt als eine nichteheliche Partnerschaft. O-Ton der Bundessozialrichter: „Ihm liegt verfassungskonform die Ehe als rechtlich verfasste Paarbeziehung von Mann und Frau zugrunde, in der gegenseitige Solidarität nicht nur faktisch gelebt wird, solange es gefällt, sondern rechtlich eingefordert werden kann.“

Punktum!

Dabei sollte es bleiben. Denn es geht nicht um den Trauschein, sondern um die Kinder, die per künstlicher Befruchtung gezeugt werden, um ihre Sicherheit, ihren Schutz, ihre Geborgenheit. 67 Prozent der Kinder in Deutschland werden innerhalb der Ehe geboren.

Entscheidend ist aber etwas anderes: Wenn der Zuschuss zur künstlichen Befruchtung nicht mehr an den Trauschein gebunden ist, stellt sich unweigerlich die Diskriminierungsfrage: Bekommen unverheiratete Paare kassenfinanzierte Hilfen zur künstlichen Befruchtung, gibt es konsequenterweise keinen Grund, eingetragenen Partnerschaften solches zu verweigern. Und auch Klagen von Singles sind absehbar, den Kinderwunsch bezuschussen zu lassen.

Öffentliche Gelder als Wunschkind-Bonus für jedermann! Die Werteordnung würde auf den Kopf gestellt: Der Wunsch der Eltern käme vor dem Kindswohl. Jeder, der in Deutschland ein Kind adoptieren will, muss eine Zuverlässigkeitsprüfung durchlaufen. Werden die Schwesig-Pläne umgesetzt, müssten die Krankenkassen dagegen bald schon jeden fördern, unabhängig davon, in welche Lebenssituation das Kind hineingeboren wird.

Es geht nicht um den Trauschein oder ein (gar nicht so) verstaubtes Familienbild, es geht darum, dass eine Freigabe jede Möglichkeit rauben würde, die öffentliche Obhutspflicht für künftige Kinder wahrzunehmen. Es gibt eine einfache Regel: Jedes Kind hat das Recht auf Eltern, aber niemand hat ein Recht auf Kinder!

 

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Die Moral der anderen: Die Grünen und ihre Kindersex-Debatte

September 18, 2013

Wer sich entschuldigen will, sollte ein Wort meiden: ABER.

Katrin Göring-Eckardt, Spitzenkandidatin der Grünen, hat Frauen der Union in einem Brief geantwortet, die die mangelnde Distanzierung der Spitzen-Grünen von den Kindersex-Thesen ihrer Partei kritisiert hatten.

Es habe in den 80er Jahren „schlimme Verirrungen“ gegeben, schreibt Göring-Eckardt. Ohne Übergang fügt sie an: „Ich sage aber auch ganz klar: Hören Sie auf mit diesem Thema Wahlkampf zu machen!“

Die grünen Verirrungen ein Tabu-Thema im Wahlkampf? Ausgerechnet eine Partei, die vom Essen bis zur Fortbewegung den Alltag der Menschen reglementieren möchte, will das elementare Thema ihres Menschenbildes aus dem Wahlkampf heraushalten.

Das ist absurd.

Denn in Wahrheit geht es den Grünen noch immer darum, hergebrachte Normen über Bord zu werfen und durch selbstgemachte neue zu ersetzen. Selbst nach den schlimmen Pädosex-Entgleisungen der 80er Jahre will die Grüne Jugend noch immer die bürgerliche Ehe schleifen, aus dem Grundgesetz streichen. Einsicht sieht anders aus. Mehr als ein Grund, darüber im Wahlkampf zu sprechen.

Wo denn sonst?

ABER Göring-Eckart fordert nicht nur einen von unangenehmen Fragen unbehelligten Wahlkampf für ihre Partei, sie geht auch im gleichen Schreiben wieder in das, was sie für Offensive hält: Die Sexualmoral der alten Bundesrepublik habe damals für viel Leid gesorgt schreibt sie. Außerdem hätte die Union sich lange gegen klare Gesetze gegen die Gewalt in der Ehe gesperrt, blockiert, behindert.

ABER: Wer einen Fehler gemacht hat, sollte nicht beim Entschuldigen schon auf andere zeigen!

Die Fehler anderer entschuldigen nichts. Man ent-schuldigt sich nicht, indem man andere be-schuldigt.Außerdem geht es bei der Sexualmoral von einst und bei der Gewalt in der Ehe um Konflikte unter Erwachsenen. Die angestrebte Strafbefreiung der Pädophilie ist Missbrauch wehrloser, schutzbefohlener Kinder. Im Klartext: Die Grünen sehen sich noch immer als Inhaber einer besseren, „moderneren“ Moral. Das macht ihre Entschuldigung unglaubwürdig.

Wer sich entschuldigen will und muss, sollte sich entschuldigen. Ohne wenn und vor allem ohne ABER! Wenn dies glaubwürdig sein soll, sollte gerade bei den Grünen auch einen Augenblick lang die Einsicht durchschimmern, dass es manchmal gut ist, den bestehenden unbequemen Moral-Kompass der Gesellschaft erst einmal zu verstehen, bevor man ihn krachend umstürzen will.

Familie ist, wo alle sind

März 3, 2013

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (70, CDU) gehört seit langem zu den Chefdialektikern seiner Partei. Bei der Euro-Rettung etwa war die Vollwertloszeit seiner Ansagen (Griechenland ist nicht pleite, Einmalhilfe, klare Grenzen, keine Grenzen, ESM…) meist identisch mit den Abständen der Sitzungswochen im Bundestag. Falls kein europäischer Rat in Brüssel dazwischen kam.

Dabei lässt sich der Generalist Schäuble als Turbo-Dialektiker nicht nur auf sein Fachgebiet einengen, sondern stellt seine volle Flexibilität beispielsweise auch der CDU-Familienpolitik zur Verfügung. In der Debatte um die Gleichstellung von Homo-Paaren sagt Schäuble im „Tagesspiegel“-Interview (3. März): „Wir können nicht bloß sagen: Das ist gut, nur weil es immer schon so war und deshalb muss es so bleiben.“

Das ist grundsätzlich was dran. Allerdings stellt Schäuble der Familienpolitik der Union damit kein gutes Zeugnis aus, denn eine reflektierte Begründung für den Vorrang von Ehe und Familie kann es demnach ja weder für die Väter des Grundgesetzes, noch für die Union bislang gegeben haben. Im Klartext: Wir haben das  jetzt stur-dumpf bislang so gemacht, und so wie Schäuble es sagt, klingt es, als wolle die CDU auch künftig die Methode des Mainstreamings anwenden.   O-Ton Schäuble: „Wenn die CDU Volkspartei bleiben will, dann muss sie veränderte Realitäten zur Kenntnis nehmen.“ Und wenn genug Leute durch die 30er-Zone rasen, schafft die CDU sie eben ab.

Nun hat sich an den Realitäten der menschlichen Fortpflanzung in den letzten Jahren vergleichsweise wenig verändert. Zwar hat die Reproduktionsmedizin beachtliche Fortschritte gemacht, die Familie bleibt aber bis auf weiteres nicht nur quantitativ die „Keimzelle“ der Gesellschaft, ohne dass deshalb irgendwer der Missachtung oder Zurücksetzung der gesellschaftlichen „Zelle“ Homo-Partnerschaft das Wort geredet hätte.

Was sich erfreulicherweise stark geändert hat, ist die allgemeine Akzeptanz von Homo-Paaren. Das Ärgerliche an Schäubles Argumentation ist allerdings, dass die Zurkenntnisnahme von Realitäten nicht zwangsläufig den Verzicht auf Reflexion und Bewertung von Trends nach sich zieht. Noch weniger zwingt irgendjemand die Unionsparteien, ihren Markenkern einer wertegebundenen Familienpolitik in gedankenloser Hektik über Bord zu werfen und die undifferenzierten links-grün-alternativen Gleichstellungsrezepte in voller Schlichtheit zu übernehmen.

Die Anerkennung und Respektierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften bedeutet eben nicht, dass man sie wider besseres Wissen für komplett gleichartig erklären muss. Es bedeutet auch nicht, dass Homo-Paare in ihrem ultimativen Drang, Kinder großziehen zu wollen, die sie selbst nicht bekommen können, an fordernder Aggressivität kinderlose Ehepaare in den Schatten stellen dürften. Weder Reproduktionsmedizin noch Adoption sind Dienstleistungen zur Vervollständigung von Lebensentwürfen. Was durch polit-taktische Realitätsakzeptierer wie Schäuble hier im Gange ist, ist eine als Minderheitenschutz verbrämte Umwertung gesellschaftlicher Maßstäbe: Anstelle der Ehe soll ein neutraler Verbund zweier Menschen als neues Leitbild etabliert werden. Und beim Erfüllen des Kinderwunschs sollen möglichst sämtliche Hemmnisse ausgeräumt werden – ganz gleich, ob diese zu Gunsten des Kindswohles (Adoption) oder aus ethischen Gründen (Leihmutterschaft, Eizellspende, Reproduktionsmedizin) bestehen.

Wer da auf die Union als letzten nachdenklichen politischen Wertewahrer gesetzt hatte, sieht sich in diesen Tagen übel getäuscht. Der Vorrang des Taktischen vor Überzeugung ist gerade an der Spitze der CDU so schockierend und abstoßend ins Auge gesprungen, dass Austrittsmeldungen aus den Landesverbänden nicht verwundern.

Dabei wäre es durchaus spannend, auch das juristische Bewertungsmuster hinter den jüngsten Urteilen aus Karlsruhe und Straßburg einmal einer kritischen Analyse zu unterziehen. Partnerschaft ist juristisch gesehen, eine auf Dauer und gegenseitige Verantwortungsübernahme angelegte Gemeinschaft. Die sexuelle Orientierung, darauf hat der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, immer wieder hingewiesen, darf dabei keine Rolle spielen. Mag sein, dass die Welt durch die rechtliche Brille genauso aussieht, wie in Schäubles Realität. Aber ist sie deshalb auch schon real? Ist eine Form der Partnerschaft, die den Fortbestand der eigenen Art sichert (Typ A) oder zumindest ermöglicht, tatsächlich gleichartig zu einer, die grundsätzlich zu Nachkommenschaft nicht fähig ist (Typ B) und behelfsweise auf die Reproduktion von Typ A zurückgreifen muss?

Ist es gleichartig, wenn die Suche nach den eigenen Wurzeln und der genetischen Abstammung bei einem Partnerschaftstyp (B) zwangsläufig und systematisch angelegt außerhalb des Kreises der engsten Bezugspersonen erfolgen muss, bei denen das Kind aufgewachsen ist? Hält die naturgesetzliche Plausibilität von Vater-Mutter-Kind juristischer Betrachtung wirklich nicht stand?

Fragen, die sich offenbar auch in der CDU vor lauter „Gier nach Anerkennung“ im großstädtischen Milieu niemand mehr stellt. Wen wundert’s wenn sich Wähler bei solcher Hopplahopp-Modernisierung abwenden und sich der Trend aus NRW und Niedersachsen demnächst auch im Bund fortsetzt: Das Nichtwähler-Problem der CDU.

Deutschland, deine Reflexe

April 2, 2012

Deutschland, deine Reflexe 1: Wenn bei Schlecker 11 000 Frauen arbeitslos werden, hallt der Ruf nach einer staatlichen Auffanggesellschaft durchs Land, obwohl im Einzelhandel 25 000 Jobs unbesetzt sind. Statt den Frauen das Gefühl ihrer eigenen Kraft mit auf den Weg zu geben: Ihr schafft es trotz der Pleite! Ihr werdet gebraucht! – wird erst einmal nach weißer Salbe gesucht, die in der Vergangenheit längst ihre Wirkungslosigkeit erwiesen hat.

Deutschland, deine Reflexe 2: Wenn es darum geht, Eltern, die sich selbst um ihre Kinder kümmern wollen, Unterstützung zu geben, gehen Zeter und Mordio durchs Land, weil hier einem vermeintlich unmodernen, reaktionären Lebensmodell Vorschub geleistet wird: Nieder mit dem Betreuungsgeld!

Das meist gebuchte Argument: Migranten und Prekarier treiben Schindluder mit dem Geld und enthalten ihren Kindern wichtige Anreize vor. Da spukt offenbar ein Bild vom sozialen Normal-Alltag durch einige Köpfe, das ehedem bei Thilo Sarrazin noch der Inbegriff des Bösen war. Hat Deutschland sich womöglich inzwischen doch schon abgeschafft, so dass man mit Rücksicht auf die ausufernde Verelendungsgemeinde deutsche Gesetze nicht mehr an funktionierenden, sondern an versagenden Familien ausrichten muss?

Zudem setze das Betreuungsgeld falsche Anreize für Frauen, eben nicht rasch wieder in den Job einzusteigen. Das ist in der Tat ein Problem: Der verwerfliche Anreiz, sich um eigene Kinder zu kümmern, gegen die gesellschaftlich wertvolle Steigerung des Bruttosozialprodukts. Um die längst wachsende Zahl bindungsgestörter Kinder können sich ja später hauptberufliche Sozialarbeiter kümmern.

Man kann über Sozial-Mechanik und Effekte des Betreuungsgeldes in der Tat diskutieren, nur gerät in Deutschland wieder einmal der ethische Kompass unter dem Einfluss vermeintlicher Modernität absurd ins Kreiseln. In den ersten drei Lebensjahren (und nur um die geht es beim Betreuungsgeld) wächst das Urvertrauen in die Welt: Hier bin ich sicher, hier muss ich mich nicht fürchten, hier kann ich alles schaffen, Mama/Papa sind da. Zu diesem Wert gibt es keine Konkurrenz – zumindest keine, die man aktiv anstreben sollte. Alles baut auf diesen Grunderfahrungen auf.

Wie dumm und krank muss eine Gesellschaft sein, die hier die Elle individueller Entfaltung oder wirtschaftlicher Produktivität anlegt! Als bewiesen nicht täglich weltweit etwa erfolgreiche Asiaten, dass extremer Familienzusammenhalt und Leistung das Maß aller Dinge sind. Als bewiesen nicht täglich die wachsenden Nachsorge-Probleme bei Kindern von Crash-Familien den gesellschaftlichen Wert jedes einzelnen treusorgenden Vaters, jeder sich kümmernden Mutter.

Und ausgerechnet die christlich-konservativen, die all das eigentlich mit der Muttermilch eingesogen haben sollten, zerfleischen sich im Auftrag linker Lebenslügen. Deutschland, deine Reflexe.

Von Tigermüttern und irritierten Bildungsbürgern

Februar 27, 2011

Soviel steht mal fest: Am chinesischen Wesen wird die Welt ganz gewiss nicht genesen. Seit die ersten Berichte über das Buch von Amy Chua („Die Mutter des Erfolgs“) in Deutschland zu lesen waren, herrscht breite Einigkeit im Land, dass mit erzieherischem Drill und autoritärem Durchgriff im Elternhaus nichts zu gewinnen sei. Von völlig verfehlt bis „Kindesmisshandlung“ reichen die Urteile in Leitartikeln und Talkshows. Dabei erstaunt weniger die Tatsache, wie leichtfüßig die ansonsten Pisa-gläubige Nation über die weltweiten Erfolge chinesischer Schüler, Studenten und Wissenschaftler hinweg geht, sondern es verblüfft vor allem, wie hartnäckig sich die eingefleischten Verfechter des progressiven Infragestellens aller Gegebenheiten nun ihrerseits selbst hermetisch gegen jeden Hauch des Selbstzweifels durch Chuas Provokation wappnen.

Hält man einen Augenblick inne, so lässt sich der Report aus dem chinesischen Erziehungs-Boot-Camp durchaus auch produktiv machen. Nicht in den Details und Methoden, die in der Tat wohl zu guten Teilen zum Schocken der Öffentlichkeit gedacht sind, sondern vielmehr in der Grundhaltung: Chuas Ansatz geht von einer Welt aus, der Erfolg und Wohlstand mit Disziplin und Kampf gegen die eigene Bequemlichkeit abgerungen werden muss. Setzt nicht darauf, dass ihr etwas vorfinden werdet oder dass man euch etwas wohlfeil überlässt – jeder selbst muss das Erz aus dem Bergwerk des Lebens herausmeißeln oder unwürdig durch den Tag schleichen, lautet ihre Botschaft.

Es ist eine Weltsicht, die dem Menschen keine Gnade, keine Rast, kein Pflichterbe gönnt. Jeder ist, was er sich selbst schafft. Ein Leistungsethos, dass frontal kollidiert mit dem hiesigen Anspruchsprofil. Während Deutsche und Europäer mit Vorliebe Grundrechte formulieren und in Verfassungschartas schreiben, mit bedingungslosem Grundeinkommen liebäugeln und die Gesellschaft in umfassender Bringschuld gegenüber dem Individuum sehen, geht Chua genau andersherum davon aus, dass zuerst das Individuum seinen Teil zur Gemeinschaft beizutragen habe, bevor es Anspruch auf irgendeine Dividende erheben kann. Auf wünschenswerte Mindeststandards und ideell fixierte Wohlstandszusagen verlässt man sich in ihren Augen besser nicht. Sie können funktionieren, müssen es aber nicht. Was man selbst kann, hat man sicher. Kurz: Während der Europäer sein Recht einfordert, erst nach einer stärkenden Mahlzeit auf die Jagd zu gehen, hält es der Chinese sicherheitshalber andersherum. Und wird dafür gescholten.

Die „Kampfhymne der Tigermutter“ (so der amerikanische Originaltitel) ist in der Tat kaum tauglich, als praktischer Erziehungsratgeber zu dienen. Zum einen sind in Chuas Augen Pauken und Drill Selbstzweck und werden dadurch uneffektiv, weil die Analyse fehlt, auf welchen Gebieten das Kind tatsächlich sinnvollerweise gefördert und gefordert werden sollte und wo man effizienterweise mit Mittelmaß zufrieden sein kann. Zum anderen – und das ist das viel größere Manko – geht diese Methode grundsätzlich von einem Erfolg als Funktionieren im vorgefundenen System aus. Nur das wird trainiert. Gerade wer an die Spitze will, muss aber über bestehende Grenzen hinaus und weiter denken und das Selbstbewusstsein haben, das Undenkbare zu denken und sich über das umgebende Mittelmaß hinwegzusetzen. Besser sein im Anpassen, heißt Chuas Rezept. Es trägt vermutlich eine Weile, aber nicht an die Spitze. Wer etwa Kinderzeichnungen nach dem Grad der Kopierpräzision betrachtet, leitet viel kindliche Energie fehl in das Ab- und Nachbilden, anstatt die Vertiefung des Realitätsblicks gerade durch Überzeichnung, Steigerung, Verzerrung etc. zu fördern. Auch waren viele große Komponisten keine guten Instrumentalisten. Das ordentliche Beherrschen eines Instruments ist gewiss eine Tugend, aber nicht deren Gipfel.

Und doch ist das Buch eine spannende Selbsthinterfragung einer Gesellschaft, die das Anrecht auf positive Beurteilungen verbrieft hat, in der immer mehr Kinder zur logopädischen Behandlung müssen, weil sich Eltern selbst das Korrigieren falscher Aussprache als vermeintlich autoritäre Attitüde verbieten. Die erzieherische Verunsicherung zwischen Kinds-Kumpel und Zuchtmeister geht hierzulande so weit, dass notorische Regelverletzer am liebsten in einem exotischen Camp in der texanischen Wüste über den Umweg der gnadenlosen Natur damit konfrontiert werden, dass sie sich in ein gesellschaftliches Umfeld einfügen müssen. Eine klare Ansage zu Hause ist als unmoderne Erziehungsmethode verpönt.

Und noch etwas fällt in Chuas Welt auf: Die Familie – so karriereorientiert ihre Mitglieder auch sein mögen – ist in der Pflicht beim Nachwuchs. Könnte es sein, dass unser Konzept, auf das Versagen von Familien mit deren Entlastung zu reagieren, am Ende womöglich nicht aufgeht? Gerade wird in Berlin und anderen Ländern über Programme diskutiert, mit denen Sozialpädagogen in sechsstelliger Zahl an die Schulen gebracht werden sollen, um die Lehrer bei Wissensvermittlung, Trainieren von Sprache, Kulturtechniken und allgemeiner Lebensertüchtigung zu unterstützen. Ein so umfassendes Unterfangen, möglichst große Teile der Kindesenwicklung familienersatzweise in Einrichtungen zu bewältigen, kann im Grunde nur scheitern: an den nötigen menschlichen und finanziellen Kapazitäten. Und kommende Generationen werden absehbar immer größere Teile der Kinder-Familien-Arbeit verlernt haben, weil sie selbst nichts davon erlebten.

Aufwachen im eigenen Roman

Oktober 5, 2010

Rentner fahren heute Rennrad. An normalen Tagen kommt dieser rasende Papageientaucher kurz vor halb acht am Morgen  von links den Wischbergeweg hinunter. Da habe ich zumindest juristisch eine Chance aus dem Crash als Sieger hervorzugehen. Heute kam er von rechts. Die Tochter schlug mit dem Kopf aufs Armaturenbrett, dem Sohn schlug die Sporttasche ins Genick, aber sonst war alles wie immer. Im Radio sagte die Stimme, dass in letzter Zeit immer mehr junge Muslime nach ihrer Terror-Ausbildung radikalisiert nach Deutschland zurückkämen. Man ist ja schon froh wenn die jungen Leute überhaupt eine Lehrstelle finden…

An manchen Tagen wacht man in einem Roman auf, der Alltag ist. An einem überzeugenden Schluss arbeite ich noch.

Zeit für Kinder

März 12, 2010

Der Bundespräsident hat es unter einfrigem Kopfnicken der restlichen Politik gerade erst wieder gesagt: Eine Lehre aus dem Amoklauf von Winnenden muss sein, sich mehr Zeit für Kinder zu nehmen, besser zuhören, gemeinsames unternehmen…

Recht hat er, nur sollte die Politik dann auch im Tagesgeschäft darüber nachdenken, welchen Einfluss Entscheidungen auf  Eltern und Familien haben. Man kann jedenfalls nicht die Doppel-Verdiener-Familie in Gesetzen anpeilen (etwa beim Unterhaltsrecht), und gleichzeitig meinen, dann würde mehr gemeinsam unternommen. Wer flexible Arbeits-, Einkaufs- und Dienstleistungszeiten will, wird nicht im Ernst glauben, dass die Ganztagsschule ein Ersatz für abwesende Eltern und intensive Kontakte ist. Die praktizierte Familienpolitik konzentriert sich darauf, die Defizite in den Familien durch Angebote in Einrichtungen auszugleichen. Wer die Unverzichtbarkeit starker Familien erkennt, darf aber nicht nur aktiv werden, um sie zu ersetzen, sondern muss auch klare Akzente dafür setzen, eben nicht nur dem Gelderwerb nachzugehen.

Ob das tatsächlich Amokläufe verhindert, ist zu bezweifeln. Der Gesellschaft insgesamt täte es aber nicht schlecht.

Das Schicksal der Kinder liegt im Argen, nicht in den Argen

Februar 10, 2010

Dass ihm nicht selbst schwindelig wird! Heribert Prantl, Innenpolitik-Chef der Süddeutschen Zeitung, hat das jüngste Urteil zur Revision von Hartz IV wieder einmal zum Anlass genommen, seine Lieblingsvokabel von der staatlichen „Schicksalskorrektur“ für die Kinder von Geringverdienern und Hilfeempfängern ins Spiel zu bringen. Wir wissen nicht, wann Heribert Prantl zum letzten Mal eine Arbeitsagentur besucht hat und ob er bei diesem Anblick auf die Idee gekommen ist, das Schicksal von Menschen Vater Staat und Mutter Verwaltung in die Hand zu legen.  Jenseits aller Polemik bleibt die Vorstellung aber mehr als monströs: Zum letzten Mal hat es der reale Sozialismus versucht, das Schicksal der Menschen zu bestimmen. Als jemand, der an diesem Versuch zweieinhalb Jahrzehnte teilgenommen hat, wäre mein Bedarf an der Beschaffung von Lebenschancen per Beschluss erst einmal gedeckt.

Prantls Ansatz ist bezeichnend für jenes wohlmeinende Sozial-Temperament, dass Gutes erreichen will, indem man den Menschen Gutes tut. Leider ist es nicht so einfach. Das Problem beginnt bei dem grenzenlosen Anspruch des Vorhabens. Wer ein Schicksal in eine „gute“ Richtung schieben will, kann und muss so ziemlich alles fordern, was dazu nötig ist. Die Chancenbereitstellung wäre nahezu grenzenlos, wenn man den Anspruch der Schicksalskorrektur ernstnehmen wollte, so dass kein Sozialsystem ausreichen würde, ihn zu erfüllen. Das nächste Problem ist die schleichende Rückgabe des Schicksals in die Hände seines Inhabers, was – soweit kennt man den Menschen ansich – nicht funktioniert. Man kann niemandes Lebenslauf anschieben und dann sagen: Bis hierher und nicht weiter. „Schicksalskorrektur“ ist der Einstieg in die lebenslange Vollversorgung des Menschen, die ein Staat nicht leisten kann (finanzielle und logistisch), nicht leisten soll (weil es entmündigt) und auch gar nicht leisten darf. Und schließlich stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis jene zu den „Schicksalskorrigierten“ stehen, die ihr Schicksal von Anfang an selbst in die Hand genommen haben. Sind sie am Ende die Dummen, die Draufzahler, die mit viel Anstrengung dorthin gekommen sind, wohin man die anderen gebracht hat?

Prantls Schlagwort bezeichnet in der Tat eine Grenze, die nicht überschritten werden darf: Die Verantwortung darf in letzter Instanz dem Individuum nicht genommen werden. Die Würde des Menschen ist unantastbar, man darf und muss ihm Hilfestellung geben. Der Mensch ist aber keine Modell-Eisenbahn, die per Amtskran auf ein Gleis gestellt werden kann und losfahren soll.  Es steht zu befürchten, dass die Debatten um eine Reform von Hartz IV sich nun genau darum drehen werden, ob und wie weit das Transfersystem ausgebaut werden soll. Die Gefahr, dass sich die Gutmeinenden populär durchsetzen und den Staat mit Aufgaben überfrachten, an denen er sich nur verheben kann, ist dabei sehr groß.  So, wie Schulen heute nicht mehr nur Wissen vermitteln, sondern Orte „der Lebensertüchtigung“ sein sollen, könnte dem Sozialstaat eine Schicksalsleitfunktion übertragen werden. Beide Institutionen sind damit überfordert, wie es überhaupt fraglich ist, ob die Probleme von Familien außerhalb von Familien zu lösen sind.

Das Schicksal der Kinder liegt in der Tat oft im Argen. Es sollte nicht in ihnen liegen.

Ein Herz für Kinder

Dezember 12, 2009

Charity-Sendungen entlarven den deutschen Sozialstaat: Der Skandal ist nicht, dass Kinder unterstützt werden, sondern welche Einrichtungen hier mit Spendengeldern bedacht werden müssen. 750 Milliarden Euro werden jährlich in den Sozialsystemen verteilt. Dass trotzdem ein Heim für minderjährige Mütter in Offenburg Spenden braucht, sollte ein Skandal sein.