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Stärke zeigen

Dezember 29, 2010

Prozesse wegen Diebstahls von Volkseigentum sind ein wenig aus der Mode gekommen. Im Grunde ist der Ansatz des zweiten Verfahrens gegen den Ex-Magnaten Michail Chodorkowski aber nicht ganz falsch. Kaum irgendwo auf der Welt haben sich Private so dreist und schamlos am vormals vergesellschafteten Vermögen des Landes bedient wie in der untergehenden Sowjetunion. Legal und von der Politik gewollt – das ist das Fatale daran. Wäre es dem Kreml ernst mit der Aufarbeitung dieses Teils der Jelzin-Ära, so müsste eine Prozess-Lawine durchs Land gehen gegen alle, die heute unter die Rubrik „Oligarch“ fallen. Und gegen Teile der Nomenklatura, die diesen Ausverkauf ehedem betrieben haben.

Und genau hier beginnt das Problem. Es gibt nur den Chodorkowski-Prozess. Chodorkowski ist nicht der Muster-Demokrat, als den ihn der Westen aufbaut. Er hat genommen, was er kriegen konnte, als die Zeit des Nehmens war. Und er hat begonnen Demokrat zu sein, als er hatte, was er wollte. Nur war Chodorkowski unklug genug, sein Geld politisch zu investieren, anstatt sich rauszuhalten aus dem Moskauer Machtbetrieb.

Chodorkowski ist kein Aushängeschild von Demokratie und verfolgter Unschuld, er ist das gut sichtbar statuierte Exempel für alle, die auch nur daran denken, sich den Kreml kaufen oder vornehmen zu wollen. Und er ist der Seismograph, der anzeigt, wie weit in Russland die Demokratie geht und ab wo sie gelenkt wird – und von wem. Dass Premier Putin sich nicht einmal eines Vorab-Urteils enthält, ist mindestens so dreist wie Chodorkowskis einstige Selbstbedienung. Doch Macht still zu genießen, hat keine Tradition in Russland. Stark ist in den Augen der meisten Russen noch immer, wer seine Stärke zeigt. So gesehen, macht Putin alles richtig.