Posts Tagged ‘Marcel Reich-Ranicki’

Vergesst die Juden

September 8, 2010

Streit um das „Juden-Gen“, die jüdische Lobby in Washington, darf man Israel kritisieren?, es muss doch erlaubt sein, zu sagen…, Herr Reich-Ranicki, Sie als Jude…, jüdische Vermächtnisse…

Ein Vorschlag zur Güte: Vergesst die Juden!

Seit mehr als 2000 Jahren haben wir, hat der Rest der Welt sich an den Juden abgearbeitet. Ein winziges Volk, das den Gottessohn ermordet haben soll, obwohl die römische Gerichtsbarkeit das letzte Wort hatte, dass für Brunnenvergiftung, Verzehr von Christenkindern, Gier und Schuldwucher verantwortlich gewesen sein soll, für die Schwarze Pest, die Selbstzweifel des Abendlandes und das Elend der Araber. Es ist an der Zeit, die Juden einfach mal in Frieden zu lassen.

Sie sind geschändet, erschlagen und verbrannt worden, industriell vernichtet und mit Kriegen überzogen. Mancher hat sich moralisch saniert und ihnen Denkmäler gesetzt, Klezmer gespielt, Jiddisch gelernt oder Bücher geschrieben über lesbische jüdische Dichterinnen aus dem Chernowitzer Schtetl. Andere sind konvertiert, haben im Kibbuz gearbeitet oder es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Anfängen zu wehren. Wieder andere Rüsten Hilfskonvois aus, kämpfen für einen winzigen Streifen Landes namens Gaza, der der vermeintlich schlimmste Dorn im Fleische der Jetztzeit ist und meinen doch das Land, dass sich seit ein paar Jahrzehnt mühsam drum herum endlich etabliert hat.

Die ganze Welt nimmt sie in Dienst, spricht für sie, stellt sich auf ihre Seite oder auf die andere, arbeitet sich an ihnen ab, testet, wie weit man gehen kann, richtet Raketen auf sie oder steigt mit Sprengstoffgürteln in ihre Busse. Jede Debatte gerät aus den Fugen, wenn sie darin vorkommen, jeder Depp kann mit ihnen die Alarm-Gesellschaft in Wallung und Rage bringen oder seine Weste reinwaschen, wenn er einen zum Freund hat oder seine Großeltern damals einen versteckt hatten. Sie sind schuld am Kapitalismus und waren die ärgsten Protagonisten des Kommunismus, der sie wieder und wieder verfolgt hat. Sie sind die „wurzellosen Kosmopoliten“, die Wechsler, Wucherer, Zinseintreiber oder geistern als versteckter Topos durch deutsche Märchen, wenn Stroh zu Gold gesponnen und ein Königskind geraubt werden soll: Heißest du etwa Hintzenstern?

Lasst sie einfach in Ruhe.

Zweitausend Jahre haben wir sie benutzt nach Strich und faden, fast ausgerottet, missbraucht und denken sie immer noch mit, wenn selbstverliebte Moderatoren mit Koks und Konkubinen erwischt werden und kein „Arschloch“ sein dürfen oder ein genialer Kritiker zum Generalverriss ausholt. Lassen wir die Rechnung derjenigen nicht aufgehen, die sie zu den „Ewigen“ machen wollten. Sie haben sich ein paar hundert Jahre Pause von der Weltbühne verdient und ihr Zentralrat ein wenig Ruhe.

Ich weiß, dass es so einfach nicht geht und höre schon die einen schreien: Das hätten sie wohl gern, dass sie bei sich machen können, was sie wollen, dass wir ihnen nicht mehr auf die Finger schaun….  Und die anderen rufen: Ha, da will sich einer aus der Schuld stehlen, den Mantel des historisierenden Vergessens über alles breiten. Will er  nicht.

Aber wie wär’s, wenn wir sie einfach mal als Menschen nähmen?! Nicht länger als schutzwürdige, verfolgte Sparte, bei der man zusätzlich darauf hinweisen muss, dass es auch nicht in Ordnung ist, Polen, Schwule oder Kommunisten umzubringen. Kritisieren wir Israel oder Netanjahu und schlagen uns endlich all die Semitismen aus dem Kopf, die „Antis-„ und „Philos-„ und was es da noch alles geben mag. Lassen wir das historien-polit-mediale Spotlight einfach mal ein paar Jahre den Lichtkegel auf andere richten. Lassen wir die unseligen Reflexe einfach auswachsen, kümmern uns um Darfur oder die Tschuktschen und werfen die pathologische Fixierung auf David und seinen Stern endlich ins internationale Abklingbecken. Dazu muss man nichts vergessen und verdrängen, nur endlich die Halsstarre aus dem Blick kriegen und die Welt als Kugel sehen, die sich nicht um Palästina dreht.

Ich weiß ja, dass es nichts wird. War nur so eine Idee. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Mürrisch

Mai 30, 2010

Es gibt so wunderbare alte Worte. Mürrisch ist so eins, dass von Murren, Brummen, ablehnen, unzufrieden sein… – herkommt. Synonyme können freilich nie den ganzen Gefühlskosmos ausleuchten, der in einer Vokabel steckt. Für das Wort „mürrisch“ gibt es jetzt allerdings eine umfassende Ausdeutung auf anderthalb Zeitungsseiten: Das jüngste Interview mit „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (30. Mai 2010).

Mit bewunderungswürdiger Langmut hat sich Johanna Adorján von dem angehenden Jubilar (90. Geburtstag am 2. Juni) patzig kommen lassen. Ein bockiger, missmutiger, gelangweilter, maulfauler, genervert und widerwilliger MRR brilliert in der Kunst des Journalisten-Kujonierens und gibt am Ende gar unumwunden zu, dass er auch über die Dinge, über die er gern sprechen würde, nicht sprechen wolle. Besser ist „mürrisch“ nie inszeniert und aufgeführt worden. Über den Befragten erfährt man im Grunde nichts, dafür präsentiert sich der Literatenfresser in einer Verfassung, in der ihn jeder Tatort-Ermittler sofort aufs Präsidium geladen hätte. „Wenn Sie nicht reden wollen, können wir auch anders…“ Nur lädt man Reich-Ranicki eben zu nichts mehr und schon gar nicht vor.

Dieses Dokument einer Geisteshaltung der rhetorischen Sitzblockade ins Blatt gehoben zu haben, ist mutig und verdient hohe Anerkennung. Bleibt zu hoffen, dass Johanna Adorján nach Abschalten des Diktiergerätes dem alten Griesgram wenigstens ordentlich die Meinung gesagt hat. Auch für Neben-Päpste gilt Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.  Journalisten sind auch Menschen. Meistens jedenfalls.