Posts Tagged ‘Maybrit Illner’

Die Masse macht’s oder Sind Sie noch ZEITGEMÄSS?

Februar 16, 2013

ZEITGEMÄSS. Alle Nase lang werden alberne Unworte des Jahres gekürt. Missliebige Vokabeln, die irgendeiner Jury nichts ins Weltbild passen. Die Rückkehr des vorväterlichen Satzes „das sagt man nicht“ im modernen Gewande. Wenn es aber ein Unwort gibt, dem für sein verderbliches Lebenswerk ein Schmähpreis gebührt, dann: ZEITGEMÄSS! Ein argumentativer Geschmacksverstärker für laue Kantinen-Kost: Let’s get the Lemming-taste!

Inflationär ist es dieser Tage gerade wieder im Umlauf bei all jenen, die den Rücktritt des Papstes zur allfälligen Abrechnung mit der Kirche nutzen und ungefragt den gewaltigen Reformbedarf des Katholizismus‘ erklären. Der Zölibat sei nicht mehr ZEITGEMÄSS, das Frauenpriestertum müsse jetzt kommen, der Umgang mit geschiedenen und wiederverheirateten Katholiken und Homo-Paaren der Lebenswirklichkeit angepasst werden… – meinen häufig ausgerechnet jene, die ohnehin nichts mit Religion am Hut haben.

Nun mag an all dem ja durchaus auch etwas dran sein, nur ist ZEITGEMÄSSHEIT beim besten Willen kein Argument für gar nichts. ZEITGEMÄSS ist ein Massemaß, eine Quantität des Praktizierten, ein klangvolles Synonym für mentales Mitläufertum, Mode und geistigen Herdentrieb. Nirgends ist ZEITGEMÄSS aber so absurd und abwegig, wie bei Fragen der Religion. Wenn Gott erst ZEITGEMÄSS ist, wäre er des Teufels.

Wenn es einen Gott gibt und man den Glauben an ihn ernst nimmt, dann kann nicht der Lebenswandel von uns Würmern als Argument dienen, SEINE Regeln zu ändern. Allenfalls kann man theologisch darüber streiten, ob die Regeln womöglich gar nicht auf SEINEM Wort beruhen, sondern lediglich menschliche Ableitungen und deshalb viel weniger verbindlich sind. Oder man streicht Gott ganz aus seinem Weltbild.

Kurioser Gipfel im Vormacht-Kampf des ZEITGEMÄSSEN war jüngst eine Debatte bei Maybrit Illner, in der beschrieben wurde, wie sich Eltern einer katholischen Kita in Köln für die Weiterbeschäftigung einer geschiedenen und wiederverheirateten Erzieherin einsetzten. Schlagendes Argument: Mehr als die Hälfte der Eltern sei ja selbst geschieden und wieder verheiratet. Mit anderen Worten: Machen wir doch alle so.

Die Frage ist erlaubt und mehr als berechtigt, ob die katholische Kirche tatsächlich Kitas und andere Sozialeinrichtungen unterhalten muss, wenn ihre Regeln mit denen von Mitarbeitern und Kundschaft nicht mehr im Einklang sind. Man kann auch die theologische Debatte darüber führen, warum die Ehe im Katholizismus ein Sakrament ist. Aber man kann nicht das Sakrament der Ehe kurzerhand schleifen, weil viele Menschen nicht mehr bereit oder in der Lage sind, es zu leben. Nach dieser Logik müsste man rote Ampeln freigeben, wenn nur genügend Leute bei Rot über die Kreuzung gehen.

Wenn Gott Gott ist, kann der Mensch nicht per Urabstimmung IHM eine neue Satzung geben. Sonst ist er nicht Gott, sondern lediglich ein beliebiger Vereinsvorsitzender. Es gehört im Übrigen gerade zu den „revolutionären“ Grundlagen des Christentums, dass auch der nicht aus der Liebe des Herrn fällt, der seine gestrenge Norm nicht erfüllt. Dem westlichen Wohlstandschristen und ZEITGEMÄSSEN Kirchenkritikern reicht das aber nicht. Statt dessen soll kurzerhand die Norm dem eigenen Lebenswandel angepasst werden, wie der Duden den marodierenden Sprachschludereien. Denn der komfortgewohnte Jetztmensch möchte seine Verstöße weder erwähnt wissen, noch an sie überhaupt erinnert werden. Halbe Leistung, volle Punktzahl. Folgerichtige Forderung: Das Grundrecht auf ein gutes Gewissen. Neben all den anderen Grundrechten eigentlich längst überfällig.

Bei näherer Betrachtung hat das Gewissen allerdings überhaupt nur einen Wert, wenn man auch ein schlechtes haben kann. Alles andere ist Selbstzufriedenheit. Und daran mangelt es auf der Welt nun weiß Gott nicht. Aber sei’s drum.

Denn das Prinzip des ZEITGEMÄSSEN hat sich längst schon viel zu tief auch ins politische System vieler westlicher Demokratien gefressen. Von Energiewende über das erodierende Familienbild bis Wirtschaftspolitik: Immer häufiger unterlässt es die handelnde Politik, für vom breiten Meinungsstrom abweichende Positionen überhaupt noch zu werben oder wenigstens ordnungspolitische Leitbilder hochzuhalten. Früher dachte der Chef noch selbst, heute schwärmt er vom Schwarm. Ein politisches Hotel Garni, das im Grunde den repräsentativen Teil der Demokratie zuschanden reitet. Verwaltung statt Führung.

Dabei geht es nicht um Bevormundung der mündigen Mehrheit. Es ginge beispielsweise darum, trotz vielerorts scheiternder Familien das immer noch mehrheitlich angestrebte Ideal immer wieder zu benennen, um einen Richtpol für den geistigen Kompass zu bewahren. Es ist zu wenig, Patchworkfamilien, Homo-Ehen, wachsende Single-Haushalte lediglich als ZEITGEMÄSS anzunehmen und die daraus erwachsenen gesellschaftlichen Reparaturarbeiten mehr schlecht als recht umzusetzen.

Der lediglich nachführende Gestaltungsverzicht führt mittelfristig zu kollabierenden Sozialsystemen, kranken Menschen und bröckelnder Wohlstandsbasis. ZEITGEMÄSS ist, was (fast) alle machen. Ob es gut ist, schlecht, dämlich oder nett, spielt keine Rolle. Wer in gesellschaftspolitischen Debatten mit ZEITGEMÄSSHEIT argumentiert, redet in letzter Instanz der geistigen Selbstaufgabe das Wort. Die Masse macht’s. Bleibt zu hoffen, dass es noch genug Menschen gibt, denen das zu wenig ist.

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Übererfüllt: Der Gysi-Wagenknecht-Index

November 7, 2011

Früher, also vor etwa 15 Jahren, klopfte man einem Fernseher couragiert aufs Gehäuse, wenn mal wieder das Bild fest hing, seitlich weg flatterte oder sonstwelche Spirenzchen machte. Bei modernen Flachbildschirmen hat man da kaum noch Angriffsfläche. Dafür hängt auch heute das Bild nicht mehr, werden Sie sagen. Wer sich allabendlich die Talkshow-Strecke von ARD und ZDF zu Gemüte führt, wird da rasch Zweifel kriegen.

Inzwischen gelingt es nur noch geübten TV-Nutzern mit Profi-Anspruch, anhand winziger Details den Unterschied zwischen einem Bildschirmschoner und den Gesichtern von Gregor Gysi und Sahra Wagenknecht zu erkennen. Wann immer über Griechenlandkrise, Bankenkrise, den Euro oder die Bundesregierung gesprochen wird, sind Gysi und Wagenknecht schon da.

Insider behaupten, getreu dem Märchen von „Hase und Igel“ säßen die beiden Linksparteiler immer schon im Studio auf ihren Stühlen, wenn die Scheinwerfer angehen und Maybrit Illner oder Günther Jauch zum ersten Probe-Durchlauf hereinkommen. „Ick byn allhier“,  ruft der grinsende Gysi dann und weigert sich standhaft, seinen Platz wieder zu verlassen.

Auch ist der Gysi-Wagenknecht-Index inzwischen zu einer anerkannten medienwissenschaftlichen Kenngröße für die TV-Dauerpräsenz geworden. Wer der magischen Zahl von 1 GW nahekommt, und das schaffen nur die wenigsten, kann für sich sagen: Ich habe es geschafft. Selbst Oskar Lafontaine erreicht in besten Zeiten heute nur noch 0,8 GW und muss sich mit einem wenig schmeichelhaften dritten Platz vor Heiner Geißler (0,74 GW) zufrieden geben.

Um so tückischer, dass sich auch der Soundtrack zum Standbild immer gleicht. Schuld sind immer die Banken oder die Amerikaner oder beide. Griechenland braucht außerdem einen Marshall-Plan, sagt Gysi in monotoner Endlosschleife, damit sie wieder auf die Beine kommen. Was er – selbstgefällig im Sessel hängend – freilich nicht sagt: Die Schulden der Griechen müsste Europa nebenher trotzdem bezahlen bis sein Marshall-Plan in vielleicht zehn oder 15 Jahren die ersten Erträge abwirft. Mit anderen Worten: Ein Land, was die niedrigen Zinssätze des Euro jahrelang verfrühstückt hat, bekommt als Aufmunterung nach dem selbst verschuldeten Kollaps Schuldenhilfe und eine neue Wirtschaftsbasis gesponsort. Man wird sich das gregorgysianische Zeitalter wohl in etwa so vorstellen dürfen, wie das Jenseits, auf das islamistische Selbstmordattentäter gern hinarbeiten.

Bleibt am Ende lediglich die Frage, was deutsche Talkshow-Redaktionen treibt, es mit dem Linkspartei-Proporz derart zu übertreiben. Warum achtet niemand annähernd so liebevoll darauf, dass CSU oder FDP regelmäßig zu Worte kommen? Warum muss eine intellektuell überschaubare Botschaft (Verstaatlichung von Banken, mehr Schulden gegen die Schuldenkrise) mantra-artig im Repetier-Modus abgespielt werden und interessanten Gesprächsbeiträgen die Redezeit rauben?

Fragen über Fragen. Einzige Hoffnung: Vielleicht arbeiten Gysi und Wagenknecht in diesen Tagen ihre TV-Quote der nächsten zehn Jahre ab. Dann hätten wir spätestens ab Januar 2012 unsere Ruhe!

 

 

Gorch, Gregor und Alice in schwerer See

Januar 27, 2011

Mag sein, dass es bei der Bundesmarine Entbehrungen und Zumutungen gibt. Schlimmer, als Gregor Gysi und Alice Schwarzer über den inneren Zustand deutscher Truppen diskutieren sehen zu müssen, kann das aber nicht sein.

Wer kommt unter dem Einfluss welcher Drogen eigentlich auf die Idee, den Fraktionschef der Linkspartei als Wehrexperten zu Maybrit Illner einzuladen? Nicht den Bundeswehrverband, nicht die kritischen Offiziere des „Darmstädter Signals“ oder einen Wehrdienstverweigerer, der wenigstens noch weiß, was er sagt, sondern Gregor Gysi! Jenen Gregor Gysi, der heute den sofortigen Abzug deutscher Truppen aus Afghanistan fordert, weil „Gewalt keine Konflikte löst“ und sich dabei schlitzohrig auf das schlimme Beispiel der Sowjetunion beruft – 30 Jahre nachdem dieses Statement mutig oder originell gewesen wäre.

Während man sich noch fragt, ob Gregor G. dereinst wohl mit „Schwerter zu Pflugscharen“ auf dem Shell-Parker beim Pfarrer Eppelmanns Blues Messen in der Berliner Friedenskirche war, geißelt derselbe die unmenschlichen Zustände in der Bundeswehr, die menschenverachtenden Rituale und rohen Vorgesetzten. Auch da hätte Gregor G. zu DDR-Zeiten reichlich Betätigung gehabt, wenn er sich in dieser Sache als Anwalt der NVA-Soldaten angenommen hätte, die bis aufs Blut kujoniert wurden und viel zu oft von den Dächern der Kasernenblocks sprangen. (In meinen 18 Monaten waren es im Wilhelm-Florin-Regiment in Rostock allein vier.) Der gute G. gehört freilich zu der Sorte Kämpfern, die den Kampfanzug erst anziehen, wenn der Krieg vorbei ist. Als es die DDR noch gab, um die er in der letzten Volkskammer-Sitzung 1990 so arg trauerte, hat er sich vor allem auf geschmeidiges „Gleiten im Gelände“ (milit. für Robben) und abtarnen konzentriert.

Und Alice Schwarzer kennt inzwischen auch die „Männerbünde“ und ihre Rituale von innerhalb der Kasernen, obwohl sie – wie die meisten Debattenredner und Kommentatoren – auch nie gedient hat. Die Auslandseinsätze verrohen die Soldaten, wissen sie und all die engagierten Einfühler, die „Deckschrubben“ für schlimme Schikane halten. Nur weil die „Gorch Fock“ es versäumt hat, eine externe Reinigungsfirma zu beauftragen. Obwohl also nicht ganz klar ist, was der Afghanistan-Einsatz mit dem sicheren Klettern in den Wanten eines Segelschiffs zu tun hat, werden „unsere Jungs und Mädels“ in Kunduz offensichtlich zu Killermaschinen, die dann vom Mast fallen.

All das erklärt allerdings nicht, warum Armeen ohne aktiven Einsatz wie etwa die NVA oder die Truppen des ehemaligen Ostblocks im normalen Kasernenbetrieb ihre Rekruten schliffen und misshandelten, dass die meisten von ihnen die Bundeswehr heute für einen khakifarbenen Ableger von Studiosus-Reisen halten würden. Trotzdem ist es auch Laien zuzumuten, mit Hilfe einfacher Logik nachzuvollziehen, dass eine Armee überhaupt nur einen Sinn hat, wenn sie in der Lage ist, mit geschlossenen Gruppen gemeinsam Einsätze in Extremsituationen zu absolvieren. Man kann dies grundsätzlich ablehnen oder nicht. Aber wenn die Meldung „Ich kann nicht mehr“ ausreicht, um eine Übung abzubrechen, geht bei Beschuss oder Gegenwehr eines Gefangenen jeder nach Hause.