Posts Tagged ‘Nazis’

Probleme mit dem Wachstum

April 23, 2012

Man tut den Piraten Unrecht, wenn man sie als kenntnislose Netz-Nerds abtut. Surfen bildet. Wikipedia ist der neue Brockhaus. Martin Delius (27) zum Beispiel, Piraten-Geschäftsführer im Berliner Abgeordnetenhaus, hat sich längst in die strategisch-taktischen Raffinessen moderner Parteizentralen eingearbeitet und die Umfragequoten der Konkurrenz bestens im Blick.

Deshalb weiß Delius auch: „Der Aufstieg der Piratenpartei verläuft so rasant wie der der NSDAP zwischen 1928 und 1933.“ Aus seiner Schulzeit in Halle an der Saale kann er das nicht mitgenommen haben. So detailliert wurde der Aufstieg der Nazis in der DDR nun auch wieder nicht durchgenommen. Eher der heldenhafte Kampf der KPD unter dem damaligen Vorsitzenden Ernst Thälmann, der freilich außer der NSDAP mindestens ebenso intensiv die SPD bekämpfte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nun gibt es Kleingeister, die meinen, der Vergleich zu anderen Parteien außer der NSDAP läge für die Piraten irgendwie näher, schließlich sehen sich Enterhaken und Hakenkreuz auch nicht sonderlich ähnlich. Nur fragt man sich halt, auf welchem Auge die Piraten ihre lustige Klappe tragen und ob demnächst in Deutschland wohl die Server brennen.

Jedenfalls kann es nicht schaden, wenn ein früherer Vorsitzender des Parteischiedsgerichts über ein solides historischen Fakten-Fundament verfügt. Auch an der Programmierung der Meinungsbildungssoftware LiquidFeedback, war Delius maßgeblich beteiligt, so dass vermutlich aus der von Goebbels so erfolgreich durchgezogenen Kampagne des Adolf H. einiges in den Wahlkampf der Piraten einfließen könnte.

Nun gut, Martin Delius hat sich für seine seltsame Analyse entschuldigt. Es war ein Fehler, schreibt er auf seiner Homepage. Denn eigentlich ging es ihm um etwas anderes: „Wir haben – und darauf wollte ich eigentlich hinaus – ein Problem mit unserem Wachstum. Ich halte unsere direkt demokratischen Prinzipien hoch und will sie in einer Zeit erhalten in der es immer schwerer wird die Piraten unter einen Hut zu bringen.“

Das erklärt natürlich einiges. Auf der Suche nach einer Lösung für die „Probleme mit dem Wachstum“ der Piraten, liegt die NSDAP natürlich nahe. Denn die haben erstens kaum Probleme damit gehabt und sie dann auch recht effizient gelöst. Mal sollte vorsichtshalber mal nachfragen, was genau sich Martin Delius da abgeschaut hat. Rein interessehalber….

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Thilo Trotzig

August 27, 2010

Es verspricht das Skandal-Buch des Herbstes zu werden. In „Deutschland schafft sich ab“ spricht Thilo Sarrazin (65) Urängste und Aversionen der Deutschen an. Politik und Verbände reagieren mit alten Reflexen. Nur was genau sie dem politischen Sturkopf vorwerfen, sagen sie nicht.

Inwendig muss es brodeln. Wenn Thilo Sarrazin auf dem Talkshow-Sessel Platz nimmt, wippt er nervös und wartet angespannt auf das Rotlicht. Ein wenig verkniffen blickt er hinter seiner Brille hervor, misstrauisch mal, dann wieder mürrisch und unsicher. Kein Obama aus Gera, wo er geboren ist, kein Feuerwerks-Rhetoriker, der Säle in kämpferischen Gleichklang der Worte zwingt. Und doch muss drinnen ein Wurm namens Ehrgeiz wohnen, der sich von Schelte und Verachtung draußen nährt.
„…vielmehr machte mir die Tatsache zu schaffen, dass ich bei subjektiv gleichem Leistungsvermögen nicht mehr zu den Besten gehörte, sondern unter lauter Besten nur noch Mittelmaß war“, schreibt er mit Blick auf seine Schulzeit. „Diese narzistische Kränkung, die sich mit meinem Selbstbild nicht vertrug, wirkte noch viele Jahre nach.“
Ganz über den Berg ist Sarrazin wohl bis heute nicht. Mit geradezu stoischem Trotz bohrt der Sozialdemokrat und Bundesbankvorstand in den empfindlichen Stellen der Gesellschaft herum, in den allerempfindlichsten, versteht sich, wo es am meisten wehtut. Endlich einmal Bester sein unter lauter Mittelmaß. Wie punktgenau er mit seinem Buch ins eitrige Schwarze getroffen hat, bestätigen ihm seine Kritiker, vom eigenen Parteichef Sigmar Gabriel (legt den SPD-Austritt nahe) bis zur Kanzlerin (Kritik ist wenig hilfreich und verletztend).
Dabei ist Thilo Sarrazins Buch – bislang nur im Vorabdruck auszugsweise in „Spiegel“ und „Bild“ zu lesen – viel weniger skandalös und spektakulär als die Kritiker meinen. Da ist zum einen die gut mit Zahlen untersetzte Abhandlung darüber, dass die Geburtenzahlen der einheimischen Deutschen seit Jahren sinken, diejenigen zugezogener Muslime seit Jahren auf hohem Niveau rangieren. Sarrazin rechnet hoch und kommt zu dem Schluss, dass bei anhaltendem Trend in 90 Jahren nur noch 200000 bis 250000 Kinder in Deutschland geboren werden. Höchstens die Hälfte davon seien Nachkommen ohne Migrationshintergrund. Ein Befund, der seit mindestens 25 Jahren im Umlauf und statistisch belegbar ist. Ist Sarrazin nun ein „brauner Ungeist“, weil schon die Nazis „deutsche Frauen“ zum Gebären aufforderten? Wenn man ihn so sehen will, dann schon.
Sarrazin dekliniert die gängigen und weitgehend unbestrittenen Sozialstatistiken durch, wonach muslimische Einwanderer überdurchschnittlich Sozialtransfers in Anspruch nehmen und deutlich unterdurchschnittlich am Arbeitsmarkt vertreten sind. Die Bildungskarrieren von Muslimen in Deutschland liegen weit unter dem Niveau der Deutschen, aber auch sichtbar unter dem anderer Migrantengruppen. Die Kinder von asiatischen Einwanderern zeigen gar eine höhere Abiturquote als die Deutschen. Muslime sind stattdessen in der Kriminalitätsstatistik überrepräsentiert, auch in der dritten Einwanderergeneration noch wenig integriert und sprechen vergleichsweise schlecht Deutsch. Auch von Sarrazins Kritikern hat diese Zahlen niemand beanstandet oder korrigiert.
Ist also bereits die Erwähnung der Tatsachen tabu? „Nicht hilfreich“ und „verletzend“, umschreibt es die Kanzlerin, nur stellt sich die Frage, ob der verschwiegen-diskrete Umgang mit dem längst erkannten Integrationsproblem der bessere Weg ist. Der Blick in die Nachbarländer, wo von Jörg Haider (Österreich) bis Geert Wilders (Niederlande) deutlich dumpfere Gestalten sich mit erheblichen Wahlerfolgen gesellschaftlicher Blindfelder annahmen, legt eine andere Herangehensweise zumindest nahe.
Der sensible Punkt in Sarrazins Thesen ist wohl, dass er Urängste von Deutschen anspricht, die sich in einer Moderne nicht zurechtfinden, in der die Grenzen zwischen Gastgeber und Gast verwischen. Ein Gast mit deutschem Pass ist keiner mehr, selbst wenn er türkisch spricht, ganze Stadtteile mit seinem fremden Lebenswandel prägt oder Kopftuch trägt. Darf man dieses Unwohlsein artikulieren? Oder ist der einzig statthafte Standpunkt multikulturelles Mutmachen? Ja, darf man überhaupt die massiven Integrationsprobleme so scharf konturiert auf eine Herkunftsgruppe fokussieren? Ist Thilo Sarrazin ein Rassist oder gehört er zur inkriminierten Spezies der „Islamkritiker“? Belastbare belastende Indizien liefert der Autor für beides nicht. Das kann clevere Taktik sein oder schlicht der Tatsache geschuldet, dass der Sozi Sarrazin doch kein Nazi ist. Dass er freilich eine muslimisch geprägte Gesellschaft für sich und seine Enkel nicht will, daraus macht er keinen Hehl: „Wenn ich den Muezzin hören will, buche ich eine Reise ins Morgenland.“ Man kann das auch netter sagen. Oder besser gar nicht?

Eine andere untergründige Angst – wohl nicht nur der Deutschen – liegt in dem diffusen Gefühl, die individualistische, fragmentierte westliche Gesellschaft der Moderne mit ihren Selbstblockaden und Auswüchsen könnte womöglich untergepflügt werden von einer vormodernen, viel dupfer reflexhaften und sich nicht ständig selbst hinterfragenden Kultur. Muslime kriegen einfach Kinder, während wir ein schier ausuferndes Bedingungsgebäude rund um die Nachwuchsentscheidung errichtet haben, das an den Geburtenraten unterhalb der Reproduktionsschwelle auch nichts ändert. Muslime gehen in vielen Fällen einfach davon aus, dass ihre Religion die Wahre ist – im Grunde der einzig logische Umgang mit einer überirdischen Annahme. Wir stellen uns selbst in nahezu allen Lebensbereichen so sehr in Frage, dass wir oft nicht einmal bereit sind, unsere ureigenen Überzeugungen gegen Ungeist zu verteidigen. All dies wird von Sarrazin mit seiner schnörkellosen, zuweilen harten Beschreibung bedient und provoziert. Wohlweislich verschweigt er freilich, welche Konsequenzen aus seiner Bestandsaufnahme zu ziehen wären.
Viele Tabus zum Brechen hat diese Gesellschaft nicht mehr. An einigen rührt Thilo Sarrazin. Da ist der gleichfalls nicht ganz neue Befund, dass die Geburtenzahlen in bildungsfernen und sozial schwachen Schichten steigen, wenn die Sozialsysteme sich am Bedarf orientieren und mit jedem neuen Kind neue Leistungen bezogen werden können. In den USA hat Bill Clinton 1997 unter dem Eindruck rapide steigenden Bevölkerungszuwachses notgedrungen den Bezug von Sozialhilfe auf vier Jahre begrenzt. Danach sank die Fruchtbarkeit in Problem-Milieus wieder. In Deutschland hat der Bremer Sozialstatistiker Gunnar Heinsohn vergleichbare Trends nachgewiesen. Sarrazin greift diese Untersuchungen auf und empfiehlt drastische Einschnitte bei Sozialtransfers, da das Wissen um Verhütung heute Allgemeingut sei. Da mag er recht haben, aber er wird auch wissen, dass gesellschaftspolitischer Druck via Sozialsystem in Deutschland nicht vorgesehen und wohl auch nicht akzeptiert ist.
Gänzlich vermintes Terrain betritt der Ex-Senator allerdings, wenn er beiläuftig genetische Fragen streift. Kritiker werfen ihm ohnehin vor, mit „kulturellen“ Unterschieden tatsächlich „genetische“, sprich: „rassische“ zu meinen. Das ist eine Frage der Interpretation, und in diesem Falle keine gutwillige. Wo Sarrazin auf erhöhte Quoten von Behinderungen und Erbschäden unter Muslimen hinweist, kann er sich ebenfalls auf Studien etwa aus Großbritannien berufen. Die kamen vor einiger Zeit schon zu dem Schluss, dass die verbreitete Cousinen-Ehe innerhalb von Familienclans im Einzelfall kein Problem ist. Wo sie aber über Generationen praktiziert wird, kommt es zu genetischen Fehlbildungen.
Sowas sagt man nicht, sagte man früher zu Kindern. Thilo Trotzig sagt es trotzdem. Gerade weil es die anderen nicht sagen und weil er weiß, dass es stimmt. Inwendig brodelt es. Ganz gleich, was all die anderen sagen, die noch gewählt werden wollen.

Einmal Logik und zurück

April 19, 2010

Die Deutschen haben eine bemerkenswerte Art, sich die Welt zurecht zu zimmern. Am besten gelingt das, wenn man die Dinge einfach andersherum denkt. Von dem Punkt her, zu dem man hin will. Beim Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr funktioniert das – ausweislich zahlreicher Talkshows – schon recht routiniert. Weil man nicht zu denen gehören will, die mit Gewehren auf Menschen schießen, erklärt man einfach, die anderen schössen, weil man selbst ein Gewehr hat. Nun haben die Deutschen schon mehrfach in der Geschichte aktiv bewiesen, dass der Aggressor bestimmt ob Krieg ist oder nicht, aber das ficht die Verkehrer der Realität nicht an.

Die Taliban sind nicht nach Afghanistan gekommen, weil die internationalen Truppen da waren, sondern die Truppen sind dorthin gekommen, weil die Taliban ein blutiges Regime errichtet hatten, dass weltweit operierendem Terror Unterschlupf gewährte. Ohne diesen Terror-Export hätte die restliche Welt vermutlich auch weiter mit beiden Augen weggesehen, denn bei Lichte betrachtet, trägt der Westen mitnichten seine Humanität offensiv vor sich her. Solange unser Handel und Wandel nicht gestört wird, interessiert es uns weder im Jemen noch in Somalia oder in Nordkorea, ob Hunderttausende verhungern oder nach Belieben gesteinigt wird.

Wer es mit der Moral ernst meint, müsste eigentlich die Frage stellen, warum die Mehrheit der Deutschen nichts dagegen hat, wenn „unsere Jungs“ ihr Leben beim Kampf gegen Piraten aufs Spiel setzen, wo es schließlich nur um Handelswege geht, während das Bewahren braver Afghanen vor fanatisierten Islamisten für anstößig gehalten wird.

Und man müsste vielleicht auch einen Augenblick darüber nachdenken, was man der Mutter eines 1944 in der Normandie gefallenen GIs über den Sinn seines Einsatzes sagen würde. Was scherte es den Farmer-Sohn aus Wisconsin schon, wenn sich die Europäer den Schädel einschlugen? Wenn ein durchgeknallter Diktator KZs einrichtete und Juden vergaste – warum musste Joe Jedermann dafür sterben? Wenn man ehrlich darüber nachdenkt, wird man zu dem Schluss kommen, dass die von Deutschen niedergestreckten Amerikaner, Briten, Russen, Franzosen und sonstige Widerständler dafür gestorben sind, dass die Hitlers in der Welt nicht das letzte Wort haben.

Die Bin Landens sollten es auch nicht haben.