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Blender, Trixer, Täuscher: Wir Guttenbergs

Februar 20, 2011

Ein paar „vergessene“ Fußnoten und vereinnahmte Zitate in akademischen Arbeiten, zu „Auslandssemestern“ aufgepustete Studienreisen, Praktika bei der Zeitung als „freier Journalismus“ – jeder kennt solche Kreativ-Lebensläufe und die meisten machen es genauso. Die „Enthüllungen“ über Karl Theodor zu Guttenberg gehen weiter, und sie offenbaren viel mehr als die kleinen Retouchen eines ehrgeizigen Menschen, der weiß, dass er gut ist und es auch zeigen will. Was hier unversehens ins Licht der Öffentlichkeit gerät, ist das flächendeckende Prinzip der Blender, Trixer und Täuscher, des schönen Scheins und der plastischen Vita-Chirurgie.

Vor allem die Ossis mussten nach der Wende lernen, ich zu sagen, wo eigentlich Gruppen am Werke waren. „Ich drehe gerade einen Spielfilm…“ – mit 200 Leute am Set. „In meiner Show…“ treten die Stars auf, und „Ich habe Ruhrstahl saniert…“ Das in der DDR verpönte „Ich“ trat auf einmal in der übersteigerten Selbstdarstellung der bundesdeutschen Konkurrenzgesellschaft ins graue Ostelbien und hielt nur in seltenen Fällen, was es zu sein versprach.

„Ich spreche Englisch“ ist die Standardwendung für Fremdsprachenkenntnisse, bei der ich noch heute zusammenzucke. Ich habe keine Probleme auf der Weltklima-Konferenz und kann die Taiwan-Frage international erörtern, und doch fehlen mir bei amerikanischen Sitcoms mitunter ganze Sätze. Spreche ich also Englisch? Wer mal Gitarre gelernt hat, nennt sich Gitarrist, und die Thematiken mancher Master-Arbeiten, die ich im Laufe der Zeit gesehen habe, degradieren den akademischen Betrieb zum Feuilleton mit Fußnoten.

Eigentlich müsste angesichts der Guttenberg-Enthüllungen beträchtliche Hektik ausbrechen im Lande: Web-Seiten mit Lebensläufen müssten diskret überarbeitet, Bewerbungsmappen stillschweigend redigiert und vermutlich müsste auch das Bundestagshandbuch rasch einer kritischen Sichtung unterzogen werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass für die Aussicht auf schöne Scheine der schöne Schein ein wenig heruntergedimmt wird, ist allerdings nicht sehr groß. Vielleicht sollte nur die Herablassung gegenüber den Guttenbergs ein wenig gedämpfter ausfallen.

Ein Gutes hat die Affäre freilich: Ossis, die ehedem stets beklagten, ihre Biographien würden wegen „kleiner Jugendsünden“ wie etwa Bespitzelung und Anschwärzens entwertet, müssten jetzt zufrieden sein. Es gibt noch Gerechtigkeit im Lande – unter Wessis reichen schon unterschlagene Fußnoten, um von der großen Bühne zu stürzen.

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Neues aus dem Ossi-Zoo

November 22, 2010

Irgendwas hat Moritz von Uslar falsch gemacht. Der forsche 40-Jährige hat sich einige Monate im Kleinstädtchen Zehdenick – nördlich von Berlin zwischen Vogelsang und Kleinmutz – herumgetrieben und ein Buch darüber geschrieben. Und wie immer, wenn ein Wessi-Schnösel aus Berlin-Mitte ostdeutsche Landeier reportiert, kann man eigentlich auf Rabatz, Skandal und Schlagzeilen rechnen. Nur bei Moritz von Uslars jüngstem Opus „Deutschboden“ funktioniert das nicht.

Die Zehdenicker (sprich leicht angelispelt: ßßßeeehdennikkk) wollen sich einfach nicht beschweren über Uslars Milieu-Studie. Abgesehen von einer Familie, finden die meisten die rurale Prosa des journalistischen Freiherrn (eigentlich Hans Moritz Walther Freiherr von Uslar-Gleichen) ganz ok bis cool, und selbst die öffentliche Veranstaltung am vergangenen Wochenende im Bowling-Center sorgte für allerhand Presse, aber für keinen Eklat. Schöne Pleite das.

Dabei liegt das eigentlich Alberne solcher Projekte am ethnographischen Versuchsaufbau selbst: Ich besichtige naturbelassene Menschen und schreibe darüber.  Schon Günther Grass wandte sich 1990 gegen die Wiedervereinigung, weil er die Ursprünglichkeit ostdeutscher Menschen und Landschaften erhalten und nicht westlicher Weichspüler-Invasion preisgeben wollte. Batholomäus Grill hat für die ZEIT in den 90er Jahren ein ähnlich aufwendiges Projekt in Quedlinburg verfolgt, über Frankfurt(Oder gibt es ein wenig schmeichelhaftes Freiluft-Protokoll, und so mancher kommunal bezahlte Stadtschreiber hat in zwanzig Jahren Einheit ostdeutsche Strähnchenträgerinnen und grillende Rasenkantenschneider porträtiert.

Was ist also schief gelaufen bei Uslars Reservat-Besuch? Sollte er festgestellt haben, dass Zehdenick so normal ist wie Eickelborn oder Barsinghausen? Sollte er anstelle westdeutsche Normenkontrollklage zu führen, den Menschen im Ossi erkannt und erstmals nachgewiesen haben? Vielleicht lag es auch nur daran, dass der Autor kein Grundstück in Zehdenick zurückhaben wollte.  Jedenfalls ist es höchste Zeit, dass ein Ossi sich in Nusspingen, Unterstmatt oder Hammereisenbach-Bregenbach undercover niederlässt und als Ronny Godall den bedrohten Schwaben-Gorilla bei Nestbau und Paarung beobachtet. Womöglich gibt es mehr Übereinstimmung mit dem menschlichen Genom, als man bisher glaubte – in Zehdenick…