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Quoten-Reigen: Die einheitliche Gesellschaft

August 2, 2010

 

Vor einiger Zeit machte die Deutsche Telekom damit Schlagzeilen, bis 2015 dreißig Prozent aller Führungsposten im oberen Management mit Frauen besetzen zu wollen. Der Verlag Axel Springer zog alsbald nach, und überhaupt ist die Löblichkeit solcher Vorstöße in öffentlichen und veröffentlichten Meinung weitgehend unumstritten. Die Wirtschaft, heißt es in entsprechenden Kommentaren dann meist, könne sich nicht länger leisten, auf diese kompetenten weiblichen Fachkräfte zu verzichten. Woraus wir schließen, dass auch die ansonsten in puncto Eigennutz recht kompetente Wirtschaft hier Nachhilfe braucht.

Lediglich über die Art und Weise, wie dieses Ziel erreicht werden soll, gibt es Debatten. Plausibel und folgerichtig sind derartige Initiativen allerdings nur, wenn man unterstellt, dass eine anteilmäßige Gleichverteilung sozialer Merkmale in der Gesellschaft gewissermaßen der Normalfall sein müsste, dem mit derlei Quoten auf die Sprünge zu helfen sei. Für diese Art von regelmäßiger Homogenität gibt es keinerlei Anhaltspunkte.

Wenn es eine Gesetzmäßigkeit in dieser Richtung gäbe, ließe sich zunächst einmal schwer erklären, warum sich die Initiativen zur Korrektur des Missstands nahezu ausschließlich auf die Elite-Bereiche der Gesellschaft beschränken. Wäre das Gleichmaß der Geschlechter ein Naturgesetz, so wären vermutlich nicht nur ein Fünftel aller deutschen Gefängnisinsassen Frauen. Eine unziemliche Bevorzugung von Männern bei der Aufnahme in den Strafvollzug scheint ja nicht vorzuliegen.

Es stellte sich aber auch die Frage, warum vor allem das Geschlecht zur einheitlichen Verteilung prädestiniert sein sollte und nicht auch andere soziale Merkmale. Die Ostdeutschen stellen zwanzig Prozent der deutschen Bevölkerung aber nur fünf Prozent der Eliten. Warum machen Springer und Telekom also kein Selbstverpflichtungsprogramm für einen angemessenen Ossi-Anteil in ihren Unternehmen? Die Erklärung ist so einfach, wie die Vorstellung einer solchen Quote absurd ist: Die Geschlechter-Parität ist eine gesellschaftliche Wunschvorstellung, die einer tiefen Sehnsucht nach Harmonie entspringt wie etwa auch die Vision einer sozialistischen Gemeinschaft weitgehend gleicher, friedfertiger und fleißiger Menschen.

Man kann diesem Ideal gut und gern anhängen und durch die Beseitigung aller rechtlichen Ungleichheit zuarbeiten. Wo dynastische Verfilzungen auftreten oder ungerechte Zugangsbedingungen herrschen, kann man einschreiten. Sobald man aber aktiv in die Gestaltung sozialer Verteilung eingreift, wird es problematisch. Die Parteitage der Bündnisgrünen sind dafür ein gutes Beispiel. Weil sich in Debatten meist mehr Männer als Frauen zu Wort melden, ist es seit langem Usus, die „Redeliste“ nach der letzten Frau zu schließen. Melden sich sechs Frauen und neun Männer, so dürfen abwechselnd also je sechs „RednerInnen“ ans Pult, drei Männer müssen auf ihren Beitrag verzichten. Mit Demokratie hat das wenig zu tun. Konsequent zuende gedacht, wird das urdemokratische Prinzip „Ein Mensch, eine Stimme“ hier bereits ausgehebelt, und es geht nicht mehr um die sachliche Substanz der Beiträge, sondern um eine mechanische Symmetrie, wie sie in freien Gesellschaften eigentlich nicht vorkommt. Es empfiehlt sich zudem stets Wachsamkeit, wenn Rechtsgrundsätze vermeintlich im Namen der guten Sache preisgegeben oder ausgesetzt werden.

Auch der vorwurfsvolle Verweis auf die Unterrepräsentanz von Ostdeutschen ist im Grunde völlig absurd. Natürlich gibt es gute Gründe, warum zwanzig Jahre nach der Wende noch kein DDR-Mensch einen Dax-Konzern führt – weder konnte und wollte man 1990 verdiente Kombinatsdirektoren in die Vorstände holen, noch sind Nachwende-BWL-Studenten heute in ihrer Erwerbsbiografie schon so weit aufgestiegen, dass eine solche Karriere logisch wäre. Im Grunde aber müsste man sich angesichts dieser Debatte fragen, ob eigentlich eine Mehrheit deutscher Führungskräfte aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen kommt. Wenn nicht, müsste dies korrigiert werden. Auch Bayern und Schwaben müssten bundesweit gleich verteilt sein, wenn es eine natürliche Homogenitätsregel gäbe. Gibt es aber nicht.

So haben etwa die Kinder asiatischer Einwanderer eine höhere Abiturquote als die deutschen Schüler, arabische Migrantenkinder sind an Gymnasien dramatisch unter-, in Haftanstalten deutlich überrepräsentiert. Am Ende gerät man mit diesem mechanischen Gesellschaftsbild in ziemlich trübes Fahrwasser, weil die Vokabel „Überfremdung“ ja im Grunde nichts anderes ist, als das Einklagen einer vermeintlich „normalen“ Dominanz der Mehrheiten im Sinne der Sozialstatistik: Frauen hälftig verteilt, Ausländer gemäß ihrem Anteil etc. Juden hatten vor Hitlers Machtergreifung einen Anteil von 0,9 Prozent an der deutschen Bevölkerung und wären demnach in vielen Bereichen der gesellschaftlichen Elite (Richter, Hochschullehrer, Kunst, etc.) überrepräsentiert gewesen. So waren etwa 70 Prozent der Zeitungsverlage in jüdischer Hand. Kein normal denkender Mensch käme ernsthaft auf die Idee, daraus irgendwelche Schlussfolgerungen ziehen zu wollen oder gar Quotierungen zu fordern. Diejenigen, die Schlussfolgerungen zogen, waren Verbrecher.

Gesellschaften sind nicht homogen. Und es ist auch gar nicht wünschenswert, dass sie es sind, weil auch Menschen nicht gleich sind, gleich sein wollen, gleich sein sollen. Gibt es eine sinnvolle Erklärung dafür, dass nahezu alle bedeutenden deutschen Entertainer – von Jauch bis Schmidt, von Gottschalk bis Kerner – katholisch sind? Müsste es nicht ein Quote für deutschsprachige Musik geben? Und sind Homosexuelle wirklich gleichverteilt im Land? Man kann durchaus Quotierungen in allen möglichen Gesellschaftsbereichen einführen, nur sollte man sich immer klarmachen, dass man damit meist keinem realen Missstand abhilft, sondern eine gesellschaftspolitische Vision anstrebt. Das ist meistens gut gemeint, schadet nicht oder nur wenig, ob es wirklich gut ist, wird man später sehen.

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Feierfrust: Warum die Einheit wenig Euphorie auslöst (für Neue Zürcher Zeitung)

Januar 26, 2010

 

Frustfrühling nach Wendeherbst, Einheitskater nach Befreiungstaumel – ganz so schlimm ist es denn doch nicht. Aber der Eindruck ist auch nicht falsch, dass den Deutschen die Feierlaune für die zwanzigste Wiederkehr des Jubeljahres 1989/1990 inzwischen ein wenig abhanden gekommen ist. Das hat durchaus Gründe, die jenseits jener national veranlagten Miesepetrigkeit liegen, die nur im Zusammenhang mit Fußball temporär kurierbar ist.

Da ist zunächst ein Medienbetrieb, der in den letzten Jahren eine Art Großindustrie des Gedenkens entwickelt hat, die unweigerlich die anrührendsten Momente der Geschichte früher oder später in Langeweile ummünzt. Historische Sternstunden sind auch im Rückblick besser in kleinen Dosen konsumierbar als von der Europlette. Natürlich haben wir den fünften, zehnten und fünfzehnten Jahrestag des Mauerfalls bereits kräftig gefeiert, haben die Vorgeschichte erzählt, Anekdoten ausgewalzt, Historiker, Experten, Zeitzeugen und Betroffene befragt, und all das läuft seit Januar 2009 bereits wieder auf Hochtouren. Wir Medienleute haben uns darin perfektioniert, bedeutsame Ereignisse so professionell in Szene zu setzen, den Countdown lange im Voraus zu beginnen, den letzten Überraschungsgast mit Tusch ins Rampenlicht zu schieben, dass wir schon bei den Planungssitzungen wussten: Wir werden froh sein, wenn der Trubel vorbei ist. Es einfach sein zu lassen oder eine Nummer kleiner anzugehen, geht aber nicht. Da ist die Konkurrenz vor. Und so beteiligen wir uns denn sehenden Auges an Wende-Festspielen, die ihrem eigentlichen Zweck zuwiderlaufen. (Ein Punkt übrigens, an dem sich Nachrichten- und Finanzmärkte ziemlich ähnlich sind: Die inneren Regeln sind mitunter stärker als der gesunde Menschenverstand.)

Ein weiterer Punkt, warum die ohnehin begrenzte Leidenschaft, die einem Deutschen zur Verfügung steht, nicht mehr voll abgerufen wird, liegt im Lauf der Dinge selbst. Nach dem welthistorischen Big Bang des Mauerfalls wurde Tag für Tag Protest wieder in Politik überführt, wurde aus Revolution und Aufruhr, Kompromiss und Verwaltung. Ein Prozess, der schon von sich aus weniger spannend, dafür aufreibend, ernüchternd und renormalisierend ist. Zum Aufstand, zu Massen-Exodus und Demonstrationen war es gekommen, weil zuletzt selbst die Parteigänger des Regimes erkannten, dass Methoden und Fähigkeiten des Politbüros zum Untergang dessen führen mussten, dem sie eigentlich dienen wollten. In der untergehenden DDR entstand mithin eine Massenbewegung mit gewaltiger Einigkeit und weitgehender Auflösung der vormaligen Nomenklatura-Kasten. Dieses Gefühl, mit voller Überzeugung Teil eines Großen und Ganzen zu sein, gibt es vermutlich nur Welt-Zehntelsekunden lang und wird an politischer Intensität in einem Menschenleben wohl nie wieder erreicht. Im Westen verfolgte man zur gleichen Zeit all das mit ungläubiger Spannung und der wilden Hoffnung, dass am Ende womöglich die stählern geschmiedeten System-Blöcke aufbrechen, in sich zusammenfallen und verschwinden könnten. Klar, dass nach diesem Weltgeschichte-Überdosis-Trip nur ein schmerzhafter Entzug mit Realität als Ersatzdroge folgen konnte.

Nach dem 9. November 1989 gab es die ersten Papiere zur Wiedervereinigung, es folgten Runde Tische, die ersten Volkskammerwahlen im März 1990, die Einführung der D-Mark im Osten als wohl letzter emotionaler Höhepunkt, Zwei-plus-Vier-Verhandlungen der Großmächte, die nur etwas für Diplomatie-Feinschmecker waren und schließlich der erschöpfte Zusammenschluss am 3. Oktober. All das durchleben die Deutschen nun auch im Rückblick wieder. Und es ist nicht verwunderlich, dass die Erinnerung heute weniger euphorisch ist an die Nach-Mauerfall-Phase, wo aus vereinten Aufbegehrern wieder politische Lager und Konkurrenten wurden, wo die SPD gemeinsam mit den Bürgerbewegungen in den ersten freien Wahlen bereits zum ersten Mal Wende-Verlierer wurde, wo sich zeigte, dass für viele Ost-Menschen freier Konsum schon den größten Teil des Freiheitsbegriffs ausmachte.

Und in all das mischt sich jener dritte Prozess der nachwendlichen „Persönlichkeitsveränderung“ im Osten. Der 3. Oktober 1990, die Wiedervereinigung, auf die dieses Jubiläumsjubeljahr unvermeidlich zusteuert, ist im Grunde nichts anderes, als die Rückkehr des Ost-Blocks vom bolschewistischen Irr-Gleis der Geschichte auf die Normal-Trasse. Ein ideologischer Abweg des 20. Jahrhunderts hatte sich (mit etwas Verzug auch in den vormaligen „Bruderländern“) erledigt, widerlegt, war an sich zugrunde gegangen. Das in dieser Nüchternheit zu akzeptieren, fällt den meisten Läufern, Mitläufern und selbst etlichen Geiseln der Roten Wandertruppe Ost bis heute schwer. Es mag psychologisch ein verständliches Missverständnis sein, dass viele Ostler den Untergang des Systems als nachträgliche Entwertung ihres Lebenslaufes fehlinterpretieren und sich inzwischen schönreden, was sie ehedem verfluchten.

Da werden kleine Raritäten-Beschaffungen in der Mangelgesellschaft romantisiert, als seien Magel und Misswirtschaft eine heute leider unterdrückte Errungenschaft gewesen. Private Inseln im durchideologisierten Parteistaat werden der kalten Herrschaft des Geldes heute gegenübergestellt, als seien es nicht die Ostdeutschen gewesen, die 1990 beim Sturm auf die harte D-Mark der Deutschen Bank die Türen einrannten. Kurz: Die Gemütslage „Es war nicht alles schlecht“ grassiert bis heute stärker als die Schweinegrippe in den Neuen Bundesländern, obwohl doch auf der Hand liegt, dass es eigentlich heißen müsste: „Es war zu wenig gut“. Und dass dieser Virus nicht nur Träger des verflossenen Systems heimsucht, die ja in der Tat etwas verloren haben, sondern auch solche, die zu deren Lebzeiten nie ein gutes Haar an der DDR gelassen haben, das verdrießt sowohl wache Wende-Ossis als auch die meisten Westdeutschen, die nicht nur mit dem Herzen dabei waren, als die Mauer fiel, sondern danach auch mit ihren Steuer-Milliarden. Jenen aber, die den Osten und seine Menschen bis heute verklären, muten Wende- und Einheitsfeiern als eine Art Inszenierung der geschichtlichen Siegerdoktrin an. Wer Mauertote benennt, sich seiner Freiheit in Reise, Wort und Rede freut und den Kopf darüber schüttelt, dass die DDR-Staatspartei heute unter anderem Namen ins ganz Deutschland wählbar ist, der hat es mitunter schwer im Osten.

Vielleicht sollte man auch so etwas wie eine Wende-Trauerfeier veranstalten, auf  der man der Tatsache gedenken kann, dass Klar- und Einsicht auch in einer freien Marktwirtschaft mitunter zur Mangelware werden können. Ganz ohne Kreditklemme und Finanzkrise.

Das Schablonen-Syndrom

Dezember 11, 2009

Es gibt Menschen, die nehmen Teile von sich wichtiger als ihr Ganzes: Bei Feministinnen ist es das Geschlecht, bei Juden ihr Jüdischsein und bei Ossis die DDR-Herkunft. Bekommt eine Frau einen guten Job, dann kriegt sie ihn „als Frau“, soll heißen trotzdem. Yepp! Ein toller Erfolg. Kriegt sie ihn nicht, dann, „weil sie eine Frau ist“. Bei Ossis ist es analog, und im SZ-Magazin (Nr. 50/2009)  kann man nachlesen wie es bei Maxim Biller (im Streitgespräch mit Henryk M. Broder) funktioniert. Rezensiert ein Jude Billers Buch, ist der Rezensent vorgeschickt, damit sich Juden untereinander prügeln. Schreibt ein Nichtjude über Biller, hat er wenig Chancen nicht als Anti-, Philo- oder sonstiger -semit wegzukommen.

Alles in allem ein interessantes Phänomen, mit dem man hierzulande leben gelernt hat. Und das auf den verschiedensten Gebieten schon beachtliche gesellschaftliche Protestbewegungen hervorgebracht hat. Wer mit dem Schablonen-Syndrom durch die Welt reist und sein Raster grob genug hält, kann stets zwischen Diskriminierung und beachtlichem Sonder-Erfolg pendeln. Es gibt freilich einen fiesen Trick, wie man den Homo Schablonicus aushebeln, erledigen und auf sich selbst zurückwerfen kann: Man zwingt ihn, sich einfach als Mensch zu betrachten.

Und schon hat der Mensch  ein Ziel entweder nicht erreicht oder ist halt erfolgreich gewesen. Nicht als etwas, sondern einfach nur selbst. Obwohl es schon schöner ist, bei Niederlagen der bösen Welt zornig und bei Erfolgen allein durch die feindlichen Heere gebrochen zu sein. So leicht, wird sich das Schablonen-Syndrom deshalb wohl nicht ausrotten lassen. Und weil Ossi-Blogs von den Wessis mit Ignoranz gestraft werden, merkt es wieder keiner…