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Mission Berlin – wie die Kirchen um ungläubige Hauptstädter ringen

Juli 30, 2013

(Der illustrierte Beitrag erschien in der Zeitschrift „Credo“)

Christoph Telschow hat das ganze Trauerspiel in seiner Kladde. „Am 4. Januar waren zwei Leute hier, am 11. Januar schaute einer vorbei, am 18. kam niemand…“ Woche für Woche rutscht sein Finger in den Spalten nach unten durch das Frühjahr 2013. Jeden Freitag von 16 bis 19 Uhr hat die „Eintrittsstelle“ der Evangelischen Kirche im Berliner Dom geöffnet. Wenn sich ein einziges Schäflein in das holzgetäfelte Zimmer der Hohenzollern-Kirche verirrt und wieder offiziell evangelisch werden möchte, dann war es ein guter Tag. Es gibt auch viele andere Tage“.

Dabei könnte es so einfach sein. Vier „Eintrittsstellen“ hat die evangelische Kirche in Berlin. Wer Taufschein, Konfirmationsurkunde und im Falle von Wiedereintritten die Austrittserklärung mitbringt, ist sofort wieder DRIN in der Kirche. One-Stop-Agency nennen Unternehmensberater solche Kinderleicht-Büros, wo man ohne langen Papierkram und Bürokraten-Marathon seine Dinge erledigen kann. Dass sich bei Christoph Telschow trotzdem keine Schlangen vor der Tür bilden, hängt allerdings auch damit zusammen, dass sich viele Neuchristen an die nächste Kirchgemeinde wenden, anstatt die zentralen „Eintrittsstellen“ anzusteuern. Aber bezeichnend für die Situation der beiden großen Kirchen ist die Einsamkeit des pensionierten Superintendenten in seinem Büro schon.

Leise dringt die Orgel aus der kleinen Tauf- und Traukirche des Doms herüber. Eine Hochzeitsgesellschaft blickt verkrampft auf die Gesangbücher, Karpfenmünder mit musikalischer Begleitung: „Freuet euch im Herren allewege“.   Wenn es um die Absicherung einer ungewissen gemeinsamen Zukunft geht, greift man gern auf das Alte zurück. Oder aus praktischen Gründen: „Die meisten kommen, weil sie einen Job in einer kirchlichen Einrichtung antreten und nun wohl oder übel einer Kirche angehören sollten“, sagt Christoph Telschow. Vor ihm auf dem Tisch ein Keramik-Engel, eine Kerze, traurige Tulpen. „Oder es sind Zugezogene aus den alten Bundesländern, die sich in Berlin noch nicht so auskennen und sich an die christlichen Wurzeln ihrer Kindheit erinnern. Bei manchen ist es auch die Heirat mit einem christlichen Partner, Geburt eines Kindes oder ein anderer Einschnitt, der den Glauben wieder belebt.“

Ossis kommen kaum. Während sie draußen Tellermützen von DDR-Grenzern und Rotarmisten aus taiwanesischer Billigproduktion verhökern, blickt Telschow drinnen einsam über die religiöse Trümmerlandschaft, die der leider ehedem reale Sozialismus hinterlassen hat. Vierzig Jahre DDR haben gereicht, um bei vielen die Wurzeln völlig zu kappen. Telschow weiß, wovon er spricht: Im östlichen Plattenbaubezirk Hohenschönhausen gab es zur Wende knapp sechs Prozent Christen, im eher bürgerlichen Weißensee, Telschows früherer Wirkungsstätte, rund zwölf Prozent.

Doch der Sozialismus erklärt nicht alles. Auch in West-Berlin, dem einstigen Mekka bundesdeutscher Kriegsdienstverweigerer, wachsen heute die Revoluzzer-Kids der 68er Eltern mit einem vitalen Desinteresse an Kirche und Glauben heran. Eher finden sie ihre spirituelle Erweckung in einem indischen Ashram als sich mit einem dreifaltigen Gott zu beschweren, der so uncool nach Alt-Deutschland riecht, von konservativen Parteien gepflegt wird und selbst im App-Store von Apple nur mit kreuzlangweiligen Geschichten von vor 2000 Jahren daher kommt. Überhaupt ist das mit dem Glauben heute so eine Sache. Manche glauben, dass Öko-Strom die Lösung und Atomkraft des Teufels sei, andere klappen ihr Laptop auf wie einen Hausaltar, gründen die Piraten und halten das Internet für die Erlösung 2.0. Kein Wunder, dass es irgendwie old-school wirkt, zur Andacht in ein altes Backsteinhaus mit Turm zu gehen, das nicht mal WLAN hat. Existiert ein Gott, der nicht bei Facebook ist? Oder anders gesagt: Ich glaube gern mal, wenn’s passt – aber deshalb gleich Mitglied werden? Auch eingetragene Kegelvereine gibt es immer weniger in Berlin.

„Berlin ist längst keine christliche Stadt mehr“, sagt Ernst Pulsfort, Geistlicher Rektor der Katholischen Akademie Berlin und Pfarrer in St. Laurentius. „Allenfalls noch auf dem Papier.“ Gehörten nach letzten Erhebungen (2011) bundesweit mehr als 60 Prozent der Deutschen einer der großen Kirchen an, so ist es in Berlin genau umgekehrt: In der Hauptstadt sind 60 Prozent konfessionslos. Christen machen nicht mal ein Drittel aus. Einzig die Zahl der Muslime wächst und dürfte bereits die Zehn-Prozent-Marke der rund 3,4 Mio. Berliner überstiegen haben. Ihre strenge Religiosität wird als multikulturelle Besonderheit besonders geschützt, da ziehen eingefleischte Atheisten auch schon mal gegen „Islamkritiker“ zu Felde.

Doch auch der Berliner Senat unter dem Regierenden Katholiken Klaus Wowereit (SPD) macht es den Kirchen nicht leicht. Als 2009 der Volksentscheid über Religion („Pro Reli“) als Wahlpflichtfach an Desinteresse und Ablehnung der Berliner scheiterte, ging der Senat einfach zur Tagesordnung über, obwohl die von den bürgerlichen Parteien, Kirchen, Prominenten und sogar jüdischen und muslimischen Verbänden unterstützte Bewegung eine beeindruckende Mobilisierung für Glaube und Bekenntnis an den Tag brachte. Seitdem ist es so gekommen, wie die Pro-Reli-Unterstützer damals befürchteten. In den Klassen 7 bis 10 ist Ethik Pflichtfach, wer den Religionsunterricht besuchen will, findet sich irgendwann nachmittags zur achten Stunde als kleine Exoten-Truppe unter der Häme der anderen zusammen, die dann schon frei haben. Hinzu kommt, dass der Übergang zu flächendeckendem Ganztagsschulbetrieb auch den Besuch des Konfirmandenunterrichts immer schwieriger macht. Sohn Julius musste unlängst eine Bestätigung des Pfarrers vorlegen, dass es sich um eine außerschulische Arbeitsgemeinschaft von mindestens zwei Wochenstunden handele, für die er ausnahmsweise von der Nachmittagsbetreuung befreit werden könne. Der Direktor ließ es generös durchgehen.

Diaspora Berlin. Wer durch die Kieze der Hauptstadt reist, durch Szene-Bezirke, Shopping-Meilen und Zonenrand, der trifft auch die anderen: Hauptamtliche, die Glauben und Leidenschaft noch nicht verloren haben, Laien, die einfach anpacken, wo es Not tut und Überzeugungstäter, die eine christliche Navigationssoftware für ein unerlässliches Update halten im Leben.

„Natürlich versuche ich zu missionieren“, sagt Pfarrer Pulsfort. „Hier können Sie katholisch werden. Es ist viel einfacher als sie denken!“ steht auf einem Poster im Aushang seiner Gemeinde in Berlins Mitte, nicht weit vom Kanzleramt. „Ich will den Menschen die Ängste nehmen vor der Institution Kirche. Die Menschen unterscheiden sehr zwischen Kirche und Glauben.“ Damit trifft er wohl den Kern des Problems: Hauptfeind der Kirchen ist häufig die Kirche.

„Die kirchliche Sexualmoral ist meilenweit von der Realität entfernt“, meint Ernst Pulsfort. Kein Einwand, den man noch nirgends so gehört hätte. Doch der Pfarrer und Buchautor sieht auch keine theologisch tragfähige Begründung für viele Dogmen zum Sex-Leben. „Heute ist alles transparent, durchsichtig, auch die Kirche und das Leben ihrer Würdenträger. Überzeugen können wir aber nur mit authentischen Personen und lebensnaher Lehre.“ Wo immer mehr Katholiken ihre Distanz zu Rom als Ausweis persönlicher Glaubwürdigkeit in den Vordergrund stellen, nimmt die Gemeinschaft schaden. „Die beste Kampagne ist jeder Einzelne.“

Dabei weiß er sogar seinen Erzbischof, Rainer Maria Kardinal Woelki, an seiner Seite: „Jede und jeder Einzelne ist durch Taufe und Firmung aufgerufen und befähigt, Zeugnis zu geben von der erlösenden Kraft des Glaubens. Ich sehe meine Aufgabe darin, dazu zu ermutigen: Ich traue Euch das zu, Ihr könnt das und Ihr dürft das!“ Problem erkannt, Herausforderung der weltlichen Konkurrenz angenommen? Woelki: „Schon die Einsicht, dass wir kein Monopol haben für Sinn, Transzendenz und Werte, ist ein wichtiger Schritt. Das Wort ,Konkurrenz‘ würde ich nicht verwenden, aber wenn, dann ,belebt sie das Geschäft‘.“ Soll heißen: Wir müssen besser werden, neue Wege suchen. Eine Einsicht, die nicht überall zu finden ist in den Amtsstuben der Kirche. Denn auch über die Ursachen des negativen Christen-Saldos reden Würdenträger – politikergleich – nicht gern. Wer zugibt, dass er ein Problem hat, bekommt größere. Woelki dagegen spricht Klartext: „Am problematischsten finde ich die, die nicht mehr suchen, die keine Fragen haben, die sich nicht auf den Weg machen. Die können wir überhaupt nicht erreichen.“

 

Cecilia Engels gehört zu denen, die sich damit nicht abfinden wollen. Irgendwo tief drinnen, glaubt sie, weiß jeder, dass wir nicht aus uns selbst heraus leben, dass da eine größere Kraft ist, die uns hält. Mancher ahnt es zumindest. Und um diese Nachdenklichen geht es.  Ausgerechnet in Berlin-Kreuzberg, wo Linke und Muslime längst ihre eigenen Hochämter feiern. Ausgerechnet in einer Samstagnacht, wenn sich die Großstädte des Westens auf der dunklen Seite der Welt ins Vergnügen stürzen. Ausgerechnet hier in St. Bonifatius, wo wummernde Bässe aus tiefergelegten 3er-BMWs die Yorkstraße entlang pumpen und erfolgreich die Abendstille bekämpfen. Ausgerechnet hier hat Cecilia Engels mit einigen Mitstreitern Transparente und Fahnen auf den Gehweg gezogen, um Passanten zum „Night Fever“ in die Kirche einzuladen.

 

Was dem Namen nach wie ein Cover-Musical mit dem flirrenden Glitzersound der Bee Gees klingt, ist in Wahrheit eine Aktion, die 2005 vom katholischen Weltjugendtag in Köln ausging und inzwischen in ganz Deutschland, ganz Europa und sogar schon in Nordamerika junge Leute zu zwanglosen Andachten in die Kirchen zieht. Drinnen in St. Bonifatius stehen kleine Lichter an den Kopfseiten der Bänke zu beiden Seiten des Mittelgangs. Eine warm flackernde Landebahn für die Seele, die vorn am Altar bei der Monstranz mit der geweihten Hostie ausläuft. „Laudate omnes gentes“ singt ein kaum sichtbarer Chor im Seitenschiff. Ein Hauch von Taizé mitten in Kreuzberg. Und das Wunderbare: Es wirkt.

 

Irgendwann schieben sich unsichere Gestalten durch den Mittelgang. Manche mit Rucksäcken, mit dicken Kopfhörern, Taschen und Tüten. „Christus, dein Licht erstrahlt auf der Erde“. Flöte und Gitarre mischen sich mit dem leisen Ächzen der Bänke, steigen auf im Dämmerlicht des Gewölbes, das in dieser Samstagnacht einen Menschenraum im Erdendunkel freilässt. „Es geht nicht in erster Linie um den Eintritt in die Kirche“, sagt Cecilia Engels leise. Ob die nächtliche Laufkundschaft die Gegenwart Christi in der Monstranz selbst erkennt und erlebt, weiß die promovierte Meeresbiologin nicht. „Es geht darum, verschüttete Erinnerungen wieder hervorzuholen, vielleicht einen Faden von Besinnung und Suche wieder aufzunehmen, der bei vielen noch immer lose daliegt.“ Glaube first, wen die Jesus-Geschichte dann nicht mehr loslässt, der kann sich mit Fragen an Priester wenden, die unauffällig am Rande dabei sind.

 

Katharina Hohenstein (Name geändert) ist so eine, die Fragen hatte. Mit Mitte 30 merkte die promovierte Chemikerin, dass etwas fehlte. Familie, Kinder, Erfolg – aber warum das alles und wozu? Mit 36 ging sie in die Christenlehre, ein Jahr später ließ sie sich taufen, trat in die Kirche ein. Wegen einer Sinnkrise? „Nein“, sagt Katharina Hohenstein, „aus Berechnung.“ Einen Augenblick genießt sie die Verblüffung, lacht. „Wenn man in der Geometrie auf einer endlosen Geraden einen Punkt festlegen will, braucht man einen Orientierungspunkt, der nicht auf dieser Geraden liegt, sonst geht es nicht. So ist es auch bei uns Menschen. Es ist ein Unterschied, ob ich IHM gegenüber Rechenschaft ablege oder mir gegenüber. Ich selbst neige mir gegenüber zur Großzügigkeit.“

 

Genau das ist der Punkt, an dem der evangelische Bischof Markus Dröge die Menschen abholen möchte. „In einer Zeit, in der Bindungen mehr und mehr verlorengehen, wächst die Sehnsucht nach Verbindlichkeit.“ Das Problem: Menschen wie Katharina Hohenstein, die sich mit offenem Herzen und wachem Verstand in die großen Kirchen zurückgrübeln, gibt es zu wenig, um den Strom der Kirchensteuervermeider und Wellness-Religiösen auszugleichen, die jeden Monat austreten. Aber Dröge hofft, dass Leute wie Katharina Hohenstein ausstrahlen auf andere. Ehrenamtliche Mission im Schneeballsystem sozusagen: „Wir laufen nicht mit dem Megaphon durch die Straßen. Jeder der selbst überzeugt ist, überzeugt auch andere“, sagt er.

Während bei vielen Katholiken die Freiburger Rede von Benedikt XVI. noch nachhallt, in der er „Entweltlichung“, Rückbesinnung auf Seelsorge und Verkündigung gefordert hatte, gehen Berlins Protestanten geradezu in die Welt hinaus, erklärt Dröge: „Wir setzen da andere Akzente. Wir glauben, dass gerade die ,Treue zur Welt‘, das ,Kirche für andere sein‘ (Dietrich Bonhoeffer) die Hemmschwelle überwindet, die es oft gegenüber der Institution Kirche und ihrer Dogmatik gibt.“ 35 evangelische Schulen gibt es im Bistum inzwischen; vielleicht wächst da eine Generation heran, die wieder ganz selbstverständlich mit Religion umgeht.

Doch Illusionen macht sich auch Bischof Dröge nicht: „Im Ostteil der Stadt gibt es noch immer ein nichtchristliches Milieu, das stark von der Alltagsideologie der DDR geprägt ist. Der Glaube galt damals als wissenschaftlich widerlegt. Hier wollen wir vor allem zeigen, dass der Glaube gesellschaftlich relevant ist. Die religiöse Trümmerlandschaft des SED-Regimes zu beseitigen ist eine Generationenaufgabe.“

Roland Jacob ist dieser Ost-Berliner Trümmerlandschaft auf seine ganz eigene Weise entgegengetreten. Er hat sich kurzerhand seine eigene Kirche gebaut. Gut zehn Jahre hat der langjährige Radiologe und Chefarzt im Klinikum Berlin-Buch in seinem Garten an dem Gotteshaus gewerkelt, hat für 25 000 D-Mark den Korpus eines Holzhauses erstanden, dann nach und nach zwölf historische Bleiglas-Fenster gekauft und aufwändig restaurieren lassen. Zwischen 4000 und 5000 Euro hat das pro Stück gekostet. Ein funkgesteuertes Uhrwerk läuft im Giebel über der Inschrift „Gott ist getreu“ und stimmt morgens um neun Uhr („Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne“), mittags um 13 Uhr („Großer Gott, wir loben dich“) und abends um 18 Uhr („Weißt du, wieviel Sternlein stehen“) ein hell klingendes Glockenspiel an.

„Die Nachbarn mögen das“, sagt Roland Jacob und sieht sehr zufrieden aus. Farbiges Licht fällt durch die Fenster in den kleinen Raum, auf den weißen Marmor-Altar, vor dem der Heiland mit nach oben gefesselten Armen hängt. „Ein Holzbildhauer im südfranzösischen Roquebrune hat ihn aus einem Olivenstamm geschnitzt.“ Jacob macht keine halben Sachen. Nebenan hat er eine Tischlerwerkstatt mit modernsten Abrichten, Fräsen und Werkzeug in ordentlichen Wandkästen. Wenn die Gesundheit mitspielt, soll das Glockenspiel noch einen Apostel-Zug bekommen, wie am Rathaus in Prag.

Wie aber kommt man auf die Idee, im eigenen Garten eine Kirche zu bauen? „Ich habe in Ecuador in einem Hotel mit eigener Kirche gewohnt“, sagt Jacob. Seitdem hat ihn das Projekt nicht mehr losgelassen. 1940 in einem streng christlichen Elternhaus im Vogtland geboren, war der Mediziner später Mitglied der Block-CDU in der DDR und hat mit der Amtskirche seinen eigenen Hader: „Im Osten störten mich die Bischöfe, die mit dicken Mercedes-Karossen vorfuhren. Und wegen Pfarrer Gauck bin ich dann nach der Wende ausgetreten“, sagt Jacob. Der damalige Chef der Stasiunterlagen-Behörde habe ihm eine IM-Täterschaft nachweisen wollen, die er nicht hatte. Darüber gibt es inzwischen ein Gerichtsurteil. Der Frust sitzt noch immer tief. Inzwischen ist Roland Jacob wieder in die evangelische Kirche eingetreten – und hat ein anderes Problem: Die örtliche Kirchengemeinde schickte argwöhnische Emissäre, um die vermeintliche Konkurrenz in Augenschein zu nehmen.

Die Furcht war unbegründet. Roland Jacob ist kein Kampfprediger, Spinner oder gewinnorientierter Glaubensstifter. Er sehe sich und sein Kirchlein eher als Ergänzung, sagt Jacob und hat auch schon eine kleine Reihe mit Lesungen und Musik geplant, die er gemeinsam mit der Gemeinde veranstalten will. Vor gut einem Jahr ist sein Gotteshaus sogar offiziell eingeweiht worden, und eine „Privatkirche“ will er auch nicht gründen. Aber auch er kennt viele Leute „mit christlicher Weltanschauung, die aber mit der Firma Kirche nichts zu tun haben wollen“. Und so ein kleiner Kirchen-Rebell steckt auch in Roland Jacob. Welche Konfession sein Kirchlein eigentlich habe? „Meine!“, sagt er keck.

Und so trifft man beim Streifzug durch das christliche Berlin die kraft- und hoffnungsvollsten Missionare vor allem dort, wo die Amtskirchenstuben etwas weiter weg sind. Pater Heiner Wilmer zum Beispiel ist Provinzial der Herz-Jesu-Priester, die vor wenigen Wochen erst ihr Kloster im Szenebezirk Prenzlauer Berg eingerichtet haben. „Die Leute stellen heute ganz andere Fragen als wir denken“, sagt Wilmer. „Ob es Gott gibt, ist für viele Menschen gar nicht die Frage. Sie wollen wissen: Was bringt mir der Glaube, was bedeutet er für mich.“ In seinem Buch („Gott ist nicht nett“. Herder Verlag) hat Wilmer sich auch kritisch selbst befragt. „Manchmal höre ich mir selbst beim Beten zu und merke, wie ich Floskeln und Palaver irgendwohin, in den Himmel, in die Dunkelheit schicke. Seltsamerweise erträgt Gott das.“ Eine Diagnose, die in seinen Augen auch auf den Zustand der großen Kirchen passt: verflachte Botschaften, abgestoßene Kanten, kein Gesicht.

Sein Fazit: „In den großen Kirchen sind wir abgerutscht und reden viel zu oft über Moral und Strukturen. Zölibat, Frauenpriestertum, Homo-Ehe – das sind alles Nebensätze. Unser Hauptsatz ist in Wahrheit aber das Evangelium Jesu Christi, es ist keine Moral, sondern Erlösung, das Wachsen als Mensch im Glauben.“ Und so ist Pater Wilmer auch im mondänen „Prenzelberg“ mit seinen Öko-Kitas und Bio-Läden als Ersatzreligion nicht verzagt. „Die Menschen wollen nicht belehrt werden, aber sie haben einen natürlichen Sinn für die Tiefenbohrungen des Lebens.“ Deshalb wollen die Herz-Jesu-Priester einfach im Namen Gottes für die Menschen da sein, Begegnungen in der Kirche: „Zusammenkünfte für Schwangere, für Menschen, die gerade Prüfungen ablegen, für Kinder mit ihren Haustieren…“

Er gerät fast ein wenig ins Schwärmen vor lauter Vorfreude auf all die Zusammenkünfte, Andachten, lebensvolle Liturgie. Schwärmen für die Menschen, Schwärmen für den Glauben, Schwärmen für Gott. In einer Stadt wie Berlin nicht das Schlechteste.

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Die Masse macht’s oder Sind Sie noch ZEITGEMÄSS?

Februar 16, 2013

ZEITGEMÄSS. Alle Nase lang werden alberne Unworte des Jahres gekürt. Missliebige Vokabeln, die irgendeiner Jury nichts ins Weltbild passen. Die Rückkehr des vorväterlichen Satzes „das sagt man nicht“ im modernen Gewande. Wenn es aber ein Unwort gibt, dem für sein verderbliches Lebenswerk ein Schmähpreis gebührt, dann: ZEITGEMÄSS! Ein argumentativer Geschmacksverstärker für laue Kantinen-Kost: Let’s get the Lemming-taste!

Inflationär ist es dieser Tage gerade wieder im Umlauf bei all jenen, die den Rücktritt des Papstes zur allfälligen Abrechnung mit der Kirche nutzen und ungefragt den gewaltigen Reformbedarf des Katholizismus‘ erklären. Der Zölibat sei nicht mehr ZEITGEMÄSS, das Frauenpriestertum müsse jetzt kommen, der Umgang mit geschiedenen und wiederverheirateten Katholiken und Homo-Paaren der Lebenswirklichkeit angepasst werden… – meinen häufig ausgerechnet jene, die ohnehin nichts mit Religion am Hut haben.

Nun mag an all dem ja durchaus auch etwas dran sein, nur ist ZEITGEMÄSSHEIT beim besten Willen kein Argument für gar nichts. ZEITGEMÄSS ist ein Massemaß, eine Quantität des Praktizierten, ein klangvolles Synonym für mentales Mitläufertum, Mode und geistigen Herdentrieb. Nirgends ist ZEITGEMÄSS aber so absurd und abwegig, wie bei Fragen der Religion. Wenn Gott erst ZEITGEMÄSS ist, wäre er des Teufels.

Wenn es einen Gott gibt und man den Glauben an ihn ernst nimmt, dann kann nicht der Lebenswandel von uns Würmern als Argument dienen, SEINE Regeln zu ändern. Allenfalls kann man theologisch darüber streiten, ob die Regeln womöglich gar nicht auf SEINEM Wort beruhen, sondern lediglich menschliche Ableitungen und deshalb viel weniger verbindlich sind. Oder man streicht Gott ganz aus seinem Weltbild.

Kurioser Gipfel im Vormacht-Kampf des ZEITGEMÄSSEN war jüngst eine Debatte bei Maybrit Illner, in der beschrieben wurde, wie sich Eltern einer katholischen Kita in Köln für die Weiterbeschäftigung einer geschiedenen und wiederverheirateten Erzieherin einsetzten. Schlagendes Argument: Mehr als die Hälfte der Eltern sei ja selbst geschieden und wieder verheiratet. Mit anderen Worten: Machen wir doch alle so.

Die Frage ist erlaubt und mehr als berechtigt, ob die katholische Kirche tatsächlich Kitas und andere Sozialeinrichtungen unterhalten muss, wenn ihre Regeln mit denen von Mitarbeitern und Kundschaft nicht mehr im Einklang sind. Man kann auch die theologische Debatte darüber führen, warum die Ehe im Katholizismus ein Sakrament ist. Aber man kann nicht das Sakrament der Ehe kurzerhand schleifen, weil viele Menschen nicht mehr bereit oder in der Lage sind, es zu leben. Nach dieser Logik müsste man rote Ampeln freigeben, wenn nur genügend Leute bei Rot über die Kreuzung gehen.

Wenn Gott Gott ist, kann der Mensch nicht per Urabstimmung IHM eine neue Satzung geben. Sonst ist er nicht Gott, sondern lediglich ein beliebiger Vereinsvorsitzender. Es gehört im Übrigen gerade zu den „revolutionären“ Grundlagen des Christentums, dass auch der nicht aus der Liebe des Herrn fällt, der seine gestrenge Norm nicht erfüllt. Dem westlichen Wohlstandschristen und ZEITGEMÄSSEN Kirchenkritikern reicht das aber nicht. Statt dessen soll kurzerhand die Norm dem eigenen Lebenswandel angepasst werden, wie der Duden den marodierenden Sprachschludereien. Denn der komfortgewohnte Jetztmensch möchte seine Verstöße weder erwähnt wissen, noch an sie überhaupt erinnert werden. Halbe Leistung, volle Punktzahl. Folgerichtige Forderung: Das Grundrecht auf ein gutes Gewissen. Neben all den anderen Grundrechten eigentlich längst überfällig.

Bei näherer Betrachtung hat das Gewissen allerdings überhaupt nur einen Wert, wenn man auch ein schlechtes haben kann. Alles andere ist Selbstzufriedenheit. Und daran mangelt es auf der Welt nun weiß Gott nicht. Aber sei’s drum.

Denn das Prinzip des ZEITGEMÄSSEN hat sich längst schon viel zu tief auch ins politische System vieler westlicher Demokratien gefressen. Von Energiewende über das erodierende Familienbild bis Wirtschaftspolitik: Immer häufiger unterlässt es die handelnde Politik, für vom breiten Meinungsstrom abweichende Positionen überhaupt noch zu werben oder wenigstens ordnungspolitische Leitbilder hochzuhalten. Früher dachte der Chef noch selbst, heute schwärmt er vom Schwarm. Ein politisches Hotel Garni, das im Grunde den repräsentativen Teil der Demokratie zuschanden reitet. Verwaltung statt Führung.

Dabei geht es nicht um Bevormundung der mündigen Mehrheit. Es ginge beispielsweise darum, trotz vielerorts scheiternder Familien das immer noch mehrheitlich angestrebte Ideal immer wieder zu benennen, um einen Richtpol für den geistigen Kompass zu bewahren. Es ist zu wenig, Patchworkfamilien, Homo-Ehen, wachsende Single-Haushalte lediglich als ZEITGEMÄSS anzunehmen und die daraus erwachsenen gesellschaftlichen Reparaturarbeiten mehr schlecht als recht umzusetzen.

Der lediglich nachführende Gestaltungsverzicht führt mittelfristig zu kollabierenden Sozialsystemen, kranken Menschen und bröckelnder Wohlstandsbasis. ZEITGEMÄSS ist, was (fast) alle machen. Ob es gut ist, schlecht, dämlich oder nett, spielt keine Rolle. Wer in gesellschaftspolitischen Debatten mit ZEITGEMÄSSHEIT argumentiert, redet in letzter Instanz der geistigen Selbstaufgabe das Wort. Die Masse macht’s. Bleibt zu hoffen, dass es noch genug Menschen gibt, denen das zu wenig ist.

Es lebe der evangelische Papst

September 24, 2011

Deutschlands Protestanten sind enttäuscht. Das schreiben zumindest die meisten Kommentatoren über das Treffen des Papstes mit den Vertretern der Evangelischen Kirche in Erfurt. Sie hatten auf „deutliche Schritte“ oder Gesten des Pontifex Maximus im Sinne der Ökumene gehofft. Was genau sie sich da vorgestellt hatten, weiß man nicht. Wahrscheinlich hätte der Nachfolger Petri sich ein Beispiel an der Kanzlerin und ihrer Energie-Wende nehmen sollen: ,Wir haben jetzt 500 Jahre gestritten. Also gut: Ihr habt recht.‘

Zugegeben – eine recht banale Vorstellung. Einerseits ist die Kirchentrennung im Zuge der Reformation ja nicht grundlos erfolgt, sondern wegen bis heute bestehender unterschiedlicher Auffassungen über Gott und die Menschen. Andererseits kann der Führer einer Weltkirche nicht eben mal als nette Geste an seine Landsleute aus der Thüringischen Landeshauptstadt die Botschaft an 1,2 Milliarden Katholiken senden: Von heute an sehen wir die Sache mit dem Abendmahl einfach etwas lockerer.

Benedikt XVI. hat den Reformator Martin Luther ausdrücklich gewürdigt, hat zentrale Orte seines Wirkens besucht und damit klar gemacht, dass Rom ihn nicht länger als ketzerischen Spalter ansieht, sondern als einen Menschen auf der Suche nach Gott und dem Glauben. Mit anderen Worten: Auch wir (Rom) haben damals Unrecht getan und Anlass zu reformatorischen Umtrieben gegeben. Eine beachtliche Geste, zu der die Vorgänger Josef Ratzingers sich nicht herbeilassen konnten und eine gute Grundlage für weitere Gespräche.

Enttäuscht kann davon nur sein, wer Ökumene als eine Art Koalitionsverhandlungen versteht, die mit einem „guten Kompromiss“ für beide Seiten enden. Aber das Himmlische lässt sich nicht irdisch verrechnen. Und es ist schon ein – nicht wirklich überraschendes – Zeugnis religiöser Unkenntnis und Ignoranz vieler Medienleute, hier im Ernst liturgische oder theologische Gastgeschenke aus Rom erwartet zu haben.

Noch absurder nehmen sich da nur die Appelle etwa des Bundespräsidenten bei der Begrüßung des Papstes aus. Christian Wulff, von dem man weiß, dass er als geschiedener Katholik persönlich unter der Zurücksetzung beim Abendmahl leidet, mahnte gerade heraus Reformen beim Zölibat, bei der Rolle der Frau und im Umgang mit Geschiedenen in der Katholischen Kirche an.

Nun ist aus katholischer Sicht die Ehe ein Sakrament, das sich die Eheleute gegenseitig spenden. Würde sich Benedikt hier also großzügig zeigen, so müsste er an Kernbestände des Glaubens heran. Es beginnt mit dem Ehegelübde, sich bis zur Scheidung durch den Tod treu zu sein, in guten wie in schlechten Tagen: Einen solchen Schwur kann man sinnvollerweise nur einmal ablegen. Zumindest, wenn man ihn ernst meint. Akzeptiert man ihn – etwa in Schröder/Fischerscher Serienauflage – , müsste er konsequenterweise in eine Art lose Bemühenszusage umformuliert werden.

Nun gut, Menschen sind fehlerhaft, aber ein Sakrament, das man gern immer wieder brechen kann, wäre kein solches mehr. Dabei ist es schon einigermaßen plausibel, die innigste Beziehung zwischen zwei Menschen, die zudem normalerweise den Fortbestand der Menschheit sichert, als geheiligt anzusehen. Im Klartext: Der Papst müsste, um Wulffs Bitte zu erfüllen, mal eben rasch eines der sieben katholischen Sakramente abschaffen. Das wird er realistischerweise nicht tun, auch wenn es sicher eine schöne Geste wäre, um auf die evangelischen Christen zuzugehen.

Noch interessanter ist aber die Begründung deutscher Reform-Katholiken für diese Forderung: Die strikte Treue passe nicht zur Lebenswirklichkeit moderner Menschen, heißt es. Da haben sie zwar recht, nur ist die Logik dahinter genauso bezeichnend wie absurd: Wenn unsere Lebensweise nicht mit göttlichen Regeln harmoniert, muss Gott halt sich und seine Regeln ändern. Wir doch nicht uns! Wenn der Glaube an Gott aber einen Sinn haben soll, dann gewiss nicht den, Gott nach unserem Bilde zu formen, damit seine Religion uns dient und Spaß macht.

Wer täglichen Trost sucht, der sich als flexible Dienstleistung unseren Gewohnheiten, Irrwegen und Zivilisationsmacken anpasst, ist im reichhaltigen deutschen Vereinsleben besser aufgehoben, als in der katholischen Kirche. Die hat sich vor 500 Jahren bewusst nicht für den Weg von Martin Luther entschieden. Wer Frauenpriestertum, Abendmahl für alle und Kondomverteilung in Afrika wünscht, hat seitdem eine Alternative.

Käßmanns Katechnismus

Mai 14, 2010

„Also kann man sagen, die Pille ist ein Geschenk Gottes“ – Margot Käßmann ist eine Frau des Herren, und deshalb geht es wahrscheinlich keine Nummer kleiner. Die Pille hat vieles verändert, aber vor allem hat sie das Leben angenehmer und einfacher gemacht. Vor allem das Sexualleben. Wenn aber alles, was das Leben schöner macht, gleich ein Geschenk Gottes ist, werden wir demnächst wohl Dankgebete für die Erfindung des Fernsehsessels gen Himmel richten und eine bekannte Parfümerie-Kette zur Kirche des Herrn erklären.

Immerhin lässt sich mit dem guten alten Kondom ein ähnlicher Effekt erzielen, und auch die Möglichkeit des eigenverantwortlichen Umgangs mit Sex bestünde ja rein theoretisch auch noch. So gesehen, schenkt uns nach Käßmanns Katechismus der Herr auch die Dinge, die uns von unserer eigenen Verantwortung entbinden. Das wird sie wohl nicht im ernst so gemeint haben.

Gemeint hat Margot Käßmann noch, dass die Pille ein Geschenk „für das Leben“ sei, weil sie Frauen selbstbestimmter und mehr Kinder zu Wunschkindern gemacht habe. Das kann man so sehen. Angesichts der dramatischen Geburtenrückgänge im Nachspiel der Pille heißt das aber nüchtern betrachtet: weniger Leben, dafür besseres. Die Dialektik ist etwas so feinsinnig wie die des Papstes, der ja durchaus zu Recht darauf hinweist, dass der Einsatz von Kondomen in Afrika verhindert, dass an der verheerenden Sexualmoral und aids-begünstigenden Lebensweise der Menschen dort sich etwas ändert. Deshalb bringe das Kondom den Tod. In diesem Sinne bringt auch die Pille Leben. Nur waren wir Protestanten eigentlich bisher immer recht stolz darauf, nicht in den dialektischen Spuren des Papstes zu wandeln. In der Kunst des mediengerechten Schlagzeilen schmiedens ist Margot Käßmann aber nach wie vor nahezu unschlagbar in ihrer Kirche.