Posts Tagged ‘Soziales’

Blender Mainstreaming

September 28, 2010

Manchmal ist da wieder diese Urangst. Andere träumen davon, nackt in der Fußgängerzone zu stehen und nicht fortzukommen. Ich sehe mich in der DDR-Schule sitzen. Wie die Lehrerin auf und ab geht und sich die Mädchen umgedreht haben: „Warum willst du der Gesellschaft nichts zurückgeben?“, fragt die Frau, die eigentlich für Deutsch zuständig ist, jetzt aber klären will, warum alle anderen Jungs als Unteroffiziere auf Zeit zur Nationalen Volksarmee gehen nur ich nicht. „Oder willst du etwa den Sozialismus nicht verteidigen?!“

Die einzige Strategie dagegen war Schweigen. Einfach nichts sagen, dasitzen wie ein menschenunwürdiger Pudel, aber eben auch nicht zustimmen. Irgendwann würde es klingeln, und man konnte rausrennen in die Straßen mit den Fahnen und den Spruchbändern, wo manche, die genauso dachten, zur Selbstverteidigung in den Hetzchor einstimmten oder einfach nur schwiegen, um nicht selbst in die Schusslinie zu kommen. Bis zur nächsten „Mitgliederversammlung“ oder dem Treffen mit Offizieren der Paten-Kaserne.

Nein, ganz so schlimm ist es heute nicht, und doch frage ich mich machmal, wie in all der Freiheit dieser Gleichschritt der Meinungen durch den Alltag marschiert, der einen wieder zum Außenseiter macht, wenn man zweifelt, dass die Mehrheit recht hat. Ein harmloses und doch bezeichnendes Beispiel ist das Dosenpfand. Dabei ist das Interessanteste an der 2003 eingeführten Abgabe in Deutschland noch nicht einmal die absurde Logik, wonach eine missliebige Verpackung in Abhängigkeit vom Inhalt zurückgebracht werden muss oder weggeworfen werden kann. Das Exemplarische des Dosenpfands liegt im nicht zu durchbrechenden Konsens aller Gutmeinenden es einzuführen. Angesichts des zwanzigsten Tages der Einheit ein schöner Anlass, sich Gedanken über die Bildung der öffentlichen Meinung damals und heute zu machen.

Dass gegen die rasante Verbreitung von Einwegverpackungen etwas unternommen werden müsse, war vor der Einführung breiter Konsens. Die heutige Kanzlerin hatte in ihrer Zeit als Umweltministerin ebenfalls damit  geliebäugelt und gedroht. Die öffentliche Debatte drehte sich im Vorfeld nahezu ausschließlich um Pro oder Contra Dosenpfand. Über die Tauglichkeit des Instruments wurde nicht gestritten. Der Autor dieser Zeilen hat die Frustration noch gut in Erinnerung, wie einsam und als gestrig belächelt man damals beiseite geschoben wurde, wenn man auf die schlichte Logik hinwies, dass ein Pfand zum Zurückbringen hinterlegt wird, nicht zum Abschrecken oder Vermeiden. Andernfalls hätte die klassische Bierflasche ja seit Jahrzehnten unter Akzeptanzproblemen leiden müssen. Heute hat Deutschland die höchste Einwegquote der Nachkriegsgeschichte, die Metalldose feiert gerade ihren Wiedereinzug in die Ladenregale, und die bepfandeten PET-Flaschen werden nach der pflichtgemäßen Rückgabe meist sofort geschreddert. Ein milliardenteurer Unfug für den Einzelhandel und ein umweltpolitischer Rückschlag erster Güte.

Beispielhaft an diesem Vorgang ist der Mainstream-Meinungsmechanismus dahinter. Unter maßgeblicher, wenn nicht gar entscheidender Mitwirkung der Medien entstehen unter den Bedingungen einer freien Gesellschaft Meinungsblasen durch Mehrheiten, die von tiefergehender Sachkenntnis nicht mehr anzufechten sind. Die Liste solcher Effekte ist lang und eindrucksvoll. So verfestigte sich Anfang des Jahrtausends auf diffuse Weise der Eindruck, dass Internet irgendwie wichtig und die Zukunft sei. Das Ergebnis dieser in der Breite (und auch in den Spitzen von Medien und Wirtschaft) eher unreflektierten Euphorie war die New-Economy-Blase. Web 2.0 und „Second Life“ wurden als der Trend schlechthin ausgerufen und skeptische Nachfragen als Ausweis der Zugehörigkeit zu einer absterbenden „Nutzer-Kohorte“ disqualifiziert.

Der „Early Adopter“, der rasch alles Neue annimmt, ist nicht mehr nur eine neutrale Charakterbeschreibung jugendlicher Unbekümmertheit im Umgang mit Computern, Handys und anderem Digital-Gerät, sondern ein Positiv-Prädikat für zügiges Mitlaufen im mehrheitlichen Meinungsstrom. Nach dem gleichen Schema gilt heute die Gemeinschaftsschule als Ultimo der Bildungsmoderne – unabhängig von Rahmenbedingungen und Ausstattung. Die Liberalisierung von Ladenöffnungszeiten (von Medienleuten maßgeblich betrieben und druckvoll unterstützt) und die allgemeine Flexibilisierung der Arbeitswelt führen dazu, dass trotz vorhandener Einkommen Familienleben in immer weiteren Kreisen kaum noch zu organisieren ist und der staatliche Reparaturbetrieb Schule mit den Folgen schon lange nicht mehr klarkommt.

Trotzdem ist gegen den Mahlstrom vermeintlicher Modernität nicht anzukommen. Die „Schere zwischen Arm und Reich“ öffnet sich hierzulande seit Jahren, und es geht inzwischen sogar so weit, dass die Potsdamer Stadtverwaltung den Zuzug von Wohlhabenden als Problem beschreibt: Weil die Schere zwischen Arm und Reich sich damit weiter öffnet. Und niemand schreit auf gegen diesen Wahnsinn! Statistisch ist das richtig, in der Realität aber ändert sich für Arme nichts, außer, dass mehr Steuern reinkommen.

Femi-Sprech hat sich weitgehend durchgesetzt, obwohl im Grunde jeder weiß, dass der Satz „Frauen sind die besseren Autofahrer“ nur in dieser politisch unkorrekten Form funktioniert, weil das grammatikalische Geschlecht mit dem biologischen im Deutschen eben nicht deckungsgleich ist. Dass die derzeitige Praxis der Rentenberechnung die ostdeutschen Ruhegeldempfänger bis heute bevorteilt (wegen der künstlichen Hochrechnung der Bezüge), kann gegen den Slogan von der „Angleichung der Ostrenten“ nicht konkurrieren. In der Sarrazin-Debatte brach sich in der deutschen Medienlandschaft ein weitgehend argumentfreier Empörungsstrom bahn, obwohl nahezu alle Statistiken und wissenschaftlichen Ansätze des Noch-Bundesbankers kritischer Überprüfung standhielten. Dahinter steht ganz offensichtlich ein Weltbild von Positiv-Pädagogik, nach dem einzelne gesellschaftliche Gruppen in ihrer Problemhaftigkeit nicht benannt werden dürfen, weil sie sonst zornig werden. Selbst wenn die Fakten zutreffen.

Besieht man sich das Muster dieser völlig freien Bildung von Meinungs-Haufenwolken, so ist es ein grandioses Plädoyer für die repräsentative Demokratie: Sie sollte die großen Meinungsströme der Gesellschaft aufnehmen und mit Hilfe des Weitblicks wissenschaftlicher und anderer Eliten darüber hinaus gehen, um schließlich werbend mit den besten Lösungen in die Gesellschaft zurück zu wirken. Zu beobachten ist gegenwärtig ein eher gegenläufiger Trend der populären (und populistischen) Abgabe gestalterischer Verantwortung durch möglichst niederschwellige Bürgerbeteiligung in Form „direkter Demokratie“ und stimmungsgetriebener Standpunkt-Flexibilität (siehe „Stuttgart 21“) nach dem Motto: Wenn ich auf dem Standpunkt des politischen Gegners stehe, hat er keinen mehr. Und meinen behalte ich trotzdem. Ein Kapitän, der immer vor dem Wind segelt, kommt auch irgendwann an. Irgendwo.

Und irgendwann steht man nackt in der Fußgängerzone und kann nicht mehr fliehen. Im Vergleich zum Klassenzimmer in der DDR ist das immerhin schon ein kleiner Fortschritt.

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Neue Tarifrunde um Hartz IV

September 27, 2010

Soviel, dass die Opposition nicht empört gewesen wäre, hätte die Bundesregierung gar nicht drauflegen können auf die Hartz IV-Sätze. Als im Vorfeld der Entscheidung von 20 Euro mehr die Rede war, gab es schon Proteste, und weil das Gesamtpaket auch noch durch den Bundesrat muss, wäre es geradezu töricht gewesen, mit massiven Zuschlägen in die Verhandlungen zu gehen.

Verblüffend ist aber vor allem, dass nach all den Jahren ein grundlegendes Missverständnis nicht auszuräumen ist: Hartz IV ist kein Einkommen für arme Menschen, dass nach Vorbild von Tarifverhandlungen stufenweise erhöht werden könnte. Es ist ein Notbehelf, damit man in schwierigen Lebenslagen nicht ins Bodenlose fällt. Der Vorwurf, man könne von Hartz IV nicht leben ist so abwegig wie die Beschwerde, das Sicherungsseil beim Bergsteigen sei nicht komfortabel. Man soll von Hartz IV auch nicht leben.

Wer das will, muss ein neues Instrument zur dauerhaften Alimentierung Arbeitsloser schaffen. Wer so herangeht, kann konsequenterweise kein anderes Ziel verfolgen, als mit Sozialtransfers ein einigermaßen auskömmliches, möglichst angenehmes Leben mit sozialer und kultureller Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Eine Idee, die es ums Herz warm werden lässt, die aber ihre eigene Unmöglichkeit bereits in sich trägt: Alles, was über reine Nothilfe hinausgeht, müsste eine positive (zudem bevormundende) Definition von „auskömmlichem Leben“ bieten und damit eine Anspruchsspirale ohne Ende mit immer neuen einklagbaren Wünschen in Gang setzen. Auch wenn man HRE-Bankern kein Geld nachwirft, kann man aus Gründen der Systemlogik keinen staatlichen Einkommensersatz zahlen.

 Das Erschreckende an dieser irrealen Art von Sozialstaatsdenken, ist die Tatsache, dass offenbar völlig in Vergessenheit geraten ist, dass jeder Lebensstandard konditioniert ist. Ein System, bei dem jeder darauf besteht, erst zu essen und dann zur Jagd zu gehen, kann nicht funktionieren. Und noch etwas ist alarmierend: Die radikale Individualisierung der Ansprüche und die ebenso radikale Forderung nach kollektiver Erfüllung. Wer HartzIV-Empfängern mehr Geld geben will, muss bereit sein, mehr Arbeitslosenbeitrag und Einkommenssteuer zu zahlen. Wer Pflegekräften mehr Einkommen wünscht, darf bei den eigenen Beiträgen nicht knausern, und wem die Mini-Saläre von Friseurinnen moralische Schmerzen verursachen, sollte nicht aus Sparsamkeit auf die Haarwäsche verzichten. „Diese reiche Gesellschaft…“ ist in solchen Fällen immer zu hören. Die reiche Gesellschaft sind immer die anderen.

Besser protestieren

Juli 6, 2010

Ein neues Berufsbild macht seit geraumer Zeit die Runde: der Aktivist. Ein „Aktivist“ hat heute nichts mehr zu tun mit der DDR-Bestarbeiter-Bewegung und ihrem Vorkämpfer Adolf Hennecke, der ehedem seine Norm im Kohlebergbau um 300 Prozent übererfüllte. Der Aktivist von heute ist vorzugsweise gegen etwas, weil das die schöneren Aktionen bringt. Gegen Atom, gegen Robbenjagd oder gegen die Blockade des Gazastreifens. Aktivist ist längst zu einem Hauptberuf geworden (siehe: Hanna Poddig: Radikal mutig. Rotbuch Verlag), auch wenn nicht ganz klar ist, wer das Gehalt überweist.

Und weil wir den Trend nicht verschlafen wollen, liegt die neue Geschäftsidee auf der Hand: Wo eine neue Branche entsteht, braucht es Unternehmensberatung. Ich werde Protest-Berater. Aufbauen kann man hier auf verschiedene Studien, die herausgefunden haben, dass sich beispielsweise nicht alle Tiere für Tierschutz-Aktivisten eignen. „Niedliche“ (ganz wichtig!) Robbenbabies gehen, beeindruckende Wale gehen auch, glitschige Ostsee-Heringe gehen nicht. Zwar sind auch sie vom Aussterben bedroht, aber das ist was für den EU-Agrarministerrat, nichts für Schlauchboot-Aktionen oder Pranger-Plakate. Medial und psychologisch müssen die Objekte der Aktionen geeignet sein, so das Fazit der Untersuchungen.

Womit wir beim Semiar für den Polit-Aktivisten wären: Proteste gegen die Unterdrückung der Bahai im Iran gehen nicht, Proteste gegen grausame Reitermilizen in Darfur gehen nicht, Proteste gegen Israels Besatzungsregime gehen immer. Es gibt Tage, da fragt man sich, ob der Welt eigentlich das Unrecht ausgeht, weil sich alle Aktivisten um Israel und die Juden kümmern. Auch hier gilt die Regel: Effektiv protestieren! Konflikte ohne Kameras sind verschenkte Konflikte, also dort protestieren, wo Medien sind. Und: Reizschwelle beachten! Dass der Hausspatz ausstirbt bringt niemanden in Rage. Dass Usbeken in Kirgistan unterdrückt werden, auch nicht. Israel zu kritisieren, sichert dagegen Aufmerksamkeit, weil es nach Tabubruch riecht.

Liebe Seminar-Teilnehmer, verkämpfen Sie sich nicht mit kleinteiligem Protest gegen einzelne Raketen aus dem Gazastreifen auf Sderot, brechen Sie mit Schiffen voller Prominenter gen Gaza auf. Fragen Sie nicht, warum Ägypten den Landweg in den Gazastreifen nicht freigibt, sondern finden Sie möglichst namhafte Juden, die an Ihrer Seite gegen das Unrecht kämpfen. Und in der nächsten Woche geht es um „Sozialproteste in Deutschland – effektiv und kraftvoll“. Hier bitte das Kapitel „Protest-Marketing“ im Buch schon einmal durcharbeiten, Schwerpunkt „Montagsdemonstration“.

Einmal DDR, Hartz IV und zurück

März 22, 2010

Um „anstrengungslosen Wohlstand“ geht es in der Hartz IV-Debatte und um die Frage, wie auskömmlich die Unterstützung für Hartz IV-Empfänger sein sollte. Für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ habe ich dazu einmal den Vergleich zum Sozialismus-Versuch der DDR gezogen.

Die Macht des Mainstreams

März 16, 2010

Die Telekom will bis 2015 dreißig Prozent der Spitzenposten mit Frauen besetzen. Nun gibt es gegen ein Drittel Frauen in Top-Positionen nichts zu sagen, auch mehr wären nicht schlimm. Verkehrt ist die bewusste Herbeiführung solcher Quoten. Zwingend wäre ein solcher Schritt, wenn erkennbar wäre, dass durch die männliche Dominanz derzeit ein Schaden für das Unternehmen entsteht, der behoben werden muss. Dann dürfte man freilich nicht bis 2015 warten, sondern müsste gleich handeln. Oder werden derzeit Frauen illegal am Aufstieg gehindert? Auch dann müsste sofort eingeschritten werden. Die Schimäre hinter dem Projekt der Telekom aber ist die Vorstellung, die Geschlechter müssten in möglichst allen Bereichen der Gesellschaft gleich verteilt sein.

Es ist dies eine Vision, die durch ihre scheinbare Plausibilität besticht, wie einige andere Mainstream-Illusionen auch, gegen deren attraktiven Sog man mit nüchterner Logik nicht ankommt. Einfach, weil zu viele Menschen wollen, dass es so sei. Wenn die Gleichverteilung der Geschlechter ein gesellschaftlicher Idealzustand wäre, müsste man ihn von beiden Seiten her einstellen – auch in Männerbrachen wie dem Bau oder im frauendominierten Reinigungs- und Textilgewerbe. Der Zustand völliger Frauendominanz vor einigen Jahren, als an der Spitze der Grünen (Radtke, Röstel), der Linken (Gabi Zimmer) und der Union (Merkel) Frauen standen, hätte Proteste auslösen müssen, die auch durch den Einwand sonstiger Männerdominanz nicht zu entkräften sind. Tatsächlich hat diese Konstellation damals gezeigt, dass unterschiedliche Geschlechterverteilungen möglich, normal und unproblematisch sind.

Die Geschlechter-Parität ist Teil eines Schlichtheitssogs, der allzu oft die Mainstream-Massen erfasst. Andere Beispiele sind das Pfand auf Einwegflaschen. Was haben wir uns weiland die Finger wund geschrieben, dass ein Pfand die Rückgabe befördert, nicht die Vermeidung. Heute haben wir die höchste Einwegquote seit Bestehen der Bundesrepublik: Die PET-Flaschen werden zurückgegeben und sofort geschreddert.

Ein anderes Beispiel ist der verblüffend eingängige Slogan von der Angleichung der Renten in Ost und West. Nach jetzigem Modell werden die Erwerbseinkünfte im Osten künstlich hochgerechnet und dann mit dem (niedrigeren) Rentenfaktor Ost multipliziert. Bei der Angleichung entfiele das Hochrechnen, so dass Ostrentner zwar den gleich Faktor hätten, am Ende aber weniger herausbekämen. Man dringt mit dieser Logik aber gegen die verlockende Gleichheitsbotschaft (vornehmlich der Linkspartei) nicht durch. Eine Änderung zu Ungunsten der Ost-Rentner ist im Osten beliebter als die Realität.

Und auch in der Sozialpolitik gilt meist: Viel hilft viel, und Gutes tut, wer Armen Gutes tut. Obwohl jeder weiß, dass tägliches Einwerfen von Geld in den Hut des Bettlers das Betteln zum Erwerbsmodell von Dauer macht, verführt „Reichtum für alle“ oder „Hartz IV aufstocken“ noch immer auf breiter Linie. Bei der Frauenquote oder dem Frauensprech ist es ähnlich, weil einfach nicht durchdringt, dass das grammatikalische Geschlecht im Deutschen nicht mit dem biologischen zusammenfällt. Der Satz „Frauen sind die besseren Autofahrer“ geht nur so, nicht mit -innen.

Fazit: Marx hatte teilweise recht. „Wenn eine Idee die Massen ergreift, wird sie zur materiellen Gewalt.“ Stimmt soweit. Aber sie wird eben oft auch Unfug.

Ham Sie schon Vermögen?

März 15, 2010

Die SPD hat zur Reform der Hartz-Reform nun den völligen Verzicht auf eine Begrenzung des sogenannten „Schonvermögens“ beschlossen und gefordert. Es ist schon verblüffend, welch seltsame Auswüchse das Sozialstaats-Missverständnis zeitigt. Wer von Hartz IV lebt, soll nicht länger gezwungen werden, einen Teil seiner privaten Rücklagen aufzubrauchen, bevor er Transferleistungen bekommt. Ist die Solidargemeinschaft also dazu da, dass man Angespartes möglichst unbeschadet bis zur Rente hinüberretten kann?

Spare in der Zeit, dann hast du in der Not, hieß ein altes Sprichwort. Für sich selbst vorzusorgen, wird nach dem Geist des SPD-Vorstoßes nun also zu einem unsinnigen, ja ungerechten Unterfangen. Die neue Philosophie lautet: Was man hat, das hat man, und damit man es behält, zahlen die anderen.  Es wird Karstadt-Pleitieuse Madlen Schickedanz ja freuen, dass sie aufhören kann, ihre Villen zu verkaufen, wenn sie vom Regelsatz ihr Essen bezahlt. Nur dass die kleine Schlecker-Verkäuferin von ihrem sauer erschufteten Geld abgeben muss, damit andere die Batzen auf ihrem Konto behalten können, ist schon ein Innovation im sozialen Denken der Sozialdemokraten. Ganz abgesehen davon, dass jeder normale Arbeitnehmer an seine Rücklagen muss, wenn es in der Lohntüte nicht reicht.

Täuscht der Eindruck, oder geht  in diesem Land immer mehr Leuten die Peilung für die ganz einfache Gerechtigkeit verloren?

Westerwelle macht Welle: Wider die Heuchler und Hätschler

Februar 16, 2010

Das Spannende an Guido Westerwelles Sozialstaatsdebatte ist weniger die Substanz in der Sache, als vielmehr, ob er am Ende mit seiner Klartext-Offensive Erfolg haben wird, oder ob die allmächtige Fraktion der Sozial-Heuchler an der Macht bleibt. Auch die harschen Reaktionen aus der Union haben gezeigt, dass der Weg des geringsten Widerstands noch immer derjenige ist, sich als fürsorglicher Beschützer der Schwachen zu geben – und da sich geschätzte achtzig Prozent der Deutschen als schwach und bedürftig empfinden, sind damit bislang zumindest gute Mehrheiten erzielt worden. Nicht auszudenken, wenn Westerwelle und die FDP am Ende Zuspruch erhielten für den Ausbruch aus dem Kartell der Heuchler und Hätschler.

Jeder, der mit Hartz IV-Empfängern zu tun hat, trifft und kennt Fälle, von denen man sagen muss: Dafür war Hartz IV nicht gedacht.  Dabei geht es gar nicht nur um den harten Kern der Trickser und Sozialbetrüger, es geht auch um die Unentschlossenen, die selbst zugeben, dass ihnen noch der rechte Antrieb für die Jobsuche fehlt. Es sind die, die gar nicht erst suchen. Es sind die Schwarzarbeiter, die Hartz IV als Basis nutzen. Es sind selbst die, die oft in TV-Beiträgen über ihr „Schicksal“ sprechen und bei denen rasch klar wird, es ist die eigene Trägheit und nicht die Schuld der Gesellschaft. Was man Menschen abnimmt, verlernen sie. Und wenn man morgen auch noch auf Jobsuche gehen kann, geht man halt nicht heute. Wenn Nothilfe auf wirklich Notleidende begrenzt würde, könnte zielgenauer den tatsächlich Bedürftigen geholfen werden.

Doch weil schnell als hartherzig und sozial kalt gilt, wer diese Binsenweisheiten ausspricht, hat sich die Politik angewöhnt, Verständnisrhetorik zu versprühen, wo nüchterne Analyse nötig wäre. Mag sein, dass Westerwelle am Ende überstimmt und in die Wüste gejagt wird. Nur muss dann niemand mehr über steigende Abgaben jammern: Wer einen großzügigen Sozialstaat will, der zahlt auch gern.

Das Schicksal der Kinder liegt im Argen, nicht in den Argen

Februar 10, 2010

Dass ihm nicht selbst schwindelig wird! Heribert Prantl, Innenpolitik-Chef der Süddeutschen Zeitung, hat das jüngste Urteil zur Revision von Hartz IV wieder einmal zum Anlass genommen, seine Lieblingsvokabel von der staatlichen „Schicksalskorrektur“ für die Kinder von Geringverdienern und Hilfeempfängern ins Spiel zu bringen. Wir wissen nicht, wann Heribert Prantl zum letzten Mal eine Arbeitsagentur besucht hat und ob er bei diesem Anblick auf die Idee gekommen ist, das Schicksal von Menschen Vater Staat und Mutter Verwaltung in die Hand zu legen.  Jenseits aller Polemik bleibt die Vorstellung aber mehr als monströs: Zum letzten Mal hat es der reale Sozialismus versucht, das Schicksal der Menschen zu bestimmen. Als jemand, der an diesem Versuch zweieinhalb Jahrzehnte teilgenommen hat, wäre mein Bedarf an der Beschaffung von Lebenschancen per Beschluss erst einmal gedeckt.

Prantls Ansatz ist bezeichnend für jenes wohlmeinende Sozial-Temperament, dass Gutes erreichen will, indem man den Menschen Gutes tut. Leider ist es nicht so einfach. Das Problem beginnt bei dem grenzenlosen Anspruch des Vorhabens. Wer ein Schicksal in eine „gute“ Richtung schieben will, kann und muss so ziemlich alles fordern, was dazu nötig ist. Die Chancenbereitstellung wäre nahezu grenzenlos, wenn man den Anspruch der Schicksalskorrektur ernstnehmen wollte, so dass kein Sozialsystem ausreichen würde, ihn zu erfüllen. Das nächste Problem ist die schleichende Rückgabe des Schicksals in die Hände seines Inhabers, was – soweit kennt man den Menschen ansich – nicht funktioniert. Man kann niemandes Lebenslauf anschieben und dann sagen: Bis hierher und nicht weiter. „Schicksalskorrektur“ ist der Einstieg in die lebenslange Vollversorgung des Menschen, die ein Staat nicht leisten kann (finanzielle und logistisch), nicht leisten soll (weil es entmündigt) und auch gar nicht leisten darf. Und schließlich stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis jene zu den „Schicksalskorrigierten“ stehen, die ihr Schicksal von Anfang an selbst in die Hand genommen haben. Sind sie am Ende die Dummen, die Draufzahler, die mit viel Anstrengung dorthin gekommen sind, wohin man die anderen gebracht hat?

Prantls Schlagwort bezeichnet in der Tat eine Grenze, die nicht überschritten werden darf: Die Verantwortung darf in letzter Instanz dem Individuum nicht genommen werden. Die Würde des Menschen ist unantastbar, man darf und muss ihm Hilfestellung geben. Der Mensch ist aber keine Modell-Eisenbahn, die per Amtskran auf ein Gleis gestellt werden kann und losfahren soll.  Es steht zu befürchten, dass die Debatten um eine Reform von Hartz IV sich nun genau darum drehen werden, ob und wie weit das Transfersystem ausgebaut werden soll. Die Gefahr, dass sich die Gutmeinenden populär durchsetzen und den Staat mit Aufgaben überfrachten, an denen er sich nur verheben kann, ist dabei sehr groß.  So, wie Schulen heute nicht mehr nur Wissen vermitteln, sondern Orte „der Lebensertüchtigung“ sein sollen, könnte dem Sozialstaat eine Schicksalsleitfunktion übertragen werden. Beide Institutionen sind damit überfordert, wie es überhaupt fraglich ist, ob die Probleme von Familien außerhalb von Familien zu lösen sind.

Das Schicksal der Kinder liegt in der Tat oft im Argen. Es sollte nicht in ihnen liegen.

Ein Herz für Kinder

Dezember 12, 2009

Charity-Sendungen entlarven den deutschen Sozialstaat: Der Skandal ist nicht, dass Kinder unterstützt werden, sondern welche Einrichtungen hier mit Spendengeldern bedacht werden müssen. 750 Milliarden Euro werden jährlich in den Sozialsystemen verteilt. Dass trotzdem ein Heim für minderjährige Mütter in Offenburg Spenden braucht, sollte ein Skandal sein.