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Denkzettel als Regierungsauftrag – ein Missverständnis

Februar 7, 2018

Es gibt Anfänge, denen wohnt gar nichts inne. Das nächtelange GroKo-Gewürge ist so einer. Das könnte daran liegen, dass es gar kein Anfang ist, sondern der dritte Neuaufguss. Es könnte aber auch damit zu tun haben, dass den Beteiligten das Gespür für die politische Wetterlage völlig abhanden gekommen ist. Und das gleich in vielfacher Hinsicht.

+++ Schulz: Ein gescheiterter Parteichef, der einen desaströsen Wahlkampf hingelegt hat und sich das sogar vom „Spiegel“ protokollieren ließ, die Wahl mit Allzeit-Tief verlor, die SPD nicht in eine neue Koalition führen und unter Angela Merkel kein Minister werden wollte, soll jetzt in einer neuen GroKo Außenminister werden. Absurd. Angesichts seiner bisherigen Wut-Kommentare zu Orbán, Polen, Briten, Trump, Putin, Kurz und Österreich wird er das Amt allerdings besser in Homeoffice führen.

+++ Das Beängstigende daran ist, dass hier offenbar alle gängigen Wettbewerbsregeln des politischen Betriebs nicht mehr gelten und die parteiinterne Konkurrenz auch keine Lust hat, die fällige Quittung für offensichtliches Versagen auszustellen. Bei der Union sieht es nicht besser aus. Der langjährige CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach brachte es am Dienstagabend (6. Feb) bei Markus Lanz auf den Punkt: „Wenn sich die Unionsführung hinstellt und sagt: Das ist das Ergebnis, dann sagt die Basis: Ok. Bei der SPD fängt dann das Theater erst an.“ Bei welcher von beiden Parteien angesichts dessen mehr im Argen liegt, fragte Lanz nicht.

+++ Es soll kein „weiter so“ geben, sagen die drei Wahlverlierer und machen weiter. Das Signal ist verheerend. Zeigten die letzten Umfragen bereits den Trend zum Schrumpfen der ehemals Großen zu einer eher kleinen Koalition, so dürfte sich dieser Vertrauensverlust noch verstärken. Der Denkzettel der Wähler wird zum Regierungsauftrag umdeklariert. Die vermeintlich mit der Regierungsbildung gewonnene Stabilität bedroht so mittelfristig den Akzeptanz-Kern des politischen Systems insgesamt, stärkt die Ränder, treibt Polarisierung und Aggression voran.

+++ Inhaltlich ist der Koalitionsvertrag ein Dokument der Erschöpfung. Kleinteilige Sozialstaatsreparatur, die nichts schadet aber viel kostet. Völlig schräg wird es bei den von der SPD zu Knackpunkten hochgejazzten Schlagworten „sachgrundlose Befristung“, Bürgerversicherung und Familiennachzug. Auf die tiefe und anhaltende Vertrauenskrise durch die unkontrollierte Massenmigration im Jahr 2015 mit 1000er Kontingenten nachziehender Familien zu reagieren, ist schon aberwitzig. Noch absurder mutet es an, wenn man sich klar macht, dass es diesen Familiennachzug für Migranten mit geringem Schutzstatus faktisch noch nie gab (lediglich einigen Monate im Jahr 2015) und die Integration von Menschen befördern soll, die offiziell nicht in Deutschland bleiben können und sollen. Während das Thema „Flüchtlinge“ noch immer in nahezu allen Befragungen über die Problemwahrnehmung der Menschen ganz oben steht, wird also neuer Zuzug geregelt, während das Wort „Obergrenze“ ausdrücklich mit Tabu belegt wird, obwohl selbst die avisierten 200 000 Migranten pro Jahr die Aufnahme einer Stadt wie Kassel bedeuten. Bevölkerung hör‘ die Signale.

+++ Besonderen Charme hat auch das Europa-Kapitel. Legt man es zusammen mit der Ankündigung von Schulz, das „Spardiktat“ in Europa habe jetzt ein Ende und hat nicht vergessen, dass Deutschland selbst höhere Beitragszahlungen an Brüssel angeboten hat, dann kann sich auch der Rest Europas über die neue GroKo freuen.

+++ Dass die Union die beiden wichtigen Ministerien Außen und Finanzen weggibt, macht nur noch ratlos und folgt offenbar dem alten Spruch: Wer regieren will, muss fühlen. Immerhin konnte die Union 100 Prozent ihres Programmes durchsetzen: Angela Merkel bleibt Kanzlerin. Manchmal bleibt halt nur Sarkasmus.

Natürlich kann die SPD-Basis all das ganz anders sehen, sich couragiert für die Erneuerung ihrer Partei in der Regierung aussprechen und die nun verteilten Minister widerlegen jegliche Miesepetrigkeit durch überzeugende, zupackende Arbeit. Es kann aber auch sein, dass der politische Aschermittwoch künftig auf einen Donnerstag fällt.

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Wem Steinmeier Mut macht

Februar 13, 2017

Die Welt ist aus den Fugen, wir machen weiter.

Auch Frank-Walter Steinmeier verwendete in seiner Rede vor der Bundesversammlung wie zuvor schon verschiedentlich die Kanzlerin Hamlets Fugen-Zitat („time is out of joint“) und wollte sich auf die Suche nach dem Kitt machen. Gesagt hat er das Gegenteil. Seine Botschaft: Seien WIR mutig, halten WIR Kurs. Doch wer ist WIR? Die AfD wollte er mutmaßlich nicht ermutigen.

Es ist schon bemerkenswert: Da gehen den großen Parteien reihenweise Wähler von der Fahne, wollen nicht mehr in Europa sein (Brexit), finden einen ruppigen Trump hoffnungsvoller als den eingespielten Kompromissbetrieb mit seinen Floskeln und Fingerhakeleien, da setzt sich die AfD zweistellig im deutschen Parteiensystem fest, und in Frankreich, Italien, Österreich, Holland wachsen rechts der Mitte kräftige Bewegungen auf – und Steinmeier ruft dazu auf, dass „WIR“, die anderen, mutig sein sollen. Merke: Wir lassen uns beim Rechthaben nicht von den politischen Schmuddelkindern stören.

Selbstgespräche aus dem Gestern.

Motto: Das geht schon weg. Das wird schon wieder verschwinden. Wohl kaum.

An jene, die ganz rechts von ihm im Plenum saßen, die nicht aufstanden und nicht klatschten, an die AfD, hatte er keine Botschaft. Vielleicht war es der Schulz-Rausch, die Trump-Angst oder das wärmende Gefühl, in der Bundesversammlung unter sich zu sein…? Fakt ist: Wer Fugen kitten will, darf nicht nur sich selbst bestärken, sondern muss auch auf die anderen zugehen, zumindest zuhören, verstehen wollen. Das Undenkbare denken: Könnten womöglich die anderen mit anderen Augen auf meine Welt sehen?

In gewissem Sinne war die Bundesversammlung da durchaus repräsentativ: Es waren die Gleichen, die in Bundestag und Länderparlamenten die Dinge ohnehin unter sich ausmachen, ein paar schrille Vögel, Sportler, Künstler, Wirtschaftsleute, die ohnehin mit im demokratischen Boot sind. Und die Störenfriede am rechten Rand. Wer aber – wie Steinmeier – den Zustand der Welt beklagt, darf nicht nur mit und für sich sprechen.

Wenn der Wunsch, Präsident aller Deutschen zu sein, nicht nur eine leere Formel bleiben soll, wird Steinmeier auch für, über oder gar mit jenen sprechen müssen, die ihm nicht applaudiert haben und die er gerade nicht ermutigen, aber hoffentlich doch erreichen will.

Ossi-Peer und die SED

Juli 3, 2013

Man kann ihm nicht vorwerfen, nicht wenigstens alles versucht zu haben. Im Interview mit der „Zeit“ (4. Juli 2013) hat SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück jetzt auch den Verständnis-Ossi gegeben. Zum Beispiel für SED-Mitglieder. Im Grunde, meint Steinbrück, waren Genossen eine Art DDR-Folklore, so ein echtes Stück Gemütlichkeit Ost: „Das geschah oft mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, und zwar derselben, mit der man in Bayern in die CSU eintrat oder im Ruhrgebiet in die SPD.“

Sah das vom Westen aus tatsächlich so aus? Hattet ihr von den Aussichtsplattformen an der Mauer diesen Eindruck vom Funktionieren des SED-Regimes? Waren all die Aufmärsche und Paraden in euren Augen ein ausgelassenes Schuhplattler-Äquivalent mit Fahnen, Fackeln und Fanfaren?

Nun gibt es auch für Interview-Situationen wie diese eine goldene Regel von Dieter Nuhr, die im Zweifelsfalle noch immer weitergeholfen hat: „Wenn man keine Ahnung hat – einfach mal sie Fresse halten!“ Aber Lila-Laune-Peer, weiß eben auch, wie das so war, damals im Osten. Wie bei der CSU. Nur ohne Lederhosen. Es sind Situationen wie diese, in denen man gern Gernot Hassknecht wäre, Steinbrück gegenüber stehen möchte und den Mundgeruch von Shrek haben: „JA HAT DIR DENN EINER INS GEHIRN GESCH…..!“

Hast Du, bestbestallter Vortragsreisender, eigentlich jemals einem Parteisekretär gegenüber gestanden?! Einem Mental-Zwerg in Polyamid-Anzug mit dem SED-Bonbon am Revers, der dir mit einem dummen Spruch in der Beurteilung oder einer klitzekleinen Weitermeldung das Leben ruinieren konnte? „Diskutiert destruktiv, steht nicht auf dem Standpunkt der Arbeiterklasse…“

Nein, hast Du nicht, also rede auch nicht so einen Klugscheiß daher, den Dir irgendwer mal erzählt hat, der ehedem Bestzeiten im Mitlaufen bei der Bezirksspartakiade in Dessau errungen hat! In die SED gingen die 125%igen, Ideologen, Hetzer und Vordenken-Lasser. Und es gingen mindestens ebenso oft jene hinein, die einfach Angst hatten um ihre Familie, um ihren Job, Angst aufzufliegen mit ihrem geheimen Abkotzen über den Lauer- und Bekenntnisstaat. Nein, lieber Peer, das war nicht witzig, kein fröhliches Brauchtum im Politbüro-Stadl. Keine lässliche Vereinsmeierei, sondern die Indienstnahme der Gedankenlosen und die Erniedrigung der Ängstlichen. Systemparteien war vor 1945 nicht komisch, und sie waren es nach 1945 nicht.

Muss man dem Spitzenkandidaten der Sozialdemokratie 23 Jahre nach dem Ende der DDR ernsthaft erklären: Dass man aus der CSU noch immer ohne Schaden austreten konnte? Dass sich gar die Freien Wähler von den Christsozialen abgespalten haben und die CSU zu freien Wahlen antritt, theoretisch sogar abwählbar ist (wenn man nicht gerade Christian Ude aufstellt)?! Diese SED-Leute, haben nach 1945 Deine Genossen drangsaliert, Peer, und verhöhnen Euch bis heute, wenn sie es „Elemente von Zwang“ bei der Zwangsvereinigung zur SED nennen. Wer gedankenlos in die SED eintrat, wurde vom System inhaliert, missbraucht, zu einem Rädchen, das andere zermahlte. Wer für die SED „geworben“ wurde und sich aus Vorsicht und wegen des Drucks nicht entziehen wollte/konnte, war kein zechender Bajuwar oder büttenredender Karnevals-Sozi, sondern ein Umstands-Arrangeur, dessen Würde damals durchaus antastbar, formbar war.

Wenn es denn partout der Ossi-Peer sein muss, der sein Wählerstimmen-Schleppnetz über Neufünfland zieht, dann sag‘ es in Herrgottsnamen doch grad heraus: „Es war nicht alles schlecht!“. Trainiere Dir das Sächseln von Katja Kipping an und preise das  „positives Erbe der DDR“ wie im „Zeit“-Interview, dass so viele Frauen im Osten arbeiteten. Ebenso gelte das für die bessere Kinderbetreuung. Es war eine schöne Zeit in der Produktion mit der Betriebs-Kita, wo wir schon „Kleine weiße Friedehhheeenstaube“ und den „Kleinen Trompeter“ (dieses „lustige Rotgardistenblut“!) singen konnten, bevor wir noch richtige Jungpioniere waren. Und Deine Kompetenz-Schattenministerin Manuela Schwesig, die den rhetorischen Charme einer Grundorganisationsleiterin (GOL) nie so ganz wegbekommen hat, will ja auch wieder dahin zurück. Das Leitbild ist die vollbeschäftigte Frau, hat sie kürzlich verkündet. Wir brauchen sowieso viel mehr Leitbilder. Wie gut, dass rund um das „Haus des Lehrers“ in Berlin noch die Mosaike vom SED-Maler Walter Womacka erhalten geblieben sind, und auch am Bundesministerium der Finanzen gibt es noch diesen Wandfries mit den jungen, optimistischen Werktätigerinnen, die in eine lichte Zukunft marschieren. Mit uns zieht die neue Zeit. Lieber Peer, wir danken deer.

Ham Sie schon Vermögen?

März 15, 2010

Die SPD hat zur Reform der Hartz-Reform nun den völligen Verzicht auf eine Begrenzung des sogenannten „Schonvermögens“ beschlossen und gefordert. Es ist schon verblüffend, welch seltsame Auswüchse das Sozialstaats-Missverständnis zeitigt. Wer von Hartz IV lebt, soll nicht länger gezwungen werden, einen Teil seiner privaten Rücklagen aufzubrauchen, bevor er Transferleistungen bekommt. Ist die Solidargemeinschaft also dazu da, dass man Angespartes möglichst unbeschadet bis zur Rente hinüberretten kann?

Spare in der Zeit, dann hast du in der Not, hieß ein altes Sprichwort. Für sich selbst vorzusorgen, wird nach dem Geist des SPD-Vorstoßes nun also zu einem unsinnigen, ja ungerechten Unterfangen. Die neue Philosophie lautet: Was man hat, das hat man, und damit man es behält, zahlen die anderen.  Es wird Karstadt-Pleitieuse Madlen Schickedanz ja freuen, dass sie aufhören kann, ihre Villen zu verkaufen, wenn sie vom Regelsatz ihr Essen bezahlt. Nur dass die kleine Schlecker-Verkäuferin von ihrem sauer erschufteten Geld abgeben muss, damit andere die Batzen auf ihrem Konto behalten können, ist schon ein Innovation im sozialen Denken der Sozialdemokraten. Ganz abgesehen davon, dass jeder normale Arbeitnehmer an seine Rücklagen muss, wenn es in der Lohntüte nicht reicht.

Täuscht der Eindruck, oder geht  in diesem Land immer mehr Leuten die Peilung für die ganz einfache Gerechtigkeit verloren?