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Angst fressen Debatte auf

Mai 13, 2016

Ich habe gar keine Angst.

Man muss das betonen, weil in Talk und Diskurs heute überall Therapeuten unterwegs sind, die sich leider nicht darauf beschränken, an der eigenen Seele zu klempnern. Kein Migrations-AfD-Populisten-Integrations-Talk kommt dieser Tage ohne Verweis auf „Ängste“ aus. Mal sind es die „Abstiegsängste“ der Mittelschicht, mal „Überfremdungsängste“ oder „Ängste“ ganz allgemein. Mag sein, dass es so ist, vielleicht aber auch nicht.

Ich zumindest habe keine Angst. Aber ich habe eine Meinung und verwahre mich dagegen, dass mich Debattengegner zum therapiebedürftigen Phobiker deklarieren. Ich verstehe, dass es sich von der wohligen Warte des Durchschauer-Hochsitzes angenehmer debattiert, aber mit Verlaub: Ob und welche Ängste andere Menschen heimsuchen, kann niemand wissen, und es tut auch nichts zur Sache. In Diskussionen geht es darum, Meinungen und Weltsichten auszutauschen oder zu widerlegen. Es geht nicht darum, die vermeintlichen Motive des anderen zu analysieren und abzuqualifizieren.

Besonders beliebt ist die Methode der Veropferung bemitleidenswerter Gegenredner in der Debatte um die Stellung homosexueller Partnerschaften. Im Begriff „Homophobie“ ist eine präjudizierende Rundum-Diagnose zum allgemeingebräuchlichen Schlagwort geworden: Die Angst vor den eigenen gleichgeschlechtlichen Neigungen führt nach gängiger Theorie zur kompensierenden Abwehr. Wer etwas gegen die Ehe für alle hat, kann demnach nichts anderes sein, als ein untherapierter Psycho.

Noch penetranter ist allerdings der ebenfalls sehr beliebte Umerziehungsansatz, wonach Fremdenfeindlichkeit dort besonders hoch sei, wo es wenig Fremde gibt. Nun darf sich auch zur Zuwanderung äußern, wer keine türkischen Freunde hat. Genauso, wie man Windkraft debattieren kann, ohne ein Windrad vor dem Haus zu haben. Gern wird beim Thema Zuwanderung dann noch nachgeschoben, dass häufigere Alltagskontakte mit Migranten die Ablehnung beheben könnten. Mit anderen Worten: Wir wissen, was zu tun ist, damit ihr endlich unserer Meinung seid.

Die Botschaft all dieser gepflegten Stanzen ist immer dieselbe: Herablassung.

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Die Methode Talkshow

September 2, 2010

Frank Plasberg ist ein eher untypisches Beispiel dafür, weil er sonst anders verfährt, Anne Will ist eine hohe Künstlerin in der Einzelfall-Manipulation: Man kann Statistiken nicht mit Beispielen vergleichen oder gar widerlegen. Bei „Hart aber Fair“ saß die WDR-Moderatorin Asli Sevindim als Beispiel gelungener Integration und gelungenen Aufstiegs muslimischer Einwanderer Thilo Sarrazin gegenüber. Auch beim Sonntag-Abend-Talk sitzen immer wieder arbeitswillige Hartz-IV-Empfänger oder staatlich vernachlässigte Alleinerziehende auf dem roten Gäste-Sofa. Dagegen ist prinzipiell nichts zu sagen. Ärgerlich ist nur die Methode, solche Beispiele gegen die behauptete Regel ins Feld zu führen, weil es schlicht widersinnig ist.

Wer erklärt, 98 Prozent aller Klee-Pflanzen hätten drei Blätter, dem kann man kein vierblättriges gegenübersetzen und meinen, damit der Wahrheitsfindung weitergeholfen zu haben. Auch Beispiel-Gäste müssen systematisch argumentieren, wenn es nicht in ein menschelndes Beschummeln der Zuschauer abgleiten soll. Sevindims sympathischer Vortrag, wie sie und ihre Eltern es geschafft haben, widerlegt Sarrazin nicht, sondern zeigt nur, dass sie nicht zu dessen Problem-Prozenten gehört, sondern zu den anderen. Einziger Ausweg: Sie müsste ansetzen, eine lange Reihe von bekannten Beispielen aufzuzählen, die beim Zuschauer zumindest die Ahnung wecken, dass es sich um eine lange Liste handelt, mithin die Quantität der Einzelfälle in die statistische Gewichtung des Gegenübers kontrovers hineinragt. Bei demographischen oder Migrationsthemen ist das allerdings eher schwierig.

Bekannt ist diese seltsame Jonglage mit unvergleichbaren Argumentationsebenen übrigens aus Ehestreits: Sie: Du machst nie etwas im Haushalt. Er: Ich wische immer freitags das ganze Haus von oben bis unten. Sie: Letzten Freitag hast du nicht gewischt. — Damit ist er erledigt.