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Einsicht und Konsequenz

Mai 23, 2012

Manche nennen es bekloppt, manche nennen es typisch deutsch. Die Debatte über den Euro, die Euro-Rettung und das neue Buch von Thilo Sarrazin wirft vor allem eine Frage auf: Warum können wir nicht einfach alle Europäer sein? Wenn die schöne Vision vom friedlich-geeinten Wohlstandskontinent ganz offensichtlich (noch?) nicht funktioniert – wo unterscheiden wir uns. Warum bringt die Einheitswährung unsere Verschiedenheit an den Tag? Worin liegt sie? Und schließlich: Ist das eigentlich schlimm?

Da die Synchronisierung der europäischen Staaten mit Hilfe der vermeintlich harten Wirtschaftsdaten (Maastricht-Kriterien, Konvergenz etc.) ja offensichtlich irgendwo einen Denkfehler enthalten muss, nähern wir uns den National-Temperamenten mal mit einem anderen Ansatz: Einsicht und Konsequenz. Geht man davon aus, dass die Fähigkeit zur Einsicht in elementare Zusammenhänge einigermaßen gleichverteilt ist auf der Welt und in Europa, so könnte die ent- und unterscheidende Variable in der Konsequenz liegen.

Mit anderen Worten: Womöglich sind nicht all unsere Nachbarn und Freunde ganz so verliebt ins konsequente Umsetzen dessen, was man für richtig erkannt hat. Natürlich wäre es sinnvoll, rechtzeitig für die Rente vorzusorgen, aber wenn es in jungen Jahren gerade nicht passt, wird’s auch so irgendwie gehen. Die Deutschen dagegen schaffen zur staatlichen Umlagen- noch die private Riesterrente, denken rechtzeitig an die Pflege und legen selbst für Ungeborene schon Guthaben in Schatzbriefen an. Die Deutschen haben erkannt, dass es ab einem gewissen Schuldenstand einfach nicht mehr weitergeht und wollen nun einen Fiskalpakt, der festschreibt, dass jeder nur noch ausgibt, was er einnimmt.

Wir Deutsche halten es für ein Naturgesetz, dass man aus gewonnener Einsicht, unbedingt auch die naheliegende, logische Konsequenz ziehen müsse. Deshalb haben wir in unserer Geschichte auch schon mehrfach aus falschen Einsichten konsequent verheerend falsche Schlüsse gezogen und führen in harmloseren Fällen das völlig sinnlose Dosenpfand ein oder versuchen unsere Volkswirtschaft ruinös für einen Klimawandel herunterzudimmen, den wir noch längst nicht verstanden haben. Andere Europäer sehen das viel entspannter. Schließlich kann man auch mit einem eiernden Fahrrad losfahren, wenn man keine Lust zum Reparieren hat.

Dem Französischen Präsidenten Francois Hollande ist das Problem der Verschuldung auch klar, aber er findet es wünschenswert, dass die Wirtschaft wieder wächst, damit man die Schulden aus den künftigen Überschüssen tilgen kann, statt ans Eingemachte zu müssen. Wenn man bisher kaum verschuldet war, kann das Ankurbeln der Ökonomie mit frisch geborgtem Geld funktionieren (an einschneidende Reformen denkt er vermutlich eher nicht). Wenn man aber bereits tief im Schuldenloch sitzt, muss man aufhören zu graben. Deutsche und Franzosen teilen die Einsicht ins Problem und kommen zu unterschiedlicher Konsequenz.

Was nicht weiter schlimm wäre, säße man nicht im gleichen Euro-Boot. Weil aber die europäischen Eliten geradezu vernarrt sind in den Traum vom ge- und vereinten Kontinent, treibt die Gemeinschaftswährung in die Trennung. Denn die politische Integration zu erzwingen, wie es Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) immer wieder wünscht, wird nicht funktionieren. Zumindest nicht auf demokratischem Wege.

Darum hat Thilo Sarrazin schlichtweg Recht, wenn er sagt: „Europa braucht den Euro nicht“. Jedes Land könnte nach seiner Facon finanzpolitisch selig werden, wie es in allen anderen Teilen der Welt funktioniert und hätte ggf. selbst den Schaden, wenn es nicht funktioniert. Und so ist denn inzwischen das Hauptargument für den Euro, dass man ihn  ohne Schaden nicht mehr abschaffen könne, wie man auch Zahnpasta nicht wieder in die Tube und Rührei nicht mehr getrennt bekommt. Viel armseliger geht’s kaum.

Und wieder geht ein Gespenst um in Europa, nur diesmal ist es das Gespenst der „Renationalisierung“, wie Jane Teller in der WELT schreibt. Eine These, die hinten und vorn nicht stimmt. Denn erstens gibt es gar keine „Entnationalisierung“, zweitens sind selbstbewusste Nationen kein Gespenst, und drittens ist ihr Essay eine hübsche Liste, dessen, was alles Geschehen müsste, damit Europa zusammenwächst. Und wenn der Mond an die Welt stieße, könnte man hinüberhüpfen.

Und noch etwas spricht für Sarrazins Euro-Thesen: Wenn der Euro den Kontinent so kolossal voran brächte, müssten Weltbank, EZB und IWF auf Krisengipfeln besprechen, wie man den europäischen Wachstumsmotor weltverträglich herunterbremsen kann. Statt dessen beschäftigt sich eine endlose Abschiedstournee von EU-Krisengipfeln mit der Perma-Reanimation des monetären Hoffnungsträgers.

Wäre es nicht an der Zeit, der Realität endlich ins Auge zu blicken, hübsch Schnittlauch auf das Rührei, eine Prise Salz, und hinterher anständig Zähne putzen…

Deutschland, deine Reflexe

April 2, 2012

Deutschland, deine Reflexe 1: Wenn bei Schlecker 11 000 Frauen arbeitslos werden, hallt der Ruf nach einer staatlichen Auffanggesellschaft durchs Land, obwohl im Einzelhandel 25 000 Jobs unbesetzt sind. Statt den Frauen das Gefühl ihrer eigenen Kraft mit auf den Weg zu geben: Ihr schafft es trotz der Pleite! Ihr werdet gebraucht! – wird erst einmal nach weißer Salbe gesucht, die in der Vergangenheit längst ihre Wirkungslosigkeit erwiesen hat.

Deutschland, deine Reflexe 2: Wenn es darum geht, Eltern, die sich selbst um ihre Kinder kümmern wollen, Unterstützung zu geben, gehen Zeter und Mordio durchs Land, weil hier einem vermeintlich unmodernen, reaktionären Lebensmodell Vorschub geleistet wird: Nieder mit dem Betreuungsgeld!

Das meist gebuchte Argument: Migranten und Prekarier treiben Schindluder mit dem Geld und enthalten ihren Kindern wichtige Anreize vor. Da spukt offenbar ein Bild vom sozialen Normal-Alltag durch einige Köpfe, das ehedem bei Thilo Sarrazin noch der Inbegriff des Bösen war. Hat Deutschland sich womöglich inzwischen doch schon abgeschafft, so dass man mit Rücksicht auf die ausufernde Verelendungsgemeinde deutsche Gesetze nicht mehr an funktionierenden, sondern an versagenden Familien ausrichten muss?

Zudem setze das Betreuungsgeld falsche Anreize für Frauen, eben nicht rasch wieder in den Job einzusteigen. Das ist in der Tat ein Problem: Der verwerfliche Anreiz, sich um eigene Kinder zu kümmern, gegen die gesellschaftlich wertvolle Steigerung des Bruttosozialprodukts. Um die längst wachsende Zahl bindungsgestörter Kinder können sich ja später hauptberufliche Sozialarbeiter kümmern.

Man kann über Sozial-Mechanik und Effekte des Betreuungsgeldes in der Tat diskutieren, nur gerät in Deutschland wieder einmal der ethische Kompass unter dem Einfluss vermeintlicher Modernität absurd ins Kreiseln. In den ersten drei Lebensjahren (und nur um die geht es beim Betreuungsgeld) wächst das Urvertrauen in die Welt: Hier bin ich sicher, hier muss ich mich nicht fürchten, hier kann ich alles schaffen, Mama/Papa sind da. Zu diesem Wert gibt es keine Konkurrenz – zumindest keine, die man aktiv anstreben sollte. Alles baut auf diesen Grunderfahrungen auf.

Wie dumm und krank muss eine Gesellschaft sein, die hier die Elle individueller Entfaltung oder wirtschaftlicher Produktivität anlegt! Als bewiesen nicht täglich weltweit etwa erfolgreiche Asiaten, dass extremer Familienzusammenhalt und Leistung das Maß aller Dinge sind. Als bewiesen nicht täglich die wachsenden Nachsorge-Probleme bei Kindern von Crash-Familien den gesellschaftlichen Wert jedes einzelnen treusorgenden Vaters, jeder sich kümmernden Mutter.

Und ausgerechnet die christlich-konservativen, die all das eigentlich mit der Muttermilch eingesogen haben sollten, zerfleischen sich im Auftrag linker Lebenslügen. Deutschland, deine Reflexe.

Broder, Biedermänner und die Brandstifter

August 7, 2011

Es ist höchste Zeit, dass die verheerende Rolle der Gebrüder Grimm bei der Vertreibung des Wolfes aus den europäischen Kulturlandschaften endlich schonungs- und tabulos aufgearbeitet wird. Kampfschriften wie „Rotkäppchen“ oder „Die sieben Geißlein“ haben in ihrer Verherrlichung anti-wölfischer Gewalt-Exzesse viel zu lange unwidersprochen den intellektuellen Nährboden für die nahezu flächendeckende Ausrottung des Wolfes (canis lupus) geliefert…

Die Debatte darüber, ob deutsche Islam-Kritiker wie Henryk M. Broder oder Necla Kelek Stichwortgeber oder gar ideelle Anstifter des Oslo-Attentäters Anders Breivik sind, ist so albern und abwegig, dass Sie eigentlich keiner weiteren Erörterung bedürfte. Schon als vor Jahren bekannt wurde, dass die Attentäter des Schul-Massakers von Beslan Musik der deutschen Gruppe „Rammstein“ auf ihren Mp3-Playern hatten, wurde im Feuilleton diskutiert, ob sich mitschuldig macht, wer gewissermaßen den Soundtrack für kranke Hirne liefert.  Damals wie heute eine abstruse Vertauschung von Ursache und Wirkung, von Täter und Zeitgenossen, auf die im Übrigen keiner gekommen wäre, hätten die Mörder ihre Gewaltphantasien mit brachialer Beethoven-Klangkulisse orchestriert.

Dass es dennoch lohnt, einige Worte zum Thema zu verlieren, liegt daran, dass die Diskussion einige interessante Streiflichter wirft. Da ist zum einen das Denkmuster vor allem linker Publizisten, dass an das Prinzip der Partisanen-Vergeltung erinnert: Ermordeten Partisanen etwa auf dem Balkan einen Soldaten der Wehrmacht, ging diese zur Vergeltung daran, das gesamte Umfeld der mutmaßlichen Täter auszulöschen, Dörfer niederzubrennen und Familien bis zum Kleinkind zu massakrieren.

Mit ähnlicher Blindwütigkeit erklären einige Multikulturalisten die argumentative Auseinandersetzung mit dem Islam zur Tat-Beihilfe, unterstellen dem Islamkritiker eine fies verschwiegene aber im Grunde zwangsläufige Weiterdenke hin zum Mordgelüst und plädieren damit in der Konsequenz für ein präventives, radikales Denkverbot in von ihnen selbst abgesteckten Bezirken. Wer nach Erklärungen dafür sucht, wie es zur Kampagne gegen „entartete Kunst“ kommen konnte, findet sie in diesem Fehlverständnis von Debatte und Verbrechen.

Die mutwillige Umdeklarierung des Mit-Denkers zum Mit-Täter legt freilich gerade in der Islam-Debatte einen heiklen Rückschluss nahe, den die Kritiker der Islam-Kritiker nicht wollen können: Wenn die konsumierte intellektuelle Software von Terroristen grundsätzlich mit auf die Anklagebank gehört, muss der Koran logischerweise neben islamistischen Attentätern auf die Richtstatt. Der gravierende Unterschied ist allerdings: Es ist nicht bekannt, dass Broder, Kelek & Co. jemals zu Kreuzzügen, Flugzeug-Attacken oder dem blutigen Kampf gegen Muslime aufgerufen hätten. Ein Umstand, auf den man eigentlich nicht eigens hinweisen muss. Eigentlich.

Alles beim Alten: Ein Jahr Sarrazin-Debatte

Juli 31, 2011

Das Papier hat scheinbar überhaupt nichts mit Thilo Sarrazin zu tun. „Bildungsrepublik Deutschland“ steht auf der bedruckten Blattsammlung, die Leitantrag des CDU-Bundesparteitags im November in Leipzig werden soll. Hauptstreitpunkt: die Abschaffung der Hauptschule und Einführung eines zweigliedrigen Schulsystems aus Gymnasium und neu zu schaffender „Oberschule“. Bildungspolitischer Sprengstoff innerhalb der Union, heftige Reaktionen von der Schwester CSU aus Bayern und etlichen CDU-Landesverbänden.

Mindestens ebenso so explosiv und doch weitgehend ignoriert: die Begründung für die Bildungsreform. Der dramatische Rückgang der Bevölkerung und das damit verbundene Einbrechen der Schülerzahlen – in einigen Regionen um dreißig bis fünfzig Prozent – erzwinge die Zusammenlegung der Schulen, wenn man sie in stadtfernen Gebieten erhalten wolle. Und der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in den Klassenräumen, der schon in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren gebietsweise bis auf 75 Prozent steigen werde, mache neue, intensive, integrative Formen der Beschulung nötig.

Letzteres sind keine Prognosen oder Hochrechnungen, die man glauben oder bezweifeln kann: Die betreffenden Kinder sind schon geboren (oder eben nicht geboren) und lassen sich zu harten Schulstatistiken zusammenzählen. In Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ konnte man das in allen Details schon vor einem Jahr nachlesen. 40 Prozent der jungen Mütter haben heute einen Migrationshintergrund. Während der Anteil von Zuzüglern an der Gesamtbevölkerung etwa 17 Prozent ausmacht, haben schon jetzt 30 Prozent der unter 15-Jährigen eine Einwanderer-Geschichte.

Während sich die Politik an technischen Korrektur-Details wie den Schulformen abarbeitet (und Sarrazin damit stillschweigend bestätigt), blendet sie bewusst oder unbewusst die wahre Dimension des heraufziehenden Wandlungsprozesses in Deutschland aus: Die Mehrheitsverhältnisse in den Klassenzimmern von morgen sind die Gesellschaftsverhältnisse von übermorgen. Und genau das macht die Bedeutung des Sarrazin-Buches auch ein Jahr nach seinem Erscheinen aus. Nie zuvor in der Geschichte ist eine hoch entwickelte Gesellschaft sehenden Auges in Zuwanderung aufgegangen und von dieser absehbar kulturell übernommen worden. Vollzogen sich derartige Prozesse bislang über mehrere Generationen hinweg, so wird dies nun innerhalb einer und sehr viel intensiver geschehen als beim bisher bekannten Einsickern von Zuwanderern in anderen Epochen.

Sarrazin protokolliert eher nüchtern und mit contra-guttenbergscher Fußnoten-Disziplin die Trends und Ursachen. Vom Geburtenmangel und dem Wegbrechen naturwissenschaftlich-technischer Hochschulabsolventen über sich verfestigende Migranten-Milieus bis hin zu einer Sozialpolitik, die durch gut gemeinte Fürsorge Menschen mehr und mehr ihrer Selbstverantwortung entwöhnt. Da sich all das klassischem politi-technokratischem Denken und kurzfristiger Steuerung im Legislaturperioden-Turnus entzieht, sind ernstzunehmende Reaktionen bislang ausgeblieben. Dass die sich verschiebenden Mehrheitsverhältnisse gesellschaftspolitisch folgenlos bleiben, ist dagegen mehr als unwahrscheinlich.

Die wachsende Zahl von Migrationsdeutschen in Kommunal-, Landes- und Bundesparlamenten wird in einer funktionierenden Demokratie Auswirkungen auf die politische Agenda und die Entscheidungen haben und hergebrachten „ur-deutschen“ Vorstellungen zwangsläufig Konkurrenz machen. Ob und wie eine immer inhomogenere Gesellschaft solche Brüche verkraftet, ist völlig offen. Den Finger in diese Wunde gelegt zu haben, ist nach wie vor das große Verdienst Sarrazins. Es geht hier nämlich nicht um Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit, sondern um den Identitätsverlust einer Gesellschaft, die in dem viel gescholtenen Bild des „Kopftuchmädchens“ (Sarrazin) äußerst präzise beschrieben ist. Niemand hegt irgendeinen Groll gegen eine individuelle verschleierte Muslima. Was zum gesellschaftlichen Sprengstoff werden kann, ist das Gefühl von Fremdheit im eigenen Land, das viele beschleicht, wenn sie in Teilen Kölns die Ladeninschriften nicht mehr verstehen oder sich wundern, warum man kaum noch Taxi-Fahrer erwischt, die normal deutsch sprechen.

Dieses Fremdeln gegenüber Fremdem mag nicht korrekt oder progressiv sein und auch nicht ins Konzept einer modernen „Melting-Pot“-Welt passen, es ist aber in den meisten Regionen dieser Erde eher die Regel als die Ausnahme. Die Konflikte, die aus solchen Verwerfungen entstehen, sind oft alles andere als friedlich. Eine Debatte über gesellschaftspolitische Zukunftstrends in Deutschland ist deshalb so verdienstvoll und dringlich, wie ihr allgemeines Abwürgen absehbar war.

Thilo und die Sarrazinen – Eine Bilanz

Dezember 31, 2010

Manchmal ist es hilfreich, die Gedanken ein wenig zu ordnen. Niemand hat 2010 in Deutschland so polarisiert, hat Öffentlichkeit, Politik und Medienmenschen in so unversöhnliche Lager gespalten wie Thilo Sarrazin mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“. Der Ex-Senator und inzwischen Ex-Banker hat das gute Gretchen bei der Frage endlich abgelöst: Wie hälst du’s mit dem Sarrazin? – ist für die gesellschaftspolitische Standortbestimmung, was die Beringung für den Vogelfreund ist. Was aber hat einen ehedem als rationalen Denker bekannten Politiker in die Lage gebracht, den einen als schändlicher Hetzer und den anderen als unkonventioneller Integrationsmessias zu erscheinen. Eine Analyse.

Integration: Sarrazin hat mit Hilfe verfügbarer, amtlicher und im Grunde bis heute nicht angezweifelter Statistiken (Spracherwerb, Arbeitsmarkt, Schulbildung und –Abschlüsse, Sozialtransfers etc.) dargestellt, dass die Integration von Muslimen innerhalb der deutschen Gesellschaft große Probleme bereitet. Dies zu widerlegen, hätte es lediglich anderer Statistiken oder Untersuchungen bedurft, die einen höheren Prozentsatz gut integrierter Muslime ausweisen oder zumindest eine hoffnungsvollere Prognose stellen. Statt dessen wurden immer wieder Einzelbeispiele gelungener Einfindung in hiesige Verhältnisse präsentiert, was aber der logischen Beweisführung im Sinne einer Widerlegung nicht wirklich dient, so erfreulich jede Erfolgsvita auch sein mag. Ein vierblättriges Kleeblatt widerlegt nicht die Mehrheit der Dreier.

Abgelehnt wurde Sarrazins Analyse offen oder unterschwellig vor allem, weil gerade großstädtische Intellektuellen-Milieus sich dagegen verwahren, einer konkreten gesellschaftlichen Gruppe ein schlechtes Zeugnis auszustellen. In einer konsensorientierten Gesellschaft, die etwa in Zeugnissen eine Pflicht zum positiven Urteil vorschreibt oder pädagogische Grenzziehungen stets durch positive Anreize, nie durch harte Konfrontation geben will, kann das nicht erstaunen. Die hermetische Unantastbarkeit des gefühlten Weltbildes durch Fakten war am Ende das wirklich Erstaunliche am Casus Sarrazin. Nicht einmal der investigative Eifer zur Widerlegung des Anstößigen durch Fakten, der bei anderen Gelegenheiten ein verlässlicher Medien-Reflex ist, wurde hier geweckt.

Vererbung von Intelligenz: Die Koppelung beider Themen machte die Abschiebung des Autors Sarrazin ins nazinahe Eugeniker-Ghetto besonders leicht. Bei näherem Hinsehen sind die Fakten freilich weit weniger skandalös. Sarrazin beschreibt – mit Rückendeckung der jeweiligen Forschungsgrößen auf diesem Gebiet – dass fünfzig bis achtzig Prozent der Intelligenz auf Vererbung beruhen. Das sollte nicht weiter verblüffen, wenn man in den vergangenen Jahren verfolgt hat, wie etwa bestimmte Veranlagungen von Händigkeit, Lese-Rechtschreibschwäche (prominentes Beispiel ist das schwedische Königshaus), Neigung zu Krebsleiden etc. durch genetische Prägungen wissenschaftlich nachgewiesen wurden. Dennoch ist Intelligenz mehr als die programmierte Vernetzungspotenz der Neuronen und wird maßgeblich auch vom Milieu geprägt, in dem sich das Aufwachsen vollzieht. Von intellektuellen Anregungen, Förderung und anderem.

Deutschland schafft sich ab: Wenn sich also Soziotope bilden, in denen wegen mangelnden sozialen und integrativen Erfolgs, auch derjenige Teil der Nachkommenschaft mit den Anlagen zu hoher Intelligenz nicht genug Stimulanz und Futter fürs Hirn bekommt, dann ist eine Niveauregulierung unterhalb der Möglichkeiten sehr wohl nachvollziehbar. Allerdings auch in Milieus ohne Migrationshintergrund. Und genau das beschreibt Sarrazin im ersten Teil des Buches auf mehr als einhundert Seiten. Das dramatische Untergangsszenario im Titel wird eben nicht einfach fremdenfeindlich an den Migranten hergeleitet, sondern aus einer fehlgeleiteten Sozialpolitik insgesamt begründet.

Sozialpolitik: Das hätte Sarrazins ausschlusswilligen Genossen der eigentliche Sprengstoff des Buches sein müssen: In seinen Augen muss das Fordern deutlich über das Fördern gestellt werden. Seine ebenfalls nicht sonderlich skandalöse, wohl aber unpopuläre These: Versorgung macht träge, das Packen der Betroffenen am Existenziellen setzt in Bewegung. Hier dürfte in der Tat ein fundamentaler Widerspruch zum sozialpolitischen Verständnis der SPD vorliegen.

Der Katalog der Gegenmaßnahmen: Bei seinen Vorschlägen ist Sarrazin viel radikaler und dann doch durchaus auch „linker“ als viele seiner Parteifreunde. Wenn man ihm etwas zum Vorwurf machen will, gibt die Liste der verpflichtenden Maßnahmen für Bildungsferne (Ganztagsschule, Hort, konditionierte Kindergeldkürzung etc.) für Freunde elterlicher Erziehungshoheit viel mehr her als der Rest des Buches. Im Grunde findet hier – von Einzelmaßnahmen einmal abgesehen – der Schulterschluss mit Sarrazin-Großkritikern wie etwa Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung) statt, der immer wieder gern staatliche „Schicksalskorrektur“ für Unterschichtler und erfolglose Migranten fordert. Genau das schlägt Sarrazin mit der ihm eigenen Brachialität vor, nur merken es die lektüreverweigernden Kritiker halt nicht.

Die Politik: Thilo Sarrazin 2010 – gut, dass wir drüber geredet haben. Und jetzt weiter wie bisher.

Unreflektierte Reflexe

September 22, 2010

In der Sarrazin-Debatte treffen wir einen altbekannten Reflex wieder: Die Welt soll so nicht sein, wie Sarrazin sie beschreibt. Man kann aber auch nicht ausschließen, dass sie so ist und weigert sich sicherheitshalber, darüber nachzudenken.

Ein Gutes hat die Sache immerhin: Der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), der bislang als Migrationsrambo galt und in seiner Partei durchaus auch angefochten war, hat nun den ehrenden Ritterschlag des allseits akzeptierten Fachmanns bekommen. Schließlich lässt sich das Problem ja nicht leugnen, nur möchte der Mainstream eben nicht auf Seiten Sarrazins stehen. Noch vor einem Jahr wusste Berlins Regierender Bürgermeister zu verhindern, dass Buschkowsky vor dem Innenausschuss des Abgeordnetenhauses gehört wurde, nun wird er Gast-Redner beim SPD-Parteitag. Es gilt das Vorletzten-Prinzip: Nieder mit Sarrazin, es lebe Buschkowsky. Bis der Nächste kommt.

Der strahlende Thilo

September 7, 2010

Es ist schon verblüffend, wie der mediale Herdentrieb reflexartig losbricht, ganz gleich, ob im Fall Sarrazin oder beim Thema Atomenergie. Zu beidem kann man verschiedene Meinungen haben, nur sollte man sich erst einmal mit den Fakten beschäftigen.

Bei der Kernenergie kritisieren die Kommentatoren nahezu durchweg, dass die Energiekonzerne nur ein Drittel der zu erwartenden Gewinne an den Bundeshaushalt abführen müssen. Nun kann man sich über Prozente trefflich streiten, wenn man dieser Logik folgt, wäre eine Verstaatlichung der AKWs die konsequenteste Methode, den maximalen Gewinn abzuschöpfen. Allerdings ist zu bezweifeln, dass die Atom-Kritiker damit zufrieden wäre: Der Staat saniert sich auf Kosten einer riskanten Technologie, würde dann der Vorwurf lauten.

Putzig ist auch die Empörung darüber, dass die Konzerne ihre Abgaben „sogar noch von der Steuer absetzen können“. Das Gegenteil wäre absurd: Geld, dass ein Unternehmen abgibt zu versteuern, obwohl es gar nicht vorhanden ist, wäre ja nun der Gipfel des Irrsinns.

Interessant ist auch zu beobachten, wie Gutachten (zu Recht) in Zweifel gezogen werden, die von Instituten stammen, die der Energiewirtschaft nahestehen. Nur kann man dann nicht Gutachten von Greenpeace oder Öko-Instituten dagegenhalten, ohne sie zu hinterfragen. Und schließlich fehlt in vielen Verrissen die Auseinandersetzung mit der Sache selbst: Wenn die Kernenergie nun länger zur Verfügung steht, muss es im Sinne der ehrgeizigen Klimaziele darum gehen, vor allem Kohlekraftwerke abzuschalten und Akzeptanz für die nötigen Leitungstrassen zu schaffen, die zwingend für den Ausbau der erneuerbaren Energien nötig sind. In Brandenburg regt sich auch dagegen Widerstand.

Was all das mit Thilo Sarrazin zu tun hat? Wer die Debatte gerade auch unter Wissenschaftlern zu Sarrazins Thesen verfolgt hat, konnte in der F.A.Z. vom Mittwoch (7. September) eine Rehabilitation erster Klasse für den „biologistischen“ Teil des Buches nachlesen. Nimmt man alles zusammen, so bleibt an der allgemeinen Kritik vor allem der konfrontative Tonfall. In beiden Fällen stößt das gefühlte Weltbild bestimmter Kreise mit einer Überdosis Realität zusammen. Man darf also gespannt sein, mit welcher Begründung Sarrazin aus der SPD ausgeschlossen und von der Bundesbank suspendiert werden wird.

Kein Tabu nirgends

September 3, 2010

Also Tabus gibt es in Ausländer-Debatte nun wirklich nicht. Darüber sind sich vor allem die Sarrazin-Kritiker einig. Gut, man verliert seinen Job, wird aus der Partei ausgeschlossen und muss seine Lesungen absagen, weil die Veranstalter bedroht werden. Aber sonst.

Als vor Jahren der Bau einer Moschee im muslimfreien Pankow-Heinersdorf bundesweit für Schlagzeilen sorgte, wurde eine öffentliche Anhörung genau in dem Moment abgebrochen, als die Anwohner zu Wort kommen sollten. Eine Anhörung vor der Bezirksverordnetenversammlung gab es nicht, ein Bürgerbegehren durfte nicht einmal beantragt werden und die Anwohner wurden als ausländer- und islamfeindliche Neonazis mit autoritärer Prägung in der DDR hingestellt. Der Zorn stieg damals vor allem hoch, weil man nicht einmal diskutieren durfte über die Ansiedlung einer Gruppierung die bei 20 000 Mitgliedern in Deutschland ein 100-Moscheen-Programm verfolgt, auf ihrer Webseite darüber diskutiert, ob Nasen-Piercings bei Frauen bereits unziemliche Signale an die Männerwelt senden und die These vertritt, dass zum Schwein wird, wer Schwein isst. Erst als massiv schwulenfeindliche Einlassungen auf der Seite entdeckt wurden (die dort von Anfang an standen), gab es ein wenig Protest von den entsprechenden Verbänden.

Das Problem damals wie jetzt bei Sarrazin ist der Eindruck, dass es in Migrationsfragen nur „Ja“ und „offene Arme“ geben darf. Der SPD-Sozialexperte Rudolf Dressler hat dieser Tage selbst ausdrücklich bestätigt, dass schärfere Regeln etwa für die Pflicht zum Sprachkurs in seiner Partei in den 90er Jahren nicht durchsetzbar waren, weil sie als Gängelung der Zuzügler galten. Sieht man sich vor diesem Hintergrund den Umgang mit Sarrazin an, so kann man eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass die Politik weite Teile der Bevölkerung für blöde, fremdenfeindlich und damit anfällig für falsche Thesen hält und die Debatte deshalb schnell beenden will. Nun kann man das ganz nüchtern betrachtet ja nicht ausschließen, nur wäre es schon eine etwas fragwürdige Methode, wenn gewissermaßen darauf setzt, bei jeweils hochkochenden Gelegenheiten nur möglichst schnell den Zünder aus der Bombe zu drehen, derweil die Sprengladung weiter auf dem Marktplatz liegen bleibt.

Wenn Sarrazin tatsächlich einfach nur Unrecht hat, sollte es auch möglich sein, das öffentlichkeitswirksam zu kommunizieren.

Sarrazins Irrtum

September 2, 2010

Warum sich Thilo Sarrazin auf den Abweg genetischer Expertisen begeben hat, ist nicht ganz klar. Die verheerenden Milieuprägungen von Migrantenkindern in Problemkiezen hätten völlig ausgereicht, um seinen Alarmruf hinreichend zu motivieren. Das zentrale Missverständnis, dem Sarrazin offenbar aufgesesen ist, ist die Verwechslung von erblicher „Veranlagung“ und „Vererbung“. Das legen zumindest diverse Interviews der Intelligenzforscherin Elsbeth Stern nahe, auf die sich Sarrazin im Buch bezieht.

Demnach ist die Entfaltung von Intelligenz (ganz gleich, ob man sie nun mit einem IQ-Test misst oder anders bestimmen will) tatsächlich von genetischen Anlagen zu großen Teilen abhängig. Da man Gene gemeinhin auch als Erbanlagen bezeichnet, nimmt Sarrazin offenbar an, diese Anlagen würde ebenso weitergegeben wie etwa Wuchsgröße oder Augenfarbe etc. Stern weist nun darauf hin, dass diese Vererbung von Intelligenz nach Mendelschem Gesetz so nicht nachweisbar ist. So könnten selbstverständlich hochintelligente Eltern weniger begabte Kinder haben und bildungsferne Paare Kinder, deren Anlagen zu Höchstem befähigen.

Vor diesem Hintergrund ist auch Sarrazins Stern-Zitat zu verstehen, dass gute Schulen nicht Gleichheit hervorbringen, sondern die Unterschiede vergrößern: Zwar könne man mit einer guten Schulbildung Kinder mit geringerer Veranlagung bis an das Optimum ihrer Möglichkeiten führen, Kinder mit angelegter Hochbegabung gingen dann gewissermaßen durch die Decke. All dies sei aber nicht mechanisch zu verstehen, da auch Bildungsangebote, Fleiß und andere Faktoren eine Rolle spielten. Dass aber Anlagen zur Hochbegabung in negativem Milieu meistens verschüttet werden und sich nicht von selbst entfalten, gehört zur Wahrheit dazu. Womit wir wieder bei Sarrazin und den Problemkiezen wären.

Die Methode Talkshow

September 2, 2010

Frank Plasberg ist ein eher untypisches Beispiel dafür, weil er sonst anders verfährt, Anne Will ist eine hohe Künstlerin in der Einzelfall-Manipulation: Man kann Statistiken nicht mit Beispielen vergleichen oder gar widerlegen. Bei „Hart aber Fair“ saß die WDR-Moderatorin Asli Sevindim als Beispiel gelungener Integration und gelungenen Aufstiegs muslimischer Einwanderer Thilo Sarrazin gegenüber. Auch beim Sonntag-Abend-Talk sitzen immer wieder arbeitswillige Hartz-IV-Empfänger oder staatlich vernachlässigte Alleinerziehende auf dem roten Gäste-Sofa. Dagegen ist prinzipiell nichts zu sagen. Ärgerlich ist nur die Methode, solche Beispiele gegen die behauptete Regel ins Feld zu führen, weil es schlicht widersinnig ist.

Wer erklärt, 98 Prozent aller Klee-Pflanzen hätten drei Blätter, dem kann man kein vierblättriges gegenübersetzen und meinen, damit der Wahrheitsfindung weitergeholfen zu haben. Auch Beispiel-Gäste müssen systematisch argumentieren, wenn es nicht in ein menschelndes Beschummeln der Zuschauer abgleiten soll. Sevindims sympathischer Vortrag, wie sie und ihre Eltern es geschafft haben, widerlegt Sarrazin nicht, sondern zeigt nur, dass sie nicht zu dessen Problem-Prozenten gehört, sondern zu den anderen. Einziger Ausweg: Sie müsste ansetzen, eine lange Reihe von bekannten Beispielen aufzuzählen, die beim Zuschauer zumindest die Ahnung wecken, dass es sich um eine lange Liste handelt, mithin die Quantität der Einzelfälle in die statistische Gewichtung des Gegenübers kontrovers hineinragt. Bei demographischen oder Migrationsthemen ist das allerdings eher schwierig.

Bekannt ist diese seltsame Jonglage mit unvergleichbaren Argumentationsebenen übrigens aus Ehestreits: Sie: Du machst nie etwas im Haushalt. Er: Ich wische immer freitags das ganze Haus von oben bis unten. Sie: Letzten Freitag hast du nicht gewischt. — Damit ist er erledigt.