Posts Tagged ‘Zuwanderung’

Warum der Bundespräsident sein Thema verfehlt hat

Dezember 24, 2014

… weil er unausgesprochen alle Pegida-Demonstranten in die fremdenfeindliche Ecke stellt und sie damit in ihrer trotzigen Außenseiter-Selbstwahrnehmung und Politikabneigung bestätigt.
… weil er leichthin alle Nicht-Demonstranten für das Lager der Zuwanderungszufriedenen vereinnahmt.
… weil die Schweiz vorgemacht hat, dass man über das Ob und erst recht über das Wie von Zuwanderung gesellschaftlich diskutieren und sogar abstimmen kann, ohne Menschen in Nazi-Nähe zu rücken.
… weil, und das ist der schwerwiegendste Punkt, sein Thema genau die Ängste der Menschen auf der Straße gewesen wäre: Ohne Zuwanderung wären die Deutschen ein aussterbendes Volk, mit Zuwanderung wird sich Deutschland verändern und vermutlich auch islamischer werden, wie es nach der Wiedervereinigung protestantischer geworden ist. Wie wollen wir mit dieser Zuwanderung leben? Wie wollen wir mit den Zuwanderern leben? Welche Regeln sollen gelten? Wie können wir offen bleiben für Verfolgte und Erniedrigte? Wie deutsch soll/muss Deutschland bleiben? Muss man sich vor dem Wandel fürchten, wenn man ihn ganz offensichtlich nicht verhindern kann?
Kurz: Er hätte die Fragen stellen und beantworten müssen, für die die Menschen in Dresden oft genug medial an den Pranger gestellt wurden. Nichts treibt den Druck im Gesellschaftskessel rasanter in die Höhe, als Fragen, die nicht gestellt werden dürfen. Ja oder Ja, Alternativlosigkeit in Rede und Meinung sind das Ende der Demokratie. Allemal ein Thema für den Bundespräsidenten.

Advertisements

Christian Wulff und das Elend der deutschen Konservativen

Oktober 5, 2010

Unversehens ist Bundespräsident Christian Wulff (CDU) zur Gallionsfigur für das gerade in diesen Tagen viel beschworene Elend der deutschen Konservativen geworden. Mit seiner mundgerechten Sentenz „der Islam gehört zu Deutschland“ steht er geradezu beispielhaft für jene Strömung im bürgerlichen Lager, die aus der traditionsreichen bewahrenden Nachdenklichkeit von einst einen wohlfeilen Mitschwimmer-Zirkel gemacht hat.

Konservative zeichneten sich einst dadurch aus, dass sie nicht eilfertig dem Zeitgeist nachstrebten, sondern skeptisch innehielten. Hätte Wulff diese Methode angewandt, so hätte ihm auffallen müssen, dass nicht der Islam zu Deutschland gehört, sondern die eingewanderten Muslime. Ihnen, den kritischen, wie den frommen, nicht den militanten, soll, kann und muss Deutschland Heimstatt sein, wenn sie denn hier leben wollen. „Der Islam gehört zu Deutschland“ ist so falsch wie der Satz „Das Christentum gehört zu Afghanistan“. Das tut es ganz offensichtlich nicht.

Die Illustration der ganzen Absurdheit dieses multikulturell und integrationswilig wohlklingenden Wulff-Satzes hat der Bundespräsident allerdings gleich mitgeliefert: Der Islam gehöre inzwischen zu Deutschland wie das Christentum und das Judentum. Nach 1500 Jahren Christentum und noch längerer jüdischer Tradition (ca. 1700 Jahre) auf germanischem Boden dem Islam eine Zugehörigkeit auszusprechen, weil vor 50 Jahren Gastarbeiter nach Deutschland kamen, ist eine so grandiose Ahistorizität, dass sie eines christlich-konservativen Politikers eigentlich unwürdig sein müsste.

Der Islam, der im Wulffschen Sinne allenfalls zu Deutschland gehören könnte, ist ein selektiver. Es ist der Islam der Kreuzberger Minirock-Mädchen und netten Opas aus Anatolien von nebenan. Es ist ein Teil-Islam, der hier vorkommt. Diesen Ausschnitt in irregeleiteter Harmoniesucht für den Islam als Ganzes zu nehmen, ist realitätsfern und im Grunde eine entmündigende Bevormundung der islamischen Welt, die sich in großen Teilen dagegen verwahren wird, von Wulff vereinnahmt zu werden. Wer die Kulturkonflikte unserer Zeit so naiv trivialisiert, sollte auch die nordischen Trolle und afrikanischen Voodoo-Geister zu Deutschland zugehörig zählen. Das friedliche Miteinander der Kulturen zu beschwören, wird das Ziel in der Realität nicht befördern. Bislang war dieses Missverständnis meist linksalternativen Schwarmgeistern vorbehalten. Es ist in den Reihen der Konservativen angekommen.

Es ist eben genau diese Spanne zwischen gedankenlos-zweckdienlicher gesellschaftspolitischer Nettigkeit und bildungsbürgerlicher Kenntnis, zwischen gut gemeinter Handreichungsgeste an die Muslime und weniger gefälliger aber doch wahrhaftigerer Ansprache an die deutsche Nation, was den Niedergang der Konservativen ausmacht. Im Grunde aber muss man von jedem verantwortlichen Politiker – ganz gleich, welcher Parteiung –  erwarten können, dass er nicht über eintausend Jahre abendländischer Geschichte, über Renaissance, Reformation und Aufklärung einfach aus tagespolitischer Opportunität hinwegschreitet und im integrativen Überschwange eine ganze Religion in diesen Kulturkanon aufnimmt, die all das nun für jeden sichtbar nicht durchschritten und genau deshalb Probleme mit der westlichen Gesellschaft hat.

All das bedeutet nicht, dass man Muslime vor den Kopf stoßen müsste. Man kann und muss ihnen die Hand reichen, weil ganz ohne jede Diskussion die Würde des Menschen selbstverständlich für sie gilt. Man kann und muss aber auch nicht die Deutschen und Europäer vor den Kopf stoßen, deren Ringen um Säkularisierung, Demokratie und Geistesfreiheit zur wohlfeilen Handelsware für Feiertagsredner wird, die einfach mal nett zu Zuwanderern sein wollen.