Archive for Dezember 2012

Alles Gute zum Neuen Jahr

Dezember 31, 2012

Immer zum Jahreswechsel kommt die Zeit, in der das Wünschen auch nichts hilft, aber wider besseres Wissen trotzdem bis zum Verdruss praktiziert wird. Wünsch dir was, wünsch‘ mir was – Wunsch-Punsch statt Feuerzangenbowle. Eine ausgesprochene und nie eingelöste Viel-Chancen-Tournee, sinnloser Volkssport wie das Milka-Helm-Hopsen von der alpinen Großschanze.

Und wenn also Abstinenz zwecklos ist, wollen wir schon mittun im bunten Wünsche-Reigen und den Deutschen das Beste fürs Neue mit auf den Weg geben. Auf dass endlich gelingen möge, was wir uns schon immer vorgenommen haben (und nur wegen der blöden Realität nie schafften):

Frieden schaffen ohne (deutsche) Waffen! Dieser Assad zum Beispiel und die Mali-Moslembrüder könnten endlich aus Einsicht mal Ruhe geben.

Wirtschaft ohne Standorte! Klar muss der Aufschwung her, aber doch nicht gerade hier. Gerade in Deutschland, wo man von jeder Ansiedlungsidee zuerst von der Gegen-Initiative erfährt, ist die Einführung der virtuellen Wertschöpfung mehr als überfällig.

Strom ohne Erzeugung und Kabel! Es muss endlich Schluss sein damit, dass Strombosse und kleinliche Ingenieur-Techniker unseren schönen bio-ökologischen Ausstieg aus der Energie behindern. W-Lan geht doch auch.

Antisemiten ohne Aufsehen! Eins-zwei-drei-vier-Eppstein, alles muss versteckt sein! Jakob ohne Augstein. Pali-Tuch ist auch fein. Kann Fixierung Sünde sein. Voll Grass, Alter – wird man doch noch sagen dürfen/müssen.

Massentiere ohne Haltung! Der Ausstieg aus der Ernährung steht an. Kampf den Monokulturen, Großställen und Melkkarussellen! CO2-neutrales Atmen, Bohnen ohne Fürze und Fleisch-Imitat aus fair gehandeltem Drittwelt-Bio-Soja-Ersatz. Nahrung wird ohnehin überschätzt.

Stadtwohnung auf dem Land! Das Grüne-Lunge-Loft auf dem urbanen Hinterhof, mit DSL und LTE, der Lieblingsitaliener um die Ecke, den Weidezaun vor der Haustür, Kita per Fahrrad, Airport zu Fuß, wer heute noch ein Auto braucht, ist doof.

Kinder ohne Kriegen und Betreuen! Beruf muss doch vereinbar sein. Oder um es mit der Moderatorin Judith Rakers zu sagen: „So lange es keine 24-Stunden-Kita gibt, sind Kinder für mich kein Thema.“ Immer mehr Deutsche sagen: Bei der blöden Demographie machen wir nicht mit! Wozu gibt es schließlich Kitas, Großeltern und gebärfreudige Migranten.

Flug ohne Lärm und –hafen! Bis Scotti endlich mit dem Beamen zu Potte kommt, muss Reisen komfortabler, schneller und vor allem unsichtbar werden. Flughäfen unter die Erde, Abheben ohne Start, Landung im geräuschlosen Soft-Touch-Verfahren. Und wenn künftig auch die Bahnhöfe unter Aufsicht von Klaus Wowereit gebaut werden, ist bald wirklich über allen Wipfeln Ruh.

Hitler ohne Vergleiche! Halt, halt, soweit wollen wir es dann aber doch nicht kommen lassen! Ganz gleich ob Kassenärzte oder Ossis – liebevolle Accessoires aus brauner Zeit würzen hierzulande noch jede gepflegte Diskussion. Und das wird auch 2013 so bleiben. So sicher, wie der Euro die teuerste Währung der Welt ist.

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Deutschland steigt schon wieder aus

Dezember 18, 2012

In Amerika gibt’s einen Amoklauf, und Deutschland diskutiert über schärferes Waffenrecht. Grünen-Chef Cem Özdemir, selbst ein ausgewiesener Waffel-Lobbyist, will Schusswaffen in Privathaushalten verbieten. Und auch sein Co-Flintenweib Claudia Roth hat herausgefunden, dass Waffen zum Töten seien, nicht zum Sport.

In Fukushima kollabiert ein Kernkraftwerk, Deutschland steigt aus der Atomkraft aus. Da ist es nur konsequent, wenn jetzt nach dem Amoklauf in den USA in Deutschland Waffen verboten und Jäger gejagt werden. Die Welt wird schließlich zuförderst in Deutschland gerettet – wenn sie schon nicht mehr an seinem Wesen genesen mag. Der liebe Gott weiß alles, die Deutschen wissen es besser – und tun es dann auch.

Da liegt es auf der Hand, dass Deutschland Mexiko beim Kampf gegen die Drogenkartelle mit einem flächendeckenden Spritzenverbot überholen und als Reaktion auf den Verkehrsinfarkt in Sao Paolo aus dem Automobilverkehr aussteigen sollte. Wegen des ständigen Untergangs überfüllter Fährschiffe vor den Philippinen könnte die Berliner Stern und Kreisschifffahrt ihren Betrieb einstellen, der Hunger in Afrika könnte durch die Verstaatlichung von Butter Lindner behoben werden. Wenn der liebe Gott diese Welt nicht erlöst, müssen es halt wir Deutsche tun.  Amen.

Das Ärgerliche an der Waffen-Debatte ist freilich, dass das Thema Amok viel zu ernst ist, um es durch solche lächerlichen Allmachtsphantasien deutscher Klein-Politiker zu veralbern. Bei nüchterner Betrachtung zeigt sich nämlich gerade hier die volle Machtlosigkeit der Politik: Kern des Übels sind eben nicht die Waffen, sondern die kranken Hirne ihrer Benutzer – und genau in die kommt man nicht hinein. Schon klar: Wenn es keine Waffen gäbe, können Psychopathen auch nicht schießen. Und wenn es kein Hasch gäbe, könnten Suchtis nicht koksen.

Das Waffenrecht ist leider (!) das einzige Noträdchen, an dem man drehen kann, obwohl es ja keinen Deut besser wäre, wenn der Irre von Newtown die Grundschule angezündet hätte, statt mit seinem Gewehr zu wüten. Irgendeine Waffe wird sich immer finden. Das in Wahrheit viel stärker Beunruhigende ist doch die Tatsache, dass das Schockieren der Öffentlichkeit durch blutige Gewaltmärsche und Mitnahme Unschuldiger in den Tod immer angesagter wird.

Studien belegen inzwischen, dass selbst die Berichterstattung über Unglücke mit Geisterfahrern zum sprunghaften Anstieg bei Nachahmer-Taten führt. Wo Ächtung und Abscheu der Gesellschaft aber nicht mehr abschrecken, sondern zum Anreiz für Täter werden, würde nur noch ein konsequentes Berichterstattungsverbot helfen (das es übrigens in der DDR bei einigen Delikten gab). Genau das will und kann sich eine Informations- und Mediengesellschaft aber nicht leisten.

Als Ersatzhandlung versucht man das Werkzeug wegzuschließen, um dem austickenden Handwerker die tödliche Wirkung zu nehmen. Weil aber nichts so mächtig und schwer zu unterbinden ist, wie ungebremste (Selbst)Destruktion, ist dieser Kampf kaum zu gewinnen, während der Preis, den eine freiheitliche Gesellschaft zahlen muss, schon bei recht bescheidenen Ergebnissen hoch ist.