Archive for November 2009

Stasi in Brandenburg: Neues aus dem Birthler-Live-Ticker

November 30, 2009

Korrigiere mich wie folgt: Sieben. Hatten wir noch vor zwei Tagen von sechs Stasi-belasteten Mitglieder der Brandenburger Links-Fraktion (26 Mitglieder) gesprochen, so meldete sich heute in Gestalt von Renate Adolph der nächste Ex-IM. Man wird ernstlich darüber nachdenken müssen, an dieser Stelle eine Art Birthler-Live-Ticker einzurichten, um bei all den Mielke-Mitstreitern einigermaßen auf dem Laufenden zu bleiben.

 Mit nüchterner Rationalität ist dieses Schmieren-Spiel freilich nicht mehr zu ertragen. Dass noch kein Aufstand durchs märkische Land geht, weil diese Regierung den Ruf der unbescholtenen einfachen Menschen jeden Tag ein Stück mehr ruiniert, ist aber doch verwunderlich.

Jedenfalls kann man sich in Potsdam die so genannte Einzelfall-Prüfung inzwischen sparen, da die Kundschafter für den Frieden ja inzwischen in Kompaniestärke unterwegs sind. Auch wird ein Stasi-Beauftragter allein die aufgelaufene Arbeit wohl nicht schaffen. Und an den Autobahnen sollte künftig als neue Image-Kampagne beim Überqueren der Landesgrenze vielleicht ein Schild mit der Aufschrift stehen: „Von hier an haben Sie den Beton nicht nur unter den Rädern – sie begegnen ihm auch im Landtag.“ Oder: „Brandenburg – führend in der Spitzel-Forschung“. Angesichts der weitgehenden Deindustriealisierung der Mark könnte man auch schreiben: „Stasi statt Produktion“. „Akten statt Fakten“, „Berichterstattung auf Spitzel-Niveau“, „Wir wissen Bescheid: die Linke“…

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Hier irrte das Volk

November 29, 2009

Es ist schon bitter mit der direkten Demokratie: Die Schweiz praktiziert ziemlich intensiv, was in Deutschland von vielen gefordert wird: direkte Volksabstimmungen und -entscheide über alle möglichen Klein- und Großigkeiten. Und nun haben die Schweizer auf einmal mehrheitlich die falsche Meinung. Sie wollen keine Minarett-Neubauten mehr zulassen. Nun könnte man sagen, so sei’s – muss halt jeder bei sich die Regeln schaffen, die er für richtig hält. So gelassen wird das freilich in Deutschland und dem restlichen Europa kein Vollblut-Humanist hinnehmen, und die ersten Kommentatoren stoßen auch schon wieder in das ganz große Moral-Alphorn, geißeln latente Rechtsradikalität und Fremdenfeindlichkeit und raten den vertrackten Eidgenossen damit indirekt zum politischen Stubenarest: „Und komm erst wieder raus, wenn du dir überlegt hast, was du falsch gemacht hast!“

Dabei besteht zu zivilisatorischem Hochmut kein Anlass. Nach zig Anti-Moscheen-Kampagnen muss man kein Prophet sein um zu wissen, dass auch anderswo in Europa vergleichbare Mehrheiten problemlos zustande kämen. In Deutschland behilft man sich einstweilen damit, dass derartige Fragen erst gar nicht gestellt und schon gar nicht in dieser Weise beantwortet werden dürfen. Ob das die Lösung ist, ist nicht einmal die Frage; sie ist es nicht. Auch in diesem Falle klärt sich manches, wenn man das zur Debatte stehende Beispiel einmal ins Gegenteil verkehrt: Was würden wir davon halten, wenn der Vatikan darauf bestünde, im ganzen Irak für die christliche Minderheit gut sichtbare Kirchen inklusive Turm zu errichten?

Gutmenschliche Keulen sind aber wohl immer das Erste und selten das Beste, was man zur Hand hat. Erstens ist es gewiss nicht von Nachteil, wenn eine Gesellschaft offen artikuliert, was sie denkt, anstatt es unter verschwiemelten Formeln zu verbergen. Zweitens wäre der Ausgang des Referendums ein guter Anlass, erst einmal darüber nachzudenken, ob der Bau von Minaretten tatsächlich zu den Kernbestandteilen der Religionsfreiheit gehört. Denn dass das regelmäßige Rufen des Muezzins nicht in Frage kommt, darüber gibt es auch hierzulande Einigkeit – wieso ist diese Einschränkung hinnehmbar, der Bau des Turmes aber geboten? Und drittens ist es die Chance, anders als in Deutschland sich darüber klar zu werden, wie man mit Bestrebungen umgeht, die ganz offensichtlich darauf gerichtet sind, nicht nur den Glauben zu leben, sondern religiöse Landmarks zu setzen (wie etwa beim 100-Moscheen-Programm der Ahmadija-Gemeinschaft).

Und schließlich dürften sich die Schweizer nach diesem Referendum wieder einmal darin bestätigt sehen, wie gut es ist, nicht in der Europäischen Union zu sein, denn als EU-Mitglied dürfte die alpenländische Kantonsbruderschaft schlichtweg nicht so abstimmen, wie sie abgestimmt hat. Mindestens ein halbes Dutzend Chartas und Konventionen verbieten das. Die EU widerum kann sich auch freuen, dass des Tells Nachfahren noch nicht nach Brüssel wollen: So muss sich Jose Manuel Barroso nicht den Kopf darüber zerbrechen, ob er zwischen St.Gallen und Genf nun die Zwangsverwaltung des EU-Sternenbanners anordnen muss.

PS: In einem Land, in dem Kruzifixe abgehängt werden müssen, wenn auch nur einer es will, sollte man mehr Verständnis dafür erwarten können, dass weithin sichtbare Religionszeichen nicht neu gebaut werden dürfen, wenn die Mehrheit es nicht will.

Die DDR als Zettelkasten

November 29, 2009

Die weitgehende Verengung der DDR-Aufarbeitung auf die IM-Debatte arbeitet auch der Linkspartei in die Hände. Zwar ist es gut, richtig und unumgänglich, den Stasi-Blindpunkten in den Biographien nachzugehen, wie dies derzeit in Brandenburg geschieht, aber hier kommt eben nur die halbe Wahrheit zu Tage.

 Nun ist unter rechtstaatlichen Gesichtspunkten verständlich, dass die Unterschrift auf einer Registrierkarte eine der wenigen verlässlichen Möglichkeiten ist, Auskunft über die Rolle eines Menschen im Machtsystem der DDR zu erhalten, es gibt aber auch genug „Zeitgenossen“, bei denen man sich nur den Lebenslauf ansehen muss, um zu wissen, woran man ist oder ehedem war. Manch einer war eben nur „Lehrer“ oder „Vorarbeiter“, Gewerkschaftsfunktionär im FDGB oder Mitglied der „Hausgemeinschaftsleitung (HGL)“ und hat doch anderen das Leben zur Hölle gemacht. Wer keine „Karteikarte“ in Mielkes Zettelkasten hat, bleibt nicht nur ungeschoren, es gibt auch keinen Ansatzpunkt für eine breitere gesellschaftliche Debatte über die kleinen Portionen „System“, die sich DDR-Bürger mitunter gegenseitig einschenkten – wenn sie Fahnen aus dem Fenster hängten, Beurteilungen schrieben oder sich schlicht auf Kosten Dritter den Rücken freihielten.

Die SED-PDS-Linkspartei hat von Anfang an ein Trotz-Milieu-Gefühl bedient und kultiviert, dass gerade nicht auf die selbstkritische Hinterfragung der DDR-Wirklichkeit abzielte, sondern den Eindruck erweckte, es gebe die Berechtigung, relevante Teile des verflossenen Staatswesens in die feindliche bundesdeutsche Realität hinüber zu retten. Diese Gefühls-Melange ist über weite Strecken das tragende Moment dieser Partei geworden, da mit dem Ende der DDR jedes programmatische Alleinstellungsmerkmal der SED im Parteienspektrum (Vergesellschaftung der Produktionsmittel und Diktatur der Partei neuen Typs etc.) erlosch. Dass Honeckers Truppe unter anderem Namen dennoch weitermachte, ist der – zugegebenermaßen beeindruckenden – Abgebrühtheit und Abgezocktheit einer Führungsspitze geschuldet, die dieses nostalgische Lebensgefühl teilte und als tragfähiges Konzept für eine Karriere im neuen System erkannte.

Da sich in der Stasi-Debatte letztlich kein positiver Aspekt der IM-Tätigkeit fnden ließ, kam auch die SED-PDS-Linke nicht umhin, das verdeckte Bespitzeln von Mitmenschen zumindest meldepflichtig zu machen. Bei der restlichen Auseinandersetzung mit dem DDR-Alltag wurde und wird die Milieu-Partei Ost aber weitgehend in Ruhe gelassen. Übrigens auch, weil den meisten West-Menschen das Terrain zu heikel ist und der Verweis darauf, man sei schließlich nicht dabei gewesen und könne sich gar kein Urteil erlauben, unangenehme Debatten rasch beendet.

Die vielfach auch von der Linken selbst ins Feld geführte, vermeintliche „gesellschaftstherapeutische“ Funktion der Linkspartei, größere Gruppen von DDR-Bürgern friedlich in die Bundesrepublik mitgenommen und integriert zu haben, führt deshalb in die Irre. Bis heute führt die Partei eher das alte Anti-BRD- und Anti-Kapitalismus-Ressentiment aus dem Parteilehrjahr mit im Gepäck, als dass sie ihren Anhängern bei der verständnisvollen Eingliederung in die frei Welt des Kapitals und der bürgerlichen Rechte behilflich wäre.

Wirklich abstoßend wir die Szenerie allerdings, wenn man mit ansehen muss, wie virtuos Parteispitze und Vordenker auf der Klaviatur von Gefühl und Erkenntnis spielen. So gibt die parteinahe Rosa-Luxemburg-Stiftung unumwunden zu, dass „Staatssozialismus in der Moderne nicht überlebensfähig ist“ (Michael Brie, Heinz Vietze). Im Klartext: Di DDR hatte nie eine Überlebenschance. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass mit Stalins Sieg im Zweiten Weltkrieg die Ausdehnung des Sowjetsystems auf die Satelliten-Staaten historisch erklärbar, plausibel und in gewisser Weise alternativlos war, was ja durchaus nachvollziehbar ist. Nur stellt die Linke eben die historische Verständnis-These immer wieder deutlich heraus, während sie das Untauglichkeits-Postulat nur auf Nachfrage bestätigt.

Dass man sich in so einem Milieu nicht mehr so genau daran erinnern kann, ob man nun eine Verpflichtungserklärung unterschrieben hat oder nicht, wie dies bei den jüngsten Stasi-Fällen in Brandenburg der Fall war, ist dann fast schon wieder verständlich.

Schönbohms Stilkritik II

November 26, 2009

Es mag ja sein, dass der gute Geschmack in Kleidung und Styling in den Neuen Ländern nicht gerade erfunden wurde. Man muss der Gerechtigkeit halber aber auch erwähnen, dass sich die Alten Bundesländer mit der Einführung von Deko-Utensilien als freie Handelsware hinreichend gerächt haben. So gesehen ist die ost-prototypische Chantal Schulze aus Sadow-Masow Ausbau im Grunde quitt mit Deko-Fee Tine Wittler aus Hamburg.

Dem Vernehmen nach, soll bei der Klimakonferenz in Kopenhagen auch über die Einbeziehung von überflüssigen Sofa-Kissen, Leuchtern und Duftgestecken in den internationalen Handel mit Vermutzungszertifikaten geredet werden. Nicht nur die Amerikaner müssen sich hier noch deutlich bewegen…

Der Fall Brender

November 26, 2009

Die von Polit-Klüngeln betriebene Ablösung des ZDF-Chefredakteurs schlägt hohe Wellen. Lässt man einmal die rituelle Empörung darüber beiseite, dass es die Union ist, die Nikolaus Brender weghaben will (wenn die SPD ihre Personalien durchboxte, wäre es schließlich keinen Deut besser) und dass ausgerechnet der Unsympath Roland Koch das Wort führt, so bleiben vor allem zwei Ärgernisse: Erstens, dass es bei der ganzen Debatte nicht um die Qualität von Brenders Amtsführung geht, obwohl nur dies das Kriterium für Vertragsverlängerung oder Auslaufen desselben sein kann. Und zweitens, dass Spitzenpersonalien im „öffentlich-rechlichen“ Rundfunk eben nicht öffentlich verhandelt werden.

Man mag den Einfluss der Politik auf die großen Anstalten beklagen, aber wenn das Konstrukt so ist, wie es ist, hat Roland Koch gefälligst öffentlich klar und nachvollziehbar die Missstände zu benennen, die Brender womöglich zu verantworten hat. In Hinterzimmern missliebige Nasen wegzukegeln geht nicht.

Der Klimawandel und warum wir daran schuld sind

November 25, 2009

Wenn man in einer Höhle sitzt und die Decke Risse zeigt, sollte man sie abstützen. Es kann sein, dass sie doch nicht einstürzt, dann war die Mühe umsonst. Es kann sein, dass sie trotzdem abstürzt, dann hat man halt Pech. Aber zu warten, bis man sicher ist, dass einem der Himmel auf den Kopf fällt, ist mit Abstand die schlechteste Variante.

Dass sich das Klima verändert (erwärmt), ist unumstritten. Fraglich ist allerdings, ob der Mensch dies tatsächlich mit seinem Kohlendioxid-Ausstoß verursacht. Klare Mess-Reihen, die eine Parallele zeigen zwischen CO2-Ausstoß und Erwärmung gibt es bislang noch nicht, zumindest sind die Modelle diskussionswürdig. Die vorhandenen Berechnungen setzen sich zudem aus so vielen verschiedenen Annahmen zusammen, die jede mit einer gewissen Unschärfe und Fehlerstreuung behaftet sind, dass die Hochrechnung all dieser Prognosen eine Fehlertoleranz aufweist, die es eher zweifelhaft erscheinen lässt, ob mit all dem Material verlässlich operiert werden kann. Und ob mit den jetzt in Verhandlung stehenden Maßnahmen überhaupt eine Begrenzung der Erwärmung auf zwei Grad Celsius zu schaffen ist.

Wer aber jetzt alle denkbaren Akteure an einen Tisch kriegen und zumindest vorsorglich versuchen will, das Klima zu retten falls es denn tatsächlich auf unseren Lebenswandel reagiert, der kommt nicht umhin, die menschenverursachte Klimakatastrophe zu prognostizieren. Andernfalls wäre Kopenhagen von vornherein vergeudete Zeit. Ansonsten gilt die Höhlen-Regel: Wenn die Katastrophe nicht kommt, um so besser. Wenn sie dank der Klimakonferenz ausfällt oder nicht ganz so schlimm wird, auch gut. Wenn sie trotzdem kommt, haben wir halt Pech gehabt. Es aber gar nicht erst versucht zu haben, wäre fahrlässig.

Die Linke und die Stasi

November 25, 2009

Nur, um es einmal sorgfältig aufzuschreiben: Die Fraktionschefin der Brandenburger Linken, Kerstin Kaiser, war ehedem IM. Der Landesvorsitzende der Brandenburger Linken, Thomas Nord, war IM. Landtagsvizepräsidentin Gerlinde Stobrawa wird zwar als IM „Marisa“ geführt, wusste davon aber nichts und hat auch niemandem geschadet… Zwei weitere Mitglieder der Links-Fraktion waren ebenfalls  IM.  Und nun kommt auch noch frank und fröhlich Gerd-Rüdiger Hoffmann um die Ecke und hat völlig vergessen, dass er auch als IM unterschrieben hatte. Für wie blöd sollen wir hier eigentlich verkauft werden!

Zwanzig Jahre lang zerrauft sich dieses Land über das Thema Stasi, zwanzig Jahre ringt sogar die SED-PDS-Linke selbst mit dem Thema und sich am Ende dazu durch, dass – naja, also, ehm – es nicht so gut war – hüstel – und man es auch als Linksgenosse zumindest sagen muss. Erst danach kann man auf viel Verständnis in den eigenen Reihen hoffen wegen der historischen Umstände, des Kalten Krieges und der historischen Mission der Arbeiterklasse. Fünf von 26 Links-Abgeordneten in Brandenburg waren IM. Wobei noch nicht einmal die Rede davon ist, was sie berichtet haben, von der schmutzigen Wäsche der Komilitonen (Kaiser) oder den verratenen Fluchtplänen (Nord). Ein  Fünftel der Fraktion! So hoch lag nicht einmal die Quote der SED-Mitglieder in der DDR (2,3 Millionen von 17 Millionen), von den Stasi-Mitarbeitern ganz zu schweigen.

Es gibt mit ihm keinen Schlussstrich, hat Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) zum Thema Linkspartei gesagt. Da hat er recht. Es ist ein lupenreiner Neubeginn. Ein Fünftel Stasi in der Fraktion ist nicht die Integration und Mitnahme ehemals systemnaher oder mitlaufender Ostdeutscher. Es ist erst recht keine linke Volkspartei, der die soziale Gerechtigkeit in der Bundesrepublik am Herzen liegt. Es ist einfach die Rückkehr der DDR-Nomenklatura mit anderen Mitteln. Und so lasst uns denn das Glas erheben auf den 20. Jahrestag des Mauerfalls, denn ohne ihn hätten diese Kameraden nicht einmal das Wenige dazugelernt, was sie gelernt haben. Und weglaufen könnte man auch nicht. Nicht auszudenken, wenn all die Alt-Kader heute nicht so gut mit Mandaten integriert wären und statt dessen womöglich normaler Arbeit nachgehen müssten!

Lieber liberal

November 25, 2009

Eine Lehre aus der Krise besteht darin, Unternehmen mit bedrohlicher „Konkurs-Masse“ nicht zu rasch und eilfertig zu Hilfe zu kommen. Nach gut einem Jahr Krise ist unübersehbar, wie gut sich gerade große Firmen in dem Umstand eingerichtet haben, dass man sie schon nicht pleitegehen lassen wird. Spätestens ab 10 000 Arbeitslosen, wird staatlich geholfen. Die rituellen Erklärungen des neuen Wirtschaftsministers Rainer Brüderle, GM werde keine neuen Gelder von der Bundesregierung bekommen, sind im Grunde der inzwischen nicht mehr glaubwürdige Versuch, den Druck auf die Eigentümer möglichst lange aufrecht zu erhalten. Nur dass das Agieren in der Krise zuvor, diesen Drohungen die Bedrohlichkeit genommen hat.

Wer heute GM stärker in die Pflicht nehmen will, hätte von Anfang an in der Krise nicht so willig den populistischen Rufen nach allseitiger Rettung für alle und jeden folgen dürfen und zunächst auf die Kräfte des Marktes verweisen müssen. Das hätte damals als kalt und neoliberal gegolten und die Kanzlerin am Ende womöglich gar ihren Job gekostet. Nur dass es eben durch die Härte gegenüber der Wirtschaft dem Steuerzahler vermutlich auch Milliarden gespart hätte, die auf wenige wirklich akute Fälle hätten konzentriert oder zur Abfederung der Krisenfolgen für die Beschäftigten genutzt werden können. So schlägt neoliberal beargwöhnte Wirtschaftspolitik mitunter in sozialstaatliche Effizienz um, während die rasche Hilfe von Herbst 2008 und Frühjahr 2009 inzwischen längst vergessen ist.

Der Gipfel der Heuchelei ist allerdings erreicht, wenn jene, die ehedem „Opel darf nicht sterben“ skandierten, heute der Kanzlerin das Scheitern des Magna-Deals vorwerfen. Merkel hat sich damals der verbreiteten Stimmung gebeugt und Opel um jeden Preis retten wollen. Dafür nun von dem gleichen Volk gescholten zu werden, dem sie damals mit ihrem Populismus folgte, ist gleichermaßen verlogen wie bitter. Und sollte auch eine Lektion für Angela Merkel sein: Manchmal ist es doch besser seinem eigenen Kompass zu folgen als den Stimmungen der anderen. Ob man dafür gewählt wird, ist freilich eine ganz andere Frage.

Schönbohm und der Osten

November 22, 2009

Man sollte es sich nicht zu leicht machen mit Jörg Schönbohms Thesen zum Osten. Natürlich kann man darüber streiten, ob grelle Haartönungen, schrille Applikationen bei der Kleidung oder geschmackloser Beleuchtungswahn in der Weihnachtszeit ein Vorrecht Ostdeutscher ist oder nicht vielmehr ein Phänomen gesamtdeutscher Kleingeister.

Es gibt aber einen Kern an Schönbohms Sicht, den man akzeptieren muss, auch wenn man ihn nicht teilt: Schönbohms penetrante Interventionen sind Zeugnis der Enttäuschung darüber, dass im Osten keine breite Bewegung zurückfindet auf den Pfad der Bürgerlichkeit, der in der DDR unbestreitbar und bewusst verlassen wurde. Schönbohm und seine Familie gingen in den 50er Jahren in Westen, weil Unfreiheit und Indoktrination für sie unerträglich wurden. Die Entchristlichung, die in der DDR aktiv betrieben wurde, ist dabei nur ein Phänomen. Die Abkehr von Latein (statt dessen Russisch) in der sozialistischen Schule zog direkt die Degradierung der griechisch-römischen Klassik nach sich. In der Geschichte wurde alles zum interessanten aber letztlich doch geistig begrenzten Durchgangsstadium erklärt, was vor der „Bewusstwerdung des Proletariats“ für seine historische Rolle stattgefunden hatte. Der Bildungsbürger mit seinem humanistischen Ideal von Freiheit und Demokratie galt als blind für die letzte und einzige Konsequenz der Geschichte, den Arbeiter-und-Bauern-Staat unter der Führung der Partei neuen Typs, wo all der volksverdummende Ballast wie Religion und Hochkultur zurückblieben hinter wissenschaftler Weltanschauung und sozialistischem Realismus. Man kann durchaus konstatieren, dass in der alten DDR Eliten (etwa der technischen, medizinischen oder naturwissenschaftlichen Intelligenz) entstanden, die in Schönbohms Sinne weitgehend „entbürgerlicht“ sind, die Religion nicht mehr als natürlichen Bestandteil ihrer Wertewelt empfinden, nicht nach selbstbewusster Gestaltung ihrer Gemeinwesen streben, sondern kleine, sichere Existenzen anstreben. Man wird dies gemeinhin als „andere“ Lebensauffassung verstehen, Schönbohm sieht es als bürgerlichen Abstieg, als „Proletarisierung“.

Schönbohms Ernüchterung besteht darin, dass der Osten nicht mit wehenden Fahnen erleichtert aufatmet und zurückkehrt auf den bildungsbürgerlichen Pfad, sondern mit einem gewissen Trotz den Stolz auf die eigene Sozialisation hochhält. Ein Umstand, der übrigens auch die West-Linke ziemlich frustriert hat, weil alle Studien einen Ost-Deutschen zeigen, der mehrheitlich einen starken, autoritären Staat bevorzugt, der hart gegen Kriminelle durchgreift und keine langen parlamentarischen Palaver veranstaltet. Die Autorität der westlichen Demokratie sinkt in den neuen Ländern mit der Dauer demokratischer Entscheidungsprozesse und mit der Toleranz gegenüber Normabweichlern. Schönbohm dagegen frustriert, dass viele Ostdeutsche heute Freiheit eher geringschätzen und soziale Absicherung in wärmender Gemeinschaft für wichtiger halten.

40 Jahre Sondersozialisation (eine Generation lang) haben ihre Spuren hinterlassen und zwingen Schönbohm zu der bitteren Erkenntnis, dass viele jene Lebenswelt (notgedrungen) angenommen haben, aus der er floh. Das macht seine Flucht und seine Entwurzelung gnadenlos entgültig und erschüttert sein Menschenbild.

Heuchelei als Lebensweise

November 21, 2009

Nach der Einigung der EU-Staaten auf das neue Spitzenpersonal ist die Kritik nahezu einhellig: kraftlose, profillose Gestalten, wo starke Persönlichkeiten das geeinte Europa mutig anführen müssten. Das ist – mit Verlaub – die reinste Heuchelei. Man kann sie ganz leicht im Selbsttest enttarnen, indem man sich die missliebigste europäische Führungsgestalt als „kraftvollen“ Frontmenschen in Brüssel vorstellt. Wer von all den Kritikern möchte Silvio Berlusconi als EU-Präsidenten? Wo sind die Stimmen für den neoliberalen Gordon Brown oder den selbstdarstellenden Durchregierer Nicolas Sarkozy? Sich nur Idealfiguren auf den neuen Chefsesseln vorzustellen, hat mit der realpolitischen Praxis nichts zu tun.

Die Heuchelei beginnt allerdings bereits bei der Schaffung solcher Zentral-Posten, die eine Vision vom starken geeinten Europa verkörpern. Wären wir ehrlich, müssten wir zugeben, dass wir kein geeintes Europa sind und es auch gar nicht wollen. Deshalb schaffen wir kraftvolle Posten und besetzen sie mit politischen Schwächlingen. Gerade wir Deutsche sollten uns über diese Methode nicht mokieren, wir haben den Selbstbetrug auf verschiedenen Ebenen geradezu zur Lebensweise erhoben: Wir fordern mehrheitlich den starken Staat, der für uns in allen Lebenslagen einspringen soll, möchten ihn aber nicht mit unseren Steuern auskömmlich finanzieren und feilschen mit dem Finanzamt, dass bis die Anlage N verblasst. Wir sind Umfragen zufolge mehrheitlich für Tempolimit auf Autobahnen, ist man auf der Autobahn unterwegs, trifft man aber keinen von der limitierten Mehrheit, weil alle vor sich hin rasen. 90 Prozent der Frauen studieren sozialwissenschaftliche, philologische Fächer, Sprachen oder Kunst und beschweren sich aber später darüber, dass die Vorstände im deutschen Maschinenbau nicht zur Hälfte mit Frauen besetzt sind.

Kurz: Wir kultivieren ein gesamtgesellschaftliches Anspruchsprofil, zu dem wir durch unsere individuelle Lebensweise aber keine Beiträge leisten wollen.