Archive for September 2010

Blender Mainstreaming

September 28, 2010

Manchmal ist da wieder diese Urangst. Andere träumen davon, nackt in der Fußgängerzone zu stehen und nicht fortzukommen. Ich sehe mich in der DDR-Schule sitzen. Wie die Lehrerin auf und ab geht und sich die Mädchen umgedreht haben: „Warum willst du der Gesellschaft nichts zurückgeben?“, fragt die Frau, die eigentlich für Deutsch zuständig ist, jetzt aber klären will, warum alle anderen Jungs als Unteroffiziere auf Zeit zur Nationalen Volksarmee gehen nur ich nicht. „Oder willst du etwa den Sozialismus nicht verteidigen?!“

Die einzige Strategie dagegen war Schweigen. Einfach nichts sagen, dasitzen wie ein menschenunwürdiger Pudel, aber eben auch nicht zustimmen. Irgendwann würde es klingeln, und man konnte rausrennen in die Straßen mit den Fahnen und den Spruchbändern, wo manche, die genauso dachten, zur Selbstverteidigung in den Hetzchor einstimmten oder einfach nur schwiegen, um nicht selbst in die Schusslinie zu kommen. Bis zur nächsten „Mitgliederversammlung“ oder dem Treffen mit Offizieren der Paten-Kaserne.

Nein, ganz so schlimm ist es heute nicht, und doch frage ich mich machmal, wie in all der Freiheit dieser Gleichschritt der Meinungen durch den Alltag marschiert, der einen wieder zum Außenseiter macht, wenn man zweifelt, dass die Mehrheit recht hat. Ein harmloses und doch bezeichnendes Beispiel ist das Dosenpfand. Dabei ist das Interessanteste an der 2003 eingeführten Abgabe in Deutschland noch nicht einmal die absurde Logik, wonach eine missliebige Verpackung in Abhängigkeit vom Inhalt zurückgebracht werden muss oder weggeworfen werden kann. Das Exemplarische des Dosenpfands liegt im nicht zu durchbrechenden Konsens aller Gutmeinenden es einzuführen. Angesichts des zwanzigsten Tages der Einheit ein schöner Anlass, sich Gedanken über die Bildung der öffentlichen Meinung damals und heute zu machen.

Dass gegen die rasante Verbreitung von Einwegverpackungen etwas unternommen werden müsse, war vor der Einführung breiter Konsens. Die heutige Kanzlerin hatte in ihrer Zeit als Umweltministerin ebenfalls damit  geliebäugelt und gedroht. Die öffentliche Debatte drehte sich im Vorfeld nahezu ausschließlich um Pro oder Contra Dosenpfand. Über die Tauglichkeit des Instruments wurde nicht gestritten. Der Autor dieser Zeilen hat die Frustration noch gut in Erinnerung, wie einsam und als gestrig belächelt man damals beiseite geschoben wurde, wenn man auf die schlichte Logik hinwies, dass ein Pfand zum Zurückbringen hinterlegt wird, nicht zum Abschrecken oder Vermeiden. Andernfalls hätte die klassische Bierflasche ja seit Jahrzehnten unter Akzeptanzproblemen leiden müssen. Heute hat Deutschland die höchste Einwegquote der Nachkriegsgeschichte, die Metalldose feiert gerade ihren Wiedereinzug in die Ladenregale, und die bepfandeten PET-Flaschen werden nach der pflichtgemäßen Rückgabe meist sofort geschreddert. Ein milliardenteurer Unfug für den Einzelhandel und ein umweltpolitischer Rückschlag erster Güte.

Beispielhaft an diesem Vorgang ist der Mainstream-Meinungsmechanismus dahinter. Unter maßgeblicher, wenn nicht gar entscheidender Mitwirkung der Medien entstehen unter den Bedingungen einer freien Gesellschaft Meinungsblasen durch Mehrheiten, die von tiefergehender Sachkenntnis nicht mehr anzufechten sind. Die Liste solcher Effekte ist lang und eindrucksvoll. So verfestigte sich Anfang des Jahrtausends auf diffuse Weise der Eindruck, dass Internet irgendwie wichtig und die Zukunft sei. Das Ergebnis dieser in der Breite (und auch in den Spitzen von Medien und Wirtschaft) eher unreflektierten Euphorie war die New-Economy-Blase. Web 2.0 und „Second Life“ wurden als der Trend schlechthin ausgerufen und skeptische Nachfragen als Ausweis der Zugehörigkeit zu einer absterbenden „Nutzer-Kohorte“ disqualifiziert.

Der „Early Adopter“, der rasch alles Neue annimmt, ist nicht mehr nur eine neutrale Charakterbeschreibung jugendlicher Unbekümmertheit im Umgang mit Computern, Handys und anderem Digital-Gerät, sondern ein Positiv-Prädikat für zügiges Mitlaufen im mehrheitlichen Meinungsstrom. Nach dem gleichen Schema gilt heute die Gemeinschaftsschule als Ultimo der Bildungsmoderne – unabhängig von Rahmenbedingungen und Ausstattung. Die Liberalisierung von Ladenöffnungszeiten (von Medienleuten maßgeblich betrieben und druckvoll unterstützt) und die allgemeine Flexibilisierung der Arbeitswelt führen dazu, dass trotz vorhandener Einkommen Familienleben in immer weiteren Kreisen kaum noch zu organisieren ist und der staatliche Reparaturbetrieb Schule mit den Folgen schon lange nicht mehr klarkommt.

Trotzdem ist gegen den Mahlstrom vermeintlicher Modernität nicht anzukommen. Die „Schere zwischen Arm und Reich“ öffnet sich hierzulande seit Jahren, und es geht inzwischen sogar so weit, dass die Potsdamer Stadtverwaltung den Zuzug von Wohlhabenden als Problem beschreibt: Weil die Schere zwischen Arm und Reich sich damit weiter öffnet. Und niemand schreit auf gegen diesen Wahnsinn! Statistisch ist das richtig, in der Realität aber ändert sich für Arme nichts, außer, dass mehr Steuern reinkommen.

Femi-Sprech hat sich weitgehend durchgesetzt, obwohl im Grunde jeder weiß, dass der Satz „Frauen sind die besseren Autofahrer“ nur in dieser politisch unkorrekten Form funktioniert, weil das grammatikalische Geschlecht mit dem biologischen im Deutschen eben nicht deckungsgleich ist. Dass die derzeitige Praxis der Rentenberechnung die ostdeutschen Ruhegeldempfänger bis heute bevorteilt (wegen der künstlichen Hochrechnung der Bezüge), kann gegen den Slogan von der „Angleichung der Ostrenten“ nicht konkurrieren. In der Sarrazin-Debatte brach sich in der deutschen Medienlandschaft ein weitgehend argumentfreier Empörungsstrom bahn, obwohl nahezu alle Statistiken und wissenschaftlichen Ansätze des Noch-Bundesbankers kritischer Überprüfung standhielten. Dahinter steht ganz offensichtlich ein Weltbild von Positiv-Pädagogik, nach dem einzelne gesellschaftliche Gruppen in ihrer Problemhaftigkeit nicht benannt werden dürfen, weil sie sonst zornig werden. Selbst wenn die Fakten zutreffen.

Besieht man sich das Muster dieser völlig freien Bildung von Meinungs-Haufenwolken, so ist es ein grandioses Plädoyer für die repräsentative Demokratie: Sie sollte die großen Meinungsströme der Gesellschaft aufnehmen und mit Hilfe des Weitblicks wissenschaftlicher und anderer Eliten darüber hinaus gehen, um schließlich werbend mit den besten Lösungen in die Gesellschaft zurück zu wirken. Zu beobachten ist gegenwärtig ein eher gegenläufiger Trend der populären (und populistischen) Abgabe gestalterischer Verantwortung durch möglichst niederschwellige Bürgerbeteiligung in Form „direkter Demokratie“ und stimmungsgetriebener Standpunkt-Flexibilität (siehe „Stuttgart 21“) nach dem Motto: Wenn ich auf dem Standpunkt des politischen Gegners stehe, hat er keinen mehr. Und meinen behalte ich trotzdem. Ein Kapitän, der immer vor dem Wind segelt, kommt auch irgendwann an. Irgendwo.

Und irgendwann steht man nackt in der Fußgängerzone und kann nicht mehr fliehen. Im Vergleich zum Klassenzimmer in der DDR ist das immerhin schon ein kleiner Fortschritt.

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Neue Tarifrunde um Hartz IV

September 27, 2010

Soviel, dass die Opposition nicht empört gewesen wäre, hätte die Bundesregierung gar nicht drauflegen können auf die Hartz IV-Sätze. Als im Vorfeld der Entscheidung von 20 Euro mehr die Rede war, gab es schon Proteste, und weil das Gesamtpaket auch noch durch den Bundesrat muss, wäre es geradezu töricht gewesen, mit massiven Zuschlägen in die Verhandlungen zu gehen.

Verblüffend ist aber vor allem, dass nach all den Jahren ein grundlegendes Missverständnis nicht auszuräumen ist: Hartz IV ist kein Einkommen für arme Menschen, dass nach Vorbild von Tarifverhandlungen stufenweise erhöht werden könnte. Es ist ein Notbehelf, damit man in schwierigen Lebenslagen nicht ins Bodenlose fällt. Der Vorwurf, man könne von Hartz IV nicht leben ist so abwegig wie die Beschwerde, das Sicherungsseil beim Bergsteigen sei nicht komfortabel. Man soll von Hartz IV auch nicht leben.

Wer das will, muss ein neues Instrument zur dauerhaften Alimentierung Arbeitsloser schaffen. Wer so herangeht, kann konsequenterweise kein anderes Ziel verfolgen, als mit Sozialtransfers ein einigermaßen auskömmliches, möglichst angenehmes Leben mit sozialer und kultureller Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Eine Idee, die es ums Herz warm werden lässt, die aber ihre eigene Unmöglichkeit bereits in sich trägt: Alles, was über reine Nothilfe hinausgeht, müsste eine positive (zudem bevormundende) Definition von „auskömmlichem Leben“ bieten und damit eine Anspruchsspirale ohne Ende mit immer neuen einklagbaren Wünschen in Gang setzen. Auch wenn man HRE-Bankern kein Geld nachwirft, kann man aus Gründen der Systemlogik keinen staatlichen Einkommensersatz zahlen.

 Das Erschreckende an dieser irrealen Art von Sozialstaatsdenken, ist die Tatsache, dass offenbar völlig in Vergessenheit geraten ist, dass jeder Lebensstandard konditioniert ist. Ein System, bei dem jeder darauf besteht, erst zu essen und dann zur Jagd zu gehen, kann nicht funktionieren. Und noch etwas ist alarmierend: Die radikale Individualisierung der Ansprüche und die ebenso radikale Forderung nach kollektiver Erfüllung. Wer HartzIV-Empfängern mehr Geld geben will, muss bereit sein, mehr Arbeitslosenbeitrag und Einkommenssteuer zu zahlen. Wer Pflegekräften mehr Einkommen wünscht, darf bei den eigenen Beiträgen nicht knausern, und wem die Mini-Saläre von Friseurinnen moralische Schmerzen verursachen, sollte nicht aus Sparsamkeit auf die Haarwäsche verzichten. „Diese reiche Gesellschaft…“ ist in solchen Fällen immer zu hören. Die reiche Gesellschaft sind immer die anderen.

Gut gemeinter Unsinn

September 23, 2010

Gut gemeinter Unsinn ist nicht zu stoppen. Erst, wenn er sich selbst widerlegt hat, greift Einsicht in der Breite. Wenn Unfug nur einem guten Ziel dient, ist mit logischen Einwänden und sachlicher Kritik nichts zu machen. Siehe auch: Sozialismus, Dosenpfand, reformpädagogische Experimente…

Unreflektierte Reflexe

September 22, 2010

In der Sarrazin-Debatte treffen wir einen altbekannten Reflex wieder: Die Welt soll so nicht sein, wie Sarrazin sie beschreibt. Man kann aber auch nicht ausschließen, dass sie so ist und weigert sich sicherheitshalber, darüber nachzudenken.

Ein Gutes hat die Sache immerhin: Der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), der bislang als Migrationsrambo galt und in seiner Partei durchaus auch angefochten war, hat nun den ehrenden Ritterschlag des allseits akzeptierten Fachmanns bekommen. Schließlich lässt sich das Problem ja nicht leugnen, nur möchte der Mainstream eben nicht auf Seiten Sarrazins stehen. Noch vor einem Jahr wusste Berlins Regierender Bürgermeister zu verhindern, dass Buschkowsky vor dem Innenausschuss des Abgeordnetenhauses gehört wurde, nun wird er Gast-Redner beim SPD-Parteitag. Es gilt das Vorletzten-Prinzip: Nieder mit Sarrazin, es lebe Buschkowsky. Bis der Nächste kommt.

Die Konservativen aus der Konserve locken

September 21, 2010

Die Debatte um die Konservativen in der Union und die konservativen Inhalte kommt so regelmäßig und wird so diffus geführt, wie die Diskussion um das Verhältnis der SPD zur Linkspartei. Das hat vor allem drei Gründe.

 Erstens, die Konservativen.

Es ist schon ein wenig ärmlich und erbärmlich, wenn eine Strömung innerhalb einer Partei sich darüber beschwert, dass sie „vernachlässigt“ werde. Noch dazu, wenn es die Konservativen in einer konservativen Partei sind. In der Politik wird man nicht von Mitbewerbern oder Parteifreunden gepflegt und gefördert, sondern man stellt sich selbst in den Ring. Die Konservativen in der Union melden sich nicht zu Wort, sind weder zu hören noch zu sehen, und wenn sie sich melden, fordern sie mehr „konservatives Profil“. „Profil“ ist ein Abstraktum: Was soll es bedeuten? Profil bildet sich an Standpunkten und Wortmeldungen. Das müssen die Konservativen schon selbst erledigen. Oder soll die Kanzlerin ihnen vielleicht ein Thesenpapier entwerfen und vorlegen? Als sich zuletzt im Januar vier Mutige Konservative vorwagten (interessanterweise drei von ihnen aus den neuen Ländern) hatten eigentlich viel mehr Unterzeichner ihre Signatur versprochen. Nur wer aus Angst um das eigene Fortkommen unter der liberalen Parteichefin sich den Mund zuhält, sollte dann nicht irgendwelche Profile fordern, die er selbst schärfen müsste.

PS: Der Verweis auf eine Teilmobilmachung Polens mit geschichtsklitterndem Hintersinn hat übrigens nichts, aber auch gar nichts mit Konservatismus zu tun. Da hat die liebe Frau Steinbach geschickt das Schlachtfeld gewechselt.

 Zweitens, der Konservatismus.

Der konservative Flügel der Union wäre stark, wenn er klare Programmpunkte zu den zentralen Fragen der Agenda entwickeln und vertreten würde. Familie unter Bedingungen einer flexibilisierten Arbeitswelt, Nation innerhalb Europas, Bildung im Zeitalter libertinärer Reformpädagogik-Experimente, innere Sicherheit zwischen Polizeipräsenz und elektronischer Überwachung, Religion und Gesellschaft, Grenzen des wissenschaftlichen Fortschritts…

Vielleicht liegt es an den Konservativen selbst, vielleicht liegt es an mangelndem Nachwuchs oder an der medialen Fixierung: Wenn heute von Konservatismus die Rede ist, geht es meist um alte Klischees über ihn. Dass diese Gesellschaft in vielen Bereichen einen Lebensstil pflegt, dessen Folgen sie nicht in Kauf nehmen und auf irgendwelche institutionellen Ersatzlösungen abwälzen will, böte genug Raum für eine Übersetzung intelligenten Konservatismus’ in die Jetzt-Zeit. Nur zu sehen und zu Vernehmen ist davon nichts.

 Drittens, die anderen Konservativen.

Die Konservativen haben in Deutschland ein Imgage-Problem: Selbst diejenigen, die einen konservativen Lebenswandel pflegen, wollen sich selbst nicht als konservativ sehen. Vor allem in den Kreativ- und Metropolenmilieus wird heute um ein lebenswertes Familienleben gerungen, wird Überreglementierung kritisiert, Sicherheit gefordert und solide Bildung. Stark werteorientierte Eliten wollen in der Selbstwahrnehmung eher „links“ sein als konservativ. Die Konservativen haben es in ihrer reflexhaften, kämpferischen Abwehr gegen 68er, Illusionäre und Linksalternative versäumt zu vermitteln, dass sie Dinge bewahren wollen, die Linke sich von Veränderungen in der Zukunft versprechen. Ein junger Kreativer, der rund um die Uhr für ein Online-Portal verfügbar sein muss, fordert flexiblere Ladenöffnungszeiten, damit er in seiner knappen Freizeit effizient einkaufen kann. Seiner Tretmühle entgeht er damit nicht, sondern schafft im Einzelhandel die gleiche.

 Fazit: An Konservativen und Konservatismus mangelt es nicht. Nur an solchen, die klar und deutlich vermitteln können, wie modern Konservatismus mitunter ist.

Vergesst die Juden

September 8, 2010

Streit um das „Juden-Gen“, die jüdische Lobby in Washington, darf man Israel kritisieren?, es muss doch erlaubt sein, zu sagen…, Herr Reich-Ranicki, Sie als Jude…, jüdische Vermächtnisse…

Ein Vorschlag zur Güte: Vergesst die Juden!

Seit mehr als 2000 Jahren haben wir, hat der Rest der Welt sich an den Juden abgearbeitet. Ein winziges Volk, das den Gottessohn ermordet haben soll, obwohl die römische Gerichtsbarkeit das letzte Wort hatte, dass für Brunnenvergiftung, Verzehr von Christenkindern, Gier und Schuldwucher verantwortlich gewesen sein soll, für die Schwarze Pest, die Selbstzweifel des Abendlandes und das Elend der Araber. Es ist an der Zeit, die Juden einfach mal in Frieden zu lassen.

Sie sind geschändet, erschlagen und verbrannt worden, industriell vernichtet und mit Kriegen überzogen. Mancher hat sich moralisch saniert und ihnen Denkmäler gesetzt, Klezmer gespielt, Jiddisch gelernt oder Bücher geschrieben über lesbische jüdische Dichterinnen aus dem Chernowitzer Schtetl. Andere sind konvertiert, haben im Kibbuz gearbeitet oder es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Anfängen zu wehren. Wieder andere Rüsten Hilfskonvois aus, kämpfen für einen winzigen Streifen Landes namens Gaza, der der vermeintlich schlimmste Dorn im Fleische der Jetztzeit ist und meinen doch das Land, dass sich seit ein paar Jahrzehnt mühsam drum herum endlich etabliert hat.

Die ganze Welt nimmt sie in Dienst, spricht für sie, stellt sich auf ihre Seite oder auf die andere, arbeitet sich an ihnen ab, testet, wie weit man gehen kann, richtet Raketen auf sie oder steigt mit Sprengstoffgürteln in ihre Busse. Jede Debatte gerät aus den Fugen, wenn sie darin vorkommen, jeder Depp kann mit ihnen die Alarm-Gesellschaft in Wallung und Rage bringen oder seine Weste reinwaschen, wenn er einen zum Freund hat oder seine Großeltern damals einen versteckt hatten. Sie sind schuld am Kapitalismus und waren die ärgsten Protagonisten des Kommunismus, der sie wieder und wieder verfolgt hat. Sie sind die „wurzellosen Kosmopoliten“, die Wechsler, Wucherer, Zinseintreiber oder geistern als versteckter Topos durch deutsche Märchen, wenn Stroh zu Gold gesponnen und ein Königskind geraubt werden soll: Heißest du etwa Hintzenstern?

Lasst sie einfach in Ruhe.

Zweitausend Jahre haben wir sie benutzt nach Strich und faden, fast ausgerottet, missbraucht und denken sie immer noch mit, wenn selbstverliebte Moderatoren mit Koks und Konkubinen erwischt werden und kein „Arschloch“ sein dürfen oder ein genialer Kritiker zum Generalverriss ausholt. Lassen wir die Rechnung derjenigen nicht aufgehen, die sie zu den „Ewigen“ machen wollten. Sie haben sich ein paar hundert Jahre Pause von der Weltbühne verdient und ihr Zentralrat ein wenig Ruhe.

Ich weiß, dass es so einfach nicht geht und höre schon die einen schreien: Das hätten sie wohl gern, dass sie bei sich machen können, was sie wollen, dass wir ihnen nicht mehr auf die Finger schaun….  Und die anderen rufen: Ha, da will sich einer aus der Schuld stehlen, den Mantel des historisierenden Vergessens über alles breiten. Will er  nicht.

Aber wie wär’s, wenn wir sie einfach mal als Menschen nähmen?! Nicht länger als schutzwürdige, verfolgte Sparte, bei der man zusätzlich darauf hinweisen muss, dass es auch nicht in Ordnung ist, Polen, Schwule oder Kommunisten umzubringen. Kritisieren wir Israel oder Netanjahu und schlagen uns endlich all die Semitismen aus dem Kopf, die „Antis-„ und „Philos-„ und was es da noch alles geben mag. Lassen wir das historien-polit-mediale Spotlight einfach mal ein paar Jahre den Lichtkegel auf andere richten. Lassen wir die unseligen Reflexe einfach auswachsen, kümmern uns um Darfur oder die Tschuktschen und werfen die pathologische Fixierung auf David und seinen Stern endlich ins internationale Abklingbecken. Dazu muss man nichts vergessen und verdrängen, nur endlich die Halsstarre aus dem Blick kriegen und die Welt als Kugel sehen, die sich nicht um Palästina dreht.

Ich weiß ja, dass es nichts wird. War nur so eine Idee. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Der strahlende Thilo

September 7, 2010

Es ist schon verblüffend, wie der mediale Herdentrieb reflexartig losbricht, ganz gleich, ob im Fall Sarrazin oder beim Thema Atomenergie. Zu beidem kann man verschiedene Meinungen haben, nur sollte man sich erst einmal mit den Fakten beschäftigen.

Bei der Kernenergie kritisieren die Kommentatoren nahezu durchweg, dass die Energiekonzerne nur ein Drittel der zu erwartenden Gewinne an den Bundeshaushalt abführen müssen. Nun kann man sich über Prozente trefflich streiten, wenn man dieser Logik folgt, wäre eine Verstaatlichung der AKWs die konsequenteste Methode, den maximalen Gewinn abzuschöpfen. Allerdings ist zu bezweifeln, dass die Atom-Kritiker damit zufrieden wäre: Der Staat saniert sich auf Kosten einer riskanten Technologie, würde dann der Vorwurf lauten.

Putzig ist auch die Empörung darüber, dass die Konzerne ihre Abgaben „sogar noch von der Steuer absetzen können“. Das Gegenteil wäre absurd: Geld, dass ein Unternehmen abgibt zu versteuern, obwohl es gar nicht vorhanden ist, wäre ja nun der Gipfel des Irrsinns.

Interessant ist auch zu beobachten, wie Gutachten (zu Recht) in Zweifel gezogen werden, die von Instituten stammen, die der Energiewirtschaft nahestehen. Nur kann man dann nicht Gutachten von Greenpeace oder Öko-Instituten dagegenhalten, ohne sie zu hinterfragen. Und schließlich fehlt in vielen Verrissen die Auseinandersetzung mit der Sache selbst: Wenn die Kernenergie nun länger zur Verfügung steht, muss es im Sinne der ehrgeizigen Klimaziele darum gehen, vor allem Kohlekraftwerke abzuschalten und Akzeptanz für die nötigen Leitungstrassen zu schaffen, die zwingend für den Ausbau der erneuerbaren Energien nötig sind. In Brandenburg regt sich auch dagegen Widerstand.

Was all das mit Thilo Sarrazin zu tun hat? Wer die Debatte gerade auch unter Wissenschaftlern zu Sarrazins Thesen verfolgt hat, konnte in der F.A.Z. vom Mittwoch (7. September) eine Rehabilitation erster Klasse für den „biologistischen“ Teil des Buches nachlesen. Nimmt man alles zusammen, so bleibt an der allgemeinen Kritik vor allem der konfrontative Tonfall. In beiden Fällen stößt das gefühlte Weltbild bestimmter Kreise mit einer Überdosis Realität zusammen. Man darf also gespannt sein, mit welcher Begründung Sarrazin aus der SPD ausgeschlossen und von der Bundesbank suspendiert werden wird.

Fieses Frauen-Fernsehen

September 6, 2010

Früher habe ich öfter darüber nachgedacht, ob es womöglich besser wäre, ein Mädchen zu sein. Eine Folge der ehedem beliebten Kindersendung „Die Rappelkiste“, in der eine realistische Geburt gezeigt wurde, hat mich dann aber doch nachhaltig mit meinem Geburtsgeschlecht versöhnt – so sehr, dass ich zu dem Schluss kam, man könne den Wehrdienst eher in Kauf nehmen als eine Niederkunft. Der Grundwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee hat mich dann allerdings zu einer grundlegenden Korrektur dieses Standpunktes bewogen.

 Nun sind neue Indizien aufgetaucht, die ebenfalls die Vorzüge des Weiblichen hervorheben. So berichtet der Berliner „Tagesspiegel“ auf seiner Medienseite zum Beispiel darüber, dass deutsche TV-Serien zu wenig Vorbilder von Frauen in technischen Berufen zeigten, weshalb die Mädels in diesen Fachrichtungen noch immer unterrepräsentiert seien. Das hat die Berliner Medienwissenschaftlerin Marion Esch herausgefunden, als sie 2500 Frauen befragte. Die gaben an, in Serien eine „interessante Quelle“ für Informationen zur Berufsbildung zu finden.

 Deshalb wäre ich dann doch lieber eine Frau: Es gibt immer und für alles einen Schuldigen, wenn ich mit mir und meinem Leben nicht zufrieden bin. Das muss doch klasse sein, man rennt scharenweise zu „Sex and the city“ und kann sich hinterher darüber beklagen, dass im „Landarzt“ keine Klempnerin vorkommt. Ist doch klar, dass in so einer fiesen Gesellschaft Frauen keine Chance haben! Gut, Girlsdays hin oder her, Gender-gerechte Sprache, Frauenfußball im Abendprogramm, Straßenschilder ohne Zopf und Rock und Frauenquote im Vorstand der Telekom, alles schön und gut – aber die TV-Serien machen alles wieder kaputt.

 Zwar wird heute keinem Mädchen mehr die Carrera-Autorennbahn verwehrt und keinem Jungen die Puppe entrissen, aber trotzdem: Wenn Deutschlands Schulabgängerinnen sich nach dem Abschluss zur Berufsberatung vor den Fernseher setzen, werden sie zu Kosmetikerinnen oder Verkäuferinnen missgeleitet. Schlimm, schlimm. Und wahrscheinlich gibt es auch gute Gründe dafür, dass sie die ganzen „Männer-Krimis“ nicht sehen, in denen Aby („Navy CIS“), Alberich (Tatort Münster und all die anderen schmucken Kriminaltechnikerinnen von „CSI Miami“ bis „Criminal Intent“ rumhuschen.

Bei Frauen hat immer jemand anders schuld, das ist einfach prima. Nun hat sich der Wehrdienst offensichtlich demnächst als Argument erledigt, und Geburten bleiben trotzdem schmerzhaft, so dass das Mannsein doch wieder einige Vorzüge zurückgewinnt. Und dann ist da noch ein Grund, warum ich wohl doch keine Frau sein möchte: Ich würde mich dagegen verwahren, ständig als Blättchen im fiesen gesellschaftlichen Wind und formbares Objekt der Umstände hingestellt zu werden, dass selbst von Fernsehserien aus der Lebensbahn geworfen wird. Dafür hätte ich einfach zuviel Selbstachtung. Und ich glaube, die meisten Frauen heute auch.

Kein Tabu nirgends

September 3, 2010

Also Tabus gibt es in Ausländer-Debatte nun wirklich nicht. Darüber sind sich vor allem die Sarrazin-Kritiker einig. Gut, man verliert seinen Job, wird aus der Partei ausgeschlossen und muss seine Lesungen absagen, weil die Veranstalter bedroht werden. Aber sonst.

Als vor Jahren der Bau einer Moschee im muslimfreien Pankow-Heinersdorf bundesweit für Schlagzeilen sorgte, wurde eine öffentliche Anhörung genau in dem Moment abgebrochen, als die Anwohner zu Wort kommen sollten. Eine Anhörung vor der Bezirksverordnetenversammlung gab es nicht, ein Bürgerbegehren durfte nicht einmal beantragt werden und die Anwohner wurden als ausländer- und islamfeindliche Neonazis mit autoritärer Prägung in der DDR hingestellt. Der Zorn stieg damals vor allem hoch, weil man nicht einmal diskutieren durfte über die Ansiedlung einer Gruppierung die bei 20 000 Mitgliedern in Deutschland ein 100-Moscheen-Programm verfolgt, auf ihrer Webseite darüber diskutiert, ob Nasen-Piercings bei Frauen bereits unziemliche Signale an die Männerwelt senden und die These vertritt, dass zum Schwein wird, wer Schwein isst. Erst als massiv schwulenfeindliche Einlassungen auf der Seite entdeckt wurden (die dort von Anfang an standen), gab es ein wenig Protest von den entsprechenden Verbänden.

Das Problem damals wie jetzt bei Sarrazin ist der Eindruck, dass es in Migrationsfragen nur „Ja“ und „offene Arme“ geben darf. Der SPD-Sozialexperte Rudolf Dressler hat dieser Tage selbst ausdrücklich bestätigt, dass schärfere Regeln etwa für die Pflicht zum Sprachkurs in seiner Partei in den 90er Jahren nicht durchsetzbar waren, weil sie als Gängelung der Zuzügler galten. Sieht man sich vor diesem Hintergrund den Umgang mit Sarrazin an, so kann man eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass die Politik weite Teile der Bevölkerung für blöde, fremdenfeindlich und damit anfällig für falsche Thesen hält und die Debatte deshalb schnell beenden will. Nun kann man das ganz nüchtern betrachtet ja nicht ausschließen, nur wäre es schon eine etwas fragwürdige Methode, wenn gewissermaßen darauf setzt, bei jeweils hochkochenden Gelegenheiten nur möglichst schnell den Zünder aus der Bombe zu drehen, derweil die Sprengladung weiter auf dem Marktplatz liegen bleibt.

Wenn Sarrazin tatsächlich einfach nur Unrecht hat, sollte es auch möglich sein, das öffentlichkeitswirksam zu kommunizieren.

Sarrazins Irrtum

September 2, 2010

Warum sich Thilo Sarrazin auf den Abweg genetischer Expertisen begeben hat, ist nicht ganz klar. Die verheerenden Milieuprägungen von Migrantenkindern in Problemkiezen hätten völlig ausgereicht, um seinen Alarmruf hinreichend zu motivieren. Das zentrale Missverständnis, dem Sarrazin offenbar aufgesesen ist, ist die Verwechslung von erblicher „Veranlagung“ und „Vererbung“. Das legen zumindest diverse Interviews der Intelligenzforscherin Elsbeth Stern nahe, auf die sich Sarrazin im Buch bezieht.

Demnach ist die Entfaltung von Intelligenz (ganz gleich, ob man sie nun mit einem IQ-Test misst oder anders bestimmen will) tatsächlich von genetischen Anlagen zu großen Teilen abhängig. Da man Gene gemeinhin auch als Erbanlagen bezeichnet, nimmt Sarrazin offenbar an, diese Anlagen würde ebenso weitergegeben wie etwa Wuchsgröße oder Augenfarbe etc. Stern weist nun darauf hin, dass diese Vererbung von Intelligenz nach Mendelschem Gesetz so nicht nachweisbar ist. So könnten selbstverständlich hochintelligente Eltern weniger begabte Kinder haben und bildungsferne Paare Kinder, deren Anlagen zu Höchstem befähigen.

Vor diesem Hintergrund ist auch Sarrazins Stern-Zitat zu verstehen, dass gute Schulen nicht Gleichheit hervorbringen, sondern die Unterschiede vergrößern: Zwar könne man mit einer guten Schulbildung Kinder mit geringerer Veranlagung bis an das Optimum ihrer Möglichkeiten führen, Kinder mit angelegter Hochbegabung gingen dann gewissermaßen durch die Decke. All dies sei aber nicht mechanisch zu verstehen, da auch Bildungsangebote, Fleiß und andere Faktoren eine Rolle spielten. Dass aber Anlagen zur Hochbegabung in negativem Milieu meistens verschüttet werden und sich nicht von selbst entfalten, gehört zur Wahrheit dazu. Womit wir wieder bei Sarrazin und den Problemkiezen wären.