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Vergesst die Juden

August 18, 2013

Der geschätzte Kollege Werner Sonne hat in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in einem Beitrag dazu aufgerufen, Druck auf Israel zu machen, um die Zwei-Staaten-Lösung voran zu bringen und den Siedlungsbau zu stoppen. Wenn ich es recht verstanden habe, will er dies ausdrücklich im Interesse Israels und als Freund des Landes verstanden wissen. Ich möchte ihm dennoch widersprechen: Wir Deutsche (aber auch viele andere) haben in der Vergangenheit ziemlich genau gewusst, was schlecht für die Juden ist. Wir sollten jetzt der Versuchung widerstehen, ihnen zu sagen, was gut für sie ist. Es klingt besser, macht aber nichts besser. Deutschland sollte an der Seite Israels stehen, dasein, wenn es gebraucht wird. Einen Freund ernstzunehmen bedeutet aber auch, ihn seine Geschicke selbst bestimmen zu lassen. Endlich einmal.

Streit um das „Juden-Gen“, die jüdische Lobby in Washington, darf man Israel kritisieren?, es muss doch erlaubt sein, zu sagen…, Herr Reich-Ranicki, Sie als Jude…, jüdische Vermächtnisse…

Ein Vorschlag zur Güte: Vergesst die Juden!

Seit mehr als 2000 Jahren haben wir, hat der Rest der Welt sich an den Juden abgearbeitet. Ein winziges Volk, das den Gottessohn ermordet haben soll, obwohl die römische Gerichtsbarkeit das letzte Wort hatte, dass für Brunnenvergiftung, Verzehr von Christenkindern, Gier und Schuldwucher verantwortlich gewesen sein soll, für die Schwarze Pest, die Selbstzweifel des Abendlandes und das Elend der Araber. Es ist an der Zeit, die Juden einfach mal in Frieden zu lassen.

Sie sind geschändet, erschlagen und verbrannt worden, industriell vernichtet und mit Kriegen überzogen. Mancher hat sich moralisch saniert und ihnen Denkmäler gesetzt, Klezmer gespielt, Jiddisch gelernt oder Bücher geschrieben über lesbische jüdische Dichterinnen aus dem Chernowitzer Schtetl. Andere sind konvertiert, haben im Kibbuz gearbeitet oder es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Anfängen zu wehren. Wieder andere Rüsten Hilfskonvois aus, kämpfen für einen winzigen Streifen Landes namens Gaza, der der vermeintlich schlimmste Dorn im Fleische der Jetztzeit ist und meinen doch das Land, dass sich seit ein paar Jahrzehnt mühsam drum herum endlich etabliert hat.

Die ganze Welt nimmt sie in Dienst, spricht für sie, stellt sich auf ihre Seite oder auf die andere, arbeitet sich an ihnen ab, testet, wie weit man gehen kann, richtet Raketen auf sie oder steigt mit Sprengstoffgürteln in ihre Busse. Jede Debatte gerät aus den Fugen, wenn sie darin vorkommen, jeder Depp kann mit ihnen die Alarm-Gesellschaft in Wallung und Rage bringen oder seine Weste reinwaschen, wenn er einen zum Freund hat oder seine Großeltern damals einen versteckt hatten. Sie sind schuld am Kapitalismus und waren die ärgsten Protagonisten des Kommunismus, der sie wieder und wieder verfolgt hat. Sie sind die „wurzellosen Kosmopoliten“, die Wechsler, Wucherer, Zinseintreiber oder geistern als versteckter Topos durch deutsche Märchen, wenn Stroh zu Gold gesponnen und ein Königskind geraubt werden soll: Heißest du etwa Hintzenstern?

Lasst sie einfach in Ruhe.

Zweitausend Jahre haben wir sie benutzt nach Strich und faden, fast ausgerottet, missbraucht und denken sie immer noch mit, wenn selbstverliebte Moderatoren mit Koks und Konkubinen erwischt werden und kein „Arschloch“ sein dürfen oder ein genialer Kritiker zum Generalverriss ausholt. Lassen wir die Rechnung derjenigen nicht aufgehen, die sie zu den „Ewigen“ machen wollten. Sie haben sich ein paar hundert Jahre Pause von der Weltbühne verdient und ihr Zentralrat ein wenig Ruhe.

Ich weiß, dass es so einfach nicht geht und höre schon die einen schreien: Das hätten sie wohl gern, dass sie bei sich machen können, was sie wollen, dass wir ihnen nicht mehr auf die Finger schaun…. Und die anderen rufen: Ha, da will sich einer aus der Schuld stehlen, den Mantel des historisierenden Vergessens über alles breiten. Will er nicht.

Aber wie wär’s, wenn wir sie einfach mal als Menschen nähmen?! Nicht länger als schutzwürdige, verfolgte Sparte, bei der man zusätzlich darauf hinweisen muss, dass es auch nicht in Ordnung ist, Polen, Schwule oder Kommunisten umzubringen. Kritisieren wir Israel oder Netanjahu und schlagen uns endlich all die Semitismen aus dem Kopf, die „Antis-„ und „Philos-„ und was es da noch alles geben mag. Lassen wir das historien-polit-mediale Spotlight einfach mal ein paar Jahre den Lichtkegel auf andere richten. Lassen wir die unseligen Reflexe einfach auswachsen, kümmern uns um Darfur oder die Tschuktschen und werfen die pathologische Fixierung auf David und seinen Stern endlich ins internationale Abklingbecken. Dazu muss man nichts vergessen und verdrängen, nur endlich die Halsstarre aus dem Blick kriegen und die Welt als Kugel sehen, die sich nicht um Palästina dreht.

Ich weiß ja, dass es nichts wird. War nur so eine Idee. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

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Die Vorhut für die Vorhaut

September 10, 2012

Juden und Muslime verstehen die Welt nicht mehr. Was ist plötzlich mit den Deutschen los? Aus heiterem Himmel trifft die Anhänger beider Religionen das Beschneidungsverbot eines bis dahin unauffälligen Landgerichts in Köln und wirft so ziemlich alles über den Haufen, was im Verhältnis von Deutschen, Muslimen und Juden bislang gegolten hat.

Die Wucht, mit der sich Juden und Muslime im Kern ihres Selbstverständnisses auf einmal angegangen sehen, hat einen einfachen Grund: Über Nacht sind sie mit der rabiaten deutschen Areligiosität, mit konsequenter Verweltlichung, gnadenlosem Materialismus und offensiver Gottlosigkeit konfrontiert worden. Ein Erlebnis, das bislang hierzulande vor allem Christen kannten: Vom berühmten Kruzifix-Urteil bis zur Verhöhnung von Kreuz, Christus (taz: „Latten-Hugo“) und Papst haben Christen sich längst daran gewöhnt, alles an Schmähungen und Verhöhnungen hinnehmen zu müssen, was die wortführenden Dünnbrettbohrer so austeilen. Dass der Glaube ein für die Person zentrales Identitätsmerkmal sein könnte, erscheint dem frei flottierenden Talk-Schwadron völlig abwegig. Allenfalls unterschwellig als leicht rückständig bemitleideten Gesellschaften (Polen, Latinos und nicht zu vergessen fromme US-Amerikaner) wird eine gewisse exotische Frömmigkeit als zu überwindendes Relikt düsterer Vergangenheit zugestanden.

Juden und Muslime wurden aus unterschiedlichen Gründen von dieser Herabsetzung bislang weitgehend ausgenommen. Während Juden im „Land der Täter“ als verschwindende Minderheit vom Meinungs-Mainstream vor allem als Subjekt der Wiedergutmachung betrachtet und allenfalls durch antiisraelische Reflexe indirekt gepiesackt wurden, stellten Muslime die zentrale und sichtbarste Ikone von Migration und Multikulturalismus dar. Sieht man einmal vom braunen Bodensatz ab, so umgab über alle politischen Lager hinweg die deutschen Juden seit jeher eine Korona des Respekts, der Freude über wiederkehrendes jüdisches Leben und der innenpolitischen Solidarität. Dass sie in der Beschneidung mehr sehen könnten, als eine überflüssige OP, ist deutschen Lautsprechern nicht zu vermitteln. Sorry, ist nicht persönlich gemeint, nur ignorant. Und da es sich um einen rein juristischen Disput über die körperliche Unversehrtheit von Kindern handelt, kann all das mit Antisemitismus ja nichts zu tun haben….

Muslime hinwiederum wurden den Deutschen gerade wegen ihres sichtbaren und gelebten Andersseins als besonders schöne Integrationsherausforderung vorgeführt. Zwar gab es immer wieder Ärger um das Kopftuch muslimischer Frauen, aber die laute Stimme der Multikulturalisten übertönte noch immer die kleine Schar verfemter „Islamkritiker“ (eine Vokabel, die vielen bereits als Schimpfwort gilt). So wurden nicht nur die Kopftuch-Urteile scharf kritisiert, sondern es machte sich sogar Verständnis breit, wenn Muslime wegen der Mohammed-Karikaturen mord-brennend durch arabische und westliche Straßen zogen. Eine bis an die Grenzen der Selbstverleugnung und der Selbstaufgabe westlicher Werte gehende irrationale Nachsicht, die nun unversehens beim Thema Beschneidung hinweggenommen wurde.

Beide Gruppen, Juden und Muslime, kamen im Übrigen vor Jahren schon in den Genuss einer juristischen Sonderbehandlung, die damals kaum Aufsehen erregte: Das Schächten (Ausbluten ohne Betäubung) von Tieren als zentrales religiöses Ritual, wurde 2006 vom Bundesverwaltungsgericht per Ausnahmeregelung aus der Konfliktzone mit dem deutschen Tierschutz geholt und zugelassen. Obwohl Tierschutz inzwischen sogar als Staatsziel (Art. 20a GG) im Grundgesetz verankert ist.

Aus dem Kordon dieser Achtung und des religiösen Respekts werden Juden und Muslime nun unversehens verstoßen. Willkommen in der eindimensionalen Realität der konsequent Intoleranten! Verblüffend ist an dem Vorgang dreierlei:

Erstens gehörte es seit Urzeiten zum ganz alltäglichen Weltwissen jedes Abendländlers, dass Muslime und Juden die Beschneidung pflegen. Warum war es bis zum Juni 2012 nie ein Thema? Wenn es etwas gab, was im Getümmel der Kulturkämpfe beiden Religionen nie vorgeworfen worden ist, dann ist es die Beschneidung. Und nun entdecken die Deutschen urplötzlich, wie unhaltbar dieser Zustand ist und dass allenfalls von deutschen Amtsauskennern zertifizierte Beschneider unter Beibringung schriftlicher Belege der religiösen Unverzichtbarkeit den Eingriff ausnahmsweise noch vornehmen dürfen?!

Zweitens ist auffällig, dass deutscher Multikulturalismus und Inklusionswille offenbar nicht dort an seine Grenzen stößt, wo selbstbewusst eigene, westliche Werte postuliert und hochgehalten werden, sondern dort, wo der eigene Horizont die Nasenspitze streift. Wenn man davon ausgeht, dass das Menschenrecht auf Vorhaut bislang nicht zu den höchsten Rechtsgütern der westlichen Hemisphäre gehörte, könnte man zu dem Schluss kommen, dass hier einfach einem Fremden seine lästigen Marotten ausgetrieben werden sollen. So, wie das landläufige Durchschnitts-Dumpfhirn über Knoblauch und Orientmusik die Nase rümpft, kämpft jetzt die selbsternannte Fortschritts-Vorhut für die Vorhaut.

Drittens schließlich springen beide großen Kirchen in Deutschland Juden und Muslimen bei, weil sie selbst leidvolle Erfahrungen mit der Religionsfeindlichkeit vermeintlicher Eliten gemacht haben. Und vielleicht auch, weil sie (vermutlich vergeblich) auf ein wenig beginnende Selbstreflexion hoffen. Denn den Zwiespalt spüren wohl die meisten Beschneidungsgegner: Niemand will ernsthaft um einer Pimmelspitze willen deutsche Schlagbäume wieder herunterlassen: Das könnte ihr zu Hause machen, nicht bei uns! Irgendwas muss also für Juden und Muslime dran sein, wenn vorne was ab ist.

Und vielleicht spricht ja auch einiges dafür, sich zunächst dringenderen humanitären Problemen zuzuwenden. Ein Vorschlag zur Güte: Wenn Zwangsverheiratungen, Steinigungen und Mädchenverstümmelungen nachhaltig von dieser Welt getilgt sind, kann man die Zirkumzision gern noch einmal auf Wiedervorlage legen.

Beschnittenes Selbstbild

August 3, 2012

Eines muss man den Richtern vom Landgericht Köln, die das jüngste Urteil zur Knabenbeschneidung gefällt haben, lassen: Sie haben wirklich mal echtes Neuland beschritten!

Die Liste der Vorwürfe, die Juden in den vergangenen 2000 Jahren (mehr oder weniger handgreiflich) gemacht wurden, ist weiß Gott lang. Von Brunnenvergiftung bis Kindermord, von Raffgier bis zu geheimbündlerischem Umsturz und der großen Weltverschwörung ist so ziemlich alles dabei gewesen. Dass die Beschneidung ihrer Kinder Körperverletzung sei, hat ihnen noch nie jemand vorgehalten.

Ein erstaunlicher Umstand, wenn man bedenkt, dass doch sonst kein Hirngespinst abwegig genug gewesen ist, um ein neues Pogrom zu begründen oder wenigstens ein wenig übel nachzureden. Vielleicht liegt das daran, dass es die Muslime auch tun? Oder sollte sich tatsächlich Gleichgültigkeit darüber durchgesetzt haben, was „die“ mit ihren Kindern machen?

Oder wurde das Ganze gar als eine Art religiöser Spleen der „anderen“ abgetan? – was ein eher erstaunlicher Ausweis interreligiöser Toleranz wäre. Fakt ist aber auch, dass die Debatte um die Frühbeschneidung von Jungen ein Schlag in die Magengrube der deutschen Selbstwahrnehmung ist. Und das nicht nur für gefühlige Befindlichkeitsfeuilletonisten: Die wirre, verwirrte Weltsicht ist längst auch in deutsches Recht gegossen.

Kruzifix-Urteil: Die „negative Religionsfreiheit“ (Freiheit, von Religion nicht behelligt zu werden) ist den Deutschen ein so hohes Gut, dass der Blick auf ein Kruzifix im Klassenzimmer für Nichtchristen unzumutbar ist. Kruzifixe müssen abgehängt werden, aber Beschneidungen an Minderjährigen, die nicht nur optisch ärgern, sondern mit der körperlichen Unversehrtheit von Kindern kollidieren, müssen (laut Kanzlerin, Außenminister & Co.) möglich sein?

Abtreibung: Ein neues Menschlein im Mutterleib zu töten, ist nach deutschem Recht illegal, wird aber im Konsens aller Parteien nicht verfolgt. Warum also so ein Geschrei um ein paar Millimeter Vorhaut, ohne die man zweifellos in den allermeisten Fällen trotzdem ganz gut durchs Leben kommt?

Kinderschutz: Handgreifliche Erziehungsmethoden von der Ohrfeige bis zur Tracht Prügel sind nach deutschem Recht belang- und strafbar. Aber das irreparable Entfernen einer Körperpartie kurz nach der Geburt soll als Ausweis religiöser Weltoffenheit gesetzlich ausdrücklich gestattet werden?

Kosmetische Operationen: Will Chantalle (16) aus Delitzsch ein Pfund Brust (darf ruhig ein bisschen mehr sein) am eigenen Balkon anbauen, plant der Gesetzgeber einen Riegel vorzuschieben – selbst wenn Mutti mitspielt. Sogar der Solariumsbesuch soll Minderjährigen untersagt werden. All das passt schlecht zusammen mit einer ausdrücklichen Freigabe von Beschneidungen.

Kopftuch-Urteil: Warum ist das für alle Beteiligten schmerzlose Tragen eines Kopftuches als Zeichen der religiösen Identität im öffentlichen Dienst nicht hinnehmbar, während sich nun fast alle Parteien im Bundestag dafür einsetzen, dass ein verkürztes Pimmelchen möglich sein müsse, damit Deutschland nicht als „Komikernation“ (O-Ton Merkel) dasteht?

Kann es sein, dass die Deutschen

a)  mit Religion grundsätzlich ein Problem haben

b)  mit der eigenen (christlichen) noch viel mehr und

c)   von dem seltsamen paternalistischen Wahn getrieben sind, jeden Menschen vor allem auch vor sich sich selbst zu schützen?

Die Antwort lautet: Ja.

Vergesst die Juden

September 8, 2010

Streit um das „Juden-Gen“, die jüdische Lobby in Washington, darf man Israel kritisieren?, es muss doch erlaubt sein, zu sagen…, Herr Reich-Ranicki, Sie als Jude…, jüdische Vermächtnisse…

Ein Vorschlag zur Güte: Vergesst die Juden!

Seit mehr als 2000 Jahren haben wir, hat der Rest der Welt sich an den Juden abgearbeitet. Ein winziges Volk, das den Gottessohn ermordet haben soll, obwohl die römische Gerichtsbarkeit das letzte Wort hatte, dass für Brunnenvergiftung, Verzehr von Christenkindern, Gier und Schuldwucher verantwortlich gewesen sein soll, für die Schwarze Pest, die Selbstzweifel des Abendlandes und das Elend der Araber. Es ist an der Zeit, die Juden einfach mal in Frieden zu lassen.

Sie sind geschändet, erschlagen und verbrannt worden, industriell vernichtet und mit Kriegen überzogen. Mancher hat sich moralisch saniert und ihnen Denkmäler gesetzt, Klezmer gespielt, Jiddisch gelernt oder Bücher geschrieben über lesbische jüdische Dichterinnen aus dem Chernowitzer Schtetl. Andere sind konvertiert, haben im Kibbuz gearbeitet oder es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Anfängen zu wehren. Wieder andere Rüsten Hilfskonvois aus, kämpfen für einen winzigen Streifen Landes namens Gaza, der der vermeintlich schlimmste Dorn im Fleische der Jetztzeit ist und meinen doch das Land, dass sich seit ein paar Jahrzehnt mühsam drum herum endlich etabliert hat.

Die ganze Welt nimmt sie in Dienst, spricht für sie, stellt sich auf ihre Seite oder auf die andere, arbeitet sich an ihnen ab, testet, wie weit man gehen kann, richtet Raketen auf sie oder steigt mit Sprengstoffgürteln in ihre Busse. Jede Debatte gerät aus den Fugen, wenn sie darin vorkommen, jeder Depp kann mit ihnen die Alarm-Gesellschaft in Wallung und Rage bringen oder seine Weste reinwaschen, wenn er einen zum Freund hat oder seine Großeltern damals einen versteckt hatten. Sie sind schuld am Kapitalismus und waren die ärgsten Protagonisten des Kommunismus, der sie wieder und wieder verfolgt hat. Sie sind die „wurzellosen Kosmopoliten“, die Wechsler, Wucherer, Zinseintreiber oder geistern als versteckter Topos durch deutsche Märchen, wenn Stroh zu Gold gesponnen und ein Königskind geraubt werden soll: Heißest du etwa Hintzenstern?

Lasst sie einfach in Ruhe.

Zweitausend Jahre haben wir sie benutzt nach Strich und faden, fast ausgerottet, missbraucht und denken sie immer noch mit, wenn selbstverliebte Moderatoren mit Koks und Konkubinen erwischt werden und kein „Arschloch“ sein dürfen oder ein genialer Kritiker zum Generalverriss ausholt. Lassen wir die Rechnung derjenigen nicht aufgehen, die sie zu den „Ewigen“ machen wollten. Sie haben sich ein paar hundert Jahre Pause von der Weltbühne verdient und ihr Zentralrat ein wenig Ruhe.

Ich weiß, dass es so einfach nicht geht und höre schon die einen schreien: Das hätten sie wohl gern, dass sie bei sich machen können, was sie wollen, dass wir ihnen nicht mehr auf die Finger schaun….  Und die anderen rufen: Ha, da will sich einer aus der Schuld stehlen, den Mantel des historisierenden Vergessens über alles breiten. Will er  nicht.

Aber wie wär’s, wenn wir sie einfach mal als Menschen nähmen?! Nicht länger als schutzwürdige, verfolgte Sparte, bei der man zusätzlich darauf hinweisen muss, dass es auch nicht in Ordnung ist, Polen, Schwule oder Kommunisten umzubringen. Kritisieren wir Israel oder Netanjahu und schlagen uns endlich all die Semitismen aus dem Kopf, die „Antis-„ und „Philos-„ und was es da noch alles geben mag. Lassen wir das historien-polit-mediale Spotlight einfach mal ein paar Jahre den Lichtkegel auf andere richten. Lassen wir die unseligen Reflexe einfach auswachsen, kümmern uns um Darfur oder die Tschuktschen und werfen die pathologische Fixierung auf David und seinen Stern endlich ins internationale Abklingbecken. Dazu muss man nichts vergessen und verdrängen, nur endlich die Halsstarre aus dem Blick kriegen und die Welt als Kugel sehen, die sich nicht um Palästina dreht.

Ich weiß ja, dass es nichts wird. War nur so eine Idee. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Das Schablonen-Syndrom

Dezember 11, 2009

Es gibt Menschen, die nehmen Teile von sich wichtiger als ihr Ganzes: Bei Feministinnen ist es das Geschlecht, bei Juden ihr Jüdischsein und bei Ossis die DDR-Herkunft. Bekommt eine Frau einen guten Job, dann kriegt sie ihn „als Frau“, soll heißen trotzdem. Yepp! Ein toller Erfolg. Kriegt sie ihn nicht, dann, „weil sie eine Frau ist“. Bei Ossis ist es analog, und im SZ-Magazin (Nr. 50/2009)  kann man nachlesen wie es bei Maxim Biller (im Streitgespräch mit Henryk M. Broder) funktioniert. Rezensiert ein Jude Billers Buch, ist der Rezensent vorgeschickt, damit sich Juden untereinander prügeln. Schreibt ein Nichtjude über Biller, hat er wenig Chancen nicht als Anti-, Philo- oder sonstiger -semit wegzukommen.

Alles in allem ein interessantes Phänomen, mit dem man hierzulande leben gelernt hat. Und das auf den verschiedensten Gebieten schon beachtliche gesellschaftliche Protestbewegungen hervorgebracht hat. Wer mit dem Schablonen-Syndrom durch die Welt reist und sein Raster grob genug hält, kann stets zwischen Diskriminierung und beachtlichem Sonder-Erfolg pendeln. Es gibt freilich einen fiesen Trick, wie man den Homo Schablonicus aushebeln, erledigen und auf sich selbst zurückwerfen kann: Man zwingt ihn, sich einfach als Mensch zu betrachten.

Und schon hat der Mensch  ein Ziel entweder nicht erreicht oder ist halt erfolgreich gewesen. Nicht als etwas, sondern einfach nur selbst. Obwohl es schon schöner ist, bei Niederlagen der bösen Welt zornig und bei Erfolgen allein durch die feindlichen Heere gebrochen zu sein. So leicht, wird sich das Schablonen-Syndrom deshalb wohl nicht ausrotten lassen. Und weil Ossi-Blogs von den Wessis mit Ignoranz gestraft werden, merkt es wieder keiner…